Winkler über die Clark-Debatte

Ich bin, ganz offen, jetzt doch einfach mal nur froh über Winklers Erwiderung auf die Clark-Kontroverse. Meine Güte, war das schlimm. Ich habe auch gegen Winklers Sicht noch Einwände – aber in der Substanz ist es gut, dass der primus inter pares der deutschen Geschichtswissenschaftler sich so eindeutig äußert. Dass ausgemacht zur Einhundertjahr-Trauerfeier dieser klägliche, realitäts- und quellenfreie Revisionismus billig Triumphe feierte, widert mich an. Ein Beispiel nur: Weder in Clarks noch in Münklers noch (leider, leider) in Krumeichs Werk zum „Jubiläum“ wird der Schweizer Historiker Adolf Gasser auch nur im Literaturteil erwähnt. Man muss ja Gassers Monographien nicht kritiklos mitmachen. Aber man muss ihn doch reflektieren. Ich persönlich bewundere insbesondere seine erste Monographie, die von 1968, in der er bei noch unsicherer Quellenlage allein aufgrund der Preisgabe des Aufmarschplans Ost eine Kriegsbereitschaft des deutschen Militärs für einen Hegemonialkrieg ab 1913 für 1914 – 1916 nachwies.

Übrigens: Der Poincare/Viviani-Besuch in St. Petersburg (vor Ausbruch der Krise verabredet) spielt in Clarks Buch bekanntlich eine große Rolle. Wie steht Clarks Buch eigentlich zu Folgendem:

a) Die deutsche Marine hat, das ist bekannt, Poincares Abfahrt errechnet und hat ihr Ergebnis Wien mitgeteilt, worauf Wien die Übergabe des Ultimatums um eine Stunde verzögerte, damit Poincare aber auch sicher in See sei. Soviel mal zu der Uninteressiertheit und Nicht-Beteiligung der Deutschen…

b) Die deutsche Marine hat durch sog. Störfunken dafür gesorgt, dass Poincare und Viviani bis zum 29. Juli nicht angemessen mit Paris kommunizieren konnten. (Poincare und Viviani waren mit den Dreadnought-Schlachtschiffen „France“ und „Jean Barth“ in St. Petersburg)

Ich soll doch hoffentlich nicht annehmen müssen, diese beiden unstreitigen Tatsachen seien in Clarks Buch (in welchem so gute Quellenstudien betrieben wurden wie noch nie!) gar nicht erwähnt.

Na, da mach ich mir gar keine Sorgen. Die vehement agierenden Clarkianer werden mir ganz gewiss innert weniger Stunden die Zitatnachweise bringen.

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Kommentare

  • chriwi  On September 3, 2014 at 09:44

    Mich erstaunen die ganzen Diskussionen. Clark hat einen gewissen neuen Blickwinkel auf die historischen Gegebenheiten aufgezeigt. Ich habe das Buch gelesen und fand es in bestimmten Bereichen zu einseitig. Interessant waren die Darstellungen wie Politik, insbesondere Außenpolitik, entsteht und das am Ende immer Menschen stehen und eben nicht das System.
    Warum in den Foren der Medien die Menschen sich persönlich bei der Schuldfrage angegriffen fühlen verstehe ich nicht. Das ist 100 Jahre her. Wir sollten doch versuchen es heute besser zu machen und nicht über die Vergangenheit jammern. Haben wir alle irgendeinen Nachteil in der Gegenwart, indem das Deutsche Reich 1914 eine wesentliche Schuld am Kriegsausbruch hatte? Was würde sich ändern wenn das Deutsche Reich schuldfrei wäre?

  • wolfgang  On September 3, 2014 at 10:14

    chriwi Es könnte keiner mehr Forderungen jedweder Art erheben? Nein? Oder geht es um mehr? Im bezug auf heute?

    • chriwi  On September 4, 2014 at 10:19

      Das ist genau das was ich mich frage. Statt zurückzublicken, sollten wir lieber heute versuchen eine Friedenspolitik zu verwirklichen; es besser zu machen.

  • Egge  On September 4, 2014 at 13:25

    Ich halte das Buch auch für etwas einseitig, aber trotzdem für das beste, welches zu dem Thema geschrieben wurde. Andere Bücher sind, je nach Nationalität oder politischer Ansicht des Autors, noch viel weniger ausgewogen.

    Ich finde es dementsprechend kein bißchen verwunderlich, daß das Buch außerhalb Deutschlands weniger euphorisch aufgenommen wurde. Wer möchte sich schon gerne erzählen lassen, er sei an der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts mitschuldig?

    Ich halte Winkler übrigens mitnichten für den primus inter pares. Das mag für Anhänger der SPD möglicherweise so aussehen, weil er Meinungen vertritt, die man selbst gerne hören möchte.

    • hf99  On September 4, 2014 at 15:44

      „Wer möchte sich schon gerne erzählen lassen, er sei an der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts mitschuldig?“ Und wer wäre das alles? Frankreich etwa? da warte ich auf eine konzise begründung.

  • wolfgang  On September 4, 2014 at 15:07

    Eine neue Friedenspolitik ist aber, und das zeigt die unglaubliche heutige Hysterie in der Medienlandschaft, und das nicht nur um die Ukraine, ohne das Zurückblicken einfach nicht denkbar und schon garnicht machbar. Da können noch so viele Bücher geschrieben und gelesen werden – wenn wir nicht fähig und auch nicht willens sind, anders als vor hundert Jahren mit uns umzugehen, im Gegenteil, versuchen Geschichte umzuschreiben und es auch nicht beim Versuch lassen, dann wird am Ende nüscht als Krieg rauskommen. Und Schuld, dies allerdings ist eine Erkenntnis aus der Geschichte, sind immer Die Anderen.

  • summacumlaudeblog  On September 4, 2014 at 16:14

    In der Tat, das „fishing for not guilty“ der neueren deutschen Geschichtsschreibung ist mit den Händen zu greifen. Ein Freispruch vor der Geschichte ist aber nicht durch die Fakten gedeckt (offen geführte Präventivkriegdiskussion verstärkt nach dem peinlichen „Panthersprung“, Fallenlassen deffensiverer Pläne, Schlieffenplan als einziges Konzept, Aufstellen eines Kriegsfahrplanes nach eigenen Aufrüstungsmaßnahmen, so etwa die marinekonforme Erweiterung des Nord-Ostsee-Kanales bis Mitte 1914, der berühmte „Blankoscheck“ – es sind willkürliche und unwiderlegbare Beispiele!), ergo: Einen Totalfreispruch für das Kaiserreich kann es also nicht geben, und er ist auch gar nicht notwendig, um heute als anständiges Gemeinschaftswesen zu leben. An diese Notwendigkeit glaubt nur eine neo-konservative Historikerclique.

    Dass diese Clique überdies hieraus Konzepte für die Zukunft entwickelt (noch vor Winkler hat ja Hartmut auf diesen komischen Weltartikel hingewiesen), muss allerdings beunruhigen.

  • genova68  On September 4, 2014 at 20:59

    Über den Winkler-Artikel in der Zeit war ich auch ganz froh.

    • hf99  On September 4, 2014 at 22:45

      Anbei Winkler (Winkler, H.A., De lange Weg nach Westen (1), Deutsche Geschichte 1806-1933, München 2000, zit. nach der text- und seitenidentischen Ausgabe der bpb, 2002) „Von einer Alleinschuld Detschlands am Ersten Weltkrieg läßt sich nicht sprechen, wohl aber von einer Hauptschuld. (…)
      …was immer andere Mächte anders hätten machen können: keine Großmacht hat während derJulikrise so konsequent auf eine Eskalation gesetzt wie Deutschland. Die Angst, die militärische Lage des Reiches werde sich in den kommenden Jahren verschlechtern, rechtfertigt es noch nicht, von einem „Präventivkrieg“ zu sprechen. Konkrete Absichten, einen Angriffskrieg gegen Deutschland zu führen, lagen im Sommer 1914 bei keiner Großmacht vor. Dem am Ende ausschlaggebenden Faktor in Deutschland, der militärischen Führung, ging es nicht nur um die Sicherung des Erreichten, sondern um mehr: die Vorherrschaft in Europa.“ (aaO, p. 332-333)

  • N. N.  On Juni 13, 2016 at 14:50

    Hat Winkler eigentlich auch die britischen, französischen und russischen Urkunden zur Vorgeschichte des 1. Weltkrieges eingesehen? Wenn nicht, warum?

    Aber der Mann ist ein Sozialdemokrat, also ein Antideutscher. Von daher ist seine Haltung klar. Linke sind immer Feinde der deutschen Nation, sie sind Ausländer in deutschen Körpern.

    • hf99  On Juni 13, 2016 at 14:56

      Hat er wohl. Ich jedenfalls habe. Einen kriegsrat a la Dezember 1912, wo die Militärs – unwidersprochen – beschließen, innerhalb der nächsten eineinhalb jahre einen krieg auszulösen, bis dahin müse man die idee eines krieges gegen Russland „volkstümlich“ machen, hat bis jetzt noch niemand gefunden. Eine Bitte wie die von Moltke an Jagow Mai 1914, diesen Sommer aber bitte nunmehr den Krieg auszulösen, ebenfalls nicht.

      Aber was helfen Fakten gegen Ideologie?

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