Julikrise – 2. – 3. August

In der Nacht erste kleine Gefechte im Osten (wie das klingt, nicht wahr?). Die deutsche Regierung verschweigt der Bevölkerung, dass die deutsche Kriegserklärung längst erfolgt, das russische Vorgehen kriegsvölkerrechtlich also legitim ist, und suggeriert, dass das Friedenstelegramm des Kaisers von den asiatischen Russen sofort mit Gewalt beantwortet worden sei. Die Telegramme zwischen „Willy“ und „Nicky“ werden in einseitiger Auswahl der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Ansonsten: Tartarenmeldungen ohne Ende. Brunnenvergiftung in Metz, versuchte Tunnelsprengung, französische Offiziere in deutschen Uniformen über die Grenze, französische Flieger – natürlich via Belgien (!) – griffen Nürnberg an etcetc. Diese Tartarenmeldungen kommen aus dem de facto staatlichen WTB (Wolffsches Telegraphisches Büro). Sämtliche Falschmeldungen dieser Tage passen gleichsam ins politische Kalkül. Ein Zufall kann ausgeschlossen werden, hier ist von vorsätzlichen Falschmeldungen der deutschen Stellen zu reden. Selbst wenn wir einmal unterstellen, dass z.B. die Falschmeldung vom französischen Flieger über Nürnberg ursprünglich tatsächlich der übereifrigen Meldung eines Landsturmmannes entsprang – bevor ich, als Staat solche schwerwiegenden Vorwürfe lanciere, habe ich die Pflicht, diese Meldung zu verifizieren. Der Sender Gleiwitz funkt auf allen Wellen…

In Wahrheit besetzt das deutsche Militär – diesmal wirklich gegen alles Völkerrecht, auch das damalige – seit 7 Uhr morgens Luxemburg. Luxemburg wird, wie auch Belgien später, mitgeteilt (eine glatte Lüge), man habe zuverlässige Berichte über drohende französische Grenzverletzungen und habe handeln müssen. Übrigens: genau so wird Hitler 1940 auch vorgehen. Nur läßt man diesmal die Niederlande noch in Ruhe, weil man (wie man zB in England zutreffend analysiert hat) Rotterdam als neutralen Einfuhrhafen benötigt. Die englische Fernblockade wird das Konzept „Niederlande neutral“ dann unterlaufen.

Immer noch diplomatische Aktivitäten mit dem Ziel, den Krieg noch zu verhindern – natürlich allein von Seiten der Entente, die ja angeblich, wie wir inzwischen dank Münkler/Neitzel/Clark „wissen“, ‚genauso‘ verantwortlich ist wie die Mittelmächte. Goschen: Wenn Österreich demobilisiere, könne ein Weltkrieg noch verhindert werden. Zimmermann: „kindisch“. Der britische Premier Asquith frühstückt mit Lichnowsky. Deutschland solle belgische Neutralität wahren und die französische Küste nicht angreifen, dann sei noch alles möglich. Lichnowsky ist von Weinkrämpfen geplagt. Später wird man in Deutschland lancieren, Lichnowskys diplomatische Unzulänglichkeit sei mit Schuld am Krieg, wohl eher gemeint: an seinem unglücklichen Ausgang. Golo Mann fand das in seinen Gedanken und Erinnerungen noch 1986 zu recht empörend. Lichnowsky war Kind seiner Zeit, adelig, war sicher kein postmoderner Demokrat heutiger Provenienz…aber dass er, als einziger deutscher Politiker/Diplomat, verzweifelt pro Frieden rang, sollte unstreitig sein. Lichnowsky verfolgte damals, ohne dass man den Begriff schon kannte, das Konzept „Deeskalation“.

Zum sog. „Augusterlebnis“, einem fast ein Jahrhundet lang gepflegten Mythos speziell in Deutschland, verweise ich an Pöppelmann p. 270 ff und auch an Gunther Mai (hier ebenfalls schon zitiert), Kap. 1 passim. Das ganze ist doch etwas differenzierter zu sehen. Dass es ein „Augusterlebnis“ gab, ist nicht gut bestreitbar. Aber erstens gab es das überwiegend in den Großstädten (wo es damals mehr Fotographen gab als auf dem Land), während auf dem Land ganz „profane“ (ach, wir Intellektuellen mit unserer Überheblichkeit!) Sorgen gab, zB in Betreff der Ernte. Zum zweiten: Es gab ein Gemengelage der Motive. Dumpf-Patriotismus pro Deutschland hat es gegeben, klar, aber er war nicht alleine. Selbst Thomas Mann wird später von der „can-canierenden Gemütlichkeit“ schreiben, aus der es einen Ausweg habe geben müssen, und noch im Zauberberg, dem verblödete Kriegsbegeisterung im Ernst nicht mehr zugesprochen werden kann, formuliert er das Kapitel „Der große Stumpfsinn“… Eine der geistesgeschichtlich interessantesten Phänomene rund um den Ersten Werltkrieg ist die keineswegs eindeutige Reaktion der deutschen (und auch der anderen europäischen) Avantgarde auf den Kriegsausbruch. Franz Pfemferts Sicht war eindeutig, wir sahen es. Die Sicht der zT auch von ihm in der Aktion publizierten expressionistischen Lyriker war es nicht. Von Rene Schickele und Ernst Stadler bis Gottfried Benn tummelt sich beim Expressionismus wirklich alles. Und nicht nur bei den Expressionisten. Thomas Mann – dessen kriegsbefürwortende Schriften stilistisch heute noch lesbar sind; so schlimm war es – erwähnte ich bereits. Richard Dehmel („der sogar die deutschen Pferde besang“), Frank Wedekind (sic!), sogar kurzzeitig ua Tucholsky und Toller, wenn die beiden auch ihre Jugend entschuldigt. In Frankreich war es kaum besser: Apollinaire meldete sich bekanntlich freiwillig. Berühmt ist ja Georg Heyms Tagebuch-Zitat: Ihm sei so langweilig, langweilig, langweilig, es müsse etwas geschehen, und sei es ein „ungerechtfertigter“ (sic!) Krieg. Heym starb im Januar 1912 ganz profan: Er brach zusammen mit seinem Freund beim Schlittschuhlaufen auf der Havel ein. Sein Gedicht „Der Krieg“ wurde gleichsam zur Hymne der Pazifisten; Heym habe die Schrecken des Ersten Weltkriegs „vorgeahnt“ etcetc. Das sieht man heute etwas anders: Heyms Gedicht entstand, das ist nachgewiesen, auf dem Höhepunkt der (zweiten) Marokko-Krise Anfang September 1911 (Heym, Georg, Das lyrische Werk, Hrsgb. Karl-Ludwig Schneider, München 1977, p. 626, auf Grundlage der ersten textkritischen Ausgabe). Damals war man sich sehr wohl bereits bewusst (ohne die Einzelheiten zu kennen), wie mörderisch ein Krieg sein kann. Heyms Bilder sind somit in einem viel realistischeren Sinne „visionär“, als dies nach 1918, nachvollziehbar, gelesen wurde. Heym hat sich von seinem wilhelminisch geprägten Elternhaus einerseits nie ganz lösen können – dass er als OA in Metz angenommen wurde, diese Mitteilung kam in Berlin nach seinem Tod an – , war andererseits im wilheminischen Staat aber sogar aufrührerisch genug, als Assessor Akten verschwinden zu lassen. Wie sich Heym im Sommer 14 verhalten hätte, das bleibt trivialerweise unklar. Vielleicht ist diese Unklarheit sogar eine präzise Auskunft über den Expressionismus, von dem, absurd, absurd, Benn noch 1933 gehofft hat, Goebbels würde ihn als Staatskunst protegieren. Nun gut (oder schlecht), wo der Strukturalismus recht hat, hat er recht: Die Strukturen des Expresionismus behielten letztlich recht gegen das, was einzelne Vertreter wollten: Wer Gedichte wie „Schöne Jugend“ schreibt, k a n n von Nazis nicht geliebt werden. Zurück zum Juli/August 1914…

Und hier nunmehr die drei Zeitungen vom 2. August 1914. Die Sozialdemokraten enttarnen sich nunmehr endgültig. Unverhohlen ist vom ‚asiatischen Zarisimus‘ auch auf SPD-Seite die Rede (war es in mehr als deutlichen Ausstreuungen auch vorher schon). Man beachte aber auch die Tartarenmeldungen. Warum Jaurès Ermordung erst jetzt öffentlich wird, bleibt mir unklar. Die ersten „Erfolge“ – Beschießung Libaus – sind handelsüblich. Interessant, dass massiv für Papiergeld geworben wird; gleich zu Beginn. Bis 1914 hatte man per Gold-Standard eine, wie David Stevenson richtig sagt, de facto Währungsunion in Europa/Nordamerika…

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