Julikrise – 27. Juli, Franz Pfemfert

Geschrieben von Franz Pfemfert am 27. Juli 1914, veröffentlicht am 1. August 1914 in der ‚Aktion‘. Eigentlich könnte man alles kurz und klein schlagen. Alles vorab gewußt, alles! Vor allem auch das Versagen der „Sozialdemokratie“…

I

Das also ist die Kulturhöhe, die wir erreichten: Hunderttausende, die gesündesten, wertvollsten und wertevollsten Kräfte, zittern, daß ein Ungefähr, ein Wink der Regierer Europas, eine Böswilligkeit oder eine sadistische Laune, ein Cäsarenwahn oder eine Geschäftsspekulation, ein hohles Wort oder ein vager Ehrbegriff, sie morgen aus ihrem Heim jagt, hinweg von Weib und Kind, hinweg von Vater und Mutter, hinweg von allem mühselig Aufgebauten, in den Tod. Der irre Zufall kann heute, kann morgen, kann jede Minute rufen, und alle, alle werden kommen. Der Not gehorchend – aber gehorchend. Anfangs werden sie heulen, da sie ihr bißchen Erdenglück zusammenbrechen sehen, – bald jedoch werden sie, wenn auch nicht mit ganz sauberer Unterwäsche, vom allgemeinen Taumel besessen sein und besinnungslos morden und ermordet werden.

II

Es ist dumm, ein Wort der Vernunft zu sprechen, wenn die Stunde der Vernunft nicht da ist. Heute Manifeste zu schreiben, Resolutionen für den Frieden zu fabrizieren, nichts Zweckloseres gibt es, nichts Belangloseres. Und wenn die internationale Sozialdemokratie jetzt phrasentoll die “Schmach des Krieges brandmarkt”, wo die Genossen sich vielleicht schon zum Marschieren rüsten, sollte man die Führer auslachen oder auspeitschen. Denn allein die Pflichtvergessenheit armseliger Mandatsschacherer ist schuld, daß die Völker Europas noch heute (wie vor 50 Jahren) vor der Möglichkeit eines Weltbrandes zu bangen haben. Wäre die bombastisch quasselnde Viermillionenpartei nicht jahrzehntelang nationalistisch gedrillt worden, wir könnten heute jedes Kriegsgeheul heiter hinnehmen.

III

Möglich, daß die Gefahr, zu neun Zehntel durch gewissenlose Preßpiraten genährt, noch diesmal vorübergeht. Wenn diese Zeilen im Druck erscheinen (ich schreibe sie den 27. Juli im extrablattlosen Ilsenburg), ist das große Massenmorden vielleicht schon wieder vertagt worden. Wir werden dennoch keinen Anlaß zum Jubeln haben: das Bewußtsein bleibt: es kann jede Minute eine neue Gefahr kommen, der Chauvinismus ist die ständige Lebensgefahr der Menschheit. Er, allein er, kann über Nacht aus Millionen Vernunftswesen Besessene machen: dieser Gedanke muß uns wachhalten, auch wenn die Gefahr sich schnarchend stellt.

IV

(Was Deutschland, “realpolitisch” gesehen, von einem Weltkrieg zu hoffen, zu fürchten hat, diese Frage geht nur “Patrioten” an. Unsere Patrioten mögen sich damit abfinden, daß Preußen durch seine Polenpolitik dem Zarismus einen wertvollen Verbündeten gewaltsam aufdrängte, daß Schleswig und Elsaß-Lothringen so wenig Gelegenheit fanden, schwarz-weiß-rot lieben zu lernen.)

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Kommentare

  • oblomow  On August 5, 2014 at 00:23

    Hartmut, versagen oder auch verrat – der sozialdemokratie – verstehe ich wesentlich als moralische kategorien und ich meine die sind hier nicht angebracht, denn von der SPD war, das ist die ganz banale wahrheit, nichts anderes zu erwarten – ich weiß, ich wiederhole mich. Polemisch, ohne rücksichtnahme, ich differenziere jetzt mal nicht von wegen „erfolgen sozialdemokratischer politik“: Diese partei ist eine einzige erfolgreiche und bisher folgenlose lüge – das gilt für 1914, 1918/19, Kapp-Putsch bzw. Märzrevolution 1920, völlig überbewertete rede gegen ermächtigungsgesetz, notstandsgesetze, berufsverbote, hartz iv usw. – und wir leben jetzt in einer zeit in der diese lüge endlich folgen zeitigen wird.

    Sie waren nie mehr als ein sozialdemokratischer wahlverein und so firmierten sie ja auch im kaiserreich. Pfemfert sah die lüge, die die spd verkörperte, wie später auch Tucholsky. Sie wollte dazugehören, vom bürgertum anerkannt werden. Sie hat noch immer in „krisen“ gegen die gehandelt, die zu vertreten sie vorgibt und sie hat heute das problem, dass man ihr zunehmend nicht mehr glaubt, nicht mehr vertraut. Diese partei, diese lüge erodiert, sie wird nicht mehr gebraucht.

    Zum thema spd und militär im preußisch dominierten kaiserreich: Bernhard Neff. „Wir wollen keine Paradetruppe, wir wollen eine Kriegstruppe …“: Die reformorientierte Militärkritik der SPD unter Wilhelm II. 1890-1913.

  • KL  On August 5, 2014 at 08:39

    Ja, mit dem Kopf an die Wand, der unwillkürliche Impuls.

    Heute erst recht. Gestern werde ich von der einzigen Frau gefragt, ob es stimme, daß da jemand den 3. Weltkrieg suche ? Ich konnte nur halb überzeugend sagen, daß das zwar so ungefähr aussehe, aber natürlich unmöglich passieren werde. Ich glaube nicht, daß, und bin mir aber doch nicht sicher, daß nicht. Daß nicht etwas beginnt, bei dessen Eintritt man um Entlassung aus der Menschheit bitten möchte.

    En passant: diese gesamte Dokumentation so brillant wie verdienstvoll (nicht daß das bei meinem sonstigen nitpicking vergessen werde).

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