Julikrise – Poincare in St. Petersburg

Bis heute finden sich unterschiedliche Deutungen über Poincares (ud Vivianis) Besuch in St. Petersburg. Der Besuch stand seit langem fest, hatte also nichts mit dem Attentat zu tun.
Clark hält ihn für mitentscheidend und folgt damit älteren deutschen Apologien. (Clark 563 ff)
Meines Erachtens sollte man diesen Besuch nicht überschätzen. Sicher, es dürfte feststehen, dass die Partner dort Festigkeit gegen alle etwaigen Forderungen vereinbart haben, und dass Poincare die treibende Kraft war. Hier kann ich mich Clark anschliessen. Man wird in der Tat fast von einem zweiten Blankoscheck sprechen können – nur missbehagt mir dieser Ausdruck inzwischen, denn Russland und Frankreich haben sich, im Gegensatz zu Wien und Berlin, ja nicht zu einem Angriffskrieg verabredet. Sie haben lediglich eine Politik der Festigkeit bekräftigt – das wird man einem Militärbündnis nicht gut vorwerfen können. Es bestehen schon deutliche Unterschiede zwischen einer klandestin vorbereiteten Eskalation zum Krieg, wie unzweifelhaft von Österreich und Deutschland betrieben, und dem Bekräftigen eines längst öffentlich bekannten Defensivbündnisses. In einer verabredeten gemeinsamen Note in Wien, die Wien gegenüber Serbien zur Mäßigung aufruft, liegt nichts aggressives. Clark suggeriert, in Form eines Zitats, durch den Besuch hätten sich nunmehr beide Seiten auf „Hartbleiben“ festgelegt (p. 577). In der Tat werden wir sehen, dass Russland Serbien stützen wird und deswegen der sonst bloß lokale Krieg zum Weltkrieg eskaliert – was Sasonow und Poincare auch ganz genau wissen. Nur ist ihr Hartbleiben eben lediglich eine Reaktion auf das Kriegsspiel, das eindeutig und unstreitig die Mittelmächte eröffnet haben. Ob ihr Hartbleiben – wie sie post hoc alle miteinander behauptet haben – tatsächlich bloß als Abschreckung zur Kriegsvermeidung gedacht war, oder ob da der eine oder andere klammheimlich doch auch auf den Krieg gehofft hat…das mögen moralisch interessante Fragen sein; politisch wäre das unerheblich. Denn Deutschland und Österreich werden, trotz deutlicher Signale der Festigkeit von allen Seiten, schlußendlich vorm Krieg nicht zurück schrecken und ihn auslösen. Clarks Zurückweisung des blame-games ist sympathisch, trifft für die allermeisten politischen Konflikte ja auch zu – zB im jetzigen Ukraine-Konflikt, wo es, im Gegensatz zu den faktenfreien Ausstreuungen der gegenwärtigen antirussischen Hetze (die sich nicht sonderlich von der von vor einhundert Jahren unterscheidet; einschließlich der sozialdemokratischen) definitiv keinen bad guy gibt. Aber wie plausibel ist die Zurückweisung des blame-games, wenn die eine Seite, völlig eindeutig, klandestin einen Angriff vorbereitet hat? Eine andere, sich mit meiner Einschätzung in vielem deckende Deutung des Poincare-Besuchs bei Mombauer p. 75-76.

Es steht ferner außer Zweifel, dass es auch in den Militärs der triple-Entente kriegslüsterne Elemnte gab, die den zukünftigen Krieg für ebenso gewiss hielten wie ihre deutschen ‚Partner‘ im Kriegsspiel, und die ebenso nur auf eine besonders günstige Gelegenheit warteten. Nur haben diese Militärs, soweit sich das an den Akten und vor allem den politischen Handeln auslesen läßt, niemals das politische Heft in die Hand bekommen. Bezeichnend ist die berühmte Episode, in der Admiral Fisher (der Schöpfer der englischen Dreadnoughtflotte, gewissermaßen Tirpitz’ Gegenspieler) König Edward 1908 empfahl, die deutsche Flotte zu „kopenhagisieren“, also mitten im Frieden anzugreifen und zu vernichten. Ebenso bezeichnend aber ist die Antwort des englischen Königs: „Fisher, Sie müssen verrückt sein.“ Und dass ein solches Vorgehen internationalem Recht widerspräche. In Deutschland hingegen kam kein Politiker angesichts der völkerrechtswidrigen Pläne, das neutrale Belgien anzufallen, auf die Idee, seine Militärs mal zu fragen, ob bei ihnen noch alles beisammen ist…

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Kommentare

  • summacumlaudeblog  On August 3, 2014 at 20:38

    War Englands Verhalten im Krisenfall den beiden Beteiliogten schon klar? Wenn nicht, hätte eine Interpretation, das „Hartbleiben“ wäre offensiv gemeint gewesen, wenig überzeugendes. Poincare musste wissen und wußte, dass die Franzosen alleine den Deutschen deutlich unterlegen sein würden. Auch mit Rußland wäre das ein Spiel vabanque, nur zusammen mit England war das Wagnis halbwegs kalkulierbar (und der Krieg wurde ja dann tatsächlich erst mit dem Eintritt einer weitern Großmacht gewonnen, den USA nämlich). Also dass Poincare am 24.07. schon allein mit Rußland offensiv vabanque spielte, glaube ich einfach nicht.

    • hf99  On August 3, 2014 at 21:40

      Englands Verhalten musste Deutschland seit 1912 klar sein (weswegen damals der Kriegsrat). Den beiden anderern, Russland/Frankreich – noch nicht endgültig.

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