Julikrise – 30. Juli, Fortsetzung

Immer noch läßt mir der (scheinbare? tatsächliche?) Rückzieher Bethmanns vom 30., der dann ja auch schnell wieder aufgegeben wurde, keine Ruhe. Eine stringente Deutung fällt mir weiterhin schwer. In einer Sitzung abends im preussischen Staatsministerium (Bethmann war auch Präsident des preussischen Staatsministeriums), mit Tirpitz, Delbrück und anderen, sagt er, die Situation schwanke von Stunde zu Stunde. Neben anderem merkt Bethmann insbesondere an: Mobilmachung bedeute „unter unseren Verhältnissen – Mobilmachung nach beiden Seiten – den Krieg“ – spätestens jetzt ist sich Bethmann also der Konsequenzen des Schlieffen-Plans bewusst, wenn er es nicht sowieso die ganze Zeit über war. Bethmann weiß auch und sagt es auch klar, dass die Mobilmachung der anderen Länder diese eherne Konsequenz eben nicht enthalten. Wieso die russische Mobilmachung die deutsche unabdingbar machen sollte, ist demnach unklar. Und wieso Bethmann eine Politik des Brinkmanships betrieben hat, wenn er weiß (oder wissen musste), dass Deutschland gar nicht bluffen kann, dass Mobilmachung in Deutschland, und nur dort, sofort Krieg bedeutet, und zwar gleich den ganz großen…ich bin da ratlos. Die Hoffnungen auf englische Neutralität waren fast ebenso absurd wie die gleichen Hoffnungen, die ein anderer deutscher Reichskanzler 25 Jahre später wieder hegen wird… (Zitat des Protokolls nach: Krumeich, Gerd, Juli 1914, Paderbron 2014, p.320 ff) Krumeich deutet die Julikrise als Brinkmanship, als Test auf russische Kriegsbereitschaft und sieht – das hat einiges für sich – im starren Beharren auf „Lokalisierung“ den entscheidenden Fehler Bethmanns (aus heutiger Sicht, nicht aus Bethmanns, der wollte die Krise ja auf die Spitze treiben). Hinterher hieß es ja aus Deutschland: Wir sind unschuldig, wollten doch lokalisieren…aber die Krise war eben nicht mehr lokal, und beständig Vermittlungen abzulehnen mit dem Hinweis, das gehe nur Österreich und Serbien etwas an, wenn längst alle Mächte involviert sind, ihre Interessen berührt sind, das ist tatsächlich Realitätsverweigerung. Sozusagen die Fortsetzung der Realitätsverweigerung, die bereits im hanebüchenen Beschluß der Militärs angelegt ist, nur einen Plan zu haben, einen einzigen nur, den zum ganz großen Krieg. Selbst innerhalb der Logik von sog. Macht- und sog. Realpolitik ein absurdes Unterfangen, sich bestimmte Schachzüge einfach von vorneherein zu verbieten. Wenn man schon Weltmachtpolitik betreibt, sollte man dabei nicht auch noch ein Dummkopf sein…Krumeich sieht die deutsche Kriegsbereitschaft als gegeben an und schreibt, völlig zutreffend mE, der deutschen Reichsleitung die größte Verantwortung am Kriegsausbruch zu. Kriegsbereitschaft aber eher aus Fatalismus, aus einer Krieg-kommt-eh-Stimmung. Ich persönlich glaube, dass die Machtelite in Berlin nicht einheitlich war. Von melancholischen Fatalisten (Moltke, Bethmann?) über kriegsbereiten Weltmacht-Narren (Admiral v. Müller?, Riezler?, Stumm?), bis hin zu unklaren Kantonisten (Tirpitz), über allem ein nervöser, sprunghafter Kaiser. Also, ob Bethmnann seine Vermittlung am 30. ernst gemeint hat und sich dann von den „Argumenten“ der Militärs hat überfahren lassen – oder ob er das bloß für die SPD, für England und für die Akten getan hat, bleibt mir unklar. Angesichts der jahrelangen Krieg-kommt-sowieso-Stimmung plädiere ich eher auf „für die Akten“. Vielleicht aber auch eine diffuse Mischung, vielleicht schwankte er minutenweise, war wohl auch mit den Nerven runter. Der Sprung ins Dunkle…Halb zog es ihn, halb sank er hin, und ward nicht mehr gesehn…

Ich verweise die Leserinen und Leser insbesondere an die sozialdemokratische Presse. Zwar ist schon von Zarismus und dergl die Rede, und hintergründig wird das deutsche Interesse, die deutsche Ehre betont, wir alle wissen, was das in wenigen Tagen dann ergeben wird. Immerhin aber ist die Analyse, die der „Vorwärts“ am 30. vorlegt, in allen wesentlichen Bereichen zutreffend (Scan im vorigen Post): „Und England hat recht. Wie die Dinge liegen, fällt von Wilhelm II. die Entscheidung.“ Er spricht auch völlig zutreffend von den Kriegstreibern, der „Kamarrilla der Kriegstreiber“, von denen er mit einigem recht argwöhnt, sie wolle den Krieg schlicht. „Die Einwirkung Deutschlands auf Österreich ist deshalb das erste Gebot!“ schlußfolgert der „Vorwärts“ völlig zutreffend. Ganz Europa hat das damals gewusst. Interessant auch das Lob Kaiser Wilhelms, historisch ebenfalls zutreffend. Man muss Kaiser Wilhelm nicht mögen, aber diesen Krieg wollte er wohl wirklich nicht.

Arthur Bernstein schreibt am 30. Juli seinen Aufsatz, „Die letzte Warnung“. Er kann nicht mehr publiziert werden, nicht in dieser aufgeputschten Stimmung, nicht unter Kriegsrecht, das am nächsten Tag verhängt werden wird. Er wird erst 5 Jahre später bekannt.

Es besteht kein Zweifel mehr, die Nikolajewitsche diesseits und jenseits wollen den Krieg…Die Militärs wittern Gloire, und da die verantwortlichen Politiker in Deutschland nie mitzureden haben, wenn die Militärs sich unterhalten, werden Bethmann und Jagow sich bescheiden. (…) In wenigen Tagen wird niemand mehr die Wahrheit schreiben dürfen.

Darum also im letzten Augenblick: Die Kriegshetzer verrechnen sich. Erstens: es gibt keinen Dreibund. Italien macht nicht mit, jedenfalls nicht mit uns; wenn überhaupt, so stellt es sich auf die Seite der Entente. Zweitens: England bleibt nicht neutral, sondern steht Frankreich bei…England duldet auch nicht, daß deutsche Heeresteile durch Belgien marschieren, was seit 1907 allgemein bekannter strategischer Plan ist (sic!). Kämpft aber England gegen uns, so steht die ganze englische Welt, insbesondere Amerika, gegen uns auf. Drittens: Japan greift Russland nicht an, wahrscheinlich aber uns…(…) Österreich-Ungarn ist militärisch kaum den Serben und Rumänen gewachsen. Wirtschaftlich kann es sich gerade 3-5 Jahre selbst durchhungern. Uns kann es nichts geben. (…)
Unsere Botschafter kennen die Lage ganz genau. Auch Herr Bethmann muß sie kennen. Es ist nicht denkbar (damaliger Stil, gemeint: Es steht zu befürchten, hf), daß er das Reich durch Unverantwortlichkeit in einen drei- bis fünfjährigen Krieg hineinsteuern läßt, während er aus Scheu vor den Drohungen der Alldeutschen und Militaristen seiner Verantwortlichkeit sich entledigt. Ob wir am Ende dieses furchtbarsten Krieges, den die Welt je gesehen haben wird, Sieger sein werden, stehe dahin. Aber selbst wenn wir den Krieg gewinnen, so werden wir nichts gewinnen…Geld als Kriegsentschädigung wird am Ende des Gemetzels nirgends mehr zu finden sein…Deutschland führt den Krieg um nichts, wie es in den Krieg hineingegangen ist um nichts. – Eine Million Leichen, zwei Millionen Krüppel und 50 Milliarden Schulden werden die Bilanz dieses ‚frischen, fröhlichen Krieges‘ sein. Weiter nichts. (Bernstein, Arthur, Script „Die letzte Warnung“ zitiert nach: Ludwig, Emil, Juli 14, Hamburg 1961, p.97-98, Erstausgabe 1929)

Weiß jemand näheres? ist das Bernstein-Script authentisch?

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Kommentare

  • summacumlaudeblog  On August 16, 2014 at 09:15

    Es ja hier und anderswo schon geschrieben worden, sei nur noch einmal zusammengefasst: Admiral Fisher wollte die Grand fleet gegen die erstarkte Flotte des Kaisers wenden – ohne Kriegserklärung. Und wird selbstredend von den englischen Politikern zurückgepfiffen. Joffre wollte 1911 einen offensiven Aufmarschplan gegen Deutschland etablieren, der nördlich durch Belgien und Luxemburg führen sollte – und die französischen Politiker zeigen ihm einen Vogel.
    Nur in Deutschland war das anders: Moltkes (eigentlich Schlieffens) Aufmarschplan durch Belgien wird von keinem Politiker und auch von keinem Kaiser kassiert, sondern eben gedeckt, teilweise auch offen unterstützt.
    Das Primat der Politik bei politischen Entscheidungen – in Frankreich und England wird es (trotz der unbestreitbaren Anwesenheit von Kriegsfalken in der Gesellschaft) gewahrt bleiben. In Deutschland eben nicht. Diesen für mich recht entscheidenden Unterschied kriegt kein Clark und kein Münkler relativiert.

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