Julikrise, 29. Juli, Teil 3 und Ergänzungen/Korrekturen

Ergänzungen:

Bethmann kannte, im Gegensatz zu dem, was Wehler glaubte, den Schlieffenplan in seinen Grundzügen seit 1912 sehr wohl (vergl Afflerbach, Holger, Die militärische Planung des deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg, in Michalka, aaO, p. 280ff). Alles andere hätte mich auch erstaunt.

Crowe analysiert den Bericht Buchanans (Botschafter in St. Petersburg) über den Poincare-besuch am 24. Juli zutreffend: „Es ist klar, dass Frankreich und Russland entschlossen sind, den ihnen zugeworfenen Handschuh aufzuheben“ (zitiert nach: Fesser, Gerd, Deutschland und der Erste Weltkrieg, Köln 2014, p. 32 – sehr empfehlenswert) Man muss klar festhalten: Einen Fehdehandschuh aufnehmen ist, wenn die Frage nach den Ursachen gestellt wird, nicht gleichbedeutend mit den-Fehdehandschuh-zuwerfen. Die Falken innerhalb der Triple-Entente haben die Eskalation dankbar aufgenommen – aber sie haben nicht selber eskaliert.

Am 25. tritt in St. Petersburg der Kronrat zusammen. Beschluß: Trotz des immer noch nicht zufrieden stellenden Zustandes der Armee (der Russland 1909 hatte zurückschrecken lassen und der ja auch im russisch-japanischen Krieg klar zutage trat) beschließt man diesmal, den Krieg anzunhemen und am 26. mit ersten Kriegsvorbereitungen zu beginnen. (Fesser, aaO, p. 33)

Ich verweise auf Röhls Aufsatz in der Süddeutschen und, ausführlicher und fundierter, auf seinen Aufsatz „Vorsätzlicher Krieg? Die Ziele der deutschen Politik 1914“ im Michalka-Sammelband p. 193 ff. Mir sind Clarks und Münklers Argumente so nicht nachvollziehbar. Dass Deutschland vorsätzlich zum Krieg eskaliert hat dürfte feststehen. Eigentlich steht es seit der Kautsky-Publikation fest. Die Entscheidung, es bei nächster Gelegenheit zum Krieg kommen zu lassen, dürfte seit spätestens 1913 bestanden haben.

29. Juli, abends: 21:12 Eingang des Telegramms Lichnowskys. Es enthält einen neuen Vermittlungsvorschlag Greys: Und zwar, vermutlich/sicherlich in Unkenntnis des kaiserlichen Vorschlags , exakt den kaiser Wilhelms: Der berühmte „Halt in Belgrad“-Vorschlag. Zugleich wird noch einmakl klargestellt: in einem Balkankrieg bleibt England neutral, in einem europäischen nicht. (Es kann zum wiederholten Male überhaupt nicht die Rede davon sein, Grey hätte sich Berlin gegenüber irgendwie mißverständlich ausgedrückt.)

Bethm,ann kennt dieses Telegram noch nicht, als er sich mit Goschen (englischer Botschafter) trifft. Bethmann deckt, zu Goschens fassungslosigkeit vermutlich, dort seine Karten auf: Neutralität Niederlande garantiere man, Belgiens jedoch nicht, da man dort ggfls zu Operationen gezwungen sei. Aber man habe keine Ansprüche gegen Belgien. Auch Frankreichs territoriale Integrität in Europa (nicht die seiner Kolonien) werde man garantieren. Gegenleistung sei Englands Neutralität. In England versteht man sofort: Deutschland werde die belgische neutralität verletzen; die niederländische sei nur garantiert, da man einen neutralen Einfuhrhafen benötige.

Hier der „Vorwärts“ vom 26. – 29. Juli, mit vielen interessanten Berichten, auch und gerade zB vom nationalistischen Mob auf den Strassen, von dem wir inzwischen recht gut wissen, dass er keineswegs spontan, sondern organisiert auftrat (26., p2, 28., p3 – ua der Jungdeutschlandbund, den wir schon erwähnten, tat sich hervor, und natürlich auch Couleurstudenten). Am meisten Beachtung verdient natürlich die prophetische Schlagzeile von 26. (!!!): Der Auftakt zum Weltkrieg. Warum die Sozialdemokraten nur wenige Tage später sich eines abgrundtief Schlechteren besinnen, gehört, trotz aller akribischen Forschung speziell hierzu, letztlich für mich zu den ungelösten Rätseln dieser Tage. Fairerweise muss man sagen: Sie waren nicht allein. Alle westlichen Arbeiterparteien haben jeweils mitgemacht. gegen die Kriegskredite werden nur zwei sozialistische Parteien stimmen: die russische…und die serbische.

update: da der Scan der Titelseite vom 29. leider verderbt ist, hier ein Transkript der entscheidenden Passage:

(…) (Es) ist wirklich an der Zeit, daß die deutsche Regierung, die ja ihre Friedensliebe so sehr betont hat, die ernstlichen Beweise dieser Gesinnung liefert. Oder sollten die verantwortlichen Stellen wieder einmal nicht gegen die unverantwortliche Nebenregierung ankommen können?

Die Intervention der Mächte ist jetzt die Vorbedingung der Aufrechterhaltung des Friedens. Deutschland und Italien, die Verbündeten Österreichs, sollen ja neben Frankreich und England schiedsrichterlichen Einfluß üben. Günstigere Bedinungen kann Österreich doch gar nicht erwarten. Wenn es trotzdem Obstruktion betreibt und über Serbien herfallen will, so hat die deutsche Regierung es eben zur Raison zu bringen.

Die deutsche Ausrede gegenüber England, ja wir sind für internationale Schlichtung, aber nur, wenn Österreich nichts dagegen einzuwenden hat, ist direkt unsinnig. Wenn Deutschland als Verbündeter Österreichs alle Unbesonnenheiten Österreichs in einem Meer von Blut ausbaden soll, so ist es doch nicht Statist, sondern vollberechtigter Kontrahent!

Und was soll es anderes heißen, wenn Deutschland dem Gedanken zur Konferenz mit der Anregung begegnet, daß es besser wäre, wenn die (unleserlich, wer korrigiert) selbst sich an Russland und Österreich wendete, als daß die unheilvolle Affäre verschleppt und kompliziert werden soll.

Man konnte damals also sehr wohl als wacher Zeitgenosse Bescheid wissen. Der „Vorwärts“ sagt hier unverhohlen (und ziemlich zutreffend!), wer eigentlich eskaliert. Nur eine Frage stellt sich noch: Ob es wirklich die „Nebenregierung“, also „Falken“, das Militär, alleine waren, oder ob nicht doch auch Bethmann letztlich Krieg wollte.

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