Julikrise – Zusammenfassung (1)

An dieser Stelle will ich mein vorläufiges Verständnis der Julikrise endlich aufdecken:

Dass Wien und Berlin die treibenden Kräfte waren, kann wirklich im Ernst nicht bestritten werden. Die entscheidenden Akten liegen eigentlich sogar seit der Kautsky-Publikation 1919 vor; Insider wie Lichnowsky, Muehlon, Theodor Wolff, Albert Ballin, Karl Liebknecht wussten schon während des Krieges Bescheid. Behauptungen, „alle“ seien gleich involviert, „alle“ hätten sich verzockt, entbehren jeder Grundlage. Wien wollte den lokalen Krieg, Berlin wollte ihn ebenso, aber am Besten noch mehr, und beide haben die Augen vor Weiterungen konsequent verschloßen. Oder, in Einzelfällen: Hatten sie offen und nahmen die Weiterungen in Kauf. Oder, in Einzelfällen: Nahmen die Weiterungen nicht nur in Kauf, sondern wollten sie sogar. Manche der Hauptakteure mögen in Einkreisungsparanoia aus einer subjektiv ehrlich empfundenen „Defensive“ agiert haben (Krieg kommt sowieso, dann besser jetzt, in einigen Jahren sind die Russen soweit etc). Andere mögen wirklich von der Weltmacht geträumt haben. Beides schließt sich übrigens gar nicht aus. Aber dass Wien und Berlin allein eskaliert haben, und jede Deeskalation der Entente abwiesen, ist unstreitig. Dafür ist die Aktenlage zu eindeutig. Für die Julikrise selber (Leuckert-Waldersee-Gespräch noch vor der Hoyos-Mission, hatten wir ja!), aber auch für die Zeit davor: Seit der zweiten Marokko-Krise geisterte der Topos vom auf lange Sicht sowieso unvermeidlichen Krieg durch die deutsche Machtelite…

Ich glaube nicht, dass Berlin in toto „lediglich“ (es wäre unverantwortlich genug!) einen Test auf die russische Kriegsbereitschaft unternahm und der Erste Weltkrieg somit „lediglich“ Ergebnis eines aus dem Ruder gelaufenen Brinkmanships wäre. (Krumeich-These)

Ich glaube aber ebenso wenig, dass in Berlin ein monolithisch agierender Block am Werk war, der seit Jahren aktiv nach der Weltmacht greifen wollte und einen ggfls sogar jahrelang vorbereiteten Krieg (fast) anlaßlos vom Zaune brach. (Fischer/Geiss/Röhl-These)

Ich glaube vielmehr: In Berlin agierten (vom einflußreichen Bürgertum a la Alldeutscher Verband/Flottenverein etc ideologisch seit Jahren massiv angefeuert) zumindest zwei Gruppen; mit allen Schattierungen: Die erste, repräsentiert von Bethmann: Pro Weltpolitik, aber bitte realistisch. Bethmann, das glaube ich ihm sogar, wollte einen diplomatischen Erfolg über die Entente, den Krieg wollte er nur als Platzierung, nicht als Sieg, nur als zweitbeste Lösung. Er hat, wie es David Stevenson sehr klug bemerkt, dabei allerdings sehr deutlich auf Sieg und Platz gewettet. Denn zumindest als Platzierung wollte er den Krieg dann allerdings auch haben, wenn der diplomatische Triumph nicht gelinge, weil ja dann, wenn Russland hart bliebe, Russlands Kriegsbereitschaft „erwiesen“ sei. Dann, so dachte sich Bethmann das wohl, hat Moltke also recht, und dann müssen „wir“ den Krieg besser jetzt führen als später. Dass Bethmann/Jagows Brinkmanship Russlands (und Frankreichs) sog. Kriegsbereitschaft überhaupt erst produziert haben könnte, ist ihnen im Lauf der Krise niemals in den Sinn gekommen.

Da aber in Berlin – auch wg unklarer Verfassungslage – das Militär unabhängig vom Kanzler mitregieren konnte, gab es in Berlin noch eine zweite, mindestens ebenso mächtige Gruppe; letztlich sogar mächtiger: das Militär. Und mit ihr die Kriegspartei, die, die Claß‘ Konzepten, gewollt oder ungewollt, politisch Geltung verschafften. Die wollten den Krieg zweifellos. Ein bloß diplomatisches Sprengen der Entente galt ihnen zT nicht einmal als immerhin gute Platzierung. Auch innerhalb der Kriegspartei gab es Differenzierungen, vom frisch-fröhlichen Wenninger, vom begeisterten Admiral von Müller bis zum Melancholiker Moltke – dem ich eine gewisse Tragik nicht einmal abspreche. Aber dass eine höchst aktive Kriegspartei in Berlin den Krieg herbeiprovoziert hat, sollte unstreitig sein. Beleg: das Torpedieren der einzigen vielleicht – wir wissen es nicht genau – wirklich Ernst gemeinten Bethmannschen Deeskalation am 30. Juli durch Moltke. (Meine Interpretation: Entweder war auch dieses bethmannsche Eingehen auf Vermittlungsvorschläge so, wie belegbar am 27. und 28., nur taktisch motiviert – Stichwort: Russland ins Unrecht setzen!- , oder Moltke hat ihn noch am 30. „umgedreht“, jedenfalls wurde auch dieser Versuch am 30. abends/nachts, wie wir sahen, wieder abgeblasen.)

Bei den Entente-Mächten sieht die Situation anders aus – und genau deswegen stiften die Beiträge Münklers, Neitzels und Clarks zur Debatte so viel Verwirrung. Die Entente war sich frühzeitig relativ einig, in dieser Krise fest zu bleiben. Man würde der kuk-Monarchie die ihr zustehende Genugtuung nicht verweigern, aber Österreich-Ungarn dürfe es nicht zu weit treiben. Man würde einen Krieg riskieren, wenn sich die Mittelmächte aggressiv zeigen und unter dem erlauchten Deckmantel der Empörung über das Attentat von Sarajewo eigene, weiter reichende Interessen durchsetzen wollten. Frühzeitig haben die Entente-Politiker, insbesondere Nicholson und Crowe, zutreffend erkannt, dass die Mittelmächte falsch spielen. Und frühzeitig haben sie den Mittelmächten daraufhin – erstens – deutliche Warnungen zukommen lassen, zweitens aber auch ein gesichtswahrendes way-out angeboten. Darüber hinaus haben sie – vor allem Russland! – in Belgrad interveniert, damit Belgrad eine möglichst deeskalierende Antwort formuliert. Der Entente wesentliche Anteile am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zuzuschieben ist historisch haltlos, und speziell gegen Grey sind solche Vorwürfe, wie Anika Mombauer richtig schreibt, auch schlicht unfair.

Natürlich: Die Entente hätte Serbien schlicht preisgeben können, um des Friedens willen. Per heute wäre das, angesichts dessen, was dann kam, zweifellos der bessere Weg gewesen. Ihr dies abzufordern heißt aber, unhistorisch zu argumentieren. Nach allen diplomatischen und außenpolitischen Standards der damaligen Zeit konnte die Entente den Mittelmächten nicht nachgeben – was den Mittelmächten auch klar war und worauf sie ihr Brinkmanship ja auch aufbauten!

Und da auf einen Schelmenstreich bekanntlich anderthalben gehören: Es ist Herfried Münkler, der für seine gänzlich unhistorische, faktenresistente Sichtweise eigentlich nicht einmal ein Proseminar-Schein bekommen dürfte. Angesichts der völlig eindeutigen und klaren Sachlage sind die revisionistischen Ansätze, mit denen wir (zielbewusst?) zum Hundertsten belästigt wurden, schon bestürzend. Zumal, wenn sie mit dem widerwärtigen Begriff „Schuldstolz“ garniert werden. Unerträglich finde ich auch, wenn ich mir – wieder von Sönke Neitzel – anhören muss, es sei moralisch nicht verwerflicher, in den Club rein zu wollen, als jemanden aus dem Club außen vor zu lassen. Deutschland war im Club! Und zwar Gold Card! Wie wiederum Stevenson richtig sagt: „Im Gegensatz zur Weimarer Republik nach 1918 war das Deutschland Wilhelms II. kein Paria im internationalen Mächtekonzert und hatte viel Kredit (a large stake) im status quo der Mächte.“ (Stevenson, David, 1914-1918, London 2004, p. 16, meine Übersetzung).

Strukturalistisch haben, und das meine ich wörtlich so, wie ich es sage, Belgrad und Brüssel genauso viel Verantwortung für den Ersten Weltkrieg wie Wien und Berlin – denn auch Belgrad, auch Brüssel haben die imperialistische Welt mit etabliert und in ihr agiert. Eine Welt voller Gewalt, Rassismus, Chauvinismus… Speziell in Brüssel. Joseph Conrad, Belgisch-Kongo etc.

Nur ist es, mit Gilbert Ryle zu sprechen, ein category mistake, strukturalistische Sichtweisen mit intentionalistischen zu vermengen. Intentionalistisch haben Wien und Berlin, und zwar Wien und Berlin allein, die Krise vorsätzlich, willentlich und wissentlich (und untereinander sich absprechend) ausgelöst, eskaliert, und letztlich jeden Ansatz zur Deeskalation verweigert. Wer das bestreitet, bestreitet jede Geschichtsschreibung, die sich auch nur ansatzweise um Objektivität bemüht. Wer das bestreitet, begeht den Fehler, den Hannah Arendt zu recht als Kardinalsfehler politischen Denkens ansah: Mit Tatsachen so umzugehen, als seien das bloße Meinungen. Dass Wien und Berlin die Krise vorsätzlich haben eskalieren lassen ist nicht meine Meinung, das ist einfach so gewesen, wenn denn der Begriff der Tatsache noch irgend eine Bedeutung hat. (Lemma, aber das kann ich jetzt nicht ausmultiplizieren: Die Fischer-Debatte lief ja quasi parallel zur Eichmann-Debatte; Arendt nahm auch andeutungsweise zur Fischer-Debatte Stellung: in ihrer Bemerkung, im Gauss-Interview, über jenen deutschen Historiker, der sich die Erinnerung an die schöne Zeit damals „nicht vermasseln“ lassen wolle. Es ging um „irgendein Buch über den Beginn des Ersten Weltkriegs“. Die untergründigen Bezüge zwischen Arendt und Fischer, den sie hier ja offenkundig meinte, wären eine Doktorarbeit Wert. Interview in: Arendt, Hannah, ich will verstehen, Selbstauskünfte über Leben und Werk, herausgegeben von Ursula Ludz, München 1996/2te 97, p. 65-66)

Und das wäre mein tiefster Vorwurf an Clark, Münkler und Neitzel: dass sie – mit strukturell zT durchaus zutreffenden, zumindest verhandelbaren Argumenten – versteckt intentionalistisch agieren, Wien und Berlin freisprechen wollen und das Ganze – der Gipfel der kategorialen Verwirrung – uns auch noch allen Ernstes als Absage an das blame-game andienen.

Ist es eigentlich Zufall, dass die subjektlosen, also konsequent verantwortungslosen Strukturalisten zu den Lieblingen der Intellektuellen gehören (fatalster, weil intelligentester, Vertreter: Luhmann)?

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Kommentare

  • Wolfgang  On August 25, 2014 at 12:01

    Aber, was schließt Du nun aus alledem, wenn Du das Heute betrachtest (vor allem auch im Hinblick auf das Danach – 2.Weltkrieg), wie heute der Westen mit dem Rest der Welt „umgeht“? All die gemachten Krisen und wie die sogenannte Öffentlichkeit verarscht wird, im wahrsten Wortsinne. Die Ukraine spiegelt für mich die Vorgänge zum 1. Weltkrieg. Die anderen „goestrategischen Spielchen“ , früher Vietnam, Kambotscha, Laos später Chile usw., heute Irak, Syrien, Palästina usf. sind noch „weit weg“ – aber die Ukraine?

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