Julikrise – 19. Juli

Berchtold besucht Kaiser Franz Joseph in Bad Ischl. Der Kaiser: Es gebe kein Zurück mehr. Ein Schwächeln würde die kuk-Monarchie gegenüber Deutschland diskreditieren. Genau solche Überlegungen – schaffts Österreich überhaupt noch? – waren in Berlin tatsächlich in Umlauf. Kaiser Franz Joseph mag alles mögliche gewesen sein – dumm war er nicht.

Der Ministerrat beschließt die endgültige Fassung des Ultimatums. Tisza will eine Zusage pro „Keine Annexionen“. Man beschließt, dies bei Kriegsausbruch sofort allen Mächten mitzuteilen – nein, Österreich hat keine territorialen Interessen…will in Wahrheit aber anderen Balkanmächten – Griechenland, Albanien, Bulgarien – anbieten, sich territorial an Serbien doch schadlos zu halten…

Norwegen: Kaiser Wilhelm ist immer noch in den norwegischen Fjorden unterwegs (allerdings im Süden, um ggfls rechtzeitig daheim zu sein). Wilhelm funkt: Es seien die HAPAG und der Norddeutsche Lloyd zu warnen. Die Hochseeflotte (Manöver im Skagerrak seit dem 14. Juli) sei zusammen zu ziehen.

Lichnowsky verbringt sein Weekend mit dem russischen Botschafter (und Cousin) Benckendorff. Lichnowsky, so meldet Benckendorff, sei extrem beunruhigt, er, Lichnowsky, befürchte „Tölpeleien“, befürchte, dass unannehmbare Forderungen an Belgrad gestellt werden. Könne nicht – so regt Lichnowsky an (und überschreitet damit mE eindeutig seine Kompetenzen, was man ihm hoch anrechnen muss!) – der Zar an Kaiser Franz Joseph schreiben und seine Vermittlung anbieten?

Hamburger Echo und Hamburger Nachrichten vom 19. Im Echo geht es um Justizkritik – ein zweifellos wichtiges Thema, das meine ich fast nicht ironisch -; in den HN geht es um Aussperrungen, um Nachwehen der Zabern-Affäre, um den Erfolg eines deutschen Fliegers, um die SMS Dresden, um den Albanienkonflikt…und um einen Vergleich der Heeresstärke Frankreichs und Deutschlands. Frankreich rang damals um eine Heeresreform, weil es sich, zu Recht, wie wir wissen, von der Überlegenheit Deutschlands bedroht sah. Die HN aber suggerieren eine militärische Überlegenheit Frankreichs…ein interessantes Detail, zeigt es doch wieder einmal, wie wahnverzerrt, wie wirklichkeitsfremd agiert wurde.

he2 (19)

hn3 (21)

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Kommentare

  • G.W.  On Juli 31, 2014 at 11:12

    Danke, dass Sie das Tag für Tag noch einmal nachvollziehen. Man braucht dieses Konkrete, um sich von der erschreckenden Kontinuität zu überzeugen, da ja i.A. vieles falsch kolportiert wurde und wird. Die Kriegsbegeisterung der Bevölkerung hielt sich ja in allen Ländern durchaus in Grenzen, wie man aus der modernen Forschung weiß. Sie war am ausgeprägtesten unter „Intellektuellen“ bzw. bei der „Intelligenz“. Lehrreich hierzu auch das Buch von Ulrich Sieg „Geist und Gewalt“ über die Rolle der akademischen Philosophie; es gibt zum 1. Weltkrieg ferner ein Sammelbändchen bei Reclam, in dem die Ergüsse deutscher Akademiker dokumentiert sind. Die zeigen u.a., dass Karl Kraus nichts, aber auch nichts übertrieben hat. Gleich ob 1914 oder 1933, so waren es aber vor allem die journalistischen scribbler, die den Hass in die Breite zu walzen unternahmen.

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