Julikrise – Hamburger Echo – neue Töne schon am 12. Juli?

Inzwischen ist etwas Ruhe eingetreten. Am 7. Juli sind die Fleischpreise dem Echo einen Aufmacher wert, ferner geht es um den „Zusammenbruch des Luxemburg-Prozesses“; am 10. Juli geht es um unlauteren Wettbewerb. Am 11. ist ein Attentat tatsächlich Tagesthema beim „Echo“…nur eben das auf Kaiser Wilhelm von 1878 (gab Anlaß für das Sozialistengesetz)… erst auf Seite 2 lesen wir am 11. Juli einen kleinen Artikel (wenige Zeilen) über Sarajewo – immerhin mit der Ankündigung, es werde wohl Forderungen an Serbien geben, und es sei noch unklar, ob die serbische Antwort Wien dann ausreiche – was als Drohung verstanden werden müsste. Das „Echo“ ist also durchaus auf der richtigen Spur. Aber es entsteht doch der Eindruck: Typischer Balkanzoff, mehr nicht. Wiens und Berlins Konzept, die Krise in aller Stille zu eskalieren und die Öffentlichkeit in Sicherheit zu wiegen geht also auf. Darunter übrigens ein Artikel über die englische Irland-Debatte, die damals akut war und die, weil England die Hände gebunden waren, für die Julikrise indirekt ebenfalls relevant ist.
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Und dann taucht am Sonntag, 12. Juli und am Dienstag, 14. Juli (Montags erschien das Echo nicht) jeweils auf der fast kompletten Seite 1 der zweigeteilte Aufsatz „Die russische Sphinx“ auf… Tenor: Der Zarismus, seine „panslawistischen Projekte“ sei eine Gefahr für den Weltfrieden, letztlich seit Jahrhunderten. Das hätte Bethmann nicht schöner sagen können… Wer hat diesen Artikel verantwortet? Haben andere lokale SPD-Blätter in ähnliche Hörner gestoßen? Gibt es Arbeiten dazu? (Ich habe als Freizeithistoriker leider nicht die zeitlichen Ressourcen, hier genauer zu recherchieren, aber als ich diesen Artikel gestern las, war ich fassungslos: War die SPD bereits Mitte Juli unterwegs zur Bewilligung der Kriegskredite? Wer weiß Näheres?)

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Kommentare

  • oblomow  On Juli 30, 2014 at 14:26

    Hartmut, zu deinen fragen – und das wird jetzt etwas länger – `ein paar zeilen´ :

    Die „russophobie“ gehört zum sozialdemokratischen „narratief“ der vorkriegszeit, insofern ist der artikel nicht ungewöhnlich. Der desavouierte „friedenszar“ (friedensmanifest vom 24.08.1898) und das reaktionäre zaristische russland waren jedem sozialdemokraten geläufige reizpunkte, die im konfliktfall auch eine reichsregierung aktivieren konnte, wenn es gelang, russland als agressor darzustellen. Die SPD war nicht erst mitte juli/anfang august zur bewilligung der kriegskredite „unterwegs“. Es ergibt keinen sinn, danach zu suchen, wann und wie ein meinungsumschwung stattgefunden hat, es gab ihn nicht, denn von der SPD war, das ist die ganze banale „wahrheit“, schlicht und ergreifend nichts anderes zu erwarten. Diese feststellung muss nicht einmal die im-nachhinein-betrachtung/analyse des historikers vermitteln. Ein klarer blick auf den charakter der sozialdemokratie war auch zeitgenössischen beobachtern möglich und ich zitiere zur verdeutlichung hier einmal den herausgeber der zeitschrift „Die Aktion – Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst“ Franz Pfemfert:

    „Man hütet sich, die antimilitaristische propaganda zu empfehlen oder gar zu betreiben. Man hütet sich die Marokko-Affäre (die dazu verpflichtet!) im sozialistischen sinne auszunützen. Man münzt sie wahlagitatorisch aus. Wie gut wird das im lande wirken, wenn man sagt, man wolle „die reichen“ zu den lasten des krieges heranziehen. … Und dann Bebels famose eventual-begeisterung für Deutschlands koloniale interessen!“ (18.09.1911)

    „Es galt wehrvorlagen der regierung zu bewilligen. … Reichstagswahlen stehen nicht vor der tür – also konnten die sozialdemokraten aufstehen und mit rücksichtsloser ehrlichkeit ihren internationalen sozialismus propagieren. Sie waren zu bodenlos feige zu dieser handlung. … Nein, die deutsche sozialdemokratie ist keine garantie des weltfriedens.“ (01.05.1912)

    „Aber der krieg ist ja noch nicht da. … Heute kann man … noch alles tun, was man vielleicht morgen … nicht mehr tun kann. Aber tut man das? Sind wir heute dank der deutschen sozialdemokratie um eine einzige kriegsmöglichkeit ärmer? Wohlverstanden: die frage lautet nicht: was wird geschehen, wenn morgen ein krieg uns überfällt? Auf diese frage kann nur ein narr eine antwort erwarten. Aber: was ist geschehen, damit kein krieg uns überfallen kann? Was hat die arbeiterpartei getan, um den kriegsgefahren wirksam zu begegnen? … Die antwort lautet trostlos und verzweifelt: nichts.“

    Ein paar zeilen vorher hieß es prophetisch:

    „Er war ein tüchtiger parteigenosse, der totgeweihte, er hat für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime wahlrecht hundert protestversammlungen mitgemacht. Irgendwo in einem winkel seines durchschossenen proletarierschädels wird vielleicht noch die erinnerung an die letzte resolution für den weltfrieden nisten, wenn schon das massengrab sich öffnet, den sozialdemokratisch organisierten krieger aufzunehmen. Er wird fallen wie tausende, wie vieltausende seiner genossen: den fluch gegen den krieg auf den lippen, das gewehr schussbereit … Parteifreunde werden vorwärtsstürmen, über ihn hinweg, vorwärts gegen die proletarier, mit denen sie sich so oft „verbrüderten“. (30.10.1912)

    „Es ist soweit gekommen, dass ein führer der sozialdemokratie es als eine wichtige aufgabe des proletariats bezeichnen darf, die deutsche jugend zur kriegstüchtigkeit heranzubilden um im notfalle zur verteidigung des vaterlandes gerüstet zu sein.“ (18.09.1913 zum parteitag in Jena)

    „Frau Rosa Luxemburg ist ein unheilbare optimistin. Sie kennt unsere militaristische sozialdemokratie. Sie kennt die Noske und gesellen. Sie kennt das famose parteiwort: „Sozialdemokraten sind Mustersoldaten“. Sie weiß: nur Karl Liebknecht kommt neben ihr als ernsthafter sozialdemokratischer antimilitarist in betracht. Hofft Frau Rosa Luxemburg dennoch, im ernstfalle eines krieges würden auch nur tausend, würden auch nur hundert, würde auch nur ein „genosse“ bereit sein, proletarische brüderlichkeit zu üben gegenüber den französischen „feinden“. Ach, tapfere frau: wenn es den kriegslüstlingen diesseits und jenseits der grenze gefallen sollte, morgen eine mordorgie zu inszenieren, die anhänger der deutschen viermillionenpartei würden ihrem optimismus wenig nahrung geben. Die unterschiedlichen besucher der zahlabende würden allenfalls noch wagen, flink eine protestresolution gegen den brüdermordenden krieg anzunehmen, aber dann würden sie stramm marschieren. Denn diese arbeiter-bourgeoisie, rein auf phrase dressiert, ist alles andere als antimilitaristisch erzogen.“ (07.03.1914)

    Und genau das fand in der letzten juli-woche nach einem aufruf des parteivorstandes statt, etwa in OWL: Demonstrationen, Kundgebungen und Versammlungen in Bielefeld, Herford, Minden, Detmold – resolutionen gegen den europäischen krieg bei gleichzeitiger erklärung zur verteidigung (sic(k)!) des vaterlandes bereit zu sein, angesichts der russischen bedrohung. Die „basis“ nahm die position der reichstagsfraktion vorweg: am ende stand am 04.08.1914 die zustimmung zu den kriegskrediten, nachdem die gewerkschaften bereits am 02.08.1914 erklärt hatten für die dauer des krieges auf lohnforderungen und streiks verzichten zu wollen.

    Noch einmal: etwas anderes war nicht zu erwarten und so wurde den polizeiverwaltern in Preußen anfang august 1914 unter dem siegel geheim in sachen maßnahmen gegen agitation und geldsammlungen von sozialdemokraten mitgeteilt: „Mit rücksicht auf die vorzügliche haltung der sozialdemokraten bei der am 1 d. mts. Befohlenen mobilmachung wird in der angelegenheit vorläufig nichts zu veranlassen sein.“

    Die SPD hatte endlich ihr billet für den katzentisch erhalten.

    Abschließend ein kurzer blick aufs hier und jetzt: wegen der wieder aktivierten „russischen bedrohung“, die, wie es scheint, immer noch nicht recht zünden will, schaue man sich diese arbeit aus dem jahr 2009 an, aus der ich nur ein beispiel zitiere – den rest liefert die aktuelle deutsche presse in unmengen – und den einen satz aus der zusammenfassung:

    Der russische Bär ist zurück aus den Wäldern. Aber tatsächlich war er nie als… Demokrat maskiert und nun zeigt er uns wieder seine Krallen und Zähne. … (Süddeutsche Zeitung, 12.08.2008)

    „Durch die pragmatische Funktion der Metapher, die sich in der Delegitimierung, Dämonisierung und in der Schaffung eines Drohbildes von Russland ausdrückt, wurde eine negative Gestalt Russlands als großer Nachbarstaat konstruiert, von dem Gefahr ausgeht und dessen Politik nicht voraussagbar ist.“ (Natalia Bykadorova)

    • hf99  On Juli 30, 2014 at 23:05

      und, ach so, aber ganz herzlichen Dank noch mal für Deine Fleißarbeit rund um Pfemferts Aktion. Hast Du den/einen reprint? ich habe nur die dtv-Auswahl

  • hf99  On Juli 30, 2014 at 20:54

    Hallo

    vielen Dank. Dass die Russophobie der Sozialdemokratie immanent war, sage ich hier – das geht sogar auf Marx zurück. Interessant ist, dass Mitte Juli auf einmal auf Seite 1 dieser lange, nicht direkt aktuelle (in Wahrheit natürlich sehr aktuelle) Artikel gleichsam „wie bestellt“ auftaucht. ich habe leider nicht die zeitressourcen, selber dazu zu forschen.

    Den Pfemfert und die Aktion habe ich auch schon auf dem Zettel für meine kleine Julikrise-Serie (die ich leider nicht ganz jahrhundertaktuell hinbekomme – zuviel Brotjob derzeit…) Insbesondere – da werde ich bei Dir Eulen nach Athen tragen – „Die Besessenen“ vom 1. August 1914 (geschrieben Ende Juli 1914). Der Ausdruck „Die Besessenen“ ist viel realistischer als „Die Schlafwandler“, trifft es viel genauer…

  • oblomow  On Juli 30, 2014 at 23:35

    Ich habe nur eine auswahl von 1973 (anabas verlag), einige einzelnummern sind online zu lesen, dann gibt es wohl noch antiquarisch um 20.-: Die Aktion: 1911 – 1918. Eine Auswahl. Hrsg.: Thomas Rietzschel. Köln: DuMont, 1987. 594 S. in getr. Zählung. Ill. (Lizenzausg. d. Aufbau-Verl., Berlin u. Weimar.)

    und natürlich hier: SUB Hamburg: 1.1911 – 9.1919 (Lesesaal / Mehrfachex.) u. Reprint 1961/67 1.1911 – 8.1918;

    • hf99  On Juli 31, 2014 at 00:34

      Danke.

      Merine dtv-Auswahlausgabe „ich schneide die Zeit aus“ (dtv, München, 1964, herausgegeben von Paul Raabe) bringt überwiegend kulturell-literarisches, was ich an sich ja befürworte 😉 Immerhin ist Pfemferts Aufsatz „Europas Wahnsinn“ enthalten. aaO p. 57 ff, Die Aktion 26. Februar 1912

      „Es scheint unheilbar.

      (…)

      Er scheint unheilbar, Europas Wahnsinn. Was gibt uns das Recht, von dem Fortschritt einer Menschheit zu faseln, die ihre erbärmlichsten Instinkte mit Enthusiasmus zur Schau trägt? Die so verbrecherisch ist, das Morden auf Kommando als Pflicht der „nationalen Ehre“ auszuschreien. Die als Mut bejauchzt, wo fanatische Unwissenheit ist? Was gibt uns das Recht, einem Zeitalter Kultur zuzugestehen, das vor Gespenstern aus grauer Vorzeit auf den Knieen liegt?
      Europas Wahnsinn scheint unheilbar. Was sollen all die Phrasen unserer platonischen Friedensfreunde? Nicht eine Kugel bleibt im Lauf der Gewehre, weil einige harmlose Schwärmer auf der Friedenswarte stehen! Da werden Friedenspreise verliehen und Friedenskonferenzen veranstaltet, aber dem Wahnsinn mit ernsten Heilmitteln zu Leibe gehen – dazu bleibt keine Zeit übrig. Ist auch gefährlicher, erfordert auch mehr Tatkraft, als das Bejammern der Krankheit. Und dann: man muß ängstlich alles meiden, was etwa als Umsturz gedeutet werden könnte!
      In dieser Ängstlichkeit sind sie sich gleich, die bürgerlichen Friedensfreunde und die gewerbmäßigen Sozialisten. Sie wollen nicht „ehrlos“ sein, als wie der Wahnsinn den vernünftigen Antipatriotismus nennt. Deshalb erscheint der Zustand Europas so hoffnungslos…“

      Ein Wahnsinnstext, ein Jahrhunderttext. Anfang 1912.

      Wie denkst Du darüber, dass auf einmal, völlig unvermittelt, Mitte Juli 1914 über zwei Tage hinweg ein solcher long essay erscheint? Ich will keine VT befeuern, ich will es wirklich wissen…

  • oblomow  On Juli 31, 2014 at 12:56

    Hallo Hartmut,

    Ich halte das für `zufall´ und verweise in stichworten auf: russisch-japanischer krieg, revolution 1905, Bosnien-Herzegowina 1908, balkan-kriege 1912 und 1913 und russische expansion, russische bedrohung, panslawismus etc. – russland war als staat in seiner „negativität“ allgegenwärtig. Hierzu auch Dietrich Geyer:

    http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1986_2_1_geyer.pdf

    Interessant wäre in der tat ein vergleich mit anderen sozialdemokratischen blättern, am einfachsten wahrscheinlich mit dem „Vorwärts“ durchführbar, ansonsten müsste man in die `niederungen´ der sozialdemokratischen lokal-/regionalpresse steigen. Ob zur spd-presse untersuchungen vorliegen, die das russlandbild der sozialdemokratie aufgreifen, weiß ich nicht.

    Noch einmal zu Pfemfert:

    Die Revoluitions G.M.B.H., 1973, anabas verlag ist antiquarisch günstig zu erhalten. (ca. 7.- incl. versand). Du kannst es aber, was `spd artikel´ betrifft, auch hier versuchen:

    http://de.scribd.com/doc/52309143/Franz-Pfemfert-Bis-zum-August-1914

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