Julikrise – Voraussetzungen

Ich empfehle zur Lektüre  Daniel Frymanns (d.i. Heinrich Claß, Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes) Buch „Wenn ich der Kaiser wär“ von 1912. Es ist, mit Thomas Mann zu sprechen, eine bange Lektüre. Äußerer Anlaß für das Buch war offenbar die sog. (zweite) Marokko-Krise 1911.

Ansatz: „Wir“ haben auf absehbare Zeit zu wenig Land für unseren Bevölkerungsüberschuß. Um das „Problem“ in den Griff zu kriegen, spekuliert er bereits über die „Evakuierung“ (gemeint: ethnische Säuberung, also Vertreibung oder Völkermord) eroberter Länder. Ganz direkt mag er das Komnzept noch nicht vertreten, wobei er sich die Möglichkeit zur „Evakuierung“ eroberter Länder (Russland und Frankreich schweben ihm vor) im Falle eines Verteidigungskrieges jedoch vorbehält – als Verteidigungskrieg gilt natürlich auch ein „von deutscher Seite angriffsweise geführter (…), den wir unternehmen mussten, um dem Gegner zuvorzukommen“ (p. 141, in seiner West-Marokko-Schrift von 1911, in der er für Krieg um Marokko plädierte, wurde die Evakuierung noch ohne Einschränkungen gefordert; eine Zurücknahme dieser radikalen Position lediglich aus taktischen Gründen ist wahrscheinlich). Alle Topoi rechtsradikalen Denkens vom Antisemitismus über den Rassismus, dem edlen germanischen Wirtschaften versus den jüdisch-amerikanischen Raffkes bis zur sozialdarwinistisch begründeten Forderung nach „Erwerb“ von Land auf Kosten anderer sind schon vorhanden – und zwar nicht embryonal, sondern in voller Ausprägung. Claß formuliert hier die in Teilen des Bürgertums spätestens seit ca 1890 deutlich nachweisbare sozialdarwinistische „Weltanschauung“ bewusst auggessiv aus.

Es ist eine gespenstische Realitätsverweigerung, die Claß hier Punkt für Punkt durchexerziert. Entscheidend an ihr ist die bewusste Absage an den Gedanken, das Menschengeschlecht stelle eine Einheit dar. Claß schrieb, p. 186:

Wop fängt das an und hört es auf, was uns zugemutet werden soll, als zur Menschheit gehörig zu lieben und in unser Streben einzuschließen? Ist der verkommene oder halb tierische russische bauer des Mir, der Schwarze in Ostafrika, das Halbblut Deutsch-Südwests, oder der unerträgliche Jude Galliziens oder Rumäniens ein Glied dieser Menschheit?

Wer überhaupt an die Menschheit denkt, dem beschränkt sich der Kreis auf die des Menschentums Würdigen (…) So wird man an eine Solidarität der germanischen Völker glauben können, was außerhalb dieses Kreises liegt, kümmert uns gar nicht (…)

Das ist die Magna Charta des Nazismus. Hannah Arendt, die sich explizit auf diese Textpassage Claß‘ bezieht, schrieb:

(…) die Idee der Menschheit, gereinigt von aller Sentimentalität, hat politisch die Konsequenz, daß wir in dieser oder jener Weise die Verantwortung für alle von Menschen begangenen Verbrechen, daß die Völker für alle von Völkern begangenen Untaten die Verantwortung werden übernehmen müssen. (…)
Völkische und rassische Wahnvorstellungen sind sehr reale, wenn auch sehr zerstörerische Auswege, den schier unüberschaubaren Komplikationen und der fast untragbaren Bürde unser aller Verantwortlichkeit zu entgehen. (Arendt, Hannah, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 2000, p. 501)

Stefan Breuers These, der alldeutschen Verband könne kaum als Speerspitze der völkischen Bewegung gesehen werden, ist zwar historisch zutreffend, weil der Verband, wie Breuer sauber herauspräpariert, zu viele disparate Strömungen vereinigt hat (Breuer, Stefan, Die radikale Rechte in Deutschland 1871-1945, Stuttgart 2010, p. 49, zu den Alldeutschen insgesamt vergl p. 39ff), insbesondere zwischen „völkischem Lager“ und „Altem Nationalismus“ (aaO p. 48). Aber für Claß persönlich gilt das natürlich nicht (was auch Breuer selbstverständlich sieht). Wie auch immer im Einzelnen: Diese aggressive, sozialdarwinistische, völkische Ideologie, hier excemplarisch an Claß verdeutlicht, müssen wir als Faktor mit in Rechnung stellen – zumal sie durchaus auch innerhalb der Macht- und Funktionselite im engeren Sinn, bis hin zu Kaiser und Kronprinz persönlich, ihre Wirkung entfaltete. Bekannt sind Riezlers Worte von 1912:

„Der Idee nach aber will jedes Volk wachsen, sich ausdehnen, herrschen und unterwerfen ohne Ende, will immer fester sich zusammenfügen und immer Weiteres sich einordnen, bis das All unter seiner Herrschaft ein organisches geworden ist“ Zitiert nach Geiss, p. 17)

Das ist, nur etwas gestelzter formuliert und mit schlechter Philosophie unterfüttert, Sozialdarwinismus in nuce.

Also, diesen ideologischen Hintergrund in weiten bürgerlichen Kreisen, vom Handlungsgehilfen bis zum Uni-Professor, haben wir in Rechnung zu stellen. Interessanterweise, wir hatten das schon, konnten die modernen Kapitalisten, die natürlich genau wussten, dass Profite sich um völkische Sichtweisen einen Dreck scheren, mit diesem plumpen Germanismus zT nur wenig anfangen. So ist etwa ein Gespräch zwischen einem Industriellen und Heinrich Claß überliefert, – Claß reflektiert dieses Gespräch offenkundig auch in seiner og Schrift p. 136ff -, wonach der gute Claß sich keine Sorgen machen solle, in wenigen Jahren würde Deutschland Europa beherrschen – und zwar ökonomisch. Soll ich jetzt sagen, dass sich, unter unglaublich blutigen Umwegen, diese Prophezeihung gerade erfüllt? Zumindest auf Spiegel-Online?

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Kommentare

  • Wolfgang  On August 19, 2014 at 17:10

    Hartmut, wohin führt das? Aber, wisch weg! Verschwörungstheorie oder, mann kann die Dinge auch so oder so oder so oder so…sehen oder lesen?

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