Foltern

Wieder und wieder drifte ich ab, wenn ich mich der Wirklichkeit (nicht dem Begriff) nähern möchte. Foltern hat, wie mehrfach bewiesen*, definitiv nichts zu tun mit Klarheit, Wahrheit, Gerechtigkeit. Es dient mit Sicherheit nicht der Recherche, nicht dem Gewinnen von Informationen, schon gar nicht dem Retten von Leben. Solche Rationalisierungen spielen lediglich für das Gewissen des Folternden eine Rolle („Ich wollte nur Leben retten“) – und selbst das gilt nicht durchgängig. Im übrigen widerspricht dieser These die nur auf den ersten Blick merkwürdige Beobachtung, dass in den CIA-Gefängnissen zum Teil auch nach der vollständigen Kooperation gefoltert wurde – ein in der Geschichte der Folter sattsam bekanntes Phänomen. Warum also Folter?

Man kann die Frage umformulieren: Wer sind die Folternden, wer die Gefolterten? Und vor allem: Wer läßt foltern? Beim Foltern geht es, wie Silvia Amati in ihrer bis heute gültigen Deutung dar tat, um nichts anderes als darum, Menschen zu zerstören. Der Folternde will brechen, will zerstören: „der Folterer (ist) auf die Zerstörung des Denkens und der Identität seines Opfers aus “ (Amati, Silvia, Reflexionen über Folter, in: Dahmer, Helmut, Analytische Sozialpsychologie, Band II, Frankfurt/Main 1980, p. 601-618, hier 617, im Original kursiv), also auf die Zerstörung seiner persönlichen Integrität, seiner Grenzen, seiner Welt. Folteropfer sollen im präzisen Sinn des Wortes entmenscht werden. Foltern zu können, Foltern zu dürfen ist somit die Apotheose der Macht und weiter gar nichts.

Wer sind also die Gefolterten? Bereits diese Frage ist fast nicht zu beantworten. Vom wirklich Schuldigen bis zu denen, die lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort waren, finden sich alle Spielarten. Ein Unschuldiger kann offenbar nicht kooperieren – aber selbst der kooperationswillige Schuldige kann, wie bereits erwähnt gefoltert werden. Folter hat also wenig bis gar nichts mit einer wie auch immer gearteten Schuld der Gefolterten zu tun. Die Auswahl der Opfer erscheint fast beliebig. Wir können über die Gefolterten wenig sagen; jede und jeden kann es treffen. Und damit haben wir schon einiges an Einsicht gewonnen.

Wer foltert? „Es sind verstümmelte, gespaltene, gefühllos gemachte Menschen, die während ihres ganzen Lebens kein anderes „Urteilsvermögen“ besitzen als jenes, das ihnen die Macht oder die Befehlshierarchie, in die sie eingespannt sind, zugesteht“ (Amati, 611), immer verbunden mit einer völligen Unfähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen (Amati, 612). Folterer seien nicht unbedingt Sadisten, und selbst wenn der eine oder andere Sadist seine Triebe mit Rückendeckung seiner Vorgesetzten auslebe, sei dies nicht der Kern des Problems. Die Meisten hätten einfach nur Schulungen durchlaufen. Kern sei Mangel an Urteil und Gefühl. So die Ergebnisse dieser klassischen psychoanalytischen Studie, die übrigens die Phänomenologin Hannah Arendt schon Jahre vorher bis in die Details und in letztlich identischen Worten auch so ausdrückte. Mehr müssen wir zu den „Spezialisten“ vielleicht auch nicht sagen. Foltern als Job, als abzuarbeitendes Pensum. Folterer sind im Zweifelsfall einfach jene gefühllosen, depersonalisierten Wesen, in die sie ihre Opfer verwandeln wollen.

Finden wir die Antwort auf die alles entscheidende Frage? Nämlich: Wer läßt foltern, wer verspricht sich was davon? Die Mehrheit (fast 60 % in den USA; beim Fall Daschner waren es in Deutschland sogar ca 90 %) optiert pro Folter. Damit wäre diese Frage schon beantwortet, und die Antwort ist alarmierend: Die Folter spiegelt ein Mehrheitsbedürfnis. Das Volk selbst in seiner Mehrheit will die Folter, und zwar sogar ausdrücklich. Die Folter ist demokratisch legitimiert. Das ist keine überspannte Formulierung aus dem Bloggosphärenfeuilleton, sondern schlichte Tatsache. Denn nicht einmal die Enthüllungen über die sog. CIA-Folterflüge ab spätestens 2007 haben irgendwen irgendwo veranlaßt, auch nur sein Wählerverhalten zu überdenken. (Ich weiß, dass jede und jeder, die und der wissen wollte, letztlich seit Jahrzehnten auch wissen konnte, dass die westliche Wertegemeinschaft foltert und/oder foltern läßt.) Jenseits tagesaktueller Aufregungen waren zB diese Folterflüge nie ein großes, ein elementares Thema; niemand jenseits der üblichen Verdächtigen empfand oder empfindet die Tatsache, dass in unserer Gesellschaft gefoltert wird, als Skandal, als nicht hinnehmbar. 2007 konkurrierten die Folterflüge zB mit dem Eisbären Knut (und unterlagen natürlich); heute hat der Senatsbericht gegen Udo Jürgens Tod keine Chance. Eine Gesellschaft aber, die die Folter offen hinnimmt, ist am Ende, ist innerlich bankrott. „A child of god much like yourself perhaps“ – so charakterisiert Cormach McCarthy den nekrophilen Mörder Lester Ballard.

Ich kann derzeit nicht mehr sagen. Die verluderte Veranstaltung namens bürgerliche Gesellschaft ist fertig, war es vielleicht von Anbeginn. Welchen Gewinn verspricht sich diese Gesellschaft eigentlich von der Folter, die sie so aggressiv und obsessiv (siehe Fall Daschner/Ennigkeit) befürwortet? Was ficht die Leute an? Ich bin mit der küchenpsychologischen These aufgewachsen, es sei – Stichwort Identifikation mit dem Aggressor – die eigene Gewalterfahrung, die hier ausgelebt und an fremde Objekte (= zu Objekten degradierte Menschen) weitergegeben werde. Noch alltagssprachlicher: Dass die Menschen die Sau, zu der sie in dieser restlos auf Marktwerte reduzierten Gesellschaft täglich selber gemacht werden, an Wehrlosen, an zu vogelfrei Erklärten rauslassen. Entfremdet heiße entfremdend und vice versa; ein Teufelskreis. „Wer geduckt steht, will auch andere biegen./ (Sorgen brauchst Du Dir nicht selber zuzufügen; / alles, was gefürchtet wird, wird wahr.)“ Ist es so grauenhaft einfach? Ich füchte fast: Ja! Anyway: Es muss einem nicht mehr Angst und bange werden. Mir ist Angst und bange. Nicht vor Barbie/Boger. Die waren kaputt. Sondern vor der gesunden Mitte, die die Herren Barbie und Boger gewähren ließ, sogar anfeuerte und hinterher schützte.

__________

* Für die, die keine Zeit haben, durch meinen Blog zu surfen, hier nochmals die theoretische Widerlegung des widerwärtigen Brugger-Gelalles pro sog. „Rettungsfolter“: Ein Argument pro „Rettungsfolter“ (zB um das kleine Mädchen/den kleinen Jungen zu retten) setzt den allwissenden Betrachter voraus, also den, der genau und exakt weiß, dass X aber auch wirklich Infos habe, die das Leben der/des Kleinen retten könne. Erstens müsste ein solcher allwissender Betrachter (so halbwegs allwissend geht nicht; siehe unten) dann sowieso und allemal – eben wg allwissend – auch den Aufenthaltsort der/des zu Rettenden wissen, also muss ich nicht foltern. Zum zweiten haben totalitäre Diktatoren wie etwa Hitler und Stalin mit genau diesem Argument operiert: Sie wüssten aber auch ganz genau, wer für alles Ach und Wehe der Welt verantwortlich sei (nämlich die Juden aka die Kulaken/nicht Klassenbewussten); und die dürfe, nein, die müsse man ausrotten. Danach sei die Welt zu sich selbst gekommen… Soviel mal zur Allwissenheit. Wer sich selber eine schon theoretisch unmögliche Allwisenheit unterstellt, agiert bereits totalitär.

Ein Argument pro sog. „Rettungsfolter“ ohne allwissenden Betrachter ist indessen nicht denkbar. Es würde nämlich „Foltern auf Verdacht“ bedeuten. „Ich weiß zwar nicht alles, aber ich folter den da mal, denn ich glaube irgendwie, er habe etwas mit dem Verschwinden des kleinen Mädchens/Jungens zu tun…“ Ein solcher Glaube kann fehl gehen. Wenn ein solcher Glaube fehl ginge, wären alle, aber auch alle Mittel zur Abwehr eines dann rechtswidrigen Angriffs auf den unschuldig Gefolterten legitim. Meine Freunde dürften dann – so sagt es unser Notwehrparagraph – im Zweifelsfall, wenn keine andere Abhilfe geschaffen werden kann, 10, 20, 30 Polizisten legitim töten, um mich, der ich unschuldig bin, aus dieser Foltersituation zu befreien. Die Alternative zu diesem Szenario wäre allein die: Eine solche per derzeitigem Gesetz legitime Notwehr gegen einen rechtswidrigen Angriff durch ein neues Gesetz zu verbieten. Der Gefolterte – ob nun schuldig oder nicht – habe seine Folterung widerstandslos hinzunehmen. MaW: Dass also der Unschuldige (der ja auch keine Chance hätte, per Kooperation der Folter zu entgehen!) sich per Gesetz gleichsam stoisch foltern zu lassen habe! Dass damit der Rechtsstaat ad absurdum geführt wäre, bedarf keiner Erläuterung. Ob Walter Brugger das jetzt versteht, oder ob er zu dumm dafür ist, ist mir weder erfindlich noch interessant!

Der grundlegende Irrtum bei solchen infamen Gedankengängen: Man fordert dem Recbtsstaat ab, was er nicht leisten kann: Dass er totale Sicherheit gewähre. Totale Sicherheit ist Totalitarismus und weiter gar nichts. Der Rechtsstaat gewährt mir Sicherheit im rechtsstaatlichen Rahmen. Mehr Sicherheit gibt es nicht. Wer mehr Sicherheit haben will, muss Walter Ulbricht klonen.

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Kommentare

  • genova68  On Dezember 27, 2014 at 11:11

    Du kannst aber schon Fälle annehmen, wo man sich schwertut, nicht zu foltern: Ein Kindesentführer sagt, er wisse, wo das Kind ist, es werde dort verdursten, er sage aber nicht, wo das Kind sich befindet. Wäre das ein Fall, in dem Folter zur Angabe des Verstecks führen könnte? Müsste man das probieren oder dem Entführer ins grinsende Gesicht gucken?

    Das ist doch ein recht simpler, vorstellbarer Fall, aus dem man sich mit Grundsatzhaltungen nicht herausreden kann. Voraussetzung wäre, dass der Schuldige seine Tat zugegeben hat oder sie ihm zweifelsfrei nachgewiesen werden kann.

    Das ist natürlich ein extremer Fall, wie er vermutlich fast nie vorkommt. Das hat nichts mit Guantanamo und Sadisten zu tun.

    • hf99  On Dezember 27, 2014 at 11:25

      „Voraussetzung wäre, dass der Schuldige seine Tat zugegeben hat oder sie ihm zweifelsfrei nachgewiesen werden kann.“

      Beides – allwissender Beobachter – ist nicht gegeben. Zweifelsfrei Nachweisen geht sowieso nicht, und Geständnis, Google mal „falsches Geständnis“, bietet auch keine Gewähr.

      • Herr Karl  On Dezember 27, 2014 at 16:10

        Würdest du auch so argumentieren wenn es dein Kind wäre und wenn dir der mutmassliche Entführer zum Beispiel ein Gegenstand deines Kindes vorlegen oder eine Tonbandaufnahme deines Kindes abspielen würde?
        Totale Gewaltlosigkeit ist auch keine Lösung.

    • ziggev  On Dezember 27, 2014 at 20:32

      @genova

      „… ist doch ein recht simpler, vorstellbarer Fall, aus dem man sich mit Grundsatzhaltungen nicht herausreden kann.“

      das Problem ist nur, dass jede „Grundsatzhaltung“ auf Dein „Sich-Herausgerede“ hinasuläft. („Lass mal 5 gerade sein“, „stell Dich nicht so an!“ funktioniert hier einfach nicht.)

      Ansonsten läuft alles auf vollkommene Willkür hinaus: stell Dir den Grundsatz vor: Es muss in jedem Fall gefoltert werden.

      Das kann praktisch gar nicht ohne „Ausnahmen“ funktionieren. Liegt irgendwie in der Logik: überleg mal, geht das: Es muss grundsätzlich gelogen werden ?

      Es kann in einem Rechtsstaat einfach keine „offizielle“ Rechtfertigung solcher angedachten „Ausnahmen“ geben.

      Ein Grundsatz, der auf Folter (wahlweise Lüge) basiert, erzwingt ein System der „Ausnahmen“, bewirkt also ein „System“ der totalen Willkür, in dem es also überhaupt gar keinen realisierten „Grundsatz geben kann.

      Im Umkehrschluss muss ein System, das diesen Namen verdient, auf Grundsätzen basieren, und können solche Grundsätze keine „Ausnahmen“ zulassen. Das ist der Skandal der weitverbreiteten Zustimmung zur Folter.

      Diese Zustimmung bedeutet eine totale Willkür der „Ausnahmen“, und das heißt nichts anderes als unkontrollierte, zynische, eiskalte Ausübung der Macht als Grausamkeit und Folter. Wie hf99 ja schon ausführte: Wenn gefoltert wird, dann wird gefoltert, und zwar völlig unkontrolliert und willkürlich.

      Orwell hat versucht, so ein „System“ so „kohärent“ als denkbar zu entwerfen. Lies Dir noch mal insbesondere die Stelle mit O´Brien gegen Ende nochmal durch!

      OFF TOPIC : aus diese Grunde habe ich in der Tat leise Zweifel am Begriff „Unrechtsstaat“.

      • Garfield  On Dezember 31, 2014 at 02:57

        für mich läuft diese Diskussion auf reinen Kopffick hinaus…

        Klar muß Folter ausnahmslos tabu sein (sollte – bei wenigstens gewissen moralischen Standards – zumindest Konsens sein…)
        Ebenso kann’s aber Fälle geben, in denen man gg dieses Verbot verstoßen muß – zumindest wenn man sich nicht auf die Stufe der Täter begeben will (und v.A. wenn man „Folterverbot“ mit mehr als nur dem eigenen Ego verbindet…)
        z.B. Daschners Folterdrohung – ich gehöre auch zu den 90%, MMN war’s sogar nicht weniger als seine menschliche Pflicht – Gäfgen stand ja als Täter fest & benutzte das Opfer ganz offen als Faustpfand.
        Das anschließende Verfahren fand ich aber trotzdem nur richtig, denn wenn man bei ‚Folter‘ auch nur einmal Ausnahmen zuläßt, …
        Daschner selbst hatte einfach Pech, in eine Situation zu kommen, in der es nur „falsch“ oder „falsch“ gab.

        das ganze ist MMN ein typisches Dualismus-Ding (nennt sich doch so…? 😉 ).
        wie soll ich sagen … auf der einen Seite das theoretische Soll, auf der andern die Sachzwänge der Praxis.
        Es gibt kein „universelles Recht“*, das alle [un]möglichen Situationen der Realität abdeckt
        _ _ _
        *) nicht zu verwechseln mit „Gesetz“ – davon will ich hier gar nicht erst anfangen

  • Bersarin  On Dezember 27, 2014 at 17:14

    @ Herr Karl
    Genau deshalb gibt es für solche und andere Fälle unabhängige Instanzen, die nicht betroffen und involviert sind – anders als die Angehörigen und Freunde eines Entführungsopfers – nämlich Polizei und Justiz. Ich würde als Betroffener für Folter plädieren. Das mag zwar intuitiv verständlich sein. Aber aus einem reflektierenden Abstand heraus und im Übergeordneten bereitet die Folter mehr Probleme als sie löst. Die Ermittlungen liegen aus genau diesem Grunde nicht in meiner Hand. Ein Staat, der foltert, ist kein Rechtsstaat mehr.

    Wer der Folter auch nur einen Spaltbreit die Tür öffnet, der wird morgen auch Argumente finden oder konstruieren, weshalb man politisch Abweichende, Ladendiebe oder religiöse Fanatiker quälen darf. Das sogenannte Feindstrafrecht, welches etwa Günther Jakobs fordert, läuft genau auf eine solche Allgegenwart der Folter als Mittel hinaus.

    • hf99  On Dezember 27, 2014 at 19:02

      Bersarin nimmts mir von den Lippen. Die in diesen Debatten nervige, weil unbrauchbare Frage „Und wenn es Deine Tochter wäre?“ ist einfach ein category mistake.

    • Herr Karl  On Dezember 28, 2014 at 10:46

      @Bersarin
      Totale Gewaltlosigkeit ist nicht immer möglich. Manchmal zwingt einem das Gegenüber zu Gewalt, auch wenn man sich (bei meinem Beispiel) gegen staatlich angeordnete Gewalt am Entführer entscheiden würde: Das Resultat wäre die Entscheidung FÜR das Zulassen von Gewalt am Kinde.
      Das selbe Dilemma hatten wir bei den Diskussionen um die Waffenlieferungen an die Kurden gegen die IS, welche die Jesiden massakrierte: Eine Entscheidung gegen Waffenlieferungen an Kurden bedeutete im Endeffekt das Zulassen von Gewalt gegen die Jesiden.

  • Wolfgang  On Dezember 28, 2014 at 11:37

    Kein Widerspruch zu Hartmut. Aber, mit Walter Ulbricht hat das nix zu tun.

  • Bersarin  On Dezember 28, 2014 at 13:28

    @ Herr Karl
    Das, was Du anführst, sind zwei ganz verschiedene Bereiche des Gewaltmonopols. Sieht man einmal davon ab, daß Gerechtigkeit immer auch auf einem Gewaltgrund fußt. Die Utopie wäre es, sich jenseits dieser Gewalt und der Rache zu befinden. (Man lese dazu den ansonsten gar nicht so ethisch-moralisch fundierten Nietzsche: den Geist der Rache zu überwinden.)

    Ich bin beileibe kein Pazifist. Aber es macht denn doch einen kategorialen Unterschied, ob ich für bewaffneten Kampf plädiere oder ob ich, staatlich gedeckt und damit nicht mehr justiziabel, Folter zulasse. Das Argument dagegen nannte Hartmut. Es erfordert einen allwissenden Betrachter, und es sind damit die Grenzen geöffnet. Was spricht gegen die Folter von Andersdenkenden, wenn sie nicht abschwören wollen? Im Grunde nichts. Was gegen die von Ladendieben oder Schwarzfahrern, wenn sie damit nicht aufhören? Nichts. Beide schädigen, sieht man es in einer bestimmten Diktion, das Gemeinwohl. Das Verbot von Folter gilt bedingungslos. Das Verbot von Waffengewalt nicht.

  • eb  On Dezember 28, 2014 at 15:42

    @Herr Karl Die Frage; „was würden sie machen wenn…“ hab ich schon bei der eigenen maroden Gewissensprüfung als Kriegsdienstverweigerer gehört und zieht sich durch die gesamte Geschichte der Erkenntnis, dass es keine Perfektion geben kann, wenn man das humane vom Automatenhaften trennen will. Man ist inoffiziell zu dem Schluss gekommen, dass es unfaire Fragen sind, was natürlich genauso wenig eine Lösung ist. Die Logik dahinter, ist aber ganz einfach. Dass eine sind Fragen und Antworten die ein Vorraussetzung, eine Grundlage, eine Basis zur Orientierung in die Zukunft bieten, dass andere, also das mit dem, was würden sie machen wenn, – ganz klar Fragen, die die Zukunft selber abfragen, und deshalb einfach keine Antworten geben können. Ich bin z.B. Pazifist. Ob ich es bleiben werde, wird die Zukunft zeigen und von den Faktoren abhängig sein, mit denen ich in der Gesamtheit meiner Person und allem was ich dabei gelernt und auch den eigenen Orientierungen wie auch der eigenen Kontrolle über Rachsucht etc… und natürlich dem möglichen Vermögen darüber überhaupt noch die Kontrolle zu haben, – an eine Situation, eben in der Zukunft gehen werde. Aufs rudimentärste zusammengestaucht heißt das, – je humaner die bereits geschaffene Basis, desto humaner auch die zukünftigen Reaktionen. Perfektion, darf man sicher nicht erwarten, aber doch eine Richtung. Und diese Richtung darf auch Überzeugung heißen. Und die Basis ist umso stärker, je überzeugter die Menschen davon sind.

  • Wolf-Dieter  On Dezember 30, 2014 at 02:55

    Die Menschenwürde (die durch Folter verletzt würde) ist laut GG Art.1 unantastbar. Steht der Volksmeinung nicht zur Disposition. Braucht keiner gut finden, Grundgesetz ist verbindlich.

    • Herr Karl  On Dezember 30, 2014 at 09:34

      In der Schweiz (in Sachen Notwehrhilfe und Notstand):
      „In Fällen von Notwehr, Notwehrhilfe und Notstand dürfen auch andere Mittel eingesetzt werden.“
      Und
      „Leistet die Polizei Amtshilfe, ist sie zudem an einschränkende Weisungen der ersuchenden Amtsstelle gebunden, die diese zur Zwangsanwendung erteilt hat. Ausgenommen sind Fälle von Notwehr, Notwehrhilfe und Notstand.“
      http://www2.zhlex.zh.ch/appl/zhlex_r.nsf/0/D31E0D5AD3DA2493C12575D2001F8D3B/$file/550.11.pdf

      Wolf-Dieter
      Du beziehst dich bei der Menschenwürde laut GG auf den Täter oder die Täterin. Wie sieht es mit der „unantastbaren Menschenwürde“ des Opfers aus, die es auch zu schützen gilt?
      (Ist nur eine rhetorische Frage)

      • Wolf-Dieter  On Dezember 30, 2014 at 11:31

        Herr Karl, das Charakteristische an Folter besteht in unmittelbarer und konkreter Wehrlosigkeit des Opfers. Wird vom Begriff Notwehr nicht erfasst.

        • Herr Karl  On Dezember 30, 2014 at 12:19

          Ja, Notwehr greift nicht. Deshalb schrieb ich: „(in Sachen Notwehrhilfe und Notstand)“
          Bezieht sich auf das andere Opfer (nicht das Folteropfer) und auf deinen Hinweis auf die unantastbare Menschenwürde (eines Verbrechers).

      • Wolf-Dieter  On Dezember 30, 2014 at 11:54

        Nachtrag – habe die Verordnung (PDF) quergelesen. Falls sich dort Erlaubnis zu Folter ableiten lässt, ist die Schweiz halt ein Folterstaat. Sorry. Ging nicht gegen dich persönlich.

        • Herr Karl  On Dezember 30, 2014 at 12:38

          Sorry, aber nicht ICH, sondern DU hast die „unantastbare Menschenwürde“ als Grundsatz ins Spiel gebracht. Ich versuche dir nur aufzuzeigen, dass diese unantastbare Menschenwürde nicht in jedem Fall gilt. Andernfalls könnte man die gesamte Polizei entwaffnen. Die Verbrecher (die es leider gibt) würden jubilieren.
          Das GG regelt Grundsätzliches. Gesetze und Verordnungen regeln dann die „Feinheiten“ und Ausnahmen.

          • Wolf-Dieter  On Dezember 30, 2014 at 14:28

            Hier prallen Welten aufeinander.

            Zu den „Feinheiten“ gäbe es noch was zu sagen, aber ich denke, die Diskussion stockt.

  • Wolfgang  On Dezember 30, 2014 at 11:04

    Spiegelbericht – „Gezielte Tötungen“ und wer alles dabei mit macht. Was bilden wir uns eigentlich ein, wer wir sind, wenn wir hier und in anderen Bloggs unsere Meinung kund tun?

  • altautonomer  On Januar 2, 2015 at 10:26

    Folter wurde in der BRD bereits in den 70er Jahren an den Gefangenen der RAF systematisch exekutiert und als System in andere Ländere exportiert:

    Isohaft
    Funktionen und Folgen der Isolationshaft
    Sensorische Deprivation ist die drastische Einschränkung der sinnlichen Wahrnehmung, durch die sich der Mensch in seiner Umgebung orientiert. Sie legt im Laufe der Zeit die Sinnesorgane lahm und führt zu seiner Desintegration und extremen Desorientierung des isolierten Individuums. Soziale Isolation und Sensorische Deprivation zielen auf das Aushungern der Seh-, Hör-, Riech-, Geschmacks- und Tastorgane, was zu lebensbedrohlichen Zuständen führen kann. Sie sind durch das Versetzen einzelner in eine total künstliche, gleichbleibende Umgebung das geeignetste Mittel zur Zerstörung spezifisch menschlicher Vitalsubstanz (vgl. Teuns, S. 120ff.).

    Isolationshaft durch Sensorische Deprivation wurde in der BRD wissenschaftlich erforscht und entwickelt. Sie widerspricht Prinzipien der UN-Menschenrechtskommission und erfüllt nach international anerkannten Definitionen den Tatbestand der Folter.

    Die Sonderhaftbedingungen, insbesondere die Isolation, führen zu Kopfschmerzen, Schwindelanfällen, Konzentrationsschwierigkeiten, Einschränkungen der Leistungsfähigkeit, Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Schlafstörungen, chronischem Schnupfen, chronischer Bronchitis und Beeinträchtigungen der psychischen Funktionen. Sensorische Deprivation greift das vegetative Nervensystem an, das die Reaktionen des Körpers auf Umweltbedingungen reguliert. Direkte Folge davon sind langsames Abnehmen der Kontrolle über das eigene Handeln, Schwierigkeiten die Realität zu überprüfen und die Reduzierung des Vermögens, rational, logisch und zusammenhängend zu denken.

    Quelle:amnesty international (Hg.). (1980). Amnesty Internationals Arbeit zu den Haftbedingungen in der Bundesrepublik Deutschland für Personen, die politisch motivierter Verbrechen verdächtigt werden oder wegen solcher Verbrechen verurteilt sind: Isolation und Isolationshaft. London: ai publication

    • Garfield  On Januar 9, 2015 at 03:37

      um Iso-Haft genießen zu dürfen, muß man noch lange nicht zur Prominenz a la „RAF“ o.Ä. gehören…
      da gab & gibt es ganz anderes in deutschen JVAs, halt die alltäglichen Einzelfälle, die _nie_ in irgendeine Zeitung kommen; weil das Opfer ein Noname ist, ihm sowieso kein Mensch glauben würde, und er/sie v.A. auch gut auf den „Ruhm“ verzichten kann.
      Strenge Einzelhaft ist (-ohne psychatr. Kontrolle-) mW auf 3 Monate beschränkt, allerdings gibt’s auch Fälle die auch ohne jede Prüfung mal ein gutes Jahr da sitzen dürfen; v.A. Gefangene die kein oder nur kaum deutsch können & mit der dt. Justiz nicht vertraut sind.

      Aber auch in JVAs ohne Auf-/Umschluß: alles über 1 Jahr Einzelzelle & durchgehend ohne Arbeit _ist_ praktisch Iso-Haft (was dagegen mit all dem fast schon „luxuriös“ wäre…). So lassen sich Querulanten ganz legitim, bis Strafzeitende, „isolieren“.

      Um einen Menschen auszulöschen braucht man ihn nicht mal zu berühren. Schon Zeit allein reicht völlig.

  • che2001  On Januar 2, 2015 at 12:22

    Das Ganze aus der Sicht einer Betroffenen:

    Aus der Zeit: 16.6.72 bis 9.2.73:
    das Gefühl, es explodiert einem der Kopf (das Gefühl, die Schädeldecke müßte eigentlich zerreißen, abplatzen) –
    das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepreßt,
    das Gefühl, das Gehirn schrumpelte einem allmählich zusammen, wie Backobst z.B.
    das Gefühl, man stünde ununterbrochen, unmerklich, unter Strom, man würde ferngesteuert –
    das Gefühl, die Assoziationen würden einem weggehackt –
    das Gefühl, man pißte sich die Seele aus dem Leib, als wenn man das Wasser nicht halten kann –
    das Gefühl, die Zelle fährt. Man wacht auf, macht die Augen auf: die Zelle fährt; nachmittags, wenn die Sonne reinscheint, bleibt sie plötzlich stehen. Man kann das Gefühl des Fahrens nicht absetzen. Man kann nicht klären, ob man vor Fieber oder vor Kälte zittert –
    man kann nicht klären, warum man zittert –
    man friert.
    Um in normaler Lautstärke zu sprechen, Anstrengungen, wie für lautes Sprechen, fast Brüllen –
    das Gefühl, man verstummt –
    man kann die Bedeutung von Worten nicht mehr identifizieren, nur noch raten –
    der Gebrauch von Zisch-Lauten – s, ß, tz, z, sch – ist absolut unerträglich –
    Wärter, Besuch, Hof erscheint einem wie aus Zelluloid –
    Kopfschmerzen –
    flashs –
    Satzbau, Grammatik, Syntax – nicht mehr zu kontrollieren. Beim Schreiben: zwei Zeilen – man kann am Ende der zweiten Zeile den Anfang der ersten nicht behalten –
    Das Gefühl, innerlich auszubrennen –
    das Gefühl, wenn man sagen würde, was los ist, wenn man das rauslassen würde, das wäre, wie dem anderen kochendes Wasser ins Gesicht zischen, wie z.B. kochendes Tankwasser, das den lebenslänglich verbrüht, entstellt –
    Rasende Aggressivität, für die es kein Ventil gibt. Das ist das Schlimmste. Klares Bewußtsein, daß man keine Überlebenschance hat; völliges Scheitern, das zu vermitteln; Besuche hinterlassen nichts. Eine halbe Stunde danach kann man nur noch mechanisch rekonstruieren, ob der Besuch heute oder vorige Woche war –
    Einmal in der Woche baden dagegen bedeutet: einen Moment auftauen, erholen – hält auch für paar Stunden an –
    Das Gefühl, Zeit und Raum sind ineinander verschachtelt –
    das Gefühl, sich in einem Verzerrspiegelraum zu befinden –
    torkeln –
    Hinterher: fürchterliche Euphorie, daß man was hört – über den akustischen Tag-Nacht-Unterschied –
    Das Gefühl, daß jetzt die Zeit abfließt, das Gehirn sich wieder ausdehnt, das Rückenmark wieder runtersackt – über Wochen.
    Das Gefühl, es sei einem die Haut abgezogen worden.

  • genova68  On Januar 4, 2015 at 10:58

    Der von mir oben konstruierte Fall ist eher ein Denkmodell, das ich gebracht habe, um zu zeigen, dass Fälle vorstellbar sind, in denen Folter selbstverständlich angewendet werden muss. Das mag aus PC-Gründen manchen nicht passen, ändert aber nichts am Sachverhalt. Rechtstaatlich ist Folter abzulehnen, klar, ohne Wenn und Aber, aber dann muss man eben mit der Möglichkeit solcher Fälle leben und den Tod des Kindes in Kauf nehmen. Alles eine Frage der Abwägung. Man kann in solchen Fällen nicht so tun, als könne man sich mit Theorie zufriedengeben.

    Vermtlich geht es bei 99,99 Prozent der Folterfälle nicht um solche, sondern um Barbarei. Insofern ist die Diskussion wurscht.

  • Wolfgang  On Januar 4, 2015 at 11:53

    Das ist eben wie mit den „Gezielten Tötungen“ genova68…

  • der Doctor  On Januar 10, 2015 at 15:06

    Das Folter tabu ist, und das auch Kindermörder Rechte haben,ist der Preis ,den wir für unsere freiheitlich demokratische Rechtsstaatlichkeit bezahlen.Das muss man nicht gut finden,aber man hat es zu akzeptieren.Wer Folter,auch nur in bestimmten Fällen ,befürwortet, macht sich unglaubwürdig, wenn er Menschenrechtsverletzungen in anderen Staaten anprangert.wer von von Anderen die Einhaltung von Menschenrechten fordert, muss sie zuerst mal selber achten,denn Menschenrechte müssen entweder universell oder gar nicht gelten.Aber auch ich habe schon Spießbürger erlebt,die über den bösen Islam mit der bösen Sharia geschimpft haben, aber wenn dann in der Zeitung zu lesen war, das in einem islamischen Staat ein Kindsmörder ausgepeitscht und am Kran aufgehängt wurde, wurde dies beklatschten mit Kommentaren wie „So sollte man das hier auch machen.“, und sich hinterher unserer zivilisierten Gesellschaft rühmen .

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