Julikrise – noch einmal Clark – update

Ich muss meine Kritik an Clark wg p. 549f nochmals aufnehmen und verschärfen. Was mir als Laie bis dato nicht so stark präsent war*: Berlin konnte den genauen Wortlaut des Ultimatums gar nicht vor dem 22. Juli kennen, weil man ihn auch in Wien ja erst am 22. an Giesl gesendet hat – und ihn daraufhin Berlin sofort übermittelte (Berlin wusste somit vor Belgrad!). Die Stoßrichtung des kuk-Vorgehens hingegen war Berlin, wie wir sahen und wie auch unstreitig ist, selbstverständlich jederzeit bekannt. Die damals, wie wir ebenfalls gesehen haben, sogar schon vor dem 22. angestellte und auch gegenüber Berlin geäußerte Mutmaußung der Triple-Entente, Berlin wisse doch genau, was Wien hier spiele, billige es und heize es ggfls sogar noch an, entsprach vollumfänglich den Tatsachen. Belege zB in: Geiss, Imanuel (Hrsgb.), Juli 1914, Die Europäische Krise und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, München 1965 (zit. nach der 2ten, 1980), „dtv Dokumente“, passim, summarisch Geiss‘ „Schlußbetrachtung p. 373 ff.. Besonders interessant ist die deutsche Zirkularnote vom 21. (Geiss, 132), die im deutschen offiziellen Weißbuch in offenbarer Täuschungsabsicht auf den 23. umdatiert wurde, um den Eindruck zu vermeiden, man habe von Österreichs Vorgehen vorab gewusst und es gedeckt. Das alles ist seit Jahrzehnten bekannt, und Clark weiß es natürlich auch.

Desto fragwürdiger ist es, wenn er schreibt:

„Es zählt zu den seltsamsten Merkmalen des österreichischen Krisenmanagements, dass man der deutschen Führung in Berlin erst am Abend des 22. Juli eine Kopie des Ultmatums zukommen ließ (eben jenes Ultimatums, welches erst am Nachmittag des 22. Juli in seiner endgültigen Fassung an den österreichischen Botschafter Giesl gesendet wurde; hf). Doch die deutschen Beteuerungen, über keinerlei Informationen zu verfügen (meine Hervorhebung, hf), klangen naturgemäß in den Ohren der Diplomaten der Entente unaufrichtig.“ (Clark, p. 550)

Ich bin nicht vom Fach, aber das muss ich auch nicht sein, um fest zu halten: Das geht so nicht. So darf man Quellen und Fakten nicht lesen. Die deutschen „Beteuerungen, über keinerlei Informationen zu verfügen“ klangen nicht nur unglaubwürdig – sie waren es auch. Berlin hat hier schlicht und einfach gelogen. Und zwar mit der intern vielfach und ganz unentstellt geäußerten Intention, international den Eindruck zu zerstreuen, man sei irgendwie mit Österreich-Ungarn solidarisch, säße mit am Tisch, und wolle eskalieren Genau das, wir sahen es, war aber der Fall – seit dem Blanko-Scheck. Update: Geiss sieht es richtig:

Alle Beteuerungen der deutschen Regierung in der Julikrise sowie der Verantwortlichen nach dem Krieg, Berlin habe nicht so rechtzeitig vor seiner Übergabe Kenntnis vom Ultimatum gehabt, daß ein deutscher Einspruch noch hätte erfolgen können, sind nichts weiter als diplomatische Zwecklügen, und die Geschichtswissenschaft sollte keinen Grund sehen, sie unkritisch zu übernehmen, sie für die historische Wahrheit zu halten.“ (Geiss aaO, p. 375)

Ich beeile mich hinzuzufügen: Im Absatz vorher hat Clark natürlich zT recht, wenn er p. 549 schreibt:

„Die später von Sasonow verbreitete und in der Literatur aufgegriffene Vorstellung, dass die Nachrict vom Ultimatum für die Russen und Franzosen am 23. Juli (…) ein furchtbarer Schock gewesen sei, ist deshalb Unfug.“ (Clark 549)

Indessen: Ob die Literatur das unkritisch aufgenommen hat, möchte ich mal bestreiten. Selbst die Fischerianer einschließlich Fischer selbst wussten natürlich, dass die klandestine deutsch/österreichische Operation „Eskalation“ der Entente nicht völlig verborgen geblieben ist**. Heute wissen wir – Belege brachte ich -, dass die Entente nicht nur durch von Flotows und Tiszas Plaudereien (darüber beklagte man sich in internen deutschen Schriftsätzen übrigens sehr angelegentlich), sondern auch qua Geheimdienst wusste, dass da noch ein dicker Hund käme. Anyway: Natürlich hat Clark hier recht. Nur hat das nichts mit der Frage zu tun, wer diese Krise aktiv eskaliert hat.

Aktiv eskaliert haben allein und ausschließlich:

a) Österreich-Ungarn. Die wollten einen lokalen Krieg gegen Serbien – wobei sie den ganz großen Krieg nicht wünschten, aber billigend in Kauf nahmen – und haben ihn (den kleinen Krieg) am 28. Juli 1914 auch eröffnet.

b) Das Deutsche Reich. Dort wollte man entweder eine diplomatische Sprengung der triple-Entente oder den ganz großen Krieg. Die „Tauben“ (wenn der Begriff hier denn statthaft ist) bevorzugten die diplomatische Lösung, der sowieso irgendwie und überhaupt unvermeidliche große Krieg wäre dann in Kauf genommen worden (vielleicht werde der diplomatische Sieg den militärischen überflüssig machen). Die „Falken“ (die sich durchgesetzt haben) bevorzugten dann gleich den großen Krieg. Ein bloß diplomatischer Erfolg wäre ihnen halbherzig vorgekommen.

Dem gegenüber hat die Triple-Entente belegbar Vermittlungsvorschlag über Vermittlungsvorschlag los gejagt. Man muss schon an deutlicher Verschwörungsparanoia leiden, um all diesen Vermittlungsvorschlägen – darin Kaiser Wilhelm folgend – dirty tricks zu unterstellen. Wie auch immer: Man hätte ja auf sie eingehen können, auf Grey, auf Sasonow. Und sei es, um ihr Ernsthaftigkeit abzutesten.

_____________

*Hieran sieht man auch: ich bin kein Fachmann, sondern arbeite mich selber im learning-by-doing in den Komplex ein. Desto kläglicher ist es, dass dieser schwere Fauxpass Clarks bisher in der Öffentlichkeit überhaupt nicht wahrgenommen wurde. Ich gehe zwar davon aus, dass einige Fachleute ihm das in Fachzeitschriften schon unter die Nase gerieben haben (hat jemand einen Link hierzu?), aber öffentlich wurde das inmitten der Clark-Besoffenheit bisher nicht, obwohl das Buch, auf englisch, seit ca 2 Jahren vorliegt, und auf deutsch auch schon fast ein Jahr.

** soviel, anbei bemerkt, zu Münklers, sorry, intellektuell unredlicher Austreuung, Fischer bekäme für seine Arbeit heute nicht einmal einen Proseminar-Schein, weil er sich bloß auf deutsche Aktenbestände gestützt resp nur die deutsche Seite in den Blick genommen habe. Worauf sich Fischer gestützt hat, möge man beim Herausgeber Geiss nachlesen – im von mir zitierten dtv-Auswahlband sowie in seinem zweibändigen Standardwerk Julikrise und Kriegsausbruch, Hannover 1964. Dort sind selbstverständlich auch Entente-Aktenbestände zitiert. Ob Fischer und seine Anhänger auch die Verantwortlichkeiten der Entente in den Blick genommen haben kann man ebenfalls nachlesen. Münkler möge sich hinstellen und in aller Schärfe nachweisen, dass Fritz Fischers Deutung falsch ist…ich werde es lesen und, sofern gut begründet, ihm dann auch zustimmen. Den Gegner jedoch durch Falschbehauptungen herauskicken, das geht nicht! Heute wird so getan, als seien Fischer und die seinen gleichsam der Kriegspropaganda der Entente aufgesessen… Ich bin und bleibe fassungslos darüber, wie man, gerade zum Hundersten „Jubiläum“, in Deutschland versucht, Geschichte umzuschreiben. Man möge mich naiv nennen: das hätte ich, angesichts der unstreitigen – Röhl hat völlig recht – Aktenlage so nicht für möglich gehalten.

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Kommentare

  • G.W.  On August 18, 2014 at 10:41

    Noch einmal meinen Dank und meine Bitte, das alles am Ende noch einmal zusammenzustellen. Sie können ja ggf. einen „Profi“ noch einmal drübersehen lassen.

    Was die akademischen Standards des Herrn Münkler angeht, nun ja, die mir bekannten akademischen Politologen haben keine nennenswert hohe Meinung von ihm….es ist halt alles auf Dienstleistung für Politik/Militär einerseits und die Einstimmung eines folgsamen Publikums andererseits berechnet. Ein klassischer aktiver Opportunist.

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