Julikrise – Franz Pfemfert 1912

“Es scheint unheilbar.

(…)

Er scheint unheilbar, Europas Wahnsinn. Was gibt uns das Recht, von dem Fortschritt einer Menschheit zu faseln, die ihre erbärmlichsten Instinkte mit Enthusiasmus zur Schau trägt? Die so verbrecherisch ist, das Morden auf Kommando als Pflicht der “nationalen Ehre” auszuschreien. Die als Mut bejauchzt, wo fanatische Unwissenheit ist? Was gibt uns das Recht, einem Zeitalter Kultur zuzugestehen, das vor Gespenstern aus grauer Vorzeit auf den Knieen liegt?
Europas Wahnsinn scheint unheilbar. Was sollen all die Phrasen unserer platonischen Friedensfreunde? Nicht eine Kugel bleibt im Lauf der Gewehre, weil einige harmlose Schwärmer auf der Friedenswarte stehen! Da werden Friedenspreise verliehen und Friedenskonferenzen veranstaltet, aber dem Wahnsinn mit ernsten Heilmitteln zu Leibe gehen – dazu bleibt keine Zeit übrig. Ist auch gefährlicher, erfordert auch mehr Tatkraft, als das Bejammern der Krankheit. Und dann: man muß ängstlich alles meiden, was etwa als Umsturz gedeutet werden könnte!
In dieser Ängstlichkeit sind sie sich gleich, die bürgerlichen Friedensfreunde und die gewerbmäßigen Sozialisten. Sie wollen nicht “ehrlos” sein, als wie der Wahnsinn den vernünftigen Antipatriotismus nennt. Deshalb erscheint der Zustand Europas so hoffnungslos…”(Pfemfert, Franz, Europas Wahnsinn, zit. nach: Raabe, Paul (Hrsgb), Ich schneide die Zeit aus, Expressionismus und Politik in Franz Pfemferts ‚Aktion‘, München, 1964, p. 57ff)

Ein Jahrhunderttext, zweifellos. Alles vorab gewusst. Und ist es heute anders?

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