Julikrise – 23. Juli, Ultimatum an Serbien

Eigentlich beginnt die Julikrise erst mit diesem Tag. Bisher haben Berlin und Wien klandestin gearbeitet und ihre Schritte geheim vorbereitet – ab jetzt werden sich die Ereignisse überschlagen.

Giesl übergibt in Belgrad das Ultimatum. Text hier. Sogar nach heutigen Standards wäre diese Note sehr scharf – nach damaligen ist sie in der Tat genau das, was sie auch sein soll: Eigentlich unannehmbar. Punkt 5 und 6 bedeuten die Preisgabe der serbischen Souveränität.

Doch der Reihe nach:

Heute spekuliert die Presse wild. Viele sind sich sicher: heute werde der „Schritt“ erfolgen. Dabei trifft der „Vorwärts“ den Nagel auf den Kopf: „Er befürchtet, dass Österreich Völkerrechtswidriges wie Untersuchungen in Belgrad durch kuk-Beamte fordern wird. Er deutet auch an, dass Wien, angefeuert von Berlin, absichtlich unanhemnbare Bedingungen stellen könnte, mit nur kurzer Frist, damit bis zum 1. August über krieg und Frieden entschieden sei.“ (Pöppelmann, Christa, Juli 1914, aaO p. 143) Ich werde versuchen, am Montag den „Vorwärts“ zu scannen… Ob der „Vorwärts“ einfach nur den richtigen Riecher hate oder ob jemand das durchgestochen hat…unklar. Ich vermute aber ersteres.

Auch die deutschen Botschafter im Ausland werden von Berlin getäuscht. Entsprechend der offiziellen Linie – Streit kuk-Monarchie Serbien gehe die anderen nichts an! – erhalten die Botschafter die erlogene Information, Berlin sei der kuk-Schritt ebenfalls unbekannt. von Griesinger (deutscher Botschafter in Belgrad) schickt Berichte, wonach Pasic vermutlich zu allem bereit sei, nur eben wg Wahlen gegenüber der serbischen Öffentlichkeit unter Druck stehe.

Bethmann bittet den Kaiser inständig, keine verdächtigen Bewegungen der deutschen Hochseeflotte zu befehlen.

Als Giesl abends 18 Uhr Ortszeit (der termin wurde, wie wir sahen, noch mal verschoben, damit Poincare sicher wieder in See sein werde – kriminalistisch gesprochen: so agieren Täter!) die Note überreichen will, trifft er nur Pacu (stellvertretender Ministerpräsident) an. Der will die Note erst gar nicht entgegen nehmen. Und Pasic sei nicht erreichbar… Giesl erwidert nicht ganz ohne Grund: das könne er im Zeitalter des Telegrafen und bei der Größe des Landes nicht akzeptieren; er werde zur Not die Note einfach auf den Tisch legen und gehen. Das zieht. Die Note wird entgegen genommen. Die Serben sind entsetzt. Unannehmbar!

Das Hamburger Echo bringt auch heute wieder nur auf Seite 2 einen kurzen Artikel, der aber immerhin interessant ist. Bei der erwähnten angeblichen Beschießung österreichischer Bürger („Untertanen“) durch Serbien handelt es sich um die erste von vielen „Tartarenmeldungen“; die Beschießung hat natürlich nie stattgefunden. Serbien, dessen Armee übrigens nach den balkankriegen in einem desolaten Zustand war (ein wichtiger Aspekt zur Beurteilung der Julikrise, Prof Clark!), hatte an einer solchen Eskalation schlicht kein Interesse.

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Hier die Morgen- und die Abendausgabe der HN. In der Abendausgabe hochinteressant folgende Passage, deren Beachtung ich empfehle: „Je stärker das ganze gesittete Europa etcetc“ Wenn man so will ist das die Julikrise in nuce – allerdings wahnverzerrt durch die alldeutsche Brille (Die HN standen den Alldeutschen nahe, vergl dazu Breuer, Stefan, Die radikale Rechte in Deutschland 1871-1945, Stuttgart 2010, p. 48).

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Kommentare

  • snoopylife  On August 2, 2014 at 07:35

    Leider bin ich erst nach einer mehrwöchigen WordPress-Pause auf diese hochinteressante Sache gestoßen, dank für diese Arbeit! Weil ich finde, das müssten noch viel mehr Leute lesen, und weiß, dass viele die alten deutschen Lettern nicht mehr lesen können, hier eine Umschrift der von dir erwähnten Passage.

    „Je stärker das ganze gesittete Europa nach der Bluttat von Sarajewo Serbien seine Vereinsamung fühlen lässt, um so eher ist Aussicht vorhanden, dass es klein beigeben und in die österreichischen Forderungen einwilligen wird. Leider wird in dieser kritischen Zeit von der russischen, französischen und auch von der englischen Presse schon wieder einmal mit groben Verdächtigungen gegen Österreich-Ungarn gearbeitet. Man müsse, so heißt es, der Wiener Regierung klar machen, dass sie unter dem Deckmantel der Selbstverteidigung nicht politische Vorteile suchen dürfe. Die Absicht dieser Verdächtigungen, die zB. auch in den Londoner Times zu finden ist, ist so durchsichtig, daß man kein Wort darüber zu verlieren braucht. In Wirklichkeit denkt natürlich in Österreich-Ungarn kein Mensch daran, die Abrechnung mit Serbien zur Erreichung politischer Vorteile auszunutzen, sondern man will einzig und allein Ruhe vor den serbischen Friedensstörern und den großserbischen Treibereien in der Donaumonarchie. Die Blätter der Tripelentente, die ihre Friedensliebe immer so gern im Munde führen, laden eine schwere Verantwortung auf sich, indem sie durch derartige Verdächtigungen Österreichs den Serben indirekt das Rückgrat stärken. Wer es ernst meint mit dem europäischen Frieden, wird sich zu unserer Ansicht bekennen müssen, dass der österreichisch-serbische Konflikt einen friedlichen Ausgang nur nehmen kann, wenn den Serben von allen Seiten klar gemacht wird, dass sie sich mit ihren wahnwitzigen Treibereien gegen Österreich-Ungarn in völliger Isolierung befinden und nirgends auf Unterstützung zu rechnen haben. Von der Wiener Diplomatie aber darf erwartet werden, daß sie ruhig ihres Weges weiter geht und (unterstützt von einer günstigen politischen Konstellation) alles das tut, was nötig ist, um den serbischen Heißspornen e n d g ü l t i g ihr gefährliches Handwerk zu legen. Geben die Serben nicht nach und kommt es zu einem kriegerischen Konflikt, so ist von der Vernunft der anderen Großmächte zu hoffen, daß sie alles aufbieten, um den Streit zu lokalisieren. Wenn nicht, so wird Österreich-Ungarn den deutschen Verbündeten an seiner Seite finden. Das ist die Lage der Dinge, die sich ernsthaft vor Augen zu halten man an gewissen Stellen der Politik alle Veranlassung hat.“ (Hervorhebung im Original)

    Gruß von Snoopy

  • summacumlaudeblog  On August 2, 2014 at 14:57

    Du hast alle Facetten sehr schön bis hierher herausgearbeitet, nun aber kulminiert das Geschehen zu dieser einen Frage hin, dessen Beantwortung allein schon hinreicht, um das damalige Verhalten zu bewerten: War den Beteiligten in Wien und Berlin klar, dass dieses Ultimatum unannehmbar war? Wenn ja, dann muß ja wohl vom Vorsatz ausgegangen werden, vom Vorsatz, das Ultimatum scheitern und somit scharf werden zu lassen.

    Wieviele Entscheidungsträger waren eigentlich nach Deiner Meinung bei großzügiger Rechnung eingebunden in die Frage nach Krieg und Frieden? Eine Frage, die schließlich mehrere einhundert Millionen Europäer direkt betraf? Dieses Mißverhältnis zu bedenken ist schon gruselig…

    • hf99  On August 2, 2014 at 20:47

      das sagte ich mehrfach: das Ultimatum
      a) s o l l t e bewusst unannehmbar sein und
      b) Wien und Berlin haben sich darüber auch ganz offen ausgesprochen. Berlin hat sogar gedrängelt, weil man den österreichischen Schlendrian befürchtete.

      Giesl hatte die klare Anweisung, bei jeder noch so kleinen Einwendung seinen Pass zu fordern (=Abbruch diplomatischer Beziehungen=Krieg).

      Eingebunden waren so ca 20, 30 direkt. Kaiser, Militärs (hochrangige, also Moltke, Waldersee, falkenhayn, Tirpitz, Von Müller), Bethmann, Jagow, Zimmermann, Delbrück und noch einige aus der Funktionselite. Selbst die eigenen Botschafter wurden belogen insbesondere Lichnowsky, von dem man wusste, dass er „flau“ ist. Der Kaiswer war nur so halb eingebunden, weil man bei ihm befürchtete, er werde „wieder abschnappen“. Die Nordlandreise war nicht unerwünscht bei den Falken in Berlin.

      • summacumlaudeblog  On August 2, 2014 at 21:18

        Schwer wiegt auch die Geheimniskrämerei des deutschen Reiches, das Vorspielen, man habe mit den kuk-Entscheidungen „nichts“ zu tun, obwohl man die Schritte absprach. England hat, glaube ich, früh den Braten gerochen, das könnte dann auf der timeline so aussehen, als ob auch England frühzeitig auf Krieg hinsteuert, weil Gegenmaßnahmen/Erklärungen erfolgten.

        Das Zarenreich ist aber sicherlich nicht mässigend aufgetreten, das wäre noch einmal ein Posting wert.
        Frankreich auch nicht, hatte aber nicht die miltärische Praemisse in dem Entscheidungsprozeß wie Deutschland. Es gab keinen Offensiv-Plan gegen Deutschland (meines Wissens), der dann dem Handeln die Gesamtrichtung gab.

        Somit vorläufig zuusammenfassend:

        1. Fehler: Blankoscheck für die kuk-Monarchie ungeachtet des ausstehenden Untersuchungsergebnis der Tat vom 28.06..
        2. Fehler: Anschärfen der Situation insbesondere des Ultimatums selbst in geheimer Korrespondenz mit Wien und GLEICHZEITIG schon Planspielerei für den europäischen Krieg.
        3. Fehler: Strukturell war das Land darauf aufgebaut, dass außenpolitisch das Militär bei zu treffenden Entscheidungen nicht nur mit spielte, sondern gar die Richtung vorgab. Das wiegt schwer, weil es kein situativer, sondern eben ein struktureller Fehler war, gewissermaßen ein gesellschaftlicher Webfehler. Das Primat des Militärs.
        4. Fehler ist eine machtpol. Fehlkalkulation. Man hat mit Englands Konsequenz so nicht gerechnet.

        Ein paar Fehler zu viel, um ganz unschuldig davon zu kommen, zumal das Intentionale immer mitschwingt. Einige wollten es so. Es waren aber nur wenige in der Summe und dann gab es doch die Massenhysterie, die Begeisterung. Warum? Was war da kulturell/gesellschaftlich noch los, was kam noch hinzu. Diese „Krieg in Sicht“-Stimmung. Das eben erklärt sich durch diese Diplomatenposse nicht.

        • hf99  On August 2, 2014 at 21:24

          Grey war, wie Mombauer klufg und richtig schrieb, in einer Zwickmühle. Sagt er öffentlich, er bleibe neutral, jubelt Berlin und verschärft die Krise hin zum Krieg – sagt er frühzeitig einen kriegseintritt zu, jubeln Frankreich und Russland und lassen es auf Krieg ankommen. Kommt alles noch… Grey, der einen Vermittlungsvorschlag nach dem anderen losließ, die Schuld am krieg zu geben ist lächerlich. Der Leiter der bank of England zu Grey im Juli: Wenn wir an diesem krieg teilnehmen, sind wir pleite…genau so kam es dann letztlich ja auch.

          Der schlimmste deutsche fehler war die Alternativlosigkeit – nur diesen einen Plan zu haben. Da ist man auch heute noch schlicht fassungslos.

          • summacumlaudeblog  On August 2, 2014 at 21:27

            Ja, und allein aus dem Ablauf ist für mich klar, dass er frühzeitig den Laden durchschaut hat, und verzweifelt die Pleitetour verhindern wollte. Gibt es dazu Dokumente? Seit wann war Grey sich sicher: Die wollen den Brand?

            • hf99  On August 2, 2014 at 21:33

              Seit er den Inhalt des Ultimatums kannte, also seit dem 24., wie wir demnächst sehen werden. Das war übrigens allen klar: Wer ein solches Ultimatum abgibt, will einen Krieg provozieren. Grey wusste auch sofort, dass Berlin dahinter steht.

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