Julikrise – 28. Juli, Ergänzung, 29. Juli, 1. Teil, SPD/Burgfrieden

Der SPD-Reichstagsabgeordnete Südekum trifft mit Bethmann zusammen. Spätestens seit dem 25. hat Südekum Kontakte zum Reichsamt des Inneren. (Informelle Kontakte dürfte es in Wahrheit viel früher gegeben haben; Bethmann hat schon vor Jahren durchsetzen können, dass die SPD-Reichstagsabgeodneten von der Liste „übelwollender Personen“ gestrichen werden, die im Belagerungszustand festzusetzen sind. Und Anfang Juli setzte Bethmann durch, alle Anti-SPD-Maßnahmen seien von seiner Zustimmung abhängig zu machen – wir hatten das schon. ich erinnere in diesem Zusammenhang nochmals an das Hamburger Echo vom 12. und 13. Juli 1914. Quelle für alles vorgenannte) Am 29. bedankt sich Südekum bei Bethmann:

Endlich darf ich aber noch der aus der Unterredung mit den Mitgliedern des Partei-Vorstands geschöpften Überzeugung Ausdruck verleihen, daß der von Eurer Excellenz unternommene Schritt gelegentlicher direkter Mitteilung in kritischen Momenten dankbar begrüßt und auf volles und sympathisches Verständnis gestoßen ist. Indem ich hoffe, der Sache und Euer Excellenz durch diese Mitteilungen einen bescheidenen Dienst geleistet zu haben, bin ich in aufrichtiger Hochachtung Ew. Excellenz ergebenster Dr. A. Südekum.

Der Burgfrieden ist Realität.

Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentare

  • Garfield  On August 8, 2014 at 00:38

    zur gesamten Serie – hier lernt man ja richtig was! 🙂

    wenn ich die Blogs von Gelehrten 😉 lese, wird mir meine in den Sand gesetzte Bildungslaufbahn oft schmerzlich vor Augen geführt… manchmal bereue ich echt nicht studiert zu haben…

    Die „Bildung“, die man sich über Phoenix etc verschaffen kann –
    zum Thema ‚Vorspiel/1. Weltkrieg‘, speziell dt. Diplomatie, stehn da ja nicht selten die Briefe Wilhelms II. an seinen „lieben Cousin“ im Mittelpunkt – „Niki“, der es doch bitte nicht so weit kommen lassen solle… was natürlich einen völlig anderen Eindruck vermittelt.

    deshalb interessant, mal Näheres über die Hintergründe zu erfahren. Interessant auch die damaligen Zeitungen (auch wenn das Interpretieren im Nachhinein/ aus ner anderen „Epoche“ natürlich immer speziell ist)

    • hf99  On August 8, 2014 at 23:08

      Ich bin kein Gelehrter. Ich bin ehrlicher Philosophie-Vordiplom-Inhaber (Gegenstand meiner Vordiplom-Arbeit: Donald Davidson, the myth of the subjective). Nicht zuletzt deswegen war ich auf den schmierig-widerlichen Guttenberg damals so sauer. SO wäre ich auch Akademiker…und hätte Jobs ganz anderer Güte…

  • flatter  On August 8, 2014 at 23:39

    Erzieherin wärste ggf. 😉

    • hf99  On August 8, 2014 at 23:48

      Mitm Rrrrrohrstock…wovon träumt er nachts? Neee, besser so, wie es ist 😉

  • oblomow  On August 11, 2014 at 15:28

    Weit davon entfernt experte oder auf dem neuesten forschungsstand in sachen WK I zu sein, einige anmerkungen, wobei ich implizit den von dir verlinkten junge welt artikel mit berücksichtige und das ganze mit ein paar zitaten garniere – (Die zitate folgen am ende des kommentars, im text verweise ich an den entsprechenden stellen auf selbige. Übrigens: gefällt mir, deine serie)

    Antikriegsdemonstrationen oder „It´s all in the game“:

    Die zeitliche koinzidenz der gespräche zwischen reichsleitung und spd-führung und des reichsweiten aufrufs zu kundgebungen gegen den krieg im „Vorwärts“ wirkt orchestriert und doch würde man damit wohl überzeichnen. Bethmann-Hollweg lotete die haltung der spd zum krieg aus und war beruhigt, zu erfahren, dass man nicht mit einer organisierten innenpolitischen front zu rechnen hatte, da die spd für einen verteidigungskrieg vorbehaltlose unterstützung zusagte. Am 04. 08. 1914 hieß das im Reichstag: „Wir lassen in der stunde der gefahr das eigene vaterland nicht im stich.“

    Die antikriegsdemonstrationen gehörten zum kriegseröffnungsspiel der reichsleitung. Es galt jetzt sich unbedingt als angegriffene nation in szene zu setzen. Die antikriegsdemonstrationen in der letzten juliwoche wurden nicht behindert, denn das hätte die sozialdemokratische „antikriegsrethorikpartei“ in ihrem selbstverständnis und ihrer selbstdarstellung getroffen. Diese demonstrationen wurden von ihrer anhängerschaft und von der sozialistischen internationale quasi „erwartet“. Es war eine symbolische aktion und die bedeutung dieser symbolischen aktion hat Bethmann-Hollweg verstanden. Erleichtert wurde diese zurückhaltung der reichsleitung durch die gewissheit, die spd als gesellschaftlichen befriedungsfaktor „gewonnen“ zu haben und durch die tatsache, dass sich die kundgebungen gegen die kriegshetzer im ausland (Österreich und Russland) richteten. Die schlüsselfunktion des kaiserreichs in diesem spiel blieb außen vor.

    Und da lautet die frage: konnte oder wollte die spd das nicht sehen; denn die ausgangslage war bekannt, ja bewusst: im bündnis Berlin – Wien hatte Berlin die führungsrolle und entschied über krieg oder frieden und dieses verteidigungsbündnis hatte die spd in der vergangenheit nie infrage gestellt. Wenn man davon ausgeht, dass man in der spd genau darum wusste, wie auch um die ihr innenpolitische zufallende befriedungsrolle, dann kann man in der tat fragen, warum sie nicht einmal den versuch unternommen hat, ein unbedingtes nein gegen den krieg auszusprechen. Als vorwurf freilich läuft das ins leere; denn sie haben diesen versuch als handlungsoption nicht gewollt, nicht einmal erwägen wollen. Die spd war eine Revolutionsgesellschaft mit besonnener Haltung (Pfemfert). Die spd, ein „granatengeheul der phrasen.“ (Georg Hermann, in anderem zusammenhang aber so passend)

    Die arbeiter waren sicherlich nicht einer nationalistischen kriegsbegeisterung verfallen, wie man sie im bürgertum wohl antreffen mochte, (2,3) aber sie akzeptierten, sozialdemokratisch diszipliniert, das argument ihrer organisation(en), den verteidigungskrieg, vor allem vor dem hintergrund einer klassenübergreifend geteilten „russophobie“. Im von dir verlinkten junge welt artikel heißt es an einer stelle: „Der Polizeibericht über die sozialdemokratischen Kundgebungen vom 28. Juli in Berlin konnte keine »Kriegsbegeisterung« der Arbeiter melden…“ – Frage: ja, wie denn auch bei einer antikriegsdemonstration? Weiter heißt es: „Die spontane Antikriegsbewegung der letzten Juliwoche übertraf deutlich die sozialdemokratischen Mobilisierungserfolge der Vorjahre.“ – Frage: spontan? – nein, sozialdemokratisch organisiert.

    Und dennoch wird es hier spannend, (polizeibericht: `nach demonstrationsende zerstreuung der massen unter waffenanwendung´), weil an dieser stelle der frage nachzugehen wäre: gab es in anderen industriellen ballungszentren ähnliche situationen nach kundgebungsende, denn das war spontan; gab es in den folgenden tagen weitere spontane aktionen? Selbst wenn das der fall gewesen sein sollte, spontane aktionen hatten keinen, qua masse, „triggereffekt“, hier fehlte der organisatorische rückhalt, den nur gewerkschaften und spd bieten konnten.

    Man wird wieder auf die frage zurückgeworfen, hätte die spd anders handeln können und hätte dieses andere handeln etwas bewirken können? Eine spekulative frage, der die selbstrechtfertigung der spd und die anklage ihrer kritiker zugrunde liegt und die damit `moralisch´ bleibt, aber eben auch moralisch beantwortet werden kann, soviel spd-bashing muss dann schon sein: `abenteueroptimistisch´ (1) , ja, aber es gab diese handlungsoption nicht oder doch nur bei wenigen, die sich dann der fraktionsdisziplin unterwarfen; nein, wenn man die `entwicklung´ der spd im kaiserreich betrachtet: von dieser partei war im august 1914 nichts anderes zu erwarten. Sie vertrat das ideal eines sozialismus, für den man nichts tun muss, weil er irgendwann ganz von selbst kommt, wenn man erst einmal die mehrheit in den parlamenten (reich, länder, kommunen) errungen hatte. Mehr als ein ritual und ritualisierte abläufe, mehr als ein wahlverein war da nicht.

    Wenn man vom WK I als der urkatastrophe des 20. jahrhunderts spricht, dann markiert dieses datum auch – und da ist das wort dann doch – das urversagen der deutschen sozialdemokratie, das strukturell angelegt, sich hier in aller deutlichkeit manifestierte: man muss die zentralen kurzen reden (kriegskredite 1914, man nehme dazu ermächtigungsgesetz 1933) auf die sich diese partei so gern beruft (dazu gehört übrigens auch die „erzwungene“, nicht gewollte ausrufung der republik im november 1918) vollständig lesen um die ganze sozialdemokratische perfidie im angesicht des weltkrieges, und europa war die welt, in diesem einen im reichstag gesprochenen satz vom 04. 08. 1914 zu erkennen: „Wir hoffen, dass die grausame schule der kriegsleiden in neuen millionen den abscheu vor dem krieg wecken und sie für das ideal des sozialismus und des völkerfriedens gewinnen wird.“ Da haben wir es, das ganze erbärmliche sozialdemokratische geschwurbel, das granatengeheul der phrasen.(4,5)

    U. a. dieses absehbaren verhaltens der spd wegen war es Bethmann-Hollweg möglich das deutsche „kriegsspiel“ mit einem königsgambit zu eröffnen, während es schwarz gelang seine verteidigungsstellung zu halten, bis, gegen alle regeln und überraschend, mit den USA eine zweite dame auf dem schlachtfeld entscheidend position bezog; das war 1914 ebensowenig abzusehen wie die dauer des krieges. Und am ende standen alle da und erklärten in person des kaisers: das habe(n) ich (wir) nicht gewollt.

    In diesen krieg ist das deutsche kaiserreich nicht hineingeschlittert, es hat ihn bewusst mit der perspektive weltkrieg eröffnet. Deutschland entschied über krieg oder frieden, alles was folgte war der erwartbare, vorgegebene lauf der dinge, ob andere nun ebenfalls, um Pfemferts wort zu nehmen, „kriegslüstern“ waren oder nicht – die entscheidung zum krieg hatte das Deutsche Kaiserreich unter preußischer führung getroffen. Daran besteht für mich kein zweifel.

    Zitate:

    (1) Franz Pfemfert, Die Revolutions G.M.B.H., schrieb bereits im sommer 1913 in Die Aktion:

    „Doch nur abenteueroptimismus kann von der sozialdemokratie anderes erwarten. Das ist keine arbeiterpartei mehr, das ist eine bürgerliche reformpartei mit sozialistischem vorwand. Sie hat ihre massen musterhaft organisiert. … Sie hält auf `eiserne disziplin´. (Wie der preußische militarismus). (…) Sie hat nur immer gemöcht, diese deutsche sozialdemokratie, dabei blieb sie. Nie hat sie versucht, ein revolutionäres vorhaben kühn zu beginnen, nein, so unvernünftig war sie nie. Sie hat immer nur gemöcht. (…) Diesmal haben die parteiführer nicht einmal gemöcht.“ (Pfemfert, dessen zeitgenössische polemik als analyse der spd oft genug „ glatt verblüfft“, auch in bezug auf das parteipersonal, Südekum, Ebert usw.)

    (2) Oskar Maria Graf, Wir sind Gefangene:

    „Ein ungeheurer ausbruch von jubel fieberte über die straßen. (…) Die intellektuellen des Cafés des Westens machten ratlose gesichter. Auf einmal hatte alles aufgehört, was gestern noch so wichtig gewesen war. Alles hing in der luft. Unzählige meldeten sich freiwillig. Warum wusste keiner recht. (…) Ich ging zu Jung und fragte ihn, was ich tun sollte. `Freiwillig … Die sache wird fein! Lüttich ist schon genommen. Es geht wie mit einer maschine´ war dessen antwort. Und wieder sagte er: `Im nu ist Paris genommen.` Vernichtung wollte er; er und alles sollte zugrunde gehen. Ich kannte ihn nicht mehr. Die straßen waren brausend. Sieg auf sieg schrie aus den fettgedruckten anschlägen.“

    (3) Erwin Blumenfeld, Einbildungsroman (auch erschienen unter dem titel Durch tausendjährige Zeit, ein wunderbar „böses“ buch, das dir gefallen wird):

    „In keiner zeitung stand, was ich abends zuvor miterlebt hatte; arbeiter, sozis, `vaterlandslose gesellen´ marschierten hinter roten fahnen, um gegen den krieg zu demonstrieren. Polizei veranstaltete eine saujagd und schoss sie `Am Knie´ über den haufen. (…) Eine mir neue massenverblödung setzte ein: alle für einen, einer für alle! … Das bourgeois-idol Thomas Mann schrieb: „Jetzt, im krieg, hörte ich, dass die blindgeschossenen in den lazaretten unter allen patienten die muntersten sind. Sie balgen sich, sie werfen nacheinander mit ihren glasaugen. Und das nicht aus irgendwelcher höllischen verzweiflung, sondern aus gewöhnlichem übermut.“

    (4) Carl Severing:

    „Sind die würfel gefallen, dann gibt es auch für die sozialdemokratie nur ein ziel: das deutsche volk mit allen mitteln gegen machthungrige ansprüche des friedenszaren zu schützen. Wir sind überzeugt, dass unsere freunde, die unter die fahnen berufen werden, sich in der verfolgung dieses zieles nicht von den angehörigen anderer politischer parteien übertreffen lassen werden. … Jetzt zeige sich der mann.“

    (5) Hugo Haase am 04.08.1914 im reichstag:

    „Jetzt stehen wir vor der ehernen tatsache des krieges. Uns drohen die schrecknisse feindlicher invasionen. Nicht für oder gegen den krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern über die frage der für die verteidigung des landes erforderlichen mittel.“ Man lese diese rede – sozialdemokratie at its best.

    (Und schon wieder so lang – sorry)

    • hf99  On August 11, 2014 at 20:16

      „Deutschland entschied über krieg oder frieden, alles was folgte war der erwartbare, vorgegebene lauf der dinge, ob andere nun ebenfalls, um Pfemferts wort zu nehmen, „kriegslüstern“ waren oder nicht – die entscheidung zum krieg hatte das Deutsche Kaiserreich unter preußischer führung getroffen. Daran besteht für mich kein zweifel.“

      Für Röhl und für mich auch nicht. Was Clark und Münkler bezwecken erhellt sich mir nicht – sie werden angesichts der restlos unstreitigen Aktenlage mit ihrem Revisionismus allerdings auch scheitern. Auch bei den anderen gab es „Falken“, richtig – aber allein Deutschland hat die Krise zielbewusst eskaliert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: