Julikrise – 26. Juli

Immer deutlicher nähert sich der Krieg. Heute geht es allgemein nicht mehr um Serbien, sondern um Russland – dem die deutsche Presse, insbesondere aber auch die deutsche Regierung den schwarzen Peter zuspielen möchte (exemplarisch hierzu Bethmann an Pourtales). Jagow wird heute ganz analoges in einem Zirkularbrief an die europäischen Mächte schreiben. Ganz allgemein geht man davon aus, dass Russland und Frankreich sich während Pincares Besuch auf eine Stützung Serbiens geeinigt hätten – was in der Tat wohl zutrifft. Allerdings hatte Russland, wie wir erinnern, Österreich bereits am 16. und 18. ganz allgemein gewarnt davor, es in Serbien auf die Spitze zu treiben. Dass Russland Serbien stützt, kann eigentlich niemanden überraschen.

Interessant ist Bethmanns Telegramm an Kaiser Wilhelm. Entweder Bethmann ist hier ehrlich – dann war er kein Falke und wollte keinen großen Krieg…oder er weiß um Kaiser Wilhelms notorische Neigung, doch noch „abzuschnappen“, und beruhigt den Kaiser hier. Letzteres ist in der Gesamtschau wahrscheinlicher. Bethmann fordert ebenfalls an diesem Tag, die Mobilmachung vorzubereiten.

Conrad meldet, Österreich könne vor dem 12. August gar nicht wirklich losschlagen. (Hier; Conrads Vermutungen über „Einbrüche“ sind hanebüchen.)

Der deutsche Militärattache in Russland meldet: Der scharfe Ton des Ultimatums hätte überrascht. Außerdem sähe man es als Affront an, vorher von Österreich nicht informiert worden zu sein. Als Österreich die russische Bitte um Fristverlänegrung zurückgewiesen habe, sei die Stimmung vollends gekippt. Niemand in Russland glaube Berlin, dass es vorher nicht informiert gewesen sei.

Berchtold schickt einen Zirkularerlaß an die Botschaften. (Datum 25., Den jeweiligen Regierungen übergeben 26.) Ergänzend sein Brief an den Botschafter in St. Petersburg.

Russland beginnt unstreitig mit Kriegsvorbereitungen rsp hat schon Vorarbeiten geleistet. Sasonow versichert Pourtales, es handele sich nicht um die Mobilmachung. Er bittet den deutschen Botschafter des weiteren, zu vermitteln. Am nachmittag spricht Sasonow mit dem österreichischen Botschafter Szapary. Ob es nicht einen Modus gebe, der Österreichs Forderungen befriedige? Der deutsche Botschafter macht einen ausdrücklich auch als solchen deklarierten Privatvorschlag: Ob Österreich und Russland nicht das Ultimatum überarbeiten und dann gemeinsam Serbien vorlegen könnten?

Sasonow wird unterschiedlich beurteilt. Dass er es seinerseits in jedem Fall zum Krieg hat kommen lassen wollen – ggfls zT auch aus ähnlichen innenpolitischen Gründen wie Deutschland – wäre natürlich möglich. Andererseits hat Russland zu keiner Zeit Zweifel daran gelassen, dieses Mal, im Gegensatz zu früher, nicht klein beizugeben und Serbien beizustehen. Und warum sollte Sasonow denn dann Vermittlungsvorschläge erstellen, die ja möglicherweise angenommen werden könnten? Hier Pourtales Bericht (Eingang am 26.) über sein Gespräch mit Sasonow vom 25. Berlin weiß jetzt definitiv (was es natürlich tatsächlich schon viel früher wusste oder hätte wissen müssen), dass der Konflikt nicht lokal bleiben wird.

Aus London kommt eine der kuriosesten Meldungen der ganzen Geschichte. Sie hat fast Slapstick-Charakter. Prinz Heinrich (Bruder Kaiser Wilhelms) will von König Georg erfahren haben, dass England neutral bleibe. Erst zwei Tage später wird das richtig gestellt.

Hier ein entscheidendes Dokument zur Julikrise. Lichnowsky macht klar, dass es keine Lokalisierung geben werde. Er plädiert inständig dafür, Greys Vermittlung anzunehmen.

Grey, der von Belgrad vorab über dessen Antwortnote informiert wurde, meint, es müsse Österreich möglich sein, darauf einzugehen. Gleichzeitig wirbt er für seinen Vier-Mächtekonferenzplan zur Entschärfung der Krise. Während Grey selber angelt, besprechen sich zwei seiner Mitarbeiter mit Lichnowsky. Schilderung Lichnowskys über sein gespräch mit Tyrell und Nicholson hier. „Seine Majestät mißbilligt den Standpunkt Lichnowskys“

Interessant auch dieses Telegram von Lichnowsky, dem man so langsam seine aufsteigende Verzweiflung anmerkt. Die Randbemerkung Zimmermanns ist entlarvend.

In Berlin gibt es wieder „nationale Kundgebungen“ – nicht zuletzt durch den Jungdeutschlandbund, den wir hier ja schon hatten. Theodor Wolff hat den Eindruck, die Kundgebungen seien gelenkt. In anderen Städten, auch in Hamburg, gibt es ähnliche Kundgebungen.

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