Julikrise – Heinrich Mann

Lesenswert. Dass auch Heinrich Mann „präfaschistischen“ (wie Klein richtig sagt) Gedanken anhing, wissen die meisten wohl gar nicht. Entledigte er sich ihrer je ganz? Vermutlich nicht. Man sollte es einem 1871 Geborenen nachsehen. Was an Manns späterer, „linker“ Publizistik eher stört ist, mit allem Verlaub, ihre Holzschnitzartigkeit. Man muss die damals reaktionäre Gesinnung seines Bruders nicht teilen und kann dennoch zustimmen, wenn sich Thomas Mann über die kritiklose Frankreichverehrung enerviert zeigt.

Sein Essay „Reichstag“ (1911) über die „Instinktverlassenheit dieses Bürgertums“, welches vor den adeligen Gutsherren kuscht, sich weigert, die Machtfrage zu stellen und lieber, um mit einem Plätzchen am Katzentisch belohnt zu werden, auf die Sozialdemokratie einschlägt, ist passagenweise brilliant…analytisch ist dieser idealistische Apell an die Selbstachtung des Bürgers nicht. Analytisch wäre es, zu fragen, warum sich das Bürgertum, auch das jüdische (dessen „Leben (…) sicher nicht vergangen (ist), ohne dass (es) die Feindseligkeit des christlich geschminkten Feudalstaats erfahren hat“) so unterwürfig verhält. „dieser widerwärtig interessante Typus des imperialistischen Untertanen, des Chauvinisten ohne Mitverantwortung, des in der Masse verschwindenden Machtanbeters“ (alle Zitate: Mann, Heinrich, Reichstag, in: Mann, Heinrich, Macht und Mensch, Essays, Frankfurt/Main 1989 p. 26ff) – alles zunächst korrekt gesehen. Aber auf Deutschland reduziert. Heinrich Mann versteht nicht, dass es diesen Chauvinisten zwar vielleicht bevorzugt im wilhelminischen Deutschland gibt, er jedoch im damals imperialistisch, militaristisch, nationalistisch und vor allem auch rassistisch geprägten Europa letztlich überall zu Hause war.

Und so etabliert Heinrich Mann „Frankreich“ als Gegenentwurf zum wilhelminischen Deutschland – ein reichlich idealisiertes, literarisches Frankreich. „Sie hatten es leicht, die Literaten Frankreichs, die, von Rousseau bis Zola, der bestehenden Macht entgegentraten: sie hatten ein Volk. Ein Volk mit literarischen Instinkten, das die Macht bezweifelt, und von so warmem Blut, daß sie ihm unerträglich wird, sobald sie durch Vernunft widerlegt ist.“ (Geist und Tat, aaO p. 13). Mit allem Verlaub, dieses ästhetizistisch begründete Politikkonzept, dem man schwerlich völkische Elemente wird absprechen können, war und ist politisch so unbrauchbar wie sein Counterpart in den „Betrachtungen“. Dass Heinrich Mann im „Untertanen“ Recht behielt gegen die pro-preussischen Argumente seines Bruders, ist jedenfalls nicht seinem überlegenen Konzept geschuldet – sondern seiner Beobachtungsgabe.

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