Julikrise – 30. Juli

Der 30. Juli ist der erstaunlichste, vielleicht auch ereignisreichste Tag.

Bethmann und Jagow entschliessen sich, so sieht es aus, den Krieg abzublasen. Es ist die berühmte „Wer regiert in Berlin, Bethmann oder Moltke?“-Episode.

Was ist passiert? Der Reihe nach.

In der Nacht zum 30. übermittelt Bethmann Tschirschky in Wien Greys (in Wahrheit Grey/Wilhelms, wenn man so will) Faustpfand-Vorschlag „Halt in Belgrad“ – diesmal, im Gegensatz zur flauen Übermittlung des Wilhelm-Planes,  mit dem klaren Diktum, Tschirschky hätte Wien Mitteilung zu machen, dass Berlin diesen Vorschlag als substanziell ansehe. In einem zweiten Telegramm wird darauf hingewiesen, dass Russland sich über den Gesprächsabbruch von seiten der Österreicher beschwert habe. Russland scheine noch verhandlungsbereit. „Wir müssen daher, um allgemeine Katastrophe aufzuhalten oder jedenfalls doch Russland ins Unrecht zu setzen, dringend wünschen, dass Wien Konversation fortsetzt“. Um 2:55 Uhr folgt ein weiteres Telegram mit der Lichnowsky-Warnung, England werde nicht neutral bleiben. Falls Österreich jede Vermittlung ablehne, stehe man vor einer sehr ungünstigen Konstellation, England, Frankreich, Russland gegen die Mittelmächte, Italien nicht dafür, Rumänien nicht dafür.  „Wir sind zwar bereit, unsere Bündnispflicht zu erfüllen, müssen es aber ablehnen, uns von Wien leichtfertig und ohne Beachtung unserer Ratschläge in einen Weltbrand hineinziehen zu lassen.“  Lichnowsky in London und Pourtales in St. Petersburg bekommen Telegramme, Deutschland sei weiterhin verhandlungsbereit.

Das sind widersprüchliche Signale. Katastrophe aufhalten bedeutet Frieden, Russland ins Unrecht setzen Krieg. Bethmann und Jagow (die Telegramme kamen von Jagow, Bethmann hat sie in der Nacht gegen gezeichnet) überblicken hier die Lage – genau so wird es ja kommen! – ganz offenbar sehr genau. Wie ist das im Licht späterer Ereignisse zu verstehen? Warum setzt Bethmann nicht die ganze Macht Deutschlands ein, um seinen Wiener Junior-Partner massiv auf Halt-in-Belgrad einzuschwören?

Wiederholen wir: Deutschland hat Österreich nicht nur den Blankoscheck ausgestellt. Deutschland saß bei allen österreichischen Planungen mit am Tisch, hat Österreich sogar zum schnellen Krieg gedrängt und war in Sorge, das der Elan der Österreicher zum Krieg im kuk-Schlendrian sich wieder verliere. Deutschland hat unstreitig Druck auf Österreich ausgeübt, jetzt aber bitte auch wirklich voll durchzuziehen. Deutschland hat unstreitig von vorneherein gewusst, wie Österreich plant: Nämlich ein vorsätzlich unannehmbares Ultimatum an Serbien zu stellen. Jetzt, im Licht der Signale aus den europäischen Hauptstädten, scheint Bethmann zu begreifen.

Warum erst jetzt, und auf einmal so massiv – nachdem man den ganz ähnlich gelagerten Vermittlungsvorschlag des eigenen Kaisers (!!!) 2 Tage vorher noch quasi sabotiert hat? Und warum wird die Reichsleitung diesen richtigen Einsichten keine Taten folgen lassen?

Zur ersten Frage: Möglichwerweise wurde Bethmann erst am 29. wirklich bewusst, dass England nicht neutral bleiben werde. Bethmanns Plan ist zusammengebrochen. Dies ist bekanntlich Fritz Fischers These. Und bei allem Respekt: Sie ist unlogisch. Wenn Bethmanns Kriegsplanung zusammen gebrochen ist, so muss er den Entschluß, sich der Greyschen Vermittlung anzuschließen, unter allen Umständen durchhalten.

Gegenüber dem englischen Botschafter Goschen wird genau dies zunächst weiter kommuniziert. Erst Jagow, dann Bethmann selber treffen Goschen, versichern, sie würden in Wien auf Vermittlung drängen.

In Russland spricht Sasonow mit Pourtales über den Greyschen Vermittlungsvorschlag. Der dutsche Botschafter weist auf die russische (zu diesem Zeitpunkt noch Teil)mobilmachung hin – dies würde eine Vermittlung sehr erschweren. Hier zeigt sich, dass Clark, Neitzel und Münkler viele Aspekte der Krise zunächst völlig richtig sehen: Ein typisches Dilemma beim Brinkmanship. Wer zuerst mit den Augen blinzelt, hat verloren – ich selber muss also fest bleiben, denn dem da drüben ist ja nicht zu trauen. Dann aber macht Sasonow seinerseits den Vorschlag, die russische Mobilmachung könne zurückgenommen werden, wenn Österreich sich schriftlich verpflichte, die unannehmbaren Teile des Ultimatums zurück zu nehmen. Bethmann scheint dieses Mal darauf eingehen zu wollen. Er kritzelt an den rand, Serbien habe doch nur die Beteiligung österreichischer Beamter abgelehnt – Wien könne doch Teile Serbiens besetzt halten…also wiederum der Halt-in-Belgrad-Plan. Aber daneben finden wir den Satz „Durch mündlichen Vortrag erledigt!“ Vermittlung abgelehnt! Wie und warum und durch wen per ‘mündlichem Vortrag’der Sasonow-Vorschlag abgelehnt wurde, ist, wie so manches in der Julikrise, unbekannt. Halten wir aber fest: Es gab einen russischen Vorschlag, die Mobilmachung einzustellen – und dieser Vorschlag war nicht an unzumutbare Bedingungen verknüpft, sondern lediglich an Bedingungen, die sich als gut vereinbar mit dem Wilhelm-Grey-und-dann-auch-Bethmann-Vorschlag „Halt in Belgrad“ vereinbaren lassen. Inzwischen wollen einige Historiker diesen Vorschlag Sasonows als „nicht mehr Ernst gemeint“ ansehen. Die Probe auf die Ernsthaftigkeit der sog. „Sasonow-Formel“ aber hat Berlin, siehe weiter unten, nicht mehr vorgenommen. Die Suggestion, seit der russischen Mobilmachung habe es keine Alternativen zum Krieg mehr gegeben, ist so jedenfalls nicht haltbar. Man hat den way out nicht einmal mehr versucht.

Auch hier: Warum denn nicht?

Und wie reagiert Wien jetzt auf Deutschlands Drängen?

Drängt Deutschland überhaupt nachhaltig? Denn Tschirschky unterschlägt (!!!) das Weltbrandtelegramm, berichtet nur vom ersten. (Wegen des Rüfels vor einem Monat? Weil vor zwei Tagen Wilhelms Vorschlag flau gemacht wurde? Weil er selber zum Krieg treiben will? Mehrfachnennung möglich. Wir werden es nicht erfahren…) Dennoch ist Berchtold auch so von dieser Wendung überrascht. Krageneck (deutscher Militärattache in Wien) befürchtet sogar, der Krieg solle abgeblasen werden – was ja, sieht man sich die Bethmann-Telegramme an, ein durchaus plausibler Eindruck wäre. Und schämt sich dafür.

Am Nachmittag jedenfalls insistiert Jagow noch einmal beim ödterreichischen Botschafter in Berlin, den Faustpfandplan anzunehmen.

Aber Wien verweigert sich. „Mit Rücksicht auf die Stimmung in Armee und Volk“, so meldet Tschirschky telefonisch. Berchtold will lediglich doch wieder mit Russland direkt reden – bisher haben sowohl Berlin als auch Wien ja massiv die Lokalisierungskarte gespielt (der Konflikt gehe nur Serbien und Österreich etwas an, punkt!). Allerdings primär – Berchtolds Ansatz unterscheidet sich von dem Bethmanns in nichts – um „das Odium der Entfachung eines großen krieges zu vermeiden und es gegebenenfalls Russland zu überlassen“.

Also gerne noch einmal: Berlin hat dreieinhalb Wochen lang die Krise forciert, war über jeden österreichischen Schritt informiert, billigte ihn, unterstützte ihn bis in Detailfragen (Zeitpunkt der Ultimatumübergabe)…wir haben das alles ja durchgekaut. Und jetzt dieser Rückzieher. Wie geht es weiter? Warum doch Krieg? Im Verhältnis Berlin Wien ist, das ist unstreitig, Berlin der Senior-Partner, nicht umgekehrt. Ich werde den Faden gleich wieder aufnehmen. Aber am heutigen Tag passieren noch andere spannende Dinge.

Moltke drängt auf Generalmobilmachung, die ihm Bethmann – es ist so etwa 13 Uhr – verwehrt (natürlich verwehren muss, weil Deutschland sich sonst ja ins Unrecht setzen würde). Daraufhin kabelt Moltke eigenmächtig, man kann fast von einem klammheimlichen Militärputsch reden, an Conrad, Österreich solle gesamtmobil machen. „Deutschland geht unbedingt mit“. Es ist dies das berüchtigte Telegramm, welches in Wien zu der Frage führt, wer in Berlin eigentlich regiere, Bethmann oder Moltke? Es erscheint ein Extrablatt, mit ziemlicher Sicherheit von den Falken in Berlin lanciert, in dem die deutsche Mobilmachung bereits verkündet wird – offenbar sollen Fakten geschaffen werden. das Blatt wird beschlagnahmt; Berlin dementiert.

Kaiser Wilhelm erfährt heute von der Grey-Vermittlung und vertieft sich in die Schriftstücke. Obwohl Greys Vorstellungen den seinen doch ziemlich entsprechen, reagiert Wilhelm typisch Wilhelm-like: Er flippt regelrecht aus, als er ließt, dass Grey klarstellt, englische neutralität werde es in einem umfassenden Konflikt nicht geben. Die Randbemerkungen Wilhelms sind zum Teil regelrecht peinlich. Grey sei ein gemeiner Täuscher, der durch Machinationen die Lage dahin geführt habe, wie sie jetzt stehe. Grey habe eingekreist, wolle Deutschland aus dessen Bündnis mit Österreich einen Strick drehen, wolle Deutschland vernichten…die gesamte spätere Kriegspropaganda gegen das „perfide Albion“, dieses „Krämervolk“, ist bereits in diesen Randbemerkungen angelegt – England sei schuld am Krieg, wenn er käme…etcetc, es ist maßlos, haltlos, völlig realitätsfremd. Aber bezeichnend für den Blick der deutschen Machtelite – nicht nur Wilhelms! – auf England. Und bezeichnend für deren Einkreisungsparanoia, die in gewisser Weise gar nicht paranoid war, denn die triple-Entente war ja Realität. Nur hat Berlin nie begriffen, dass sie entstand eben aufgrund der Rambo-Diplomatie des Kaiserreichs.

Nachdem er seinem Herzen Luft gemacht hat, schickt „Willy“ mal wieder ein Telegramm an „Nicky“ (Zar Nikolaus) und schiebt ihm die Verantwortung zu. Erst danach liest er ein vorher abgeschicktes telegramm „Nickys“, in dem der Zar bittet, die Vermittlungsbemühungen nicht abbrechen zu lassen. Die militärischen Maßnahmen Russlands seien zwar schon vor 5 Tagen entschieden worden (to decide), was Wilhelm merkwürdiger weise fälschlich als „getroffen“ liest, obwohl er englisch fast perfekt beherrscht. Auch hier wüste randbemerkungen, der Zar habe ihn hintergangen etcetc. Wo Neitzel, Münkler und Clark recht haben, haben sie Recht: das Misstrauen ist schon so groß, dass man dem Gegner ggfls wirklich ernst gemeinte Vermittlungsbemühungen nicht mehr abnimmt und sie nur noch als dirty trick wahrnehmen kann. Zugleich wirft Wilhelm, wie Pöppelmann sauber herauspräpariert, den Russen genau das vor, was er selber betreibt. (Pöppelmann p. 227 ff)

In Paris sind Poincare und Viviani wieder an Bord. Russland wird gebeten, nicht herausfordernd aufzutreten. Der kuk-Botschafter in Paris, Szésen wird von Viviani aufgefordert, Wien möge Greys Vermittlung akzeptieren. Allerdings glaubt Paris (ebenso wie Berlin!), dass ein Krieg a la lounge nicht vermeidbar sein wird. Man ist recht gut informiert über die präventivkriegerische Stimmung unter den Falken in Berlin. Dazu benötigt Paris übrigens gar keinen Geheimdienst (der der Franzosen ist vorzüglich!). Sie müssen bloß deutsche Publikationen lesen. Zum Beispiel „Wenn ich der Kaiser wär“ von Heinrich Claß, dem Führer der Alldeutschen, den man mit Fug und Recht als Hitler-Ahnen bezeichnen darf. Für mich, nebenbei bemerkt, eine der widerwärtigsten prä-Hitler-Figuren der deutschen Geschichte. Er wird denn auch, nachdem die Sach’ 1918 scheep ‘gangen ist, als einer der ersten dazu aufrufen, die deutsche Niederlage den Juden in die Schuhe zu schieben. Eine versindelte, innerlich verwahrloste Gestalt. Die gemeine Lüge als akzeptiertes Lebensprinzip. Aber wir haben den 30. Juli 1914…

Zwischen Poincare und Viviani gibt es erhebliche Differenzen. Poincare ist selber bereits in Kriegsstimmung, war es wohl auch schon in St. Petersburg. Er möchte England gleichsam festklopfen.

In Russland wird der Zar bedrängt, seinen nächtlichen Widerruf der generalmobilmachung gestern zurückzunehmen. Am frühen Nachmittag gibt er nach. Der Berlinber Lokalanzeiger hat schon vorher in einem gefakten Extrablatt die deutsche Teilmobilmachubng verkündet. Das Blatt wurde beschlagnahmt. Ob, wie Fritz Fischer vermutet, die Falken in Berlin diese Falschmeldung lanciert haben, um weine russische Generalmobilmachung zu provozieren, muss unklar bleiben.

Wie geht es jetzt weiter mit dem deutschen Insistieren auf den Faustpfandplan?

Die Österreicher wiegeln ab; wir sahen das schon. Sie spielen zudem, wie Stumm telefonisch erfährt, auf Zeit; Tisza käme erst morgen früh, vorher könne man nicht agieren (das Zeitargument wurde den Serben beim Überreichen des Ultimatums von Giesl nicht zugestanden, aber gut!). Tschirschky erhält ein weiteres telegramm. Wenn Wien ablehnt dokumentiere es, dass es unbedingt Krieg wolle! (Nichts anderes sagt die Triple-Entente, seit es das Ultimatum kennt! Und Berlin weiß ja auch seit eh, dass es genau so auch ist! Also warum dieses telegramm? Ein weiteres Mal drängt sich der Verdacht eines taktischen Verhaltens massiv auf…oder hat Bethmann erst jetzt die Konsequenzen seiner Leichtfertigkeit, die Konsequenzen des Blankoschecks begriffen?) Am Abend meldet sich noch der Kaiser und will Kaiser Franz Joseph in einem Telegramm nochmals den Faustpfandplan nahe legen.

In einem Gespräch mit dem russischen Botschafter in Berlin Swerbejew weist Jagow den Sasonow-Vorschlag (siehe oben) zurück.

In Brüssel haben sich die europäischen Links-Parteien/Sozialdemokraten/Sozialisten auf nichts verbindliches einigen können.

Am 30. abends 23 Uhr wird die russische General-Mobilmachung inoffiziell bekannt. Und sofort weist Bethmann Tschirschky an, die Telegrame, die auf Vermittlung drängen, zu ignorieren. Dem russischen Botschafter wird bedeutet, Wien könne sich nicht derart erniedrigen. Bethmann deutet die Sasonow-Formel offenbar als Trick.

Ich glaube, dass es nur eine vernünftige Erklärung für Berlins merkwürdiges Verhalten an diesem Tag geben kann: Es wollte mehrgleisig fahren: Erstens dachte man an die Innenpolitik, die Engländer und vielleicht sogar schon an die Akten und an das eigene Gewissen. Es ging ja darum, Russland ins Unrecht zu setzen. Sollte der Krieg kommen, wäre er abgesichert („ich wollte doch Frieden, hier stehts doch“). Andererseits wirkt das ganze dann aber auch wieder wie ein Spiel auf Zeit. Motto „Hoffentlich mobilisieren die Russen jetzt endgültig, dann haben wir sie da, wo wir sie haben wollen. In der Zwischenzeit müssen wir Vermittlungsbereitschaft simulieren, da uns ansonsten innen- wie außenpolitisch der Laden um die Ohren fliegt“ Entscheidend: Als die ersten, vagen Berichte über die russische Gesamtmobilmachung eintrudeln, wird das Ruder sofort wieder herum gerissen – und der Reichsleitung muss klar sein, dass das jetzt nun wirklich Krieg bedeutet – der ganz große Krieg, natürlich mit England als Gegner! Bei allen Unklarheiten rund um die Bethmann-Vermittlung am 30.: Berlins zunächst massives Insistieren darauf, den Grey(Wilhelm)-Vorschlag anzunehmen – was dann sofort wieder fallen gelassen wird – kann ich nicht anders interpretieren als eben so: Berlin wartet gleichsam händeringend auf die russische Gesamtmobilmachung. Kommt sie – prima! Krieg, zu unseren Bedingungen. Und die Akten zeigen, wie friedensbereit wir doch waren. Kommt sie leider nicht – weniger gut, aber akzeptabel. Diplomatischer Erfolg. Hätte Bethmann, hätte die Reichsleitung den „Weltbrand“ ehrlich verhindern wollen – sie hätten es problemlos gekonnt.

Moltke und Falkenhayn erreichen, dass am nächsten Tag spätestens ab 12 Uhr der sog. „Zustand drohender Kriegsgefahr“ (Belagerungsrecht u. dergl., wenn man so will Defcon 2) ausgerufen wird.

Ältere Deutungen gehen von einem ernsten Vermittlungsversuch Bethmanns aus; nur hätten die Militärs und ihr Insistieren auf die Unabdingbarkeit militärischer Mechanismen letztlich alles bestimmt. Exemplarisch J.R. von Salis (Schweizer Historiker, Freund von Golo Mann)

„Diese klaren Aussagen (aus London, hf) veranlassen Bethmann, der sehr betroffen ist, am 30. Juli, dem Donnerstag, wiederholt und dringend von Berchtold eine Zustimmung zu den gemachten Vorschlägen zu verlangen (…)
Berchtold hört „bleich und schweigend“ zu, als ihm Tschirschky an jenem Donnerstag, während sie mittags zu Tische saßen, zweimal Lichnowskys Telegramm aus London vorlas, in dem von Greys unmißverständlicher Warnung die Rede war. Er werde dem Kaiser (Franz Joseph, hf) darüber Vortrag halten, lautete die unverbindliche Antwort. Nach der Audienz bei Kaiser Franz Josef und einer Rücksprache mit General Conrad kam der Außenminister im Lauf des Nachmittags zu dem Schluß, Österreich müsse die deutsch-englische vermittlung ablehnen. Die diplomatischen Bemühungen, mit vermittelnden Formeln das schnell schreitende verhängnis zu beschwören, waren gescheitert. Bethmann seber wiederrief in der Nacht zum 31. seine Instruktionen. Was war geschehen? Der Reichskanzler begründete seinen Sinneswandel mit der Ansicht des Großen Generalstabs, „unsere Nachbarn, namentlich im Osten“ drängten zu schleunigen Entscheidungen. Moltke hatte das Gesetz des Handelns an sich gerissen.“ (folgt die Episode der Moltke-Telegramme an Conrad) (…) Fragwürdig ist die Legitimation des Generalstabschefs von Moltke, im Namen Deutschlands den Bündnisfall gegenüber Österreich anzuerkennen. (…) „Ja, wer befiehlt denn in Berlin? Moltke oder Bethmann?“ (Salis, J.R. von, Die Ursachen des Ersten Weltkriegs, Stuttgart 1964, Sonderteildruck aus „Weltgeschichte der neuesten Zeit“, Zürich 1955, p. 72-75)

Tatsächlich war dies, so in etwa jedenfalls, auch der Tenor der offiziösen deutschen Geschichtsschreibung, die sich nur zu gerne an Lloyd Georges alle-sind-reingeschlittert-Theorie orientierte – wobei die deutsche Geschichtsschreibung, indem sie sich auf Russland fokussierte, sozusagen noch einen drauf setzte: Moltke musste sich durchsetzen gegen Bethmann, da Russland ja mobilisiert habe. Ohne russische Mobilisierung hätte die Bethmann-Vermittlung ggfls sogar geklappt. Dieser Film ist mehr als entlarvend (Russland war auch damals schon an allem schuld…). Man nehme ihn bitte nicht als Wahrheit…

(Auch Clark sieht in der russischen Mobilmachung einen wesentlichen Faktor in der Julikrise – Clark p. 651 ff Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen reduziert Clark die Darstellung dieser dramatischen Bethmann-Telegramme in einem knapp 900 Seiten langen Werk über den Kriegsausbruch auf einen (!!!) Absatz p. 671 und macht sich dort im wesentlichen die Argumente der deutschen apologetischen Geschichtsschreibung zueigen – Bethmanns „Bemühungen wurden wiederum durch die Schnelligkeit der russischen Vorbereitungen zunichte gemacht“ Clark 671. das entwertet das Buch von Clark doch um einiges, verzeihung.)

Fritz Fischer, siehe hier, meinte, hier sei Bethmanns Plan in sich zusammen gebrochen. Fischers Deutung ist mE nicht völlig falsch, aber ich glaube: Englands Neutralität (um die Bethmann zweifellos rang) wäre nice to have, aber nicht mehr. Wäre Englands Nicht-Neutralität (über die Berlin im Gegensatz zu allen apologetischen Ausstreuungen, bis heute, natürlich ganz genau informiert war; der Verlauf des 30. beweist es allen, denen die vorigen Beweise nicht genügt haben mögen!)…wäre diese Nicht-Neutralität entscheidend gewesen für Berlins Entschluß Krieg oder Friede, spätestens heute hätte die Reichsleitung Österreich fallen lassen müssen – was man sogar in einen diplomatischen Triumph hätte ummünzen können.

Hier eine interessante frühe Deutung von Fabian, herausgegegebn von Geiss.

Und nun das „Hamburger Echo“, die „Hamburger Zeitung“ und der „Vorwärts“ vom 30. Juli 1914.

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Kommentare

  • G.W.  On August 15, 2014 at 18:49

    Wieder einmal großen Dank für diese kritische Synopsis. Das „Russland ins Unrecht setzen“ scheint ja eine Deutsch- und Westkonstante auch über 100 Jahre. Herrn Münkler, einen eingebetteteten Historiker/Politologen mit engsten Verbindungen zu Miltär und Regierung, würde ich ungefähr so einordnen, wie beispielsweise die dienstleistenden Historiker der DDR in der Akademie der Wissenschaften einzuordnen waren.

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