Julikrise – 31. Juli – diverse updates

Am Morgen wird in St. Petersburg die Generalmobilmachung öffentlich. Sie ist den zaudernden Zaren regelrecht abgerungen worden. Kurtz vor 12 Uhr trifft die offizielle Bestätigung in Berlin ein. Berlin ruft um 12:30 Uhr den „Zustand drohender Kriegsgefahr“ aus – das Bild, das Leutnant von Viebahn (1885 – 1915) bei der öffentlichen Verlesung des Dekrets zeigt, ist zu eine der deutschen Bildikonen des Ersten Weltkriegs geworden.

Ob Russlands Geneeralmobilmachung bereits einen Kriegsentschluß bedeutet, ist umstritten. Zwingend war der Krieg bei der russischen Generalmobilmachung, im Gegensatz zur deutschen, jedenfalls nicht – wie sogar Bethmann bewusst war (wir sahen das). Aber was wollten die russischen Politiker? Möglicherweise waren die Militärs (es war der Generalstabschef Januschkewitsch, der bei Sasonow drängte, der Zar müsse nunmehr die Gesamtmobilmachung ausrufen) wirklich lediglich besorgt, duch eine Teilmobilmachung käme alles in Unordnung, was dann natürlich in Berlin anders verstanden werden musste. Möglicherweise haben die russischen Falken den Fehdehandschuh, der ihnen aus Wien und Berlin hingeworfen wurde, aber auch einfach nur dankbar aufgenommen. Dass der Zar selber, hierin Kaiser Wilhelm nicht unähnlich, letztlich keinen Krieg wollte gilt als relativ sicher. Es ist übrigens aktenkundig, dass die Russen die Mobilisierung am liebsten geheim durchgeführt hätten – nur ist dies natürlich nicht gut möglich gewesen. (Geiss p 333)

Der Zustand drohender Kriegsgefahr bedeutet in Deutschland Belagerungsrecht – Militär übernimmt vollziehende Gewalt, Pressezensur u. dergl. Er ist die Voraussetzung zur Mobilisierung.

Der kuk-Botschafter in St. Petersburg vehandelt indessen immer noch, weil er Kaiser Wilhelms Vermittlungsbemühungen nicht bloßstellen will…und weil „es mir andererseits schon zur Festlegung unserer taktischen Stellung, als angegriffen, opportun erschien, noch einen äußersten Beweis guten Willens gegeben zu haben, um Russlad tunlichst ins Unrecht zu setzen.“ Ohne Russland-ins-Unrecht-setzen geht es bei den Mittelmächten nun mal nicht…

Cambon in Berlin durchschaut die österreichischen Aktivitäten.

Grey dringt weiter auf eine deutsch-britische Aktion. Deutsxchland müsse einen akzeptablen Vorschlag machen, nähme Russland den nicht an, werde England Russland fallen lassen. Er unterbreitet nochmals in modifizierter Form seinen Vier-Mächte-Vorschlag. Inzwischen melden britische Agenten, Deutschland führe Truppentransporte nach Westen durch und beginne, die letzten fünf Reservistenjahrgänge einzuberufen. Crowe: „Der Vorwand Deutschlands, dass es unter dem Zwange der französischen und russischen Mobilmachung handelt, wird immer absurder. Es steht in seinen drastischen Maßnahmen keiner anderen Regierung nach. … Deutschland treibt seit ein paar Tagen sein Spiel mit uns.“ (nach Pöppelmann, 241)

Wenninger im Tagebuch: „Ich wurde gefragt, was das heiße ‚drohende Kriegsgefahr’ sei ausgesprochen. Ich erkläre kurz …: ‚es ist eben Zabern im ganzen Reich!’ Alles lacht und ist orientiert. Ich eile ins Kriegsministerium. Überall strahlende Gesichter, – Händeschütteln auf den Gängen, man gratuliert sich dass man über den Graben ist.“ Das ist schon recht deutlich.

In Wien tagt der Ministerrat und verwirft die Grey-Vermittlung. Von einer bloßen Besetzung Belgrads hätte man gar nichts. Allerdings müsse man den Engländern „sehr verbindlich“ antworten, seine Forderungen stellen (Krieg geht weiter, russische Mobilmachung stoppen, Forderungen bleiben ohne wenn und aber) und „vermeiden, auf den meritorischen Teil (auf das, was Grey anbietet) einzugehen“. Greys Angebot soll also restlos entwertet werden. Im Prinzip soll Grey hingehalten werden, will man Verhandlungsbereitschaft nicht anbieten, sondern bloß simulieren. (Geiss 326) Die Ereignisse werden eine ernsthafte Antwort Wiens obsolet machen. Im übrigen ruft Wien am heutigen Tag die Generalmobiolmachung auf, auf Moltkes Drängen. Ob Moltke am 30. tatsächlich das besagte Telegramm an Conrad geschickt hat ist unklar; außer Conrads Erinnerungen haben wir keinen Beleg dafür. Dass Motke (seine Kompetenzen überschreitend) in Wien interveniert hat gilt jedoch als sicher – vergl von Bienerths (österreichischer Militärattache in Berlin) Bericht nach Wien über eine Unterredung mit Moltke – „Deutschland geht unbedingt mit“ (Krumeich 153ff).

Kaiser Wilhelms und des Zaren letzte Telegramme kreuzen sich. Nikolaus verteidigt die Mobilmachung technisch, sie richte sich nicht gegen Deutschland (Nikolaus persönlich ist hier wohl aufrichtig), Wilhelm fordert Einstellung der Mobilmachung, sonst müsse er reagieren.

Bethmann teegraphiert an Wien: In ein oder zwei Tagen käme deutsche Mobilmachung. Man erwarte, dass Österreich sich sofort auf Russland konzentriere – was Österreich absurderweise erst einmal so zur Kenntnis nimmt.

Grey fordert am Nachmittag von der französischen wie der deutschen Regierung verbindliche Zusagen für die Neutralität Belgiens. Paris garantiert sie noch in der Nacht; Berlin laviert.

Kaiser Wilhelm kommt aus Potsdam nach Berlin. Bethmann holt sich die Unterschrift unter 2 Ultimaten: Gegen Russland, Mobilmachung einzustellen (Frist 12 Stunden), gegen Frankreich, seine Neutralität zu erklären und als Fauspfand die Festungen Toul und Verdun zu übergeben. (Geiss 331 ff) An eine Erfüllung kann in Berlin ernsthaft niemand mehr geglaubt haben.

Am Abend hält Wilhelm vom Balkon des Stadtschloßes (es soll jetzt wohl rekonstruiert werden) eine kurze Rede: „Eine schwere Stunde ist heute über Deutschland hereingebrochen. Neider überall zwingen uns zu gerechter Verteidigung. Man drückt uns das Schwert in die Hand. Ich hoffe, dass, wenn es nicht in letzter Stunde meinen Bemühungen gelingt, die Gegner zum Einsehen zu bringen und den Frieden zu erhalten, wir das Schwert mit Gottes Hilfe so führen werden, dass wir es mit Ehren wieder in die Scheide stecken können. Enorme Opfer an Gut und Blut würde ein Krieg vom deutschen Volke erfordern, den Gegnern aber würden wir zeigen, was es heißt, Deutschland anzugreifen. Und nun empfehle Ich Euch Gott. Jetzt geht in die Kirche, kniet nieder vor Gott und bittet ihn um Hilfe für unser braves Heer!“ danach, skurril genug, verheiratet er seinen Sohn Oskar. Um danach, die Hochzeit dauerte eine Stunde, an den italienischen König zu schreiben, der solle Flotte und Heer mobilisieren. Natürlich lehnt Italien ab. Dasselbe tun Rumänien und Griechenland.

Die russische Mobilmachung. Die ältere deutsche Literatur weist ihr eine zentrale Rolle zu; Clark hat diese Sichtweise partiell wieder rehabilitiert. Wir sahen bereits, dass sich Berlin durchaus darüber im Klaren war, dass die russische Mobilmachung anders zu bewerten ist als etwa die deutsche, die sofort Krieg nach sich zieht. Ich schließe nicht aus, dass am 31. sowohl Russland als auch Frankreich inzwischen wirklich kriegsbereit und kriegswillig waren. Aber ich sagte schon einmal: Den hingeworfenen Fehdehandschuh aufnehmen ist etwas anderes als der Entschluß, diesen Handschuh überhaupt erst zu werfen.
Ob sie sich zu diesem Zeitpunkt des englischen Beistandes wirklich so unsicher waren, wie manchmal gesagt wird? Das mag bei einzelnen Akteuren so gewesen sein – im Prinzip aber pfiffen die Spatzen von den Dächern, dass Deutschland im Kriegsfall die belgische Neutralität verletzen würde, mit allen Folgen für die Haltung Englands. Grey hat letztlich schon 1912 keine Zweifel daran gelassen, wie England sich im Fall eines großen europäischen Krieges positionieren würde. Und dass Berlin nicht gewusst haben will, wo England steht, ist seit der Kautsky-Position als Zwecklüge entlarvt.

Und hier das „Hamburger Echo“ der „Vorwärts“ und die „Hamburger Nachrichten“ vom 31.
Interessant, dass auch die SPD-Blätter schon von den (letztlich ja zutreffenden) Spekulationen über russische Mobilmachung gegen Deutschland berichten. Immerhin weiß zB das Hamburger Echo genau, dass die russische Mobilmachung nicht notwendig Krieg bedeuten muss. Auch werden, versteckt und in Andeutungen, die in der Tat seit Tagen im Geheimen anlaufenden deutschen Kriegsvorbereitungen erwähnt.

Der „Vorwärts“ warnt bereits vor den Schrecken des Uboot- und des Luftkriegs (!!!), es kann überhaupt keine Rede davon sein, dass man 1914 nichts von den neuen Dimensionen des technisierten Krieges gewusst hat.

Beide SPD-zeitungen sind heute noch auf Friedenskurs.

Und dann die „Hamburger Nachrichten“. in der Morgenausgabe noch gespannte Erwartungen, daneben werden erste militärische Vorbereitungen aus Königsberg geschildert (und ein russischer Spion in Allenstein natürlich), abends dann der Kriegzustand. Interessant die (falsche) Kurzmeldung über angebliche/mögliche Mobilmachung in Italien. Und: „Das Bekanntwerden der Erklärung des Kriegszustandes in Deutschland veranlaßte an der Börse begeisterte patriotische Kundgebungen.“ Im übrigen nehmen die „Tartarenmeldungen“ jetzt so richtig Fahrt auf: Sprengung einer Eisenbahnbrücke durch die Russen (natürlich kein Wort wahr!). Diese systematische Häufung solcher Meldungen, sie werden in den nächsten Tagen noch aburder werden, dürfte kaum Zufall sein.

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