Julikrise – 27. Juli

(Darstellung wieder im Wesentlichen nach Christa Pöppelmann, Juli 1914.) SMY Hohenzollern kommt am morgen in Kiel an. Eigentlich will er nach Wilhelmshöhe, Kassel, als er aber die nachrichtenlage sieht (Wilhelm ist auf der Hohenzollern nur selektiv mit Nachrichten versorgt worden!) will er sofort nach Berlin. Bethmann will ihn nicht in Berlin haben („das wird immer toller, jetzt schreibt mir der Mann sogar vor, daß ich mich meinem Volk nicht zeigen darf“), weil dies antirussische Demos provozieren könne (Russland ins Unrecht setzen ist Ziel der Reichsleitung, aus außen- wie innenpolitischen Gründen; wir hatten das schon) und empfängt ihn zusammen mit Moltke und Tirpitz in Potsdam. Dort informiert man ihn, dass England wohl neutral bleiben werde und Frakreich keine Lust auf Krieg habe. Fritz Fischer ging noch davon aus, die Reichsleitung habe wirklich an eine Möglichkeit zur Neutralisierung Englands geglaubt. Der Wilhelm-Biograph Röhl hingegen nimmt an, man habe den wenig panikresistenten Wilhelm mit Fälschungen in Sicherheit gewiegt. Ich halte Röhl für realistischer. Man muss den Neurastheniker Kaiser Wilhelm nicht verteidigen und kann dennoch festhalten, dass Wilhelm, dessen Nerven für einen Krieg nicht hinreichten, mit ziemlicher Sicherheit in einen Krieg hineinmanövriert worden ist.

Jagow erklärt dem österreichischen Botschafter mit unverhohlenem Bedauern, man werde englische Vermittlung weiterleiten müssen, sei mit denen aber keineswegs einverstanden.
Die deutschen Botschafter werden nochmals auf die offizielle Haltung der deutschen Politik hibngewiesen: man könne zwischen Russland und Österreich vermitteln, aber nicht zwischen Serbien und Österreich – der Konflikt Serbien/Österreich sei lokal und gehe keinen anderen etwas an.

Die ausländischen Botschafter Goschen (England) und Cambon (Frankreich) stehen auch heute bei Jagow auf der Matte. Goschen nach London: Jagow glaube, Russland könne keinen Krieg führen. Cambon herrscht Jagow regelrecht an: Wenn Blut fließe, sei er, Jagow, dafür verantwortlich. Dann will er mit ihm über die serbische Antwort sprechen. Jagow: Die kenne er nicht! Verblüffenderweise stimmt das sogar. Denn sie liegt in Berlin noch nicht vor. Berlin hat sich nicht um sie bemüht, und die Österreicher haben sich auch nicht beeilt, ein Exemplar zu überreichen. Tschirschky bekommt erst um 23:30 Uhr eine Kopie. Entschuldigt wird dies mit Überlastung. Angesichts der Relevanz dieser Note, die am 27. Juli 1914 jedem halbwegs intelligenten Zeitungsleser klar ist, fällt es schwer, dies für glaubhaft zu halten. Die Presse und die österreichischen Botschafter (Link in meinem beitrag für gestern) haben sie natürlich.

In Paris – dort kennt man die Antwortnote natürlich auch – erklärt man dem österreichischen Botschafter, niemand verstehe, wieso es wegen so weniger Differenzen zum Bruch kommen müsse. Österreich-Ungarn werde die verantwortung für einen Weltkrieg auf sich laden. Botschafter Scesen erwidert: krieg gäbe es, wenn, dann wegen der Einmischung Dritter. Nach hause meldet er: Angesichts der österreichischen haltung sei man der Ansicht, Wien wolle krieg um jeden preis – ein, wie wir wissen, zutreffender Eindruck.

Lichnowsky meldet aus London: Grey sei verstimmt. Serbien sei Österreich in einem nie für möglich gehaltenen Ausmaß entgegen gekommen. Sei Österreich damit nicht zufrieden, so zeige das Österreichs wahre Absichten (auch das ist völlig zutreffend). Es sei nun an Deutschland, Österreich zu mäßigen! Grey, ein hochintelligenter Mann, bemerkt sofort: Der Schlüssel zu Krieg oder Frieden liegt nicht in Wien, er liegt in Berlin! Die „wissenschaftlich“ begründete These, Grey sei ein wesentlicher Auslöser für den Krieg gewesen, ist haltlos. Allerallerallerspätestens mit diesem telegram hätte Deutschland seine Eskalation abblasen müsen, wenn es denn wirklich frioedenswillig gewesen wäre. VBlame-game hin, blame-game her – die massive Verantwortung der deutschen Reichsregierung wird man doch im Ernst nicht bestreiten können.

Albert Ballins Brief (vom 24.) trifft ein. Es geht um englisch-russisches Flottenabkommen (Einkreisungspanik)

Agentenberichte über militärische Dispositionen der Triple-Entente.

Flotow (Botschafter in Rom) an Berlin. Interessant! Wenn ich mich schon für einen großen Krieg entscheide, muss ich mich bemühen, einen Bündnispartner bei der Stange zu halten.

Auch in Frankreich dramatische Kurseinbrüche an der Börse. In Frankreichs Presse wird der meinung Ausdruck verliehen, berlin entscheide über Krieg oder Frieden.

In Berlin gibt es einen kleinen Bank-run.

In Belgrad hisst die bevölkerung weiße Flaggen.

Das Hamburger Echo erscheint heute nicht.

Die Hamburger Nachrichten erscheinen heute mit einer Sonderausgabe. Man verlange (in der russischen Presse), so die HN, von Kaiser Wilhelm nicht mehr und nicht weniger, als daß er Österreich in den zum Schlag erhobenen Arme falle… Und das sei natürlich infam… Hätte er es mal nur gemacht. Gab es die Demo in Paris vor der kuk-Botschaft wirklich? Wer weiß es?

hn3 (51)

hn3 (52)

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