Julikrise – Clark: Strukturalismus/Funktionalismus versus Intentionalismus

Clark insistiert, Deutschland habe den Text des Ultimatums ja auch erst am 22. kennen gelernt (was formal natürlich richtig ist) – deswegen sei die Unterstellung der Triple-Entente, Deutschland sei genau im Bilde, was Österreich so alles plane, falsch…und das ist natürlich schlicht unwahr (Clark, p. 549ff). Selbstredend war Deutschland jederzeit genau im Bilde, wir sahen es. Und Clark sollte es eigentlich auch wissen. Die konkrete Passage zeigt, bei allem Respekt, die Grenzen strukturalistisch/funktionalistischer Ansätze auf. Clark will nicht wissen, warum Person X das-und-das tat, er will verstehen, wie etwas sich vollzog (Clark, Einleitung passim). Das ist ein legitimer Ansatz. Nur alleinseligmachend ist er nicht. Der ganze Streit um Clark reflektiert meines Laienerachtens nur den Streit von vor reichlich 30, 40 Jahren zwischen den Strukturalisten und den Intentionalisten rund um den Judenmord. Der damalige Streit dürfte inzwischen eindeutig (und richtigerweise) zugunsten der Intentionalisten entschieden sein. Natürlich gab es einen Führerbefehl zum Judenmord. Görings berüchtigtes Bestallungsschreiben ist ohne Hitlers Rückendeckung nicht denkbar. Und der jetzige Streit wird sich letztlich auch zugunsten der Intentionalisten entscheiden, dafür ist auch hier die Quellenlage, wie Röhl richtig sagt, zu eindeutig: Berlin wusste, Berlin segnete ab, Berlin drängte, Berlin wollte. Zumindest eskalieren. Und einzelne innerhalb der keineswegs homogenen Macht- und Funktionselite in Berlin wollten, nicht erst seit Sarajewo, dann auch gleich den ganz großen Krieg – „besser jetzt als später“ (Moltke). Es gab in Berlin keine homogene Führungsschicht, die samt und sonders nach einem „Griff nach der Weltmacht“ aus war…Wenn das Fritz Fischers provokante These war (in gewisser Weise war sie es), dann ist sie natürlich erstens falsch und zweitens trivial falsch. Aber sicherlich hat Berlin in seiner Gesamtheit einen Krieg – nicht diesen, einen! – gewollt und planmäßig herbeigeführt. Manche den kleinen, den der Österreicher, der abzudecken war. Andere wollten dabei auch gleich den großen Krieg herbeiführen (besser jetzt als später). Wiederum andere wollten den kleinen und es beim großen drauf ankommen lassen. Aber Berlin hat planmäßg eskaliert, hat vorsätzlich auf die Tube gedrückt, und Röhl hat schon recht, wenn er, etwas sehr angesäuert, davon spricht, dass es angesichts der quellenkritisch erschlossenen Fakten schon komisch sei, dass diese Diskussion jetzt aufkomme.

Das bedeutet nicht, Clarks Buch allen Wert abzusprechen. Mitnichten. Es ist ja richtig, Spiel und Gegenspiel wertfrei zu analysieren. Es ist ja richtig, sich erst einmal dem Blame-Game zu entziehen. Sowenig sich Broszats These vom fehlenden Führerbefehl durchgesetzt hat – um zu verstehen, warum konkrete Menschen in der konkreten Situation so handelten, wie sie handelten, ist es weiterhin wertvoll, sich mit Broszats strukturalistischem Blick auseinander zu setzen. Und da wir in Deutschland sind, wo man immer brav die Selbstverständlichkeiten hinzu tun muss: nein, Broszats Ansätze haben mit den widerlichen Ergüßen eines David Irving nicht das Geringste zu tun. Nein, Clark behauptet nirgends, Berlin sei unschuldig. Und nein, indem ich, aus rein theoretisch-methodologischem Interesse als Philosoph, den damaligen Streit Strukturalismus/Funktionalismus versus Inentionalismus mit der heutigen Clark-Debatte vergleiche, behaupte ich nicht – so aberwitzig die Entscheidungen der Reichsleitung damals 1914 auch waren -, dass sie moralisch identisch sind mit dem Entschluß zum Judenmord. Dafür, und es ist ua Clark, der dafür den Blick schärft, war der Krieg, auch der innerhalb Europas, damals noch viel zu anerkannt als mögliches Mittel der Politik. Im Gegensatz zum industriell organisierten Massenmord an Menschen in Europa. (Außerhalb Europas? Fraglich…)

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Kommentare

  • genova68  On August 13, 2014 at 08:21

    Toll, was du dir für Arbeit machst. Sitzt du derzeit in Bibliotheken und liest alte Zeitungen per microfiche? Oder hast du damit eh zu tun?

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