Frommes, linkes Denken

Die Welt glich einem Tollhaus, in dem sich die Herren in den Chefetagen der Banken und Konzerne beinahe nach Belieben auszutoben pflegten. Doch dabei prallten sie eben aufeinander. Nervös schielten sie nach ihren Machtinstrumenten, ihren Staaten. Die Mittelmächte, besonders Deutschland, waren hoch gerüstet. Aber Frankreich und besonders Russland, nach der niedergeschlagenen Revolution von 1905 geschwächt, holten mit atemberaubender Geschwindigkeit auf.
Für die deutschen Kapitalisten wurde es Zeit. Sie wollten, sie brauchten Krieg. (Kühne, Steve, 1914 – Krise, Krieg und Widerstand, Berlin 2014, Eigenverlag der SAV, ohne ISBN, p. 6)

Es stimmt so gut wie nichts.

Die vehementen Kriegstreiber von 1914 waren nicht „die“ Kapitalisten. Es waren männliche bürgerliche Intellektuelle, die in imperialen, nationalistisch-rassistischen (also völkischen), sozialdarwinistischen, militaristischen Gedanken Antworten auf die Anforderungen der Moderne fanden. Angehörige der Funktionselite: Militärs (da gehört es sowieso zum Betriebssystem, pro Krieg zu sein), Lehrer, Professoren, kurzum: das Bildungs- und Besitzbürgertum. Diverse Kapitalisten – zunächst noch Stinnes, Ballin, fast die gesamte Londoner City – waren bekanntlich gegen diesen Krieg. Und von den zwei berühmtesten und klügsten, weil präzisesten Warnern vorab – Bloch und Angell – war der eine, Bloch, Kapitalist und Oligarch reinsten Wassers. Und der andere kann auch nur sehr eingeschränkt als Halb-Linker durchgehen.

Bei Kühne lenint und luxemburgt es zum linkserwärmen. Es stimmt nur nicht, denn Lenins und auch Luxemburgs Imperialismustheorien gehen fehl. Wäre ich Marxist (was immer das sei), würde ich sagen: Der Krieg 14-18 war ein Überbaukrieg, ein Krieg, der aus ideologischen Gründen statt fand. Subjektiv gab es wirklich den Glauben, politische Herrschaft über das Gebiet X würde sich auch in wirtschaftlichem Erfolg niederschlagen. (zB: „ich“ brauch das Erz aus Briey, also die politische Kontrolle darüber, ansonsten kann „ich“ keine Gewinne für „Deutschland“/“mich“ generieren.) Aber das war, angesichts der damals schon erreichten Internationalisierung des Kapitals, Humbug. Hokuspokus. Man möchte fast vom nationalen Kapitalfetischismus sprechen. Es stimmt einfach nicht, dass 1914 eine Verfestigung und Konzentration des Kapitals existierte, die gleichsam einen Krieg unumgänglich machte – und eine nationale schon gar nicht. Eben gerade aufgrund des technologischen Fortschritts wurden damals, und werden seither immer wieder, die Karten neu verteilt – und eben deswegen ist der Kapitalismus so wandlungsfähig.

Im 19. Jhdt lauteten die Innovationstechnologien u.a.: Telegraph, Dampfschiff, Eisenbahn, Stahlbau, Chemie. 1914 am innovativsten: Autos, Luftfahrt, Funk/Elektrik, Medien. Und und und. Endabschließende Monopole im Leninschen Sinn wird es erst dann geben, wenn die Möglichkeiten technologischen Fortschritts ausgereizt sind. Das sind sie jedoch mitnichten, auch heute nicht, you better believe it, damals schon gar nicht. Gerade die leninschen „Trusts“ waren übrigens ja gegen diesen bornierten, nationalistisch begründeten Krieg. Luxemburgs These hat mehr Realität für sich – Ausdehnung des Kapitalismus in präkapitalistische Gegenden sei Antrieb imperialen Agierens -, geht aber schlussendlich ebenso fehl und ist letztlich leider ebenso antimarxistisch wie Lenin: Denn das Kapital, das mag man bei Marx lernen, hat kein Vaterland. Kapital erheischt Vermehrung. Ob diese Vermehrung durch die Ausbeutung deutscher, chinesischer, südneuseeländischer oder nordargentinischer Arbeiter generiert wird, ist ihm egal. Kriege werden, so lese ich Marx, geführt dann und nur dann, wenn sie gewinnmaximierende Folgen zeitigen. Sie werden unterlassen, wenn sie Gewinne schmälern. (Jeweils rationales Handeln im Sinne des Kapitalismus vorausgesetzt – aber genau das setzt Marx ja auch voraus!) Der Kapitalismus, so Marx, reduziert Menschen auf Akteure im Gewinnspiel. Gerade dieses Traditionszerstörende ist ja sein innovativer Aspekt (das kommunistische Manifest setze ich hiermit als bekannt voraus). Genau deswegen aber ist der Erste Weltkrieg, technologisch der erste voll entwickelte Technologiekrieg, marxistisch gedeutet gleichsam eine der letzten Feudalkriege, ein Anachronismus. Ein sozusagen nationalkapitalistischer Krieg in einer Welt, in der das Kapital längst gobal agierte und international verflochten war. Wenn Hugo Stinnes dem lieben Heinrich Claß (natürlich kannte und schätzte man sich!) bereits 1911 erklärte, der gute Heinrich solle seine Expansionspläne doch mal sein lassen, in wenigen Jahren würde Deutschland den Kontinent doch sowieso wirtschaftlich beherrschen (was vermutlich auch so gekommen wäre), wenn der Hapag-Reeder Ballin verzweifelte Friedensinitiativen startete, wenn der Direktor der Bank of England Sir Edward Grey August 14 weinend anflehte, den Krieg sein zu lassen, denn nach einem solchen Krieg wäre England pleite (was es dann auch war), dann ist das aus modern-kapitalistischer Sicht konsequent und richtig gedacht gewesen. „Die Kapitalisten“ haben den Krieg nicht gemacht; Kühne schreibt hier einfach Unfug. Den Krieg gemacht hat das bornierte, völkisch-nationale, imperialistisch-sozialdarwinistische, rassistische und antisemitische Bürgertum – insbesondere das deutsche mit seiner „Weltpolitik“-Besoffenheit. (zB das englische Bürgertum war allerdings letztlich kaum anders strukturiert in seinem imperialen Superioritätswahn, wie ich Adam Hochschilds interessantem Blick entnehme. Die Befunde für Frankreich dürften ähnlich ausfallen.)

Was Marx in dieser Schärfe m.E. nicht gesehen hat: Dass der ideologische Überbau, der zur Systemstabilisierung nötig ist, eben auch Eigenleben gewinnen kann und Begehrlichkeiten entwickelt. Wenn die Klassengesellschaft zB im kaiserlichen Deutschland nur noch dann funktioniert, wenn ich ihre Akteure mit einem national-völkischen Überbau infiziere, der den Laden ideologisch bei Laune hält, so wird der Infektionsherd irgendwann seinen Preis fordern – und genau das tat er in Deutschland seit ca 1890 („Weltpolitik“)…

Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentare

  • flatter  On Oktober 17, 2014 at 12:11

    Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass Diskurs sich nicht nur aus materiellen Notwendigkeiten bildet, insofern stimme ich dem „Eigenleben des Überbaus“ bedingt zu. Es ist allerdings zu kurzsichtig, Kapitalismus auf „Gewinnaussicht“ zu reduzieren. In Zeiten von Hedgefonds und Leerverkäufen ist das eh schon komplexer, vor allem ist zu berücksichtigen, dass die Furcht vor (zukünftigen) Verlusten wesentlich weiter greift. 1914 mag das imperialistische Rennen um Ressourcen dazu gefürhrt haben, dass sich alles für den globalen Landaraub rüsten musste und die Dinge dann außer Kontrolle gerieten. Dass die Kolonien allgemein zum Verlustgeschäft für die Herrenstaaten werden könnten, war wohl nicht auf der Agenda, und selbst wenn, hätte man wohl damit rechnen müssen, dass früher oder später auch Europa ‚kolonialisiert‘ i.e. unterworfen werden könnte. Insofern war der Anlass fest mit Kapitalinteressen vewoben, aber eben nicht nur mit diesen erklärbar.

    • hf99  On Oktober 17, 2014 at 12:32

      Mir ging es um Kühnes These, dass „die Kapitalisten“ den Krieg wollten. Ich hätte noch deutlicher formulieren sollen, was mich daran stört: Dass sozusagen Stinnes und Krupp und Ballin mit dem Finger schnippen, und schon erklären Moltke, Wilhelm und Bethmann als deren Marionetten den Krieg…DAS ist Quatsch, sorry.

  • flatter  On Oktober 17, 2014 at 12:58

    Sehe ich auch so.

    • hf99  On Oktober 17, 2014 at 14:03

      Zur Klarstellung: Im weiteren verlauf wirds dann lesenswerter, er verteidigt partiell Fischer, seine „8 Thesen gegen Clark“ sind immerhin verhandelbar und meistens sogar mehr als das…(bis auf These 4, wo wieder die „Hintermänner“ aus der Wirtschaft agiert haben sollen), aber der ganze Leninsche Imperialismusquatsch entwertet das Buch leider teilweise…

  • Dirk  On Oktober 17, 2014 at 14:32

    Wirklich interessanter Beitrag, nun mal meine Überlegungen dazu. Marx vernachlässigt sowohl die Rolle des Staates als auch die Tatsache, dass der Kapitalismus auf kulturelle Ressourcen angwiesen ist. Tatsächlich können erst Waren getauscht werden, wenn ein gewisser normativer und logischer Konsens herrscht. Daher ist der Kapitalismus auf symbolische Ordnungen angewiesen, die eine gewisse Autonomie besitzen und die Möglichkeit Macht auszuüben und Gewinne zu erzielen einschränken. Genau hier kommt der Staat ins Spiel. Der moderne Staat tritt zum einen selbst als ökonomischer Akteur auf und stellt zum anderen symbolische und normative Ressourcen bereit ohne die sich kein autonomes ökonomisches Feld etablieren könnte.

    • hf99  On Oktober 17, 2014 at 14:40

      Natürlich! Danke für Deine Antwort. Man mag es „Überbau“ nennen oder wie auch immer. Aber selbst die klassisch Marx-Engelsche Sichtweise sagt ja, der sog. Überbau sei notwendig. Wenn er dann aber auch noch kausale Faktoren stellt, muss an sich fragen, ob die Redeweise vom „bloßen Überbau, der nichts entscheide“ noch angemessen ist. M.E. eben nicht. (Lemma: Marx selber hat das mit dem „bloßen Überbau“ so nie gesagt, und Engels tat das auch nur eingeschränkt.)

  • Dirk  On Oktober 17, 2014 at 15:07

    Hier geht es ja genau um den Streit Herrschaftssoziologie vs. Kulturtheorie. Man darf nicht vergessen, dass beide Seiten gute Argumente haben und wichtige Einsichten liefern. Kulturtheorien weisen zurecht darauf hin, dass Akteure nicht nur ökonomisch oder strategisch handeln, sondern dass Handeln auch durch kulturelle Rahmungen strukturiert wird. Dagegen weisen Herrschaftssoziologen zurecht darauf hin, dass Deutungsmuster und Sinnsysteme auch Herrschaftsintrumente sind, die an Machtinteressen gekoppelt sind.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: