Julikrise – rechtsbürgerliche Presse Mitte Juli: Abwiegeln

Die bürgerliche Presse wiegelt über weite Teile des Juli ab. Wenn wir heute von „Julikrise“ reden, so muss klar sein, dass die Julikrise im engeren Sinn, als für die öffentlichkeit wahrnehmbare Krise, letztlich erst mit der Übermittlung des Ultimatums an Serbien 23. Juli überhaupt begann.

Exemplarisch hier die „Hamburger Nachrichten“ am 15. Juli, Abend-Ausgabe: Es geht auf Seite 1 hauptsächlich um einen Spionagefall (ein Pohl soll Aufmarschpläne an Russland verraten haben), dann um neue preussische Minister, ferner um einen Prozess vorm Reichgericht in Leipzig gegen einen Karikaturisten, der sich offenbar nach Frankreich abgesetzt hat, und erst an vierter Stelle, sehr kurz, um „Serajewo“: „Man hofft in Wien, daß Serbien die Wünsche der Monarchie erfüllt, ohne daß es zu Komplikationen kommt. Dabei läßt sich die österreichisch-ungarische Monarchie von dem Grundgedanken leiten, daß die Aufrechterhaltung des Friedens und die Wahrung de Lebensinteressen Österreich-Ungarns gleich hohe Bedeutung haben (…)“ Wir wissen heute, dass de facto längst die Würfel gefallen waren… An fünfter Stelle geht es um die französische Heeresvorlage, speziell um die Artillerie (um die ging es bereits beim Dreyfuss-Skandal…) Übrigens: In der Morgenausgabe vom 15. Juli lesen wir sehr angeregt und über die gesamte erste Seite einen Artikel über die „Zögernde Entwicklung in Deutsch-Neuguinea“. Und auf p. 3 der Morgenausgabe geht es ua um die Shackleton-Expedition… Bei meinen Stichproben (unwissenschaftlich) habe ich in den „Hamburger Nachrichten“ nichts über die pathetische (und erlogene; wie fast immer, wenn Pathos im Spiel ist) Story rund um Giesl und Giesls Sohn gefunden. Sollte ich etwas übersehen haben – die Kommentarfunktion ist offen. An prominenter Stelle jedenfalls fand ich in den „Hamburger Nachrichten“ nichts.

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Dieses Abwiegeln war von den Protagonisten gewollt, und heute ist bekannt, dass damals massiv Öffentlichkeitsarbeit aka PR geleistet wurde. Die Politiker waren sich schon damals der Bedeutung dessen, was ganz diffus „Öffentlichkeit“ genannt wird, bewusst.

Interessant ist noch diese kurze Meldung „Hamburger Nachrichten“ vom 14. Juli, p. 3, Abendausgabe. Fast ein „Geständnis“ des Blankoschecks.

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