Julikrise – vorläufiger Beschluß

Wien wollte den „kleinen“ Krieg mit Serbien, griff Serbien denn ja auch an und nahm, weil es Berlins militärische Möglichkeiten hemmungslos überschätzte, den großen in Kauf. Berlin wollte diesen „kleinen“ Krieg ebenfalls, um Österreich-Ungarn als Großmacht zu revitalisieren, nahm den großen indessen nicht nur in Kauf, sondern provozierte ihn regelrecht; wobei die „Gemäßigten“ die Entente per Brinkmanship auseinandermanövrieren wollten und den großen Krieg nur als zweitbeste „Lösung“ sahen – ihn aber immer noch bevorzugten gegenüber dem diplomatischen status quo ante…während die Falken in Berlin gleich auf den großen Krieg setzten, den sie seit Jahren für unvermeidbar hielten und sogar herbeisehnten – nicht zuletzt, indem sie ihn, den Krieg, in einer verqueren Metaphysik als Jung- und Gesundbrunnen deuteten. (Es kann keine Rede davon sein, dass die Metapher vom Kampf als inneres Erlebnis erst im Schützengraben entstand. Der Krieg schlechthin, als Lebensform, wurde schon vor dem August 14 verherrlicht, und zwar zT in aller Öffentlichkeit. Stichworte: Bernhardi, von der Goltz, die berühmte Reichstagssitzung mit den Zwischenrufen gegen Bebel „Nach jeden Krieg wird es besser“, die Alldeutschen etcetc.)

Es ist selbstverständlich völlig richtig, dass die Kriegsprovokationen der Mittelmächte innerhalb der Triple-Entente auf ebenfalls kriegslüsterne Falken trafen, die den Fehdehandschuh begeistert aufnahmen (Nikolaijewitsch, Suchomlinow, Dupont, Joffre, Jacky Fisher, Churchill seien pars pro toto genannt). Auch die Triple-Entente-Mächte waren selbstverständlich imperiale Mächte, agierten innerhalb imperialistischer Deutungs- und Handlungsmuster, und zur Vorgeschichte des Krieges gehören selbstverständlich auch diese strukturellen Elemente. Aber erstens hat, wer den Fehdehandschuh hinwirft, sich nicht zu beschweren, wenn dieser Fehdehandschuh dann auch aufgenommen wird. Zum zweiten hätten diese Falken – im Gegensatz zu denen in Wien und Berlin – ihre Kriegspläne politisch nie durchsetzen können, weil sie es im Gegegnsatz zu Wien/Berlin niemals an die Spitze schafften/schafften, die Spitze zu steuern. Auch Joffre hat durch Belgien marschieren wollen – wurde aber von der Politik zurückgepfiffen und musste seine Pläne anpassen. Fisher empfahl sogar, die deutsche Flotte zu „kopenhagisieren“, also im tiefsten Frieden zu überfallen und zu versenken (technisch etwas schwierig, unbemerkt in die Kieler Bucht zu fahren…) – und wurde von seinem König direkt gefragt, ob er wohl verrückt geworden sei! In Berlin hat niemand Moltke, Falkenhayn oder Waldersee, in Wien niemand Conrad und Krobatin gefragt, ob ihre Tassen im Oberstübchen noch alle beisammen sind. Das ist der Unterschied.

Und er ist elementar. Zunächst einmal ist an Franz-Lothar Krolls These, das deutsche Kaiserreich habe sich gesellschaftlich, politisch und verfassungsrechtlich mitnichten auf einem Sonderweg befunden, nichts auszusetzen. Tatsächlich ethielt es genügend Potenzial für weitere Entwicklungen. Deutschland war 1913 fast in jeder Hinsicht state of the art: Moderne Verwaltung, technologisch high end, lebendiges öffentliches Leben, eine durchaus (Budgetrecht, Gesetze mussten durch den Reichstag) ansatzweise schon vorhandene Parlamentarisierung usf, man lese es bei Kroll nach. Da hätte man weitermachen können. Aber es gab auch zwei gefährliche Momente mit Eigenleben: Erstens ein ungeheuer aggressiver öffentlicher Druck durch nationalistische (und bald auch völkische) Pressuregroups, deren Agitation schon damals unverhohlene Aufforderungen zum Genozid enthielten (so die Alldeutschen bereits 1897). Das superiore germanische Volk habe sein „Lebensrecht“ (was immer das sei) hemmungslos durchzusetzen, ihm stünde ein „Platz an der Sonne“ zu; sog. minderwärtige Völker hätten im Zweifelsfall zu verschwinden. Auch, wenn es durchgeknallte nationalistische Pressuregroups selbstredend auch in anderen Ländern gab – pars pro toto sei an die Anti-Dreyfussards erinnert -, einen solchen Einfluß auf die veröffentlichte Meinung hatten sie, wie zB Stig Forster zutreffend anmerkt, anderswo kaum. Und wo Heinrich Mann recht hatte hatte er recht: In Deutschland gab es (jenseits der gesellschaftlich isolierten SPD, wie hinzuzufügen ist) keine Gegenbewegung mit hinreichendem Einfluß, keinen Zola, der Anklage erhob. Es schmerzt noch heute, die berühmten Passagen aus Max Webers Antrittsvorlesung zu lesen. In seiner Forderung nach „Weltpolitik“ unterschied sich der große Max Weber leider in nichts vom dümmsten Alldeutschen. Zum zweiten verband sich dieser enthemmte Haß mit einer unkontrollierten Parallelwelt, die es in dieser Ausprägung dann eben doch nur in Deutschland gab – der des Militärs. Und es war genau dieses Militär, das sich 1914 in Berlin durchgesetzt hat. Womit wir beim deutschen Kaiser wären. Schwacher Kaiser hin, schwacher Kaiser her – es war letztlich Wilhelm II., der, nach vielen Kehrtwenden, für die dieser eitle „Poseur“ (Stevenson) ja bekannt war, den Militärs Vollmacht erteilte und somit letztlich pro Krieg entschied. Analoges gilt für Bethmann. Es gibt belege dafür, dass er letztlich seit jahren der Kriegspartei zugehörte (Schulte). Sein Verhalten mag man andererseits auch so deuten, dass er zunächst noch hinhaltend versucht hat, eine diplomatische Lösung zu suchen. Sei dem, wie dem sei: Auch Bethmann agierte im Deutungs- und Handlungsmuster „Weltpolitik“, auch Bethmann wollte einen Platz an der Sonne, und allerspätestens um die Jahreswende 13/14 war Bethmann auf Kriegskurs (Fritz Fischer).

Wien und Berlin haben den Fehdehandschuh geworfen, Wien und Berlin haben vorsätzlich und mit viel Täuschungsaufwand eskaliert, Wien und (vielleicht, das ist nicht sicher, mit einer kurzen Unterbrechung 28. – 30.7.) auch Berlin haben jede Vermittlung abgelehnt, und Wien und Berlin haben den Krieg erklärt und ihn sofort völkerrechtswidrig geführt (Bschießung Belgrads, Durchmarsch durch Belgien). Ein Krieg, dessen Urheberschaft sie mit erfundenen und zum Teil regelrecht skurrilen Tartarenmeldungen – Sender Gleiwitz funkte auf allen Wellen – ihren Gegnern unterjubeln wollten. Dies alles, nachdem die Falken in Wien (Conrad) und Berlin (Moltke, Falkenhayn, Waldersee) jahrelang erklärt haben, Krieg müsse sein. Dies alles, nachdem – ganz dem Moltke-Vorschlag vom 8. Dezember 1912 entsprechend, man müsse den Krieg populär machen – auch öffentlich auf Krieg gedrängt wurde. Dies alles, nachdem Moltke im Frühjahr 1914, also vor Sarajewo, sich erst mit Conrad auf baldige Kiegsauslösung verständigte und dann Staatsekretär Jagow erklärte, nun solle sich die zivile Reichsleitung aber mal daran machen, den Krieg herbeizuführen. Dies alles, nachdem Waldersee 12 Tage vor Sarajewo erklärte, ab sofort bitte keine schriftlichen Berichte mehr. Dies alles, nachdem von Stumm dem Journalisten Zimmermann 2 Tage vor Sarajewo erklärt hat, er möge in Wien klarstellen, in Berlin stehe man auch von seiten der zivilen Reichsleitung einem von den Militärs eh seit längerem geforderten Präventivkrieg nicht mehr ablehnend gegenüber. Dass Aggressoren ihre Angriffskriege immer als präventiv bemänteln, dass das offensive Begehren sich immer defensiv tarnt, ist an old hat, eine durchsichtig motivierte Zwecklüge, und die Geschichtswissenschaft sollte ihr nicht auf dem Leim gehen.

Der 231 Versailles trifft schlicht zu. Es war ein Unglück für Deutschland und vor allem – wenn Deutschland sich selber schadet, kann das ja noch egal sein – für die übrige Welt, dass nach dem selbstverschuldeten Desaster bis hin zur SPD kaum jemand den Mut hatte, die Verhältnisse klarzustellen und die wirklich Verantwortlichen mit Namen und Vornamen zu benennen – nämlich die Falken innerhalb der militärischen und auch zivilen Leitung – und sich damit der schäbigen, vergiftenden Dolchstoßlegende wehrlos ergaben…jener Dolchstoßlegende, die durch eben jene Verantwortlichen lanciert wurde.

Ritter, Erdmann und Zechlin haben, denn ganz waren die Fakten ja nicht zu bestreiten, immerhin noch in der einen oder anderen Form einen deutschen Eventualvorsatz eingeräumt. Damit waren sie wenigstens halbwegs in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Mommsen, und je genauer ich es betrachte, desto eher sehe ich darin einen Forschungsrückschritt, hat sich fast ganz auf strukturelle Momente zurückgezogen und behauptete eine gleichsam strukturelle Unvermeidlichkeit des Krieges – wegen des Rüstungswettlaufs und der vielbeschworenen, aber falschen „Versäulung“ des Bündnissystems. Er hätte Hannah Arendt genauer lesen sollen: Strukturen hin, Strukturen her – sie sind wichtig, weil sie den Rahmen bieten, in dem überhaupt gehandelt werden kann -…es sind unaufhebbar die Akteure, die handeln. Niemand zwang Österreich-Ungarn und Deutschland, per abgezirkeltem Spiel, mit Blankoscheck und vorsätzlich unannehmbarem Ultimatum, eine Krise herbeizuprovozieren. Und niemand zwang sie, den Krieg zu erklären.

Inzwischen sind wir weiter. Inzwischen hat das Entschuldungskommando schamlos die deutsche Propagandalüge von der russischen Verantwortung rehabilitiert – wobei ihr lautstärkster Vertreter, Herfried Münkler, auch vor überaus skurrilen Realitätsverdrehungen nicht zurückschreckt. Russland hat also Deutschland den Krieg erklärt, die Internationale hat sich – „mehrfach“, wie lustigerweise präzisiert wird – auf den Generalstreik bei drohender Kriegsgefahr verständigt, und der alldeutsche Verband (dessen Agenda-Setting in seinen verheerenden Auswirkungen von keinem ernstzunehmenden Forscher bestritten wird, vergl zB die Theodor-Wolff-Tagebücher) war also eine kleine Truppe einflußloser Radaubrüder. Schlimmer noch als diese deplorable Leistungsbilanz eines „Qualitäts“wissenschaftlers (wie war das noch mit dem Proseminarschein?), der offenbar nicht einmal auf der Wikipedia-Faktenebene up to date ist, sind seine versteckten Unaufrichtigkeiten. In seinem masterpice p. 101 lesen wir erstaunt, wenn man nur Österreich-Ungarn militärische Genugtuung erlaubt hätte und dann in einer internationalen Konferenz etcetc…aber auf nichts anderes lief der Halt-in-Belgrad-Vorschlag ja hinaus! Und? Wer hat den noch gleich abgelehnt? Besonders absurd ist es, ganz auf der offiziellen Weimar-Linie, der russischen Mobilmachung die Verantwortung zuzuschreiben – es war ja genau diese Mobilmachung, die „abgetestet“ (Krumeich), die herbeiprovoziert werden sollte.

Wär ja alles egal! Hätte mich nicht sonderlich interessiert. Dass dann für die nächste Generation die deutschen Schulbücher auch wieder ‚verseucht‘ wären, es vermutlich sind…geschenkt. Es ist 100 Jahre her. Aber es strahlt aus. Neitzel (sozusagen Münklers Riezler) lallt etwas von Eigeninteressen bei „humanitären“ Einsätzen (er meint wohl die Bürde des weißen Mannes, also imperiales Vorgehen), die es zu wahren gälte, nur der „Schuldstolz“ hinderte uns… Nebenbei: Was würde medial eigentlich passieren, wenn ein Linksparteipolitiker faselte, es sei der deutsche „Schuldstolz“, der uns daran hinderte, Israels Politik zu kritisieren?

Gar nichts, bis jetzt, habe ich zu Christopher Clark gesagt. Hier meine 20 Cent: Es ist natürlich richtig, alle Mächte in den Blick zu nehmen. Was Clark über Serbiens Rolle notiert hat, ist zweifellos interessant. Indessen: Seine Suggestion, Pasic habe Anteile am Attentat, Belgrad sei irgendwie involviert gewesen, wurde vorab zB von David Stevenson widerlegt: Pasic war Apis größter Gegenspieler (durchaus denkbar, dass Apis das Attentat auch aus innenpolitischen Gründen forciert hat). Ferner: Seine Suggestion, Deutschland habe ja auch erst am 22. (also immer noch früher als der eigentliche Empfänger, hf!) vom Ultimatumstext erfahren, soll wohl zumindest andeutungsweise belegen, es habe Machinationen gegen die Mittelmächte gegeben, während die sich misstrauten… Auch, wenn wir nicht wissen, inwieweit die Triple-Entente schon vor dem 23. grundsätzlich vom Inhalt des kuk-Ultimatus an Belgrad informiert war: es ist zweifellos wahrscheinlich, zT auch deswegen, weil einige geplaudert haben, zB Flotow, dass man andeutungsweise informiert war! Indessen: Selbst der für gewöhnlich recht gut informierte französische Geheimdienst war sich über den Zeitplan völlig im Unklaren! Die gingen von einer Aktion in 3, 4 Monaten aus. (siehe Mombauer) Aber sei dem wie dem sei: dass Berlin von Wiens Plan – vorsätzlich unanehmbares Ultimatum stellen, um Kriegsgrund zu haben – allerspätestens seit dem 09.07. jederzeit informiert war und dieses Vorgehen auch billigte, steht fest. Bethmann hat später übrigens, durchaus glaubwürdig, gesagt, er habe den genauen Wortlaut nicht vorher wissen wollen, da er ansonsten auf den Mißerfolg festgenagelt worden wäre – eine bezeichnende Selbstauskunft. Die einzige Kritik Berlins an Wien war denn bekanntlich auch die, dass Wien nicht so recht zu Potte käme. Und weiter: Die deutschen Stellen haben per Störfunken seit dem 23. 7. dafür gesorgt, dass Poincare auf seiner Heimfahrt aus St. Petersburg von aller Kommunikation abgeschnitten war. Auch dies ist seit Jahrzehnten bekannt. In Clarks Buch, das angeblich den neuesten Forschungsstand repräsentiert und das dem Poincare-Besuch sehr viele Seiten widmet, lese ich davon nichts (oder habe ich es überlesen? Aber man komme mir jetzt nicht mit irgend einer Fußnote…). Darf ich mir erlauben, einem Forschungsbericht, der all diese Punkte nicht angemeßen reflektiert, mit einem gesunden Mißtrauen entgegen zu treten?

231 Versailles ist zutreffend. Natürlich ist er – Frankreich, England, USA, Italien etcetc waren imperial nicht weniger aktiv – zugleich verlogen. Aber diese zweifellose Verlogenheit ist für die Bewertung seines Wahrheitsgehalts irrelevant.

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Kommentare

  • KL  On September 23, 2014 at 10:34

    Gründlich, umfassend, klar. Danke für die ganze solide Arbeit.

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