Julikrise – 28. Juli – Beginn des ersten Weltkriegs

Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg und schafft damit Fakten.

Daraufhin teilt Sasonow der deutschen Regierung mit, dass Russland morgen teilmobilisieren werde. Conrad ist entsetzt. Er muss wissen, auf welchen Krieg er sich einzustellen habe. Berchtold bittet Berlin, man möge Russland „freundschaftlichst“ klarmachen, dass Berlin auf eine solche Handlungsweise militärisch reagieren werde.

Das Lichnowsky-Telegram vom 27. Juli trifft in Berlin ein. Kommentar überflüssig. Natürlich lehnt Berlin ab…

Wir kommen zu Julikrisengroteske. Der sprunghafte Kaiser Wilhelm hat nunmehr die serbische Antwortnote gelesen. Brillante Antwort, aber damit entfalle natürlich jeder Kriegsgrund. Er hätte daraufhin nie mobilisiert; Giesl hätte ruhig in Belgrad bleiben können. Wilhelm droht also wieder einmal „abzuschnappen“. Er schreibt an Jagow, die paar Einwände Belgrads seien durch Verhandlungen lösbar – allerdings regt er zugleich den berühmten Halt-in-Belgrad-Vorschlag an. Denn die Ehre der kuk-Armee erfordere das… Wilhelm hat dieses eine Mal völlig Recht…hat aber nicht den Mut, sich durch zu setzen. 1918 wird er sagen „Das habe ich nicht gewollt“ und wird nicht einmal lügen dabei…

Die deutsche Politik ignoriert Wilhelms Ideeen weitestgehend. Falkenhayn notiert, er habe den Kaiser im weiteren Verlauf des Tages besucht, der Kaiser habe wirr geredet, sich aber von ihm wieder auf Kurs bringen lassen. Ganz ignorieren kann man den Wilhelm-Vorschlag aber nicht und übermittelt ihn also nach Wien, aber sehr abgeschwächt. Kein Wort davon, dass der Vorschlag vom Kaiser persönlich stammt. Das sog. Stumm-Telegram wird erst um 22 Uhr nach Wien abgesandt. Zitate (nach Crista Pöppelmann, Juli 1914):

Es liegt hiernach die Schlussfolgerung nicht fern, dass die russische Regierung sich auch der Erkenntnis nicht verschließen wird, dass, nachdem einmal die Mobilisierung der österreichisch-ungarischen Armee begonnen hat, schon die Waffenehre den Einmarsch in Serbien erfordert.“, heißt es. „Sie wird sich aber mit diesem Gedanken umsomehr abzufinden wissen, wenn das Wiener Kabinett in Petersburg die bestimmte Erklärung wiederholt, dass ihr territoriale Erwerbungen in Serbien durchaus fern liegen, und dass ihre militärischen Maßnahmen lediglich eine vorübergehende Besetzung von Belgrad und anderen bestimmten Punkten des serbischen Gebietes bezwecken, um die serbische Regierung zu völliger Erfüllung ihrer Forderungen und zur Schaffung von Garantien für ihr zukünftiges Wohlverhalten zu zwingen.
(…)
Es handelt sich lediglich darum, einen Modus zu finden, der die Verwirklichung des von Österreich-Ungarn erstrebten Ziels, der großserbischen Propaganda den Lebensnerv zu unterbinden, ermöglicht, ohne gleichzeitig einen Weltkrieg zu entfesseln, und wenn dieser schließlich nicht zu vermeiden ist, die Bedingungen, unter denen er zu führen ist, für uns nach Tunlichkeit zu verbessern.

Deutlicher kann man es nicht sagen. Deutschland verfügt seit Tagen über eine road to peace: Man müsste einfach nur dafür sorgen, dass die kuk-Monarchie ein, zwei Gänge rausnimmt. Machttaktisch wäre dies der Reichsregierung problemlos möglich…

In diesem Zusammenhang wird das Bethmann-Telegram an Wien zu sehen sein. Man darf sich halt nicht als Kriegstreiber gebärden. Bethmann deckt hier im Grunde sein Spiel auf: Sowohl außen- wie auch innenpolitisch gelte es, „als zum Kriege Gezwungene dastehen (zu) müssen“. Im Übrigen, siehe nachfolgendes Telegram Bethmanns an Lichnowsky, belügt Bethmann seinen Botschafter wieder einmal.

Wie sehen Sie es? Ich kann darin nichts anderes als vehemente Kriegstreiberei sehen.

Aus Russland erfährt man: Dort vertraue man auf deutsche Vermittlungsbereitschaft. Dieser Optimismus, so der österreichische Botschafter, sei schwer verständlich.

Das osmanische Reich bietet Deutschland einen Geheimpakt an. Deutschland wird einschlagen. Die Goeben (moderner Schlachtkreuzer) und die Breslau (moderner leichter Kreuzer) sind schon im Mittelmeer, werden zu Kriegsbeginn, nachdem sie französische Truppentransporter beschossen haben, von englischen Schiffen beschattet, werden jedoch aufgrund diverser alliierter Fehleinschätzungen die Verfolger abschütteln, in den Bosporus einfahren und nach deren Kriegseintritt den Türken übergeben.

Schoen (Paris): Paris schließe sich Greys Vermittlung an.

Auch die deutschen Börsen rauschen so langsam ab.

Die Presse weiß vomn Greys Vermittlungsversuchen (s.a.u.).

Heute ist der Tag massiver Antikriegsdemonstrationen der sozialdemokratisch organisierten Arbeiter. Es geht zwar nicht ganz ohne staatliche Gewalt ab, aber gemessen an Kaiserreich-Standards hat die SPD sogar relativ freie Bahn. Auch die SPD-Presse, bis Ende Juli massiv pazifistisch, wird nirgends verboten. Bethmanns „Diagonale“ bei der Arbeit…

Die rechte Presse moniert diese relative Freiheit natürlich. Ansonsten ist die entweder regierungsnah oder sie will die Regierung rechts überholen.

Hier die Hamburger Zeitungen „Echo“ (SPD) Und „Nachrichten“ (de facto alldeutsch). Ungeheuer interessant der Leitartikel der quasi alldeutschen HN in der Abendausgabe. Die Triple-Entente gehe „systematisch darauf aus, die Öffentlichkeit glauben zu machen, daß Deutschland die Verantwortung treffe, wenn es nicht gelingen sollte, den Ausbruch eines europäischen Krieges zu verhindern“. Das ist Bethmann in nuce.

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Kommentare

  • KL  On August 5, 2014 at 09:06

    „Das ist Bethmann in nuce.“
    Natürlich mit dem Twist, die Feinde würden’s so hinstellen. Bethmann selbst weiß sehr wohl, daß niemand es so drehen muß, da die Fakten Deutschland als Kriegtreiber erscheinen lassen müssen, weil es das ist.

    Der Satz in seinem Telegramm nach Wien, die Situation sei um so schwieriger, da Serbien „scheinbar sehr weit nachgegeben hat“, ist ja geradezu frivol. Obendrein noch verlogen: er weiß doch genau, daß er eigentlich „anscheinend“ schreiben müßte, nicht „scheinbar“.

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