Zinsen und virtuelles Kapital – update

Manfred Sohn im Ossietzky.

Damit kommt die kapitalistische Art und Weise, Reichtum zu erzeugen, an eine innere Schranke, wie es Marx formulierte, oder seine äußere Grenze, wie es Luxemburg nannte – sie vor allem mit Blick darauf, daß die innere Schranke solange hinausgezögert werden könne, solange es noch Regionen in der Welt gebe, die nicht durchkapitalisiert seien, also noch der kapitalistischen Verwertung der dortigen Arbeitskräfte unterworfen werden könnten. Auch dieser Zeitpunkt ist in den Jahrzehnten nach dem großen kapitalistischen Triumph von 1989/90 inzwischen erreicht.

Das Schwungrad, das den kapitalistischen Verwertungsprozeß in Gang hält – die Erwartung von Profit – kann eine Weile durch die Schöpfung von immer mehr und immer neuem fiktiven Kapital aufrechterhalten werden. Aber es müssen dann immer größere Summen aufgewendet werden, um wenigstens ein bißchen reale Investition in die Produktion realer Güter und Dienstleistungen auszulösen. Deshalb werden die Ziffern der Konjunkturprogramme immer riesiger und ihre Effekte immer geringer. Das erinnert ein bißchen an die Weigerung einer rutschenden Kupplung, trotz vermehrten Gasgebens die Kraft des Motors noch auf die Straße zu bringen. Auf Dauer bringt das niemanden vom Fleck, ruiniert aber das Auto endgültig. Deshalb werden die linkskeynesianischen Versuche, mit noch mehr geliehenem Geld die 1970er Jahre zurückzukaufen, mißlingen.(meine Hervorhebung, hf) Aber auch mit Schwundgeld, Zinsverbot und ähnlichen Mittelchen ist das Erlahmen des inneren Motors der kapitalistischen Produktion – die Erwartung, aus der Verwertung der Ware Arbeitskraft Profit zu erzielen – nicht zu beheben. Was vor uns liegt, ist nicht weniger als das Ende der kapitalistischen Produktionsweise. Die Reichtumstitel, die sich angehäuft haben, werden nicht mehr zu realisieren sein. Wir werden noch zu den Lebzeiten der meisten von uns in eine Phase massenhafter Vernichtung von Geld-Ansprüchen hineinkommen, die ihren inneren Wert schon längst verloren haben.

Das konnte und kann man, theoretisch etwas weniger fundiert, auch hier im Blog seit Jahren lesen. Die massiven Ungleichgewichte – zwischen den Nationen, zwischen den Klassen einer Gesellschaft, aber auch zum Beispiel zwischen Kapitalbesitzern und geplünderten öffentlichen Kassen – werden sich ausgleichen. So oder so oder so. Was immer das politisch dann bedeutet. Vermutlich nichts gutes. Denn der betrogene Betrüger, als den wir den Mittelstandsbürger betrachten dürfen in seinem idiotischen Glauben an Leistung und Solidität, wird das zutiefst selbstverschuldete Desaster natürlich andere entgelten lassen. Das linkskeynesianische Gerede, es werde ein bisschen deficit spending das Ding schon schaukeln, ist ein Glückspillen-Placebo für Kinder und Narren.

update: Nur in einem widerspreche ich Sohn: Nach dem Knall – der, wie gesagt, in irgend einer Form kommen wird – kann man einfach so weiter machen. Ein automatisches Ende des Kapitalismus wird es nicht geben, ein Ende der kapitalistischen Produktionsweise sehe ich nicht. Warum soll, nachdem die Zeche gezahlt wurde, das Spiel nicht von neuem losgehen können? Und wer aus solchen Analysen gar ableitet, es gäbe eine vorrevolutionäre Situation, und der neue Mensch stünde vor der Tür, hat die Geschichte der letzten 200 jahre nicht begriffen. Der linke Glaube, im revolutionären Akt werde gleichsam der neue Mensch erschaffen, ist empirisch hundertfach widerlegt. Hier ist m.E. auch eine der wesentlichen Ursachen für das dauernde Scheitern der Linken zu vermuten. Revolutionen werden nun einmal von Menschen gemacht, die in der Gesellschaft geprägt wurden, deren Strukturen sie überwinden wollen – mit allem, was das bedeutet. Zum Beispiel von Menschen, die das Konkurrenzmodell verinnerlicht haben…

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Kommentare

  • Wolfgang  On Februar 5, 2015 at 11:13

    So verstehe ich Sohn’s Text nicht, dass er sagt, dass mann einfach so weitermachen kann. Er sagt nicht mehr und nicht weniger, dass, wie du sagst, „der Knall“ kommt und den Leuten die angehäuften Geldtitel um die Ohren fliegen. Über das danach hat er sich noch nicht, zumindest in diesem Text nicht, ausgelassen. Oder? Dein Einlass zu den Linken ist leider so richtig, wie die Gegenseite sich immer einig ist.

    • hf99  On Februar 5, 2015 at 17:27

      Sohn spricht vom Ende der kapitalistischen Produktionsweise. Aber nach dem Knall, der irgendwann kommen wird, ist eben vor dem Knall. Wir haben dann eine gleichsam neue ursprüngliche Akkumulation, verarmte Massen etcetc – warum soll das kapitalistische Spiel dann nicht einfach „wie neu“ wieder eröffnet werden? Wie eine nächste Partie „Monopoloy“ sozusagen…

  • Wolfgang  On Februar 6, 2015 at 12:00

    Wir werden es noch erleben. „Das kapitalistische Spiel“, wie du es nennst, funktioniert ja seit Jahrtausenden als „Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer/Arbeiter, Bettelmann/Harz 4…

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