Julikrise – 1. August 1914

Die Sache kommt ans böse Ende. Aber heute wird es noch einmal „dramatisch“ (ich mag das Wort sowieso nicht, und hier schon gar nicht). In Berlin und anderswo gibt es zunächst einmal einen veritablen Bank-Run, dazu erste Hamsterkäufe.

Die offizielle Sprachregelung, bei der es dann in Deuitschland quasi für Jahrzehnte bleiben wird: Die russische Generalmobilmachung habe die deutschen Schritte unvermeidlich gemacht.

Gegen 13 Uhr läßt sich Bethmann vom Bundesrat – das sind die einzelnen Länder und ihre Fürsten – die Kriegserklärungen an Frankreich und Russland absegnen (der Bundesrat muss pro forma zustimmen). Hier redet er von den unermüdlichen Vermittlungsbemühungen, denen durch die russische Mobilmachung leider der Boden entzogen worden sei.

Die Kriegserklärung an Russland geht ab, die an Frankreich wird noch zurückgehalten.

Wenninger notiert: „Man verliert einen Mobilmachungstag, während rechts und links von uns offenbar flott mobilisiert wird – na, wie ich sehe, hat sich der Kommandierende General selbst geholfen. Reservisten mit ihren Köfferchen eilen durch die Straßen, stürmisch begrüßt. Die Truppe macht mobil, ohne Mobilmachungsbefehl. Der Reichskanzler kann es mit eigenen Augen sehen.“ (nach Pöppelmann, p 251) Dazu ist zu bemerken: Wer – zutreffend – darauf hinweist, dass die Ententemächte sich seit tagen militärisch vorbereiten – Russland sowieso, die englische Flote bleibt mobil (durch Churchills Eigenmächtigkeit), sogar Belgien agiert seit dem 26. Juli -, der muss natürlich auch dazusagen, dass selbstverständlich auch Deutschland de facto seit Tagen ‚mobilisiert‘.

Wilde Gerüchte, typisch für solche Tage, machen die Runde: Russland ersuche um Verlängerung des Ultimatums, weil Frankreich nicht mitmache. Später heißt es, ebenfalls haltlos, in Frankreich sei wegen des Jaurès-Attentats eine Revolution ausgebrochen…Geschwätz.

Kein Gerücht ist es, dass Schebeko, Botschafter in Wien, noch einmal mit Berchtold spricht und für eine diplomatische Lösung plädiert. Berchtold antwortet freundlich, aber die kuk-Monarchie löst heute die Generalmobilmachung aus.

14 Uhr trifft ein Telegram des Zaren in Berlin ein. „Nicky“ hat verständnis für die deutsche generalmobilmachung, möchte aber, dass „Willy“ weiter vermittelt. Der Telegramwechsel der beiden wird in den nächsten tagen, wie noch zu zeigen ist, in der deutschen Presse veröffentlicht, um Wilhelms Friedensliebe zu dokumentieren.

Das deutsche Ultimatum an Russland läuft 9 Uhr Berliner Ortszeit ab. Gegen 16 Uhr ruft Wilhelm im Kanzlerpalais an – Bethmann, Moltke, Tirpitz und falkenhayn sind anwesend; man solle ihm die Mobilmachungsorder bringen.

Den ganzen Tag über wartet eine große Menge gespannt vor dem Berliner Stadtschloß. Um 17 Uhr tritt ein Offizier vor das Tor und verkündet die Mobilmachung. Die Menge hat keine bessere Idee, als (spontan? Diesmal vermutlich wirklich spontan) „Nun danket alle Gott“ zu singen.

Dann kommt es noch einmal zu einer überraschenden Wende. Jagow erscheint und berichtet, es werde gerade ein Kabel aus England dechiffriert. Als es vorliegt, scheint sich alles noch einmal ändern zu können. Hier der Wortlaut (Geiss 351):

Grey lässt mir soeben durch Sir Tyrell sagen, er hoffe, mir heute nachmittag als Ergebnis einer soeben stattfindenden Ministerberatung Eröffnungen machen zu können, welche geeignet wären, die grosse katastrophe zu verhindern. gemeint damit scheint zu sein, nach Andeutungen (Tyrells), dass, falls wir Frankreich nicht angriffen, England auch neutral bleiben und die Passivität Frankreichs verbürgen würde. Näheres erfahre ich heute nachmittag.

Eben hat mich Sir Grey ans Telephon gerufen und mich gefragt, ob ich glaubte, erklären zu können, dass für den Fall, dass Frankreich neutral bleibe, in einem deutsch-russischen Kriege, wir die Franzosen nicht angriffen. Ich erklärte ihm, die Verantwortung hierfür übernehmen zu können, und wird er (Kanzleistil, gemeint: und er wird, hf) diese Erklärung in der heutigen Kabinettssitzung verwerten.

Nachtrag, Sir Tyrell bat mich dringend, dahin zu weisen, dass unsere Truppen nicht die französische Grenze verletzen. Alles hänge davon ab. Die französischen Truppen seien zurückgewichen bei einer vorgekommenen Überschreitung. (offenbare Propagandalüge der Franzosen? Es gab bis dahin keine deutsche Grenzverletzung…hf)

Über diesen Grey-Vorschlag ist viel spekuliert worden. War er Ernst gemeint? Hat Lichnowsky etwas missverstanden? Letzteres können wir ausschließen – vergl Grey an Bertie (Botschafter in Paris), Geiss p. 357ff, wo Grey ganz ähnliche Gedanken äußert. Clark kritisiert Greys Unklarheiten ja massiv. ich frage mich, wieso. Es mag sein, dass Greys Vermittlungsbemühungen etwas Widersprüchliches und Verzweifeltes an sich haben, auch hat Berlin offenbar gar nicht begriffen, dass Grey seine Vorschläge erst vom Kabinett absegnen lassen muss (obwohl Lichnowsky auch dies in wünschenswerter Klarheit dargetan hat). Nur hinderte natürlich niemand Deutschland daran, auf auch nur einen der (die Zählung der Historiker ist da etwas unklar) bis zu 8 Greyschen Vermittlungsvorschläge einzugehen. Wäre Deutschland auf diesen Vorschlag mit aller Macht (dazu weiter unten) eingegangen, was wäre passiert? Frankreich hätte mit ziemlicher Sicherheit nicht angegriffen, auch Russland hätte sich alleine zu schwach gefühlt (und zwar zu recht) – danach hätte es noch ein großes Theater gegeben, man hätte Wien koram nehmen müssen…vielleicht hätte es, wegen der gottverdammten „Ehre“ oder wie sich das schreibt, sogar kleine Grenzscharmützel gegeben, mit, schrecklich genug, einigen Toten auf beiden Seiten…aber der große Krieg, das ist meine feste Überzeugung, wäre abgesagt worden. Und vielleicht – Träumen ist erlaubt! – hätten sich dann auch in Deutschland langsam, aber mählich, nicht die Heinrich Claß‘, sondern die Franz Pfemferts und Arthur Bernsteins durchgesetzt. Der Weg zur konstitutionellen Monarchie in Deutschland war im Grunde bereitet. Die Reaktionäre fochten einen Abwehrkampf…gut, ich will nicht weiter träumen, solche Träume sind angesichts dessen, was dann geschah, suizidal…

Nun ist Deutschland ja bekanntlich zunächst auf diesen Vorschlag sogar eingegangen – zu Moltkes Fassungslosigkeit. Und genau hier wird es interessant.

Nach London wird abends prinzipielles Einverständnis übermittelt.

Moltke, und nur Moltke, bekommt einen Nervenzusammenbruch. Der deutsche Kriegsplan sieht, wir sahen es, einen Blitzangriff über den rechten Flügel vor, alles ist aufeinander abgestimmt, die 2. Division in Trier soll bereits am 2. August in das neutrale Luxemburg einfallen. Moltke sieht seinen Plan zusammenfallen und glaubt, in für Militärs nachgeradezu typischer Überschätzung einzelner Aspekte, gleichsam „alles verloren“.

Jahrzehntelang ging man von der Macht militärischer Mechanismen aus. Durch Planung, durch das Bündnissystem habe sich die Sache verselbständigt, die Handlungsoptionen eingeschränkt. Exemplarisch hierzu Hans Herzfeld: Er spricht von der „innere(n) Zwangsläufigkeit des Bündnissystems“, die eine Vermittlung so sehr erschwert habe, und dann:

Als weitere verhängnisvolle Hypothek hat der moderne militärische Apparat mit seiner Eigengesetzlichkeit bei Mobilmachung und Aufmarsch am stärksten in Deutschland und Russland, aber auch in Frankreich gewirkt. (Herzfeld, Hans, Erster Weltkrieg und Friede von Versailles, in: Mann, Golo, u.a. (Herausgeber): Propyläen Weltgeschichte Band 9, Das zwanzigste Jahrhundert, p. 79)

Das ist, neben dem Insistieren auf die verhängnisvolle russische Mobilmachung, für Jahrzehnte die Standardvariante der deutschen apologetischen Geschichtsschreibung gewesen – zusammen mit Lloyd Georges „Schlittern“-Gerede. Clark hat diese Sichtweise auf höherer Ebene neu etabliert. Sie ist aber falsch. Dass die Politiker sich damals von den Militärs haben überstimmen lassen ist wohl wahr. Nur haben die Militärs, speziell in Deutschland, ihre Politiker schlicht und einfach belogen!

Zwar stimmt es, dass es (schlimm genug! Moltke selber zeichnet dafür verantwortlich!) seit 1912 keinen Alternativplan „Aufmarsch Ost“ mehr gab. Aber selbstverständlich hätte er im Westen defensiv bleiben und schnell umgruppieren können. Die Ereignisse selber belegen es. Im August/September 1914 wird Moltke problemlos zwei Korps aus den westlichen Verbänden herauslösen und relativ schnell nach Osten umleiten können, weil die Russen bekanntlich doch schneller aktiv wurden, als gedacht. Moltke, anders kann man seine Reaktion vom 1. August nicht deuten, will diesen Krieg, den ganz großen, mit aller Macht.

Anyway: Kaiser Wilhelm läßt die Kriegsmaßnahmen erst einmal stoppen, während die französische Regierung nunmehr auch offiziell mobil macht. Poincaré erklärt Schoen, dass die französischen Truppen 10 Kilometer Abstand zur Grenze halten würden.

17 Uhr übergibt der deutsche Botschafter Pourtales in St. Petersburg die Kriegserklärung. Sasonow: Mobilmachung könne nicht rückgängig gemacht werden, er hoffe aber auf weitere Verhandlungen. Pourtales widerholt seine Frage zweimal, bevor er die Kriegserklärung überreicht (der Film von 1932 zeigt das, eindringlich, aber historisch falsch).

Um ca 18:30 Uhr – wohlgemerkt: Dem Kaiser ist da das Lichnowsky-Telegram bekannt! – spricht Kaiser Wilhelm zu der Menschenmenge, zum ersten mal fällt der von Bethmann stammende Satz, er kenne keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche.

20:30 Uhr: ein weiteres Lichnowsky-Telegramm: Grey wolle Vorschläge für die Neutralität Ebnglabnds selbst im Falle eines Kontinentalkrieges machen. Jetzt gibts sogar Champagner.

Am späteren Abend Lichnowsky drittes Telegramm – Geiss 353: Zusammen mit den wie üblich maßlosen kaiserlichen Randbemerkungen ungeheuer interessant.

Grey sagt ehrlich, dass er zwar keine Garantie geben könne für die englische Neutralität. (Kaiser Wilhelm: „falsche Halunke also“), doch wäre die Frage der belgischen Neutralität ungeheuer wichtig. Wenn sie verletzt würde, so Grey, wäre eine Neutralität Englands nur schwer durch zu halten. Bisher bestünden keine Absichten, gegen Deutschland vorzugehen. „Er kam immer wieder auf die belgische Neutralität zurück und meinte, diese Frage würde eine grosse Rolle spielen“. Und dann nochmal das präzisierte Angebot, Frankreich und Deutschland sollten sich bewaffnet gegenüber stehen… Im Gegensatz zu vielen anderen Kommentatoren sehe ich in diesem dritten Telegramm keine Zurücknahme, sondern eine Präzisierung des Greyschen Angebots – so sah es offenbar auch Lichnowsky. Lichnowsky deutet Grey gegenüber an, dass Deutschland sich auf ein solches Abkommen verstehen könne. Randbemerkung Wilhelms: „Blech!“

„Mein Gesamteindruck ist der, dass man hier, wenn irgend möglich, aus dem kriege herausbleiben möchte, dass aber die vom Staatssekretär (Jagow) Goschen gegenüber erteilte Antwort über die neutralität Belgiens einen ungünstigen Eindruck gemacht hat“

Ergebnis: Kaiser Wilhelm zu Moltke: Jetzt können Sie tun, was Sie wollen.

Lichnoskys Gesamteindruck trifft zu. An diesem Tag fleht Walter Cunliffe (Gouvernor der Bank of England) die regierung regelrecht an, neutral zu bleiben. England sei sonst ruiniert (was denn, verzöget, auch so kommen wird).

Nachts findet noch eine Besprechung in weiterer Runde stat. Die Kriegserklärung an Russland ist raus – da ist nichts mehr zu machen. Die Militärs sind verärgert. Kriegserklärung bitte jeweils spätest möglich. England, so Tirpitz, müse man möglichst lange heraushalten. Man einigt sich: kriegserklärung Frankreich und Belgien jeweils erst am 3. August. Bei der besprechung kommt heraus: kriegserklärung der kuk-Monarchie an Russland nicht zugesagt, Italien (zumindest formal noch Verbündeter) ist gar nicht informiert über die Kriegserklärung an Russland.

Und hier wieder die Presse, „Hamburger Echo“, „Vorwärts“ und „Hamburger Nachrichten“ vom heutigen Tag. Die SPD-Presse hat noch Friedenshoffnungen, die sich nunmehr aber, siehe Vorwärts p. 2, auf den deutschen Kaiser richten, der ja schon seit einigen Tagen nicht mehr angegriffen wird. Aber auch heute noch schreibt der „Vorwärts“ (beilage 1) „Gegen die Kriegshetzer“. Zu den Versammlungen wird es nicht mehr kommen… Interessant auch die zweite beilage über die Stimmung in berlin, Unter den Linden. „Ein paar hundert mehr als sonst mögen es gewesen sein“. Wir wissen ja heute, dass das mit dem angeblichen „Augusterlebnis“ doch deutlich differenzierter gesehen werden muss. Demngegebnüber die Morgenausgabe der HN mit ihrem Stimmungsbericht aus Berlin. Auch am Jungfernstieg und an der ganzen Binnenalster machte sich selbst für die HN nur „stellenweise“ der sog. Patriotismus Luft.

Die Abendausgabe der HN enthält noch nicht die Mobilmachung. So schnell war die Presse damals noch nicht.

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Kommentare

  • Egge  On August 22, 2014 at 13:25

    Was genau ist denn an der „deutschen apologetischen Geschichtsschreibung“, d.h. an der Annahme, dass eine russische Mobilmachung zu einem Krieg führen musste, so falsch?
    Der Schlieffen-Plan war doch ein deutsches Va-Banque-Spiel, da man sich der Triple Entente militärisch, zu Recht, wie sich im Kriegsverlauf zeigen sollte, unterlegen fühlte.

    Man musste Frankreich möglichst schnell besiegen, ehe Russland, gegen das man, so glaube man fälschlicherweise, wie sich im weiteren Kriegsverlauf zeigen sollte, nur mit Mühe würde bestehen können mit der Masse seiner Armee angreifen würde. Dieser Aufmarsch der russischen Armee würde jedoch einige Zeit in Anspruch nehmen, die unbedingt dazu genutzt werden musste, Frankreich zu besiegen. Andernfalls war der Krieg von vornherein verloren.

    Was genau ist denn an dieser Argumentation auszusetzen?

    Man mag vielleicht die deutsche Diplomatie kritisieren, die das deutsche Militär in die schwierige Lage brachte, gleichzeitig gegen Frankreich und Russland Krieg führen zu müssen. Meiner Meinung nach gab es aber gar keine andere Wahl.
    Ein Ausgleich mit einem revanchistischen Frankreich, welches unbedingt seine verlorenen Ostgebiete wiedererlangen wollte, scheint mir unmöglich gewesen zu sein.

    Ein Ausgleich mit Russland scheint mir ebenfalls schwierig gewesen zu sein, da es imperialistische Ziele auf dem Balkan hatte und daher in Konflikt mit Österreich geraten musste. Österreich aber musste beigestanden werden, etwas anderes konnte man der deutschen Öffentlichkeit kaum vermitteln.

    Ich glaube, bei der damaligen politischen Konstellation musste es einfach zu einen Krieg kommen.

    • hf99  On August 22, 2014 at 14:58

      Es steht aber doch sehr deutlich da: Die russische Mobilmachung bedeutete im gegensatz zur deutschen eben mitnichten autopmatisch Krieg (letztlich hätte auch die deutsche nicht automatisch Krieg bedeuten müssen – Moltke hat das aber so gesehen bzw wollte es so sehen).

      Die imperialistischen russischen Träume auf dem Balkan…haben die damit zu tun, dass Russland nachweislich mäßigend auftrat, also zB Serbien dazu aufforderte, öserreichs Ultimatum möglichst weitgehend zuzustimmen?

    • G.W.  On August 26, 2014 at 18:26

      Ihr Satz „bei der damaligen politischen Konstellation musste es einfach zu einen Krieg kommen“ ist beachtlich. Er lässt sich ad libitum anwenden, wenn man nur auf struktureller Basis deterministisch eine Situation konstruiert. Das geht vor allem retrospektiv immer, für den Vietnamkrieg nicht anders als für Hitlers Angriff auf Polen. Kein Problem zu zeigen, dass immerdar unter den gegebenen Umständen nichts anderes übrig blieb. So zeige ich Ihnen auf diese Weise ohne Schwierigkeit, dass auch die Judenvernichtung unausweichlich war, wenn man nur die Faktur der Akteure und die historische Situation in Rechnung stellt.

      Herr Finkeldey hat doch mit ebenso viel Fleiß wie Sorgfalt herausgearbeitet, dass a) die Strukturen seinerzeit keineswegs homogen und geschlossen waren, b) ganz klar Intentionen im Spiel waren (Intentionen haben etwas mit menschlicher Wahlfreiheit zu tun), und c) sehr wohl Handlungsspielräume bestanden hätten. Wenn man allerdings die Leichtfertigkeit gerade der deutschen und österreichischen Regierung im Nachhinein betrachtet, dann ist man versucht umgangssprachlich zu sagen „das musste ja so kommen!“. Dies jedoch als Exkulpation oder Generalabsolution zu nehmen hieße im Effekt Verantwortungslosigkeit als politisches Prinzip legitimieren.

  • summacumlaudeblog  On August 27, 2014 at 09:13

    Auch ich muß leider noch einmal eingreifen und etwas längst Gesagtes wiederholen: Der entscheidende Unterschied zwischen dem Kaiserreich zum einen und Frankreich/England zum anderen war doch gerade der Schlieffenplan, der zweifellos und auch nach damaligem Kenntnisstand einen Bruch des Völkerrechtes darstellte! Auch in England gab es völkerrechtlich unhaltbare Vorschläge der Militärs, ebenso in Frankreich. Die sind hier beide bereits genannt worden: Admiral Fisher wollte ohne Kriegserklärung die kaiserliche Flotte angreifen, Joffre wollte 1911 einen Durchmarschplan durch Belgien erstellen, ganz äquivalent zum Schlieffenplan. GEGENSÄTZLICH zum Kaiserreich wurden diese beiden Militärs von den jeweiligen Politikern Englands und Frankreichs aber schleunigst zurückgepfiffen!!!

    Diesen Unterschied kriegt kein Clark wegrelativiert! Das hat nichts mit antideutscher Intention meinerseits oder ähnliches zu tun (wie es ja gerade Jessen in der „Zeit“ behauptete), dieser Unterschied spielt sich ganz zweifelsfrei auf der Faktenebene ab. Er bedeutet im Klartext, dass im Kaiserreich die Militärs einen viel größeren politischen Einfluß hatten als anderswo, konkrete außenpolitische Entscheidungen mit beeinflussten!!!. Und dieser Einfluß war keineswegs segensreich.

    Dieser Webfehler im politischen System ist übrigens älter als die Demissionierung Bismarcks: Ich möchte den Schönhauser nicht kritiklos verteidigen (siehe Hartmuts Emser Depeschen-Posting), aber der Einverleibung Elsaß-Lothringens hatte er nicht zugestimmt. Das wollte Moltke (der Alte, der Oheim). Bismarck sah den ständigen Revanchegrund, Moltke die militärischen Vorteile. Wie wir wissen, bekam Moltke Recht. Schon damals also: Militärische Gesichtspunkte stechen politische Überlegungen aus!

    @Egge: „Der Schlieffen-Plan war doch ein deutsches Va-Banque-Spiel, da man sich der Triple Entente militärisch, zu Recht, wie sich im Kriegsverlauf zeigen sollte, unterlegen fühlte.“ Unterlegen war Deutschland dann erst mit dem amerikanischen Kriegseintritt. Hierzu ketzerische Gedanken: Wäre er besser unterblieben? Wäre es ohne am. Kriegseintritt zu einem Erschöpfungsfrieden gekommen, mit dem notwendigen Ausgleich aller Parteien? Wäre dann der deutsche Revanche“grund“, der u.a. im Kriegsschuldartikel des Versailler Vertrages gelegen haben mag, entfallen? Wie gesagt ketzerische Gedanken.

    Zum Schlieffenplan noch ein fast 30 Jahre altes Zitat: „Moltke hatte die Bearbeitung eines Ostaufmarschplanes, der routinemäßig noch lange Jahre fortgeführt worden ist, im Jahre 1913 einstellen lassen. Das ist die eigentliche Pflichtversäumnis, ja das Verbrechen des deutschen Generalstabes. Er hatte sich auf eine einzige Kriegsmöglichkeit eingestellt und alle Alternativen im voraus verworfen.“ Hier auch schon immer wieder gesagt worden: Alternativlose Kriegsspiele, kein Plan B. Das ist unfassbar. Das Zitat stammt übrigens von Mr S. Haffner himself.

    Zum Schluß etwas mir wichtiges, oben schon angedeutetes: Die Diskussion ist eine historische. Keineswegs sollte man einer wohl begründeten, anderen Meinung gleich schlimme Intentionen unterstellen. Das hat Egge sehr dankenswerter Weise auch nicht getan, aber gerade bei den Clark-Adepten findet sich häufig die Untestellung, Andersdenkende hätten einen „Schuldstolz“, seien „Antideutsche“ und ähnliches. Umgekehrt ist nun nicht jeder Strukturalist gleich ein schlimmer Geschichtsrevisionist. Wie gesagt: Historisch diskutieren nicht dem Andersdenkenden abwertend eine üble Intention unterstellen.

  • summacumlaudeblog  On August 27, 2014 at 10:58

    Muß mich nach erneuter Lektür meiner Bücher (u.a. Engelbert) auf der unteren Faktenebene ergänzen, leicht korregieren: Auch Bismarck war schließlich einer Annexion E.-Lothringens nicht abgeneigt.

    Der Konflikt mit dem Generalstab und die Frage nach dem Primat nahm genau im Krieg gegen Frankreich 1870/71 ihren Anfang. Mit bekanntem Ausgang. Moltkes Denken war etwa so: Mit dem Krieg übernimmt das Militär alle Entscheidungsbefugnis, die Politik wird nur in Kenntnis gesetzt; was die Politik dann aus dem Kriegsergebnis macht, geht das Militär nichts mehr an. Aber im Krieg und schon bei „drohender Kriegsgefahr“ hat das Militär die höheren Trümpfe. Genau diese Fehlentwicklung, diese politisch-militärische Imbalance, die es so in den anderen Ländern nicht gab, sollte dann 1914 entscheidend sein.

    Wird mgl.-weise gleich frei geschaltet und ergibt erst mit meinem vorherigen, längeren Kommentar Sinn.

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