Julikrise – 18. Juli (Fortsetzung)

18. Juli (Fortsetzung): Jagow verfasst einen Artikel für die Norddeutsche Allgemeine Zeitung: die kuk-Monarchie habe ein Recht auf Satisfaktion. Wenn Serbien nicht einlenke, sei Lokalisierung geboten. Tschirschky soll in Wien klarstellen, der Artikel sei nicht als Abrücken von der vereinbarten Linie zu verstehen.

Der bayrische Geschäftsträger in Berlin, von Schoen, erfährt (und berichtet nach München): Ultimatum Frist 48 Stunden, bewusst unannehmbar gehalten. Mit der Folge „Krieg“ sei berlin einverstanden, auch auf die Gefahr einer Ausweitung. Jagow bezweifle Wiens Durchhaltewillen, Zimmermann wolle schnell handeln, damit Serbien nicht etwa (auf Druck Frankreichs, Russlands) doch noch nachgebe.

Jagow schreibt an Lichnowsky. Er erläutert, dass man das immer stärker schwächelnde Österreich stützen müsse, man habe nicht mehr so viele Verbündete, Ziel sei die Lokalisierung des Konflikts. Allerdings dürfe man auch nicht kneifen. „Ich will keinen Präventivkrieg, aber wenn der Kampf sich bietet, dürfen wir nicht kneifen.“ Es besteht der begründete Verdacht, Jagow habe im ersten Teilsatz bereits an die Archive gedacht. Jedenfalls ist dieser Satz widersprüchlich: Denn Berlin und Wien tun ja, wie wir sahen, seit Wochen alles dafür, dass der Kampf sich bietet. Noch am Vormittag wurden letzte Einzelheiten der Mobilmachung besprochen, unter Anwesenheit Jagows.

Lichnowskys Antwort vom 23. Juli ist eine der klarsichtigsten Schriftstücke der Julikrise. „Solange ich mich entsinnen kann, (…) (und das sind dreißig Jahre), kann ich mich erinnern, daß es hieß, Russland sei noch nicht fertig, werde aber in einigen Jahren fertig sein, und daß der Generalstab beunruhigt sei“ Das sind Einsichten, die nichts an Aktualität eingebüßt haben. Militärs, vermutlich eine Berufskrankheit, können nur in militärischen Kategorien denken – immerzu sehen sie Bedrohungen, wo keine sind, überschätzen den Gegner, dem sie fehlerfreies Agieren unterstellen, während sie die eigenen Unzulänglichkeiten und Grenzen natürlich genau kennen. Seine Einschätzung, Russland werde von sich aus keinen Krieg beginnen, weil es gar kein Interesse an einem Krieg habe, dürfte zutreffen. Auch das Bündnis mit Österreich schätzt er richtig ein: „Wir müssen Österreich zwar schützen, es liegt aber nicht in unserem Interesse, es bei einer aktiven Balkanpolitik zu unterstützten, bei der wir alles zu verlieren und absolut nichts zu gewinnen haben“ Hochinteressant auch, dass er dem ‚Ansehen der kuk-Monarchie als Großmacht‘ keinerlei Eigenwert beimisst. Lichnowsky wird sich, wie wir noch sehen werden, in den letzten Julitagen verzweifelt um den Frieden bemühen – und er wird am Krieg zerbrechen. In seinen Memoiren „Eine Jugend in Deutschland“ gibt Golo Mann eine ergreifende Schilderung Lichnowskys. (Anbei bemerkt und weil gerade wieder aktuell: Seine Einschätzung – Russland habe kein Interesse an einem Krieg – dürfte auch heute noch zutreffen.)

Hamburger Echo vom 17. Juli (der Kronprinz hat mal wieder kriegslüstern telegrafiert; Bethmann, entsetzt von soviel Dummheit, schrieb darauf hin persönlich an Kaiser Wilhelm, dass er seinen Sohn an die Kandarre nehmen möge…was kaiser Wilhelm auch tat.)

he2 (17)

Und das Echo vom 18.:

he2 (18)

HN vom 17. Juli mit einem kleinen, aber interessanten Bericht zur Krise: Schritt Österreichs erfolge wohl nächste Woche (zutreffend), zunächst wohl kein Ultimatum (falsch), der Schritt, so die HN, ganz auf Lokalisierungslinie, dürfte andere Staaten nicht direkt tangieren.

hn3 (15)

Hier die HN vom 18. Ehrenpflicht, dem Kronprinzen beizustehen…

hn3 (19)

Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: