geräuschstark und unerheblich

Der geräuschvolle, intellektuell unerhebliche Streit um Lann Hornscheidt zeigt mir einmal mehr, weshalb ich mich aus solchen Zänkereien ausklinke. Was ist denn so schwer daran, anzuerkennen, dass einerseits z.B. „Frau sein“, „die Natur der Frau“ etc selbstverständlich ein gesellschaftlich vermitteltes Label mit ideologischen Funktionen ist – andererseits die Menschheit aber natürlich sehr wohl eine materielle, unter anderem eben auch biologische Basis hat? „Das Geschlecht“ ist kein soziales Konstrukt, sondern eine schlichte Realität aller Säugetiere, die sich nun einmal zweigeschlechtlich vermehren und zu denen wir Menschen, biologisch betrachtet, nun einmal auch gehören. Sozial konstruiert hingegen sind angeblich natürliche Eigenschaften der Geschlechter – etwa wenn es allen Ernstes auch heute noch heißt, die natürliche Rolle „der“ Frau sei es etcetc. Es gibt soziale Erwartungen, sozialen Druck auf ‚das Geschlecht‘, und bei der Kritik an diesem sozialen Druck schließe ich mich natürlich Lann Hornscheidt aka Simone de Beauvoir an – aber selbstverständlich gibt es auch die biologische, materielle Dimension von Geschlechtlichkeit und Fortpflanzung. Wer dies ganz schlicht so feststellt, wertet nicht. Hermaphroditen, Schwule, Lesben sind selbstredend in nichts schlechter oder auch nur unnatürlicher. (Jede und jeder ist, indem sie oder er da ist, allein qua Existenz ’natürlich‘!) Nur: Dass die Menschheit, so, wie alle Säugetiere, fast alle Tier- und Pflanzenarten, biologisch auf das Konzept „geschlechtliche Fortpflanzung“ fixiert ist, dafür kann ich ja nun nichts. Sobald jemand daraus ideologisch irgend etwas folgert (Heterosexualität sei das „Normale“, alles andere sei „krank, abartig, unnatürlich“ etc), bin ich selbstredend auf Hornscheidts Seite. Wozu nicht viel gehört, denn Hornscheidt hat hier nicht nur Recht, sondern vor allem trivialerweise Recht; und der Haß, der Lann Hornscheidt entgegen schlägt, ist gespenstisch. Aber schon die schlichte Feststellung dieser biologischen hard facts unter Ideologieverdacht stellen zu wollen, geht auch nicht an. Diese schlichte Fallunterscheidung (hüben biologische Fakten, drüben gesellschaftliche Vermittlung; beides ist aufeinander zu beziehen) muss ja wirklich ganz ungeheuer schwer zu verstehen sein. Ein wenig de Beauvoir bitte:

„Die Versklavung der Frau durch ihre Gattung, die Grenzen ihrer individuellen Möglichkeiten sind Tatsachen von außerordentlicher Wichtigkeit; der Körper der Frau ist eines der wesentlichen (sic!) Elemente für die Situation, die sie in der Welt einnimmt. Aber andererseits genügt er auch nicht, um sie zu definieren; er hat nur gelebte Realität, sofern er vom Bewußtsein durch Handlungen und innerhalb der Gesellschaft bejaht wird. Die Biologie reicht nicht aus, um eine Antwort zu geben auf die Frage, die uns beschäftigt: Warum ist die Frau das Andere?“ (de Beauvoir, Simone, das andere Geschlecht, Reinbek, 1968/91, Neuübersetzung Reinbek 1992 – Altübersetzung Eva Rechel-Mertens p. 50, Neuübersetzung Uli Aumüller p. 62; mein Zitat ist ein Mix aus beiden Übersetzungen; ich bevorzuge meistens Rechel-Mertens)

Da habt ihrs! Die biologischen Voraussetzungen alleine klären noch gar nichts…aber natürlich ist Simone de Beauvoir nicht so dumm, diese biologischen Voraussetzungen und ihre Einflüsse überhaupt zu leugnen.

Solange diese basalen Standards nicht sitzen, werde ich mich solchen Zänkereien verweigern. Sollte man überhaupt als Faustregel etablieren.

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Kommentare

  • summacumlaudeblog  On Februar 10, 2015 at 09:31

    Man hat sich ja selber hier und da über allzu verrückte Auswüchse des Genderwesens (oder auch der critical-whiteness) lustig gemacht – zu Recht wie ich fand und finde.
    Weiterhin ist Deiner Analyse, dass es eben AUCH eine biologische Wahrheit über den Menschen gibt, nichts hinzu zu fügen – neben oder von mir aus auch nach der sozialen Wahrheit. Wo ist hier eigentlich der logische Widerspruch?

    All das verhindert oder dämpft aber nicht das Erschrecken über die Reaktionen, die Lann Hornscheidt erleiden musste und muß. Die Schnittmenge dieser Hassposter mit den Dresdenmarschierern dürfte groß sein. Seit Jahrzehnten, seit Rostock-Lichtenhagen eigentlich immer wieder dieselbe Frage: Wie weit treibt dieser Sumpf in die Mitte der Gesellschaft hinein?

    • hf99  On Februar 10, 2015 at 09:46

      ich habe mal in einem Psych-Seminar versucht, dar zu tun, dass sich genetische Disposition und sozialer Einfluß/rühkindliche Prägung doch gar nicht ausschlössen. Die haben mich ausgelacht. Sie waren so fixiert auf ihr Bild ENTWEDER Genetik ODER Erziehung, so pawlowsch auf dieses Entweder-Oder konditioniert, dass ihnen gar nicht in den Sinn kam, dass sich das doch gar nicht widersprechen müsse.

    • hf99  On Februar 10, 2015 at 09:49

      Was nun die Hass-Exzesse gegen Hornscheidt betrifft: ja, furchtbar. Die Schnittmenge mit den Pegida-Fritzen dürfte tatsächlich enorm hoch sein.

  • altautonomer  On Februar 10, 2015 at 09:37

    Wenn Du Dich derartigen Zänkereien verweigerst, darf dann trotzdem hier diskutiert werden?

    Du stellst z. B. die Biologie und die Sozialisation als zwei völlig isolierte Fakten/Basics nebeneinander. Dabei bedingt doch die eine die andere. Aus den biologischen Differenzen werden ideologisch soziale Ungerechtigkeitsstandars konstruiert. Sexismus. Bezüglich der zweigeschlechtlichen Vermehrung werden biologische Unterschiede mit dem Zeitpunkt irrelevant, wenn der Nachwuchs das Licht der Welt erblickt, denn für das Rundumwohlfühlpaket einschließlich Pampern und Säugen des „Welpen“ bedarf es ab da einer Gebärmutter genau so wenig, wie .für das Ausdemmantelhelfenlassen der Mutter.

    Insofern überlasse ich ebenfalls wohl besser den „Testosteron-/, Östrogen-, Adrenalin-, Muskelmassen- und Agressionspotenzial-Apologeten“ das Feld.

    • altautonomer  On Februar 10, 2015 at 09:46

      Den Sprachgenderquatsch von Lann Hornscheidt kann ich auch nicht nachvollziehen. Ich denke dabei an Conshita die Wurst.

      Gruss von altautonomix

    • hf99  On Februar 10, 2015 at 09:47

      „Du stellst z. B. die Biologie und die Sozialisation als zwei völlig isolierte Fakten/Basics nebeneinander.“ gerade das tue ich nicht; siehe auch mein de Beauvoir-Zitat.

      • altautonomer  On Februar 10, 2015 at 10:26

        hf99: Hab ich wohl missvestanden. Tschuldigung.

  • altautonomer  On Februar 10, 2015 at 15:24

    Hier mal ein interessanter Aufsatz zur feministischen Sprachregelung. Im Kapitel „Der Irrtum“, Abs, 3 irrt der Autor aber auch, denn es heißt ja konsequent „Gebrüder Grimm“ und nicht „Geschwister Grimm“. So auch (veraltet) Gebrüder Wright und Gebrüder Montgolfier. Es handelt sich dabei um ein Pluraletantum wie Kosten, Ferien, Leute, Eltern etc.

    file:///C:/Users/Anwender/Documents/Notes/Verschiedenes/sprachfeminismus.htm

  • neumondschein  On Februar 10, 2015 at 19:33

    Wie? Lann Hornscheid ging es um irgendetwas? Um die Frage nature vs. nurture etwa? Hätte ich nicht gedacht! Ich dachte, der ging es bloß ums Gender-x und das Schmeißen von Vorlesungen anderer Profs. Äh, Profxs natürlich!

    nature vs.nurture ist selbstverständlich Fangfrage. Genau die Blödheit, um die es hf99 geht. Aber selbst soviel intellektuellen Gehalt, wie ein blöder Masku diesem Scheinproblem entgegenbringt, halte ich Lann Hornscheidt gar nicht zugänglich.

    Übrigens, altauto, das Thema „Conchita Wurst“ sagt mehr über diejenigen aus, die das zum Gesprächsthema machen als über Conchita Wurst. Für mich ist ESC Nebensache. Ich weiß nicht einmal, was da abgeht. Das interessiert mich alles nicht. Warum sollte mich Conchita Wurst irgendetwas angehen? Die macht Scheißmusik. Die anderen ESC-Teilnehmer machen auch Scheißmusik. Na und? Warum ist Conchita Wurst jetzt das große Thema?

  • Nonnen  On Februar 10, 2015 at 20:41

    Zänkereien der genannten Art verhindern die Sicht auf das Problem, dass Gender Mainstreaming ein wenig ungesund für Frauen, Mütter und Kinder zu sein scheint. Zum Beispiel das Negieren bedeutsamer und dem Mann überlegener weiblicher Eigenschaften mit der Folge, dass häufig der Body nur noch wichtig und die an sich höhere weibliche Depressionsneigung noch gesteigert wird. Vergessen der für Sprach- und Kognitiventwicklung wichtigen frühkindlichen Mutterbindung (infolge des frühen flüssigkeitsgekoppelten Hörens des Foeten im Mutterleib) mit der Folge von Sprach-, Lese- und Rechtschreibstörungen durch Fremdbetreuung. Probleme durch Cortisolausschüttung (gefährliches Stresshormon) und Schlafmangel mit entsprechendem Wachstumshormonmangel von Krippenkindern mit Hippocampusminderung (Lernmaschine des Gehirns).
    Erschreckende Zunahme von Depressionen auch bei Kindern und Jugendlichen.
    [siehe „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ in: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 5. Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2015: ISBN 978-3-9814303-9-4 und „Es trifft Frauen und Kinder zuerst – Wie der Genderismus krank machen kann“, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2015: ISBN 978- 3-945818-01-5]

  • ziggev  On Februar 10, 2015 at 20:55

    tun wir mal so, als wüssten wir nicht, wer oder was eine Fraqu ist. Beauvoir: „… der Körper der Frau ist eines der wesentlichen Elemente für die Situation, die sie in der Welt einnimmt.“ Wir erfahren: die Frau nimmt in der Welt eine „Situation“ ein. Sie ist also ‚in der Welt‘, in einer Situation, so, wie es eine Vielzahl anderer Situationen gibt. Und auf diese Weise stellen wir uns ja auch in der Tat die Welt vor. Es gibt verschiedene Kontexte verschiedener Situationen. Um nun aber Frauen zu identifiezieren – wie gehen wir vor? Antwort: Wir suchen nach einem der „wesentlichen Elemente“ für jene „Situation, die sie in der Welt einnimmt“, ihren Körper.

    Wie aber identifizieren wir den Körper der Frau, den weiblichen Körper, wenn er nicht genügt, um sie zu definieren, wenn er nur „gelebte Realität“ hat, also „Situationen“ hervorbringen kann, „sofern er vom Bewußtsein durch Handlungen und innerhalb der Gesellschaft bejaht wird“ – ?

    Es bleibt nichts anderes übrig, als jenen vom Bewusstsein und durch Handlungen als soundsogeschlechtlich bejahten Körper aufzusuchen. Und nicht anders ist es vonstatten gegangen, als molekulargenetisch über die Fortpflanzungen geforscht worden ist. Zufällig wurden bei „vom Bewusstsein durch Handlungen bejahten“ weiblichen resp. männlichen Körpern xx- bzw. xy-Chromosomenpaare gefunden.

    Bei Fällen, wo Phänotyp und Genotyp jeweils eindeutig scheinen, einander aber widersprechen, wird dann – etwa weil es mit der Fortpflanzung vorrausstichtlih nicht auf konventionelle Weise hinhauen wird – die anfängliche Bejahung des Bewusstseins durch Handlungen sagen wir: des weiblichen Phänotyps aufgegeben. Und die Verwunderung ist groß. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass die anfängliche Zuordnung XX-Chromosomenpaar gleich „weiblich“, XY gleich „männlich“ sehr wohl sozialkonstruktiven Konnotationen unterlag.

    Selbst hartgesottenste Reduktionisten sind in erster Annäherung bei ihrer Begriffsbildung auf sozialkonstruktive angewiesen. Der sog. Sozialkonstruktivismus spricht also nicht von „materiellen“ Dingen – das „biologische Geschlecht sei ‚konstruiert'“ – sondern von Begriffen. „Sozialkonstruktivisten“ verstehen also entweder sich selbst bzw. einander nicht oder reden schlicht Unsinn.

  • eb  On Februar 10, 2015 at 21:29

    ich weiß, das ist jetzt schwer destruktiv und auch absolut nicht hilfreich, – obwohl …….

    Was den Humanethiker vom Technokraten unterscheidet.

    Die Polarisierung:

    Beiden, dem Humanethiker wie dem Technokraten, ist bewusst, dass das Hauptproblem in der menschlichen und auch individuellen Wiedersprüchlichkeit liegt.

    Doch während der Technokrat die Beseitigung dieser Wiedersprüchlichkeit zugunsten des programmierbaren Automaten, als funktionellen, optimierten, effizienten und störungsfreien Bestandteil im System anstrebt, – gehört für den Humanethiker diese, „eben auch kreative“ Wiedersprüchlichkeit, zur humanen Wesenheit und er versucht sich lediglich auf die Wiedersprüche zu konzentrieren, die selber zu humanethischen Wiedersprüchen führen. Wozu z.B. neben Gewalt, Mord, Ausbeutung, Würdeverletzung, Unterdrückung bzw. Menschenverachtung jeder Form, eben auch die Manipulation hin zum Automaten gehört.

    Die (polarisierende ?) Differenzierung:

    Kategorisierung gehört teils/teils zum technokratischen wie auch humanethischem Willen, Menschen wie auch die Welt durch kommunizierbare Abstraktion zu beschreiben. Differenzierende Kategorisierung ist dabei nichts weiter, als der Hofknicks vor der realen Vielfalt des auch realen Inhaltes davon, – und wird früher oder später- bzw. hat bereits schon lange eine Quantität erreicht, die selber zu einer Quantität von kategorisierbaren Fachleuten für diese Kategorisierungen führt bzw. geführt hat, – die einer Gesamtheit der Menschen, quantitativ real eben auch keine gesamte Verständigungs- bzw. Verständnisgrundlage bietet. Hier liegt mitunter der Grund dafür verborgen, warum Wissenschaftler den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen, die Religiösen alles lieber dem lieben Gott überlassen wollen, die Esoteriker dazu damit rhetorische Quacksalberei zu betreiben, Künstler versuchen, über die Sprache hinaus atopischere Verständigungsformen zu suchen, der Unbedarfte die Programmierung durch den Fernseher gleich von Anfang an bevorzugt,- und alle zusammen, – bei einer guten Party, – mal so richtig das Gehirn durchzuspülen. Und damit irgendwie weiter kommen würden, als die ganze Dialektik je zu Wege bringen würde.

  • ziggev  On Februar 10, 2015 at 23:44

    @ eb: kleiner Tipp: Im Dao verschwinden all diese von noch viel besseren Sophisten als Dir vorgebrachten Gegensätze.

  • El_Mocho  On Februar 12, 2015 at 09:45

    „Du stellst z. B. die Biologie und die Sozialisation als zwei völlig isolierte Fakten/Basics nebeneinander. “

    Ich denke der Vorwurf ist nicht ganz unberechtigt. Beauvoir sagt, „der Körper der Frau ist eines der wesentlichen (sic!) Elemente für die Situation, die sie in der Welt einnimmt. Aber andererseits genügt er auch nicht, um sie zu definieren; er hat nur gelebte Realität, sofern er vom Bewußtsein durch Handlungen und innerhalb der Gesellschaft bejaht wird.“

    Dabei bleibt völlig unklar, wie sich Biologie, Bewusstsein und Gesellschaft zueinander verhalten. Außer Judith Butler gibt es wohl kaum jemand, der die Bedeutung der Biologie völlig bestreitet, aber das bleibt im allgemeinen nur eine Fußnote, und man argumentiert weiter auf rein politisch/sozialer Ebene.

    Z.B. gilt es inzwischen als ziemlich sicher, dass die sexuelle Orientierung von Menschen biologisch weitgehend festgelegt ist und die Gesellschaft (oder die Diskurse oder die Heteronormatrivität usw.) sie nicht wesentlich verändern können, siehe etwa den Fall von David Reimer. Trotzdem wird das in linken Texten praktisch nicht thematisiert.

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