Julikrise – 25. Juli – Nachtrag zum 23. Juli

Nachtrag zum 23. Juli: Unbemerkt verlassen Flußmonitore (Kriegsschiffe zur Kriegführung auf der Donau) ihre Liegeplätze und begeben sich auf ihre Kriegspositionen. (Mombauer, p. 97). Vergl dazu die Tartarenmeldung über angeblichen serbischen Beschuß.

25. Juli – Berchtold fährt zum Kaiser nach Ischl – und ist zweckmäßigerweise dadurch nicht gut erreichbar. Die österreichischen Botschafter haben ein umfangreiches Dossier über serbische Beteiligung zugestellt bekommen und leiten es weiter. Beweise kann Wien nicht vorlegen.

Lichnowsky kabelt dringend aus London und bittet mehrfach (hier und hier) und deutlich darum, sich Greys vermittlungsvorschlägen nicht zu verschließen. Der Gesamteindruck sei „geradezu vernichtend“, alle Welt glaube (was ja auch zutrifft), dass Österreich einen solchen Schritt ohne Rückendeckung durch Deutschland niemals gewagt hätte. Spätestens jetzt muss Berlin klar sein, dass sein Spiel aufgeflogen ist. Berlin wird auf nicht einen der Greyschen Vermittlungsvorschläge ernsthaft eingehen – auch nicht am 30., wie wir noch sehen werden. Es muss jetzt in Berlin letztlich auch klar sein – „vernichtend“ in einem offiziellen Kabel, das ist schon stark! -, dass alle etwaigen Neutralitätsträume gegenüber England platzen werden. Lichnowskys Telegramme, sie werden in den nächsten Tagen noch deutlicher werden, zeigen, dass es bei der absurden Schuldzuweisung an Grey, er habe sich nicht deutlich geäußert, um eine Zwecklüge in apologetischer Absicht handelt. Fritz Fischer glaubte noch, dass Bethmann ganz ehrlich vehement eine englische Neutralität wollte (sein immer noch gewichtiger Julikrise-Beitrag, es sind quasi die ersten beiden Kapitel seines Buches, hier, hier und hier im Spiegelarchiv) und dies zentraler Teil seines Kriegsplanes war. Ich kann das nicht ganz so sehen. Englands Neutralität wäre nice to have, sicher, und Bethmann hat sich zweifellos um sie bemüht, aber den Krieg wollte man so oder so entfesseln.

Auf der gleichen Seite in den Kautsky-Dokumenten siehe auch den Kurzbericht des Botschafters in Paris, Schoen. Schoen, selber belogen aus Berlin, gibt die Lüge in Paris weiter.

Jagow bestellt Szögény-Marich ein (österreichischer Botschafter) und verlangt eine schnelle Kriegserklärung von österreich, da sich ansonsten noch Mächte mit einem Vermittlungsvorschlag dazwischen schieben könnten.

Rumbold (englischer Botschafter) erfährt von Jagow, er, Jagow, habe Greys Vermittlungsvorschlag nach Wien weitergeleitet – was bestenfalls die halbe Wahrheit ist: Der bereits nachts eingegangene Vorschlag wurde von Jagow erst um 16 Uhr an Tschirschky weiter gereicht. Und zwar kommentarlos – was man als Ablehnung deuten darf. Jagow weiß, dass er Berchtold so nicht mehr rechtzeitig erreicht vor Ablauf des Ultimatums.

Berchtold selber erklärt, Österreich akzeptiere auch eine Annahme des Ultimatums nach Fristablauf, wenn Serbien die Mobilisierungskosten zahle.

Der Journalist Theodor Wolff wird von jagow und Stumm empfangen. Sie suggerieren ihm, wider besseres Wissen, Russland werde zurückziehen, da es nicht gerüstet sei und Revolten befürchte. Offenbar eine Beruhigungspille.

In England anaylsiert Crowe, Mitarvbeiter Greys, 50 Jahre vor Fritz Fischer: Es gehe nicht um Serbien, sondern um Deutschlands Vormachtstellung in Mitteleuropa.

Die deutsche bürgerliche Presse spekuliert; überwiegend rechnet man mit der Ablehnung des Ultimatums, sorgt sich aber nicht, da man den Krieg für berechtigt hält. Exemplarisch die Hamburger Nachrichten unten, die sich etwas bedeckt hält. Die bürgerliche Presse weiß auch bereits um die Intervention Russlands zugunsten Serbiens. Die Presse ist immer noch auf Lokalisierungskurs ausgerichtet und vertritt Berlins offiziöse haltung, der Konflikt gehe nur Österreich und Serbien etwas an; andere Mächte sollten sich heraushalten.

Die SPD-Presse analysiert die Lage im Wesentlichen treffend (siehe unten); der „Vorwärts“ ruft schon zu Massendemonstrationen am 28. Juli auf (Das Hamburger Echo wird diesen Aufruf erst morgen bringen).

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Kommentare

  • KL  On August 4, 2014 at 12:09

    „Fischer glaubte noch, dass Bethmann ganz ehrlich eine englische Neutralität wollte … und dies Teil seines Kriegsplanes war. Ich kann das nicht ganz so sehen. Englands Neutralität wäre nice to have, sicher, und Bethmann hat sich zweifellos um sie bemüht, aber den Krieg wollte man so oder so entfesseln.“

    Das „aber“ verstehe ich hier nicht recht. Was spricht dagegen, daß Bethmann genau das wollte: den Krieg mit Rußland entfesseln und die Neutralität Englands garantiert haben ? In dem Kautsky-Archiv lese ich in einigen Telegrammen Bethmanns an den Kaiser (Tel. 139 v. 25. Juli, Tel. 146 u. 150 v. 26. Juli) genau das: er versucht, England nicht zu provozieren.
    Sicher: nur auf einem Nebenschauplatz. Aber daß er England mit Ruhighalten der deutschen Truppen zu besänftigen sucht und gleichzeitig die viel wichtigeren Vermittlungsvorschläge ignoriert, sieht für mich eher nach peinlicher Fehlkalkulation aus. Die Vorschläge stören seine Kriegspläne und er weiß nicht, wie er damit umgehen kann, also ignoriert er sie. Daß er sein ganzes Spiel ruiniert, wenn er das Wichtigste einfach ignoriert und den Vermittler mit ein paar Pralinés zu beeindrucken versucht, sieht er einfach nicht (wilful ignorance, not by intention, but stupidity). Ist das so unplausibel ?

    • hf99  On August 4, 2014 at 12:19

      noch einmal: natürlich wäre eine Neutralität prima gewesen, klar…aber Bethmanns Politik zum Kriege war nicht von ihr abhänig. Neutralität Englands wäre very nice to have, aber sie war nicht entscheidend, da man den krieg so oder so wollte. M.a.W.: Es ist mehr als zweifelhaft, ob eine frühe Warnung Greys (die er, wie die Lichnowsky-Telegramme belegen, ja im Grunde auch ausgesprochen hat, die späteren werden da noch deutlicher – abgesehen davon, dass Grey bereits 1912 klar stellte, England könne in einem solchen Fall nicht neutral bleiben)…es ist sehr zweifelhaft, ob die Kriegspartei in Deutschland sich davon hätte abhalten lassen. Nachdem die Sach‘ bankrott ging hat sie das behauptet, aber das muss man nicht weiter ernst nehmen.

      • KL  On August 4, 2014 at 15:59

        Sehe wieder einmal keinen Dissens …

    • hf99  On August 4, 2014 at 12:23

      Siehe die Schein-Vermittlung Bethmanns am 30., wir kommen noch dazu. Bethmann dachte da wohl a) an die SPD, b) an die Archive.

  • KL  On August 4, 2014 at 12:15

    Ich denke dabei auch immer daran, daß Hitler dasselbe tat, er hat ja beinahe nach Drehbuch den ersten Krieg wiederholt, wo er die eröffnende Offensive starten konnte. Und auch bei H. gehörte die englische Neutralität zum ursprünglichen Plan. Er wollte schon die deutsche Vorherrschaft – aber auf dem Kontinent. Und so Bethmann. Da war es folgerichtig, englische Neutralität zu suchen. Daß das nicht gelingen konnte, weil England sich nicht einem kontinentbeherrschenden Deutschen Reich allein gegenübersehen wollte, hat aber schon Bethmann nicht verstanden.

    • hf99  On August 4, 2014 at 12:21

      Schade, Du nimmst mir die Pointe meiner ganzen Arbeit weg. Das wäre meine Quintessenz

      ja, die Parallelen bei der Entfesselung beider Weltkriege sind unübersehbar…inklusive, wie wir noch sehen werden, Sender Gleiwitz.

      • KL  On August 4, 2014 at 15:55

        „… nimmst mir die Pointe meiner ganzen Arbeit weg.“

        Man sieht mich verlegen.

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