Julikrise – 24. Juli

Erst heute werden alle anderen Regierungen – mit Ausnahme Berlins natürlich – von Österreich offiziell informiert (Den Dreibundpartner Italien, den man, weil man ihm nicht ganz ohne Grund nicht mehr traute, am Katzentisch verhungern ließ, hatte man gestern ansatzweise informiert. Italien wird sich, völlig zu Recht, darauf berufen, dass Bündnispflichten gegenüber einem Partner, der auf eigene Rechnung militärische Abenteuer startet, laut Dreibund-Pakt nicht existieren. Berlin hätte gut daran getan, es genau so zu sehen. Die Versuche Bethmanns, Italien doch noch ins Dreibund-Boot zu kriegen, verdienen das Prädikat „peinlich“.)

Die deutsche bürgerliche/rechte/rechtsaussen-Presse lobt unisono das Ultimatum. Nur die Frankfurter ist etwas differenzierter.

Völlig fassungslos sind die sozialdemokratischen Blätter…

Fassungslos sind aber auch die ausländischen Mächte. Die deutschen Botschafter in St. Petersburg, Paris und London verlesen eine bereits am 21. vorbereitete Note, in der Deutschland sich mit Österreich solidarisch erklärt. Österreichs Schritt sei gerechtfertigt. Das verfängt natürlich nirgends.

Am heftigsten reagiert Sasonow – dem Pourtales (deutscher Botschafter) weisungsgemäß noch gesagt hat, die Sache sei eine, die nur die kuk-Monarchie und Serbien beträfe. Wegen der Bündnissysteme käme es, wenn der Konflikt nicht lokal bleibe, zu unabsehbaren Konsequenzen…warum Pourtales diese Binsenweisheiten übermitteln soll, ist mir nicht ganz klar, denn das weiß natürlich jeder. Ferner spielt Pourtales noch auf das monarchistische Prinzip an, das es dem Zaren doch verbieten sollte, Fürstenmörder zu unterstützen…(besonders Kaiser Wilhelm war von diesem „Argument“ beeindruckt und hat einige Hoffnungen darin gesetzt.)

Sasonow zum österreichischen Botschafter: „Sie setzen Europa in Brand!“ Im russischen Ministerrat sprechen sich alle für eben jene feste Haltung aus, die vorab mit Poincare vereinbart wurde. Serbien wird unterstützt werden. Zunächst will man in Wien um Fristverlängerung nachsuchen.

In Serbien selber – man ist dort schlicht entsetzt – denkt man allen Ernstes darüber nach, das Ultimatum ohne wenn und aber zu akzeptieren. Nicht zuletzt, weil man völlig unvorbereitet ist, auch militärisch aus dem letzten Loch pfeift (soviel zur VT, Serbien habe eskaliert). Es wird bis heute diskutiert, ob Serbien nicht einfach hätte einschlagen sollen. Serbien bekommt am 24. Signale aus St. Petersburg. Russland wird Stange halten! Und also wird man nicht bedingungslos einschlagen. Da Giesl die Anweisung hat, bei auch nur dem kleinsten Widerwort seinen Pass zu fordern, ist damit zumindest der Krieg gegen Serbien sicher. Denjenigen, die argumentieren, Serbien habe doch einschlagen können, habe somit eine Mitverantwortung am Weltkrieg, sei jedoch gesagt: Wer so argumentiert, argumentiert für die Politik der Stärke. Da braucht man also nur einen Weltkrieg an zu drohen, und schon muss alles einverstanden sein, da ansonsten der Angegriffene, weil er die Unverschämtheit besaß, sich zu wehren, für den Krieg verantwortlich ist? Es war unstreitig Österreich – angestachelt und kritiklos unterstützt von Deutschland -, das Serbien anzugreifen wünschte. Soweit kommts noch, dass der Angegriffene verantwortlich ist für den Krieg. Clark und der Chef-Ideologe der Atlantik-Brücke Münkler mögen bitte erklären, was sie mit ihrem Geschichtsrevisionismus – gegen alle Akten – bezwecken.

London (London wird von nun an wesentlich werden): England hat mit seinem Irlandproblem zu tun. Der Text platzt wohl in eine Kabinettssitzung. Asquith (Premier): Das Ultimatum könne niemals angenommen werden. Angesichts der Bündnisse stehe man kurz vor Armageddon. Grey meint, die Note übertreffe alles, was er bis jetzt gelesen… Er übermittelt Lichnowsky, England werde sich in einen lokalen Konflikt nicht einmischen, anders schaue es aus, wenn der Konflikt eskaliere. Deutschland weiß also ab sofort: es wird entweder ein rein lokaler Krieg, oder ein Weltkrieg including England! Es kann, wir werden das die nächsten Tage noch deutlicher sehen, also überhaupt keine Rede davon sein, dass England falsch gespielt habe. England hat sofort klar kommuniziert! Dass England damals dann eingriff, führte bekanntlich zur üblen Metapher vom „perfiden Albion“. In Deutschland fühlte man sich betrogen durch England…wodurch auch immer. In Wahrheit übermittelt Grey bereitsd heute seinen ersten Vermittlungsvorschlag: Die vier nicht unmittelbar beteiligten Mächte England, Deutschland, Frankreich und Italien sollen zwischen Russland und Österreich vermitteln. Grey weiß also schon jetzt, auf wessen Seite Russland steht. Dazu, das vorherzusagen, gehörte allerdings auch nicht viel.

Lichnowsky, deutscher Botschafter in London und einziger Friedensdiplomat Deutschlands – auch er wurde natürlich aus Berlin belogen – wird jetzt entscheidend. Lichnowsky übermnittelt Berlin, dass Russland Serbien selbst um den Preis einer Niederlage die Stange halten werde/müsse. Die russische Sicht auf die Note verdeutlicht ferner sein Telegramm über seine Unterredung mit dem russischen Botschafter in London, dem ihm verwandten Graf Benckendorff: Eine solche Note schreibe doch nur eine Regierung, die den Krieg wolle! Benckendorff (und Lichnowsky, der das natürlich nicht zufällig nach Berlin meldet) treffen, wie wir wissen, den Nagel auf den Kopf! Und hier Lichnowsky ungeheuer wichtiges Telegramm nach Berlin über Greys Reaktion auf die Note, zusammt der kaiserlichen Randbemerkungen. Greys erste Vermittlung: Fristverlängerung plus Konferenz der Vier… Österreich und Deutschland werden ablehnen. Sie werden, ich darf es vorwegnehmen, alle Vermittlung ablehnen. Dies betrifft, wie wir noch sehen werden, auch den berühmten 30…. Soviel mal zur Greys „Schuld“ am Weltkrieg. Wie Mombauer so richtig schrieb: Schlicht unfair, Grey zu blamen!

Paris – der stellvertretende Staatschef Bienvenu-Martin (Poincare ist ja noch auf dem Schiff unterwegs, damals gabs noch keine Präsidentenmaschinen) versichert dem deutschen Botschafter Schoen, Frankreich werde Lokalisierung befürworten. Er habe Serbien geraten, das Ultimatum weitestgehend anzunehmen. kuk-Monarchie solle sich aber nicht sperren, wenn man einzelne Punkte zu diskutieren wünsche. Kommentar Kaiser Wilhelm: „Blech! Ultima erfüllt man oder nicht! aber man diskutiert nicht mehr!“

Berchtold erklärt in Wien dem russischen Botschafter, die Maßnahmen seien rein defensiver Natur. Schon diese Milderung passt Berlin, in Sonderheit Kaiser Wilhelm, nicht. Das rufe den Eindruck der Entschuldigung hervor.

Rom ist erregt. Formal noch Mitglied des Dreibunds, saß Rom von Beginn an am Katzentisch. Rom lehnt, ‚bündnislogisch‘ völlig zu Recht, jedes Engagement ab! Das irredentischtisch geprägte Rom hatte damals schon Ambitionen, auf Südtirol etcetc. Dies war auch allerorten bekannt. Wenn man Rom mit ins Dreibundboot hätte nehmen wollen, hätte man ihm Südtirol, Triest etcetc anbieten müssen. Der kuk-Versicherung, Österreich strebe keine Gebietserweiterung an, schenkt man in Rom keinen Glauben.

Der Pabst (er heißt wohl Pius X. oder so) unterstützt seine kaiserlich römisch-katholische Majestät natürlich…

Interessant: Kaiser Wilhelm insistiert wieder und wieder, dass Serbien doch gleichsam kein normaler Staat sei, sondern eine „Räuberbande“, an die normale (was ist das?) Naßstäbe anzulegen doch wohl nicht opportun sei. Frage: Kennen wir das nicht irgendwoher?

Die beiden Hamburger Zeitungen des Tages.

Hier erst einmal das Hamburger Echo:

he2 (27)

he2 (28)

Sehr interessant das Hamburger Echo p. 2 (und immer noch p. 2!!! Auf p. 1 werden, wie man sieht, so weltbewegende Themen verhandelt wie zB: Majestätsbeleidigung, Monopolversuche…alles zweifellos wichtige sozialdemokratische Themen…) „Die Frage ist eben, ob sich der österreichische Schritt auf dieses sachlich Berechtigte und sachlich Notwendige beschränken will; ob er aus dem Geist des Friedens oder aus dem des Krieges geschieht. Will man den Frieden, den wir so nötig haben, erhalten, dann werden die Forderungen, auf den Ergebnissen der Untersuchung in Serajewo fussend, über das Maß dessen, was Österreich fordern kann, fordern soll, wenn man will sogar fordern muss nicht hinausgehen; dann werden sie auch so geartet sein, dass Serbien sie erfüllen kann und erfüllen wird. Will man freilich den Krieg, von dem man sagen muß, daß man seinen Beginn kennt, aber nicht abzusehen vermag, was aus ihm alles herauskommen kann, so werden es nicht Forderungen sein, so wird der Schritt in Belgrad so ausfallen, daß er die Bahn zu der Blutentscheidung eröffnet.“ Die SPD-Provinzzeitung HE sieht es offenbar völlig realistisch.

Im Gegensatz dazu die rechte/reaktionäre „Hamburger Nachrichten“, Morgen wie Abendausgabe vom 24. Juli 1914:

hn3 (36)

hn3 (37)

hn3 (38)

Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: