Münkler paukt Geschichte ein (notwendiges edit)

Italien galt seit dem Lybienkrieg von 1911 als ein ausgesprochen unsicherer Partner, und auch auf die Bündnistreue Rumäniens, des geheimen Vierten im Dreibund, meinten die Verantwortlichen in Berlin und Wien sich nicht verlassen zu können. Dementsprechend bezogen sie die Regierungen beider Länder in den Wochen nach dem Attentat weder in die politischen Konsultationen ein noch informierten sie diese über ihr weiteres Vorgehen. Die Führung in Rom hat dies zum Anlaß genommen, die Kriegserklärung Russlands an Deutschland und Österreich-Ungarn nicht als Bündnisfall zu betrachten, wozu sie eigentlich verpflichtet gewesen wäre. (Münkler, Herfried, Der grosse Krieg, Berlin 2013, p. 36-37)

Das ist kein bloßer Lapsus, wie damals Sinn mit brutto-nettoImport-Export. Das findet sich an einer argumentativ durchaus wichtigen Stelle des Buchs, eines Buchs, das die Rezensenten, auch die vom Fach, loben und hochleben lassen. Das ist das Niveau einer Debatte, in der die Sehnsucht nach Entschuldung mit allen Händen greifbar ist – mit Versailles im Hinterkopf natürlich, denn wenn ohne Versailles kein Hitler (was in gewisser Weise sogar stimmt, zumindest einiges für sich hat), dann… Es ist unfassbar kläglich.

edit: Siehe den Kommentarteil. Einige scheinen es nicht zu wissen, was ich jetzt nicht böse meine (ich, zB, weiß wenig über höhere Mathematik, und danke jeder/jedem, die/der mir da auf die Sprünge hilft): Also nochmal, ganz langsam: Natürlich hat das kaiserliche Deutschland den betreffenden Mächten den Krieg erklärt, nicht umgekehrt. Münkler wird sich für diese finale Blamage mit Sicherheit auf einen Lektoratsfehler hinausreden. (Wer schreibt das Buch? Autoren oder Lektoren?) Wie sich die Hymniker rausreden weiß ich nicht und ahne ich nicht…und es interessiert mich auch nicht. Auf genau diesem Niveau wird derzeit in Deutschland diskutiert. Auf Münkler-Niveau, also auf Nicht-Niveau.

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Kommentare

  • KL  On September 4, 2014 at 22:21

    Ich bin ohne weiteres bereit, den martialischen Denker Münkler kritisch zu sehen – aber hier fehlt mir wohl Kontext: ich kann das Ungebührliche der Darstellung nicht sehen …

    • hf99  On September 4, 2014 at 22:47

      Ähem: Deutschland/ÖU haben Russland und Frankreich den Krieg erklärt, nicht umgekehrt.

      Peinlich… (edit: Für ihn, nicht für Dich; nicht jede/r kann alles wissen…)

      • Hagnum  On September 5, 2014 at 10:15

        Moinsen,

        in seinem nächsten Werk wird er möglicherweise darlegen, wie Russland nach dem Ukraine-Präludium der Nato den Krieg erklärt hat.

        Professor Unsinn hatte glaube ich damals Import und Export durcheinandergewürfelt.

        Ich entsinne mich,wie der damalige Fraktionsvorturner der SPD,Rennrad-Rudi Scharping, bei den Renten Brutto und Netto verwechselte.

        Ich hoffe, mein Erinnerung trügt mich da nicht.

        lg
        Hagnum

        • genova68  On September 5, 2014 at 20:03

          Sinn hat seinerzeit behauptet, die in Exportwaren innewohnenden Importteile (also beispielsweise ein Ingostädter Audi, in den Getriebe aus Ungarn eingebaut werden) würden in der deutschen Außenhandelsbilanz nicht vorkommen, Deutschland sei also gar nicht so exportstark. Er wurde von VWL-Studenten im ersten Semester korrigiert.

          Abgesehen davon: „Sehnsucht nach Entschuldung“ trifft es ganz gut.

      • KL  On September 11, 2014 at 23:36

        Oh. Ich hatte immer angenommen, daß Rußland förmlich gegenerklärt hatte (und nie geprüft). Aber das war wohl doch etwas weltfremd.

  • summacumlaudeblog  On September 5, 2014 at 18:57

    Aus dem Tagebuch eines Prager Juristen:
    „2.August Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt – Nachmittag Schwimmschule.“

    Tja Hernfried, einfach mal Kafka lesen.

  • Wolfgang  On September 8, 2014 at 11:18

    Heute gibt es einen Schönen Text zu alledem in der Jungen Welt. Mit Bild: Gauck, Clark, Münkler. Da weis ich doch alles.

    • hf99  On September 8, 2014 at 13:08

      siehe hier http://www.jungewelt.de/2014/09-08/019.php (ausdrucken bitte, da leider immer nur wenige tage Online), gute Zusammenfassung der Geschichte der Riezler-TBs.
      Ijmmer im Hinterkopf behalten, worum es eigentlich geht: Österreich hatte Serbien als Staat angegriffen unter dem Vorwand, sie hätten Terroristen unterstützt. Genau dieser Interventionismus soll offenbar re-legitimiert werden, er ist hochaktuell – und das scheint mir das tiefste Motiv jener Geschichtsumdeutung zu sein. Dass Deutschland dann außerdem noch zur Unschuld mutiert und also wieder ganz unbefangen drauflosmarschieren kann ist ein mehr als angenehmer Nebeneffekt (beim Publikum ist das Entschuldungsbedürfnis natürlich das Hauptmotiv). Es ist ganz ganz ekelhaft. Otto Köhler hätte allerdings gut daran getan, auch Bernd Schulte zu erwähnen, der in der Riezler-Debatte entscheidendes geschrieben hat.

      Schulte hier: http://www.forumfilm-blog.de/tag/bernd-f-schulte/

      • Dr.bernd Schulte  On September 23, 2014 at 16:11

        Recht so. Köhler hat dasselbe 1983 in „konkret“ geschrieben, der ich meine Ergebnisse zu dem Buch „Die Verfälschung der Riezler Tagebücher. Ein Beiträg zur Wissenschaftsgeschichte der 50iger und 60iger Jahre (1985)“ vorab zur Verfügung stellte. Schon damals fielen Redaktion(Gremliza/Bissinger) und K. dadurch auf, dass diese sich um die Arbeit des anderen wenig kümmerten. Dennoch ist es wesentlich, dass der Approach K.’s noch einmal (und ergänzt, aber nicht um meine Ergebnisse /www.forumfilm.de) geboten wird, denn es trifft zu, dass Clark und Münkler in die lange Reihe derer gehören, die sich in deutscher Apologie profilieren.

        • hf99  On September 23, 2014 at 19:28

          Der große Bernd Schulte in meinem Blog…it made my day! Herzliche Grüße. Ich lese gerade Ihr Buch „Das deutsche Reich von 1914“, ihr Buch „Der Abstieg eines Kriegerstaates“ ist bestellt…Ihre 85er Schrift über Riezler kenne ich natürlich.Tun Sie mir aber die Liebe und lesen Sie meine Beiträge zur Julikrise nicht…ich habe mich dem Thema im learning by doing genähert; Sie würden zT einfach nur ins Kichern geraten. Ich habe, als ich mich dem Thema näherte, gewusst, dass es schlimm war. ich habe nicht gewusst, dass es SO schlimm war. Wird Zeit, dass die Geschichtswissenschaft intentionale Handlungsmodelle rehabilitiert. Kriege entstehen, wenn und weil jemand Krieg führen WILL – und Gelegenheit und Macht dazu hat. Die maßgeblichen deutschen Akteure wollten schlicht – und sie hatten die Macht und die Gelegenheit.

          Unklar bleibt mir nur noch die Rolle Bethmanns. Seine vehementen Äußerungen gegen die Alldeutschen (Theodor Wolff gegenüber) passen nicht zu seinem Annexionismus. Wollte er den liberalen Journalisten Wolff (um dessen Haltung er natürlich wusste) einfach nur einwickeln? Oder war er sich für die Alldeutschen wirklich zu fein? Oder Jekyyl-and-Hyde-Problem?

          • Dr.bernd Schulte  On September 24, 2014 at 17:51

            Danke für die Blumen. Das umso mehr, als sich junge deutsche Historiker die Bahnsteigkarte zur Karriere, durch den Verriß eines meiner Bücher, erkauften. Das Buch zu 1914 ist eine Notgeburt, weil ich durch einen Schicksalsschlag nicht in der Lage war, detailliert zu lektorieren!-

            Jetzt versuche ich wieder den Faden aufzunehmen… Bethmann ist mir auch unklar. Er war ein großer Exporateur.(s.u.)… Deshalb habe ich mich ein paar Monate im Geheimen Staatsarchiv in Berlin mit dem Thema eines deutsch-englischen Bündnisses um 1853 beschäftigt. Ein Thema, das mir 1983 die konservativen Adepten Fischers in Hamburger Hochschulen aus der Hand schlugen. Ihre Sicht unterstütze ich voll. Zu den Dingen ließe sich viel Interessantes sagen.

            Schauen und verfolgen Sie doch bitte einmal:
            http://www.freiewelt.net/1854-1914-2014-2-10037600/
            http://www.freiewelt.net/1854-1914-2014-10037597/
            http://www.forumfilm-blog.de/2014/09/19/bernd-f-schulte-reluctant-germany-prussia-between-western-and-ostoption-1854-1914-2014/
            (und sagen Sie mir Ihre Gedanken).

            • hf99  On September 26, 2014 at 00:48

              a) Zum Krimkrieg muss ich passen

              b) Putin: sehe ich auch so. Muss ins diplomatische Boot geholt werden. Man muss ihn ja nicht lieben.

              c) Schöne Zusammenfassung der Entwicklung insbesondere 12-14. Hier mal ein paar Spekulationen eines Laien.

              Zur Frage kaiser Wilhelm – welchen Einfluß hatte er? Verfassungsrechtlich natürlich letztlich den entscheidenden. Ich bin deswegen ein bißchen gegen die These vom schwachen Kaiser, genauer gesagt: Natürlich war Wilhelm schwach, sprunghaft, etc, natürlich war das wilhelminische Reich auch ein Hort des Byzantinismus, aber man sollte seinen Einfluß nicht ganz unterschätzen. Da ist auch ein klitzekleiner Röhlianer in mir. Letztlich entsprach die Politik schon dem, was er wollte. Auch, wenn er verschiedenen Einflüßen ausgesetzt war und sich mal so, mal so äußerte.

              Elementar: Es ging beim Streit England-Konzept versus Russland-Konzept lediglich um sachliche Differenzen innerhalb des Handlungsmusters Weltpolitik – DASS Weltpolitik betrieben werden müsse, davon gingen beide Seiten aus. Der Ansatz „Weltpolitik“ ist nie ernsthaft in Frage gestellt worden innerhalb der Machtelite.

              Bethmann: Krieg „ja“ spätestens seit Januar 14, das hat er Wolff gegenüber ja selber zugegeben (natürlich wieder mit dem Deutungsmuster Krieg als präventive Abwehr…da dachte Bethmann vermutlich bereits an die Akten). Die apologetische Geschichtsschreibung sagt ja, sinngemäß: Es gäbe keinen Beleg dafür, dass man ab Nov/Dez 12 systematisch auf Krieg zugesteuert habe (Mommsen, Gebhardt 10te). Erstens gibt es dafür nicht einen Beleg, sondern aberdutzende, bis hin zu der steigenden Zahl von Militärkonzerten, um den Krieg entsprechend Moltkes Forderung populär zu machen (wird von Golo Mann in seinen Erinnerungen erwähnt). Zweitens: So ein Entschluß fällt eine Machtelite natürlich nicht ausderlamäng. So ein Entschluß ist gleichsam schleichend, tastend, die Zweifler müssen mitgenommen werden. Nur der kleine Fritz und das allerkleine Fritzchen glauben, dass ein Angriffskrieg sozusagen in einem Augenblick beschlossen und verkündt‘ wird. So stellt sich das jedoch nicht dar in der Geschichte; resp., so stellte sich das bis dato nur einmal dar: Am 2. Februar 1933 an Bord der „Schleswig-Holstein“*… Ansonsten aber muss die zweite Charge mitgenommen werden, muss vorbereitet werden, muss in einer auf öffentliche Zustimmung angewiesene Gesellschaft – und das war das Kaiserreich zweifellos – die Öffentlichkeit mitgenommen werden, müssen unterschiedliche Konzepte harmonisiert werden (das gelang im kaiserlichen Deutschland, wie Sie sehr schön darstellen, ganz und gar nicht – der Krach Tirpitz/Bethmann beherrschte die Szenerie noch im Kriege, etwa, als über Sonderfrieden nachgedacht wurde – wem einen Sonderfrieden anbieten?) etcetc. Ich – ist jetzt pure Intuition/Spekulation – sehe Bethmann so: Einerseits kriegsbereit seit eh. (Ansonsten hätte er seinen Abschied erbitten müssen. Der Mann war nicht dumm; ihm war klar, worauf das alles hinauslaufen könnte, vermutlich hinauslaufen wird.) Und er war denn ja auch der Kriegskanzler und hat den Krieg mit ausgelöst. Ihn als Pazifisten zu sehen, der den Krieg innerlich nicht gewollt habe, das ist nun wirklich hemmungslos realitätsfremd. Andererseits gibt es Momente, wo er inne zu halten scheint. Siehe sein Protest gegen die These, ein Krieg würde Deutschland auch innerlich auf Vordermann bringen. Siehe seine Gespräche mit Wolff (okay, als Politiker musste er sich dem liberalen Gesprächspartner anpassen…dennoch). Vor allem: Seine Weltbrandtelegramme. Seine erste „Vermittlung“ am 28. war eine Scheinvermittlung. Das scheint mir unstreitig. Aber seine zweite Vermittlung vom 30. scheint mir ansatzweise ernst gemeint zu sein, wobei er sich auch da die Option „Tu ich nur aus innen- wie außenpolitischen Gründen, St. Petersburg muss den schwarzen Peter haben“ offen hielt. Und diese Option denn ja auch zog. Vielleicht war er wirklich kurz davon überzeugt, dss er England zumindest für einige entscheidende Wochen raushalten könne, und war – dies würde Fritz Fischer sogar in diesem Punkt rehabilitieren – kurzzeitig entsetzt, als er feststellen musste, dem sei nicht so. Nun, vielleicht. Ich bleibe dabei: Die englische Neutralität wäre 1914 nice to have, sogar very nice to have, aber von ihr hing es nicht ab; man wollte nunmehr losschlagen, auch Bethmann wollte. Und man tat es dann ja auch. (Das Apologetengefasel, Grey hätte nur klar sagen müssen, wie England entscheide, vergeht vor diesem Faktum: Grey hat es, erstens, sowieso seit spätestens 1912 klar gesagt, und zweitens hat Bethmann, nachdem nunmehr Greys finale Antwort eintrudelte, nicht etwa die Vermittlung verstärkt – bei entsprechendem Druck auf Wien hätte Wien kuschen müssen -, sondern die Vermittlung vorsätzlich abgebrochen!) Nebenbei, aber da trag ich nun wirklich Eulen nach Athen: Es ist mehr als bezeichnend, dass die (mit Sicherheit manipulierten) Riezler-TBs ausgemacht am 27. abbrechen. Dass Riezler für seine kurzen Notizen ausgemacht ab 28. bis zum 15.09. partout keine Zeit mehr gefunden haben will, kann er – von allen sonstigen stringenten philologischen Argumenten abgesehen, die vor allem Sie entwickelt haben – sonstwem erzählen, aber nicht mir. Der hat weitergeschrieben, in diesen geschichtsträchtigen Tagen, und sei es in Stichworten. You better believe it. Erdmann und Konsorten wussten das auch. Mein Magen revoltiert, wen ich an die berühmteste Fußnote der deutschen Geschichtswissenschaft denke (hiermit sei der Fischer-Deutung der Boden entzogen…).

              * Hier nochmals meine seit Jahren/Jahrzehnten vertretene These: Das sog. 3te Reich war derart extrem, dass es als Analogie-Beispiel im Bereich des Politischen („Der ist ein neuer Hitler“) nur selten taugt. Hitlers Entschluß zum Krieg stand fest. Nicht 1937 (Hoßbach), sondern 1933. Aber selbst Hitler musste danach innen- wie außenpolitische Rücksichten nehmen, sprach die ja 1933 auch deutlich an.

  • Wolfgang  On September 8, 2014 at 17:37

    Otto Köhler schreibt ja morgen weiter.

  • Bernd Schulte  On Oktober 9, 2014 at 15:15

    Ja, es geht um den Kriegsentschluß. und der stand zwischen 1850 und 1914 ständig an. Das hat nichts mit Gut und Böse zu tun, denn das ist (war) das Geschäft der Staatenlenker. Ob nun gegen Frankreich (1875 erneut), gegen Österreich noch einmal oder dann gegen Rußland, das sich mit Frankreich verbündete, oder – mit Flottenbau und Weltmachtstreben – gegen Frankreich/England (USA). Schließlich ging es mit dem Ausfall Rußlands, kurzzeitg um ein erneutes (Seziermesserhaftes) Niederschlagen Frankreichs 1905; und 1911 nicht gegen Paris, sondern in Wahrheit bereits gegen England. Das wurde dann, in apologethischer Tradition, Kiderlen angelastet.

    Mit der immer kürzeren Kadenz der Krisen seit Oktober 1912, und dem Zerfall des Flottenplanes, rückt dann Rußland zunehmend in das Zeitfenster der Politik und des Militärs. Die Flotte bremst, der Generalstab drängt, der Politiker zögert. Später wird behauptet, Moltke habe den Sieg in Aussicht gestellt – so der Krieg zeitig ausgelöst würde. Es ging um die Erwartung, bis wann Rußland kriegsbereit wäre. Das war jedoch erst 1918. Das Militär drängte wohl auch aus rüstungspolitisch-taktischen Gründen aufs Tempo. Und Bethmann stimmt am 25.11.1912 zu. Hält aber gleichzeitig die Österreicher zurück(Springe).

    Schließlich stand der Kanzler, unter dem Druck der Klammer Paris-Petersburg (Finanzbündnis) und der russischen wirtschaftlichen Expansion (Baltischport 1912) vor der Entscheidung, Österreich vor dem Zusammenbruch zu bewahren, was sehr viel Geld kosten würde, und wenn nicht, dem Entente-System allein gegenüber zu treten. Schließlich hatte England 1853 deliberately beschlossen, die russische Macht zu beschneiden, um Europa von diesem Druck auf Dauer zu entlasten… Ein Angriff der West- und Ostmächte war demnach nicht ausgeschlossen.

    Kam Bethmann Hollweg dem nicht zuvor, war der Abschied des deutschen Reiches als Weltmachtaspirant Geschichte (so BH 1919 vor dem RT). England auf Deutschland zuzwingen, Rußland – durch die Entrevue von Potsdam – aus dem Ententeblock herauslösen, all das bildeten Varianten des diplomatischen Spiels zwischen Drohung und Umwerben, die es erlaubten, den erwarteten großen Krieg, in Form lokalisierter Konflikte, aufzuspalten (Sprengungsversuche /“Will der Zar nicht und rät das bestürzte Frankreich zum Frieden“), um, wenn Österreich mitzog (der Anlaß lag 1914 dort), den entscheidenden Schritt, nämlich des größeren Risikos, zu vollziehen.

    Vor 1914 wurde England in Watte gepackt (1912 Balkan, Gespräche über Mittelafrika und Bagdadbahn/Kuwait). Doch gleichzeitig wurde der irische Aufstand geschürt. Alles, damit England auf dem Kontinent zu spät erscheine. Eben Kabiettkriegartig. Was hinter diesen Vorkriegs-Überlegungen hinsichtlich Englands steckte, zeigt sich mit den Kriegsziel-Erörterungen ab dem August 1914, als es im Gr.H.Q. darum ging, zunächst die Erwartungen von Armee und Flotte zu vereinbaren. Tirpitz will die Flotte einsetzen (um dabei zu sein), Bethmann weist darauf hin, dass mit der (erbeuteten) französischen Marine, der Krieg mit England aussichtsreicher zu gestalten wäre (vgl. Tgb. Wenninger). Augenscheinlich aber hatten Industrielle, Wirtschaftsverbände und Wissenschaft bereits recht konkrete Vorstellungen, wie das neue Europa unter deutscher Führung auszusehen habe. Für das charmante darüber Hinweghuschen, wie harsch die Enteignung von Rohstoffen und Produktionsmitteln in den geschlagenen Nachbarstaaten ausfallen werde, waren Riezler und Bethmann vorbereitet. Bildete doch der Durchbruch zur Weltmacht das erklärte Ziel. – Und das nicht erst 1914.

    • summacumlaudeblog  On Oktober 10, 2014 at 09:36

      Einige Fragen eines Laien an Bernd Schulte: 1918 nach vier Jahren Krieg, nach den Erfahrungen, die man machen mußte, nach dem Umschwenken auf die Deffensive 1916/17 an der Westfront, dem Austausch der obersten Heeresleitung; v.a. nach den taktischen Erfahrungen auf dem Schlachtfeld – wie kann es da dann noch zum Unternehmen Michael kommen? Diese Frühjahrsoffensive der Deutschen 1918 und der uneingeschränkt erklärte U-Boot-Krieg vom Jahr zuvor dokumentiert doch eigentlich, dass man an den phantastischen, beinahe muß man sagen den halluzinierten Kriegszielen noch immer festhielt, obwohl doch längst im Angesicht des Kriegsverlaufs eine kräftige Revision dieser Ziele hätte stattfinden müssen. Vielleicht nicht auf Seiten des Militärs (berauscht vom Sieg gegen ein überschätztes russisches Heer), aber doch auf jeden Fall auf Seiten der Politik und der wirtschaftlichen Elite (die ja die „Zahlen“ kannte; das Volk kannte die Hungerwinter). Aber der gesellschaftliche Kredit des Militärs war offenbar unbegrenzt. Und so wurde der Krieg weiter „auf Sieg“ geführt, obwohl es dafür keine reale Grundlage mehr gab, erst Recht nicht nach dem Eintritt der USA. Platte Frage: Warum? Wo waren die Gegenstimmen? Kam die Revolution einfach zu spät oder konnte sie erst nach dem Scheitern der deutschen Offensive kommen? Hat man „im Volk“ Frühjahr 1918 auch noch an den Sieg geglaubt?
      Wie wäre es ohne Michael weiter gegangen? Auch die Franzosen waren ja kriegsmüde. Ohne Michael ein Erschöpfungsfrieden? Und ohne Michael evtl. keine Dolchstoßlegende? Und kein Zuschustern der Verantwortung für die Niederlage an die Politik? das sind so Fragen…

      • Dr. Bernd F. Schulte  On Oktober 13, 2014 at 14:42

        Gern versuche ich eine Antwort, aber leider bin ich kein Lexikon, auch kein Partner für Annahmen, Spekulationen oder persönliche Ansichten.

        Es gibt zu den Fragen des Ersten Weltkrieges den Versuch Gerhard Ritters, das gesamte Phänomen in die preußisch-deutsche Geschichte seit 1740 einzuordnen (1960-68). Doch wurde im Verlauf der Darstellung von Staatskunst & Kriegshandwerk der Akzent auf Ludendorff gesetzt, der den „guten“ Politiker Bethmann Hollweg überwand und einseitig militärischer (quasi als Vorläufer Hitlers) Politik zum Siege verhalf. Darin ist wohl auch ein Reflex der Grundlinie preußisch-deutscher Militär- und Diplomatie-Geschichte zu sehen (Vgl. die Diskussion zwischen Moltke und Bismarck vor Paris 1870). Das politisch-strategische Problem der Nach-Marne-Phase bestand bereits vor 1914 und wurde durch die neue politische Linie Bülow-Schlieffen-Tirpitz von der anti-Ost-Strategie Moltke-Waldersee (Festland-orientiert) in eine anti-West-Formation umdirigiert, die bestimmt war durch den inaugurierten Kampf mit England um die Weltmachtstellung. Das Problem Bethmann Hollwegs bildete eher ein Beibehalten beider Ziele; unter dem verschärften Akzent gegen Rußland seit 1912 (das Vermächtnis M.A.v. Bethmann Hollwegs und der Wochenbatt-Partei 1852-55). Falkenhayn hielt (zu lange) an der anti-West-Option des jüngeren Moltke fest. Ludendorff glaubte (wie Schlieffen und der jüngere Moltke) 1915 noch nicht an einen Sieg über Rußland. Mit dessen Erfolgen im Osten verschob sich dann – erneut unter Bethmann Hollweg – die Zielprojektion gegen Rußland; mit der Möglichkeit (falls die Insurrektion Rußlands gelänge) durch eine Verlagerung der Kräfte nach Westen und damit dem entscheidenden Durchbruch auf Paris oder später Péronne-Calais (revolutionär verursachter Zusammenbruch Rußland’s /Riezler-Lenin/ vgl. Bismarcks Pläne mit den Ungarn 1866). Der Führer einer MG-Kompanie in der 1. großen Offensive im Juli 1918 schilderte mir seine Eindrücke: „Als nach wenigen Kilometern Geländegewinn der Angriff südlich Reims stockte, war mir klar, dass der Krieg verloren war“.

        Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott. Nun, jede Generation formt sich ihr Geschichtsbild. So haben sich zum Ersten Weltkrieg die Akzente durch Fischer verschoben (1958/61). W.J. Mommsen hat versucht, mit seiner Schule ein konservativ-restauratives Geschichtsbild (bezogen auf die Tradition der deutschen Außenpolitik bis heute) gegen Fischer etc. zu stellen. Bei ihm entstand die Biographie zu Gerhard Ritter (Cornelissen). Dieser Forschungsansatz wird in Deutschland im Augenblick weiterverfolgt. Hat doch das Militär keine zentrale Bedeutung mehr (wie könnte die Bw sonst in 20 Jahren derart verfallen?). So werden dem Sündenbock „Militarist“ die Sünden aufgeladen und dieser in die Wüste gejagt – um eine positive Tradition der deutschen Politik zu erhalten (wieder aufzurichten?/vgl. die Feier zum 100 jährigen Jubiläum des Auswärtigen Amtes vor einigen Jahren und Prof.Dr.Blasius/FAZ Interpretation der Verantwortlichkeit des Generalstabes im Juli 1914).

        vgl. http://www.forumfilm.com
        http://www.forumfilm.eu

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