Julikrise – Hamburger Echo und Hamburger Nachrichten

In Anlage Auszüge der Zeitungen „Hamburger Echo“ (SPD-Zeitung) und der „Hamburger Nachrichten“ (konservativ bis reaktionär, regierungsnah) vom 28. 06. resp 01. 07. 1914, die erste Reaktionen auf das Attentat in Sarajewo („Serajewo“ geschrieben) zeigen (Quelle: Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg – Bibliothek, Signaturen: 047/11 (HE) und 044/33 (HN)). Ich werde weitere Auszüge zur Julikrise online stellen.

„Hamburger Echo“ 1.7. (Die erste mir verfügbare Ausgabe nach dem Attentat. Das Attentat ist hier keineswegs der Aufmacher, sondern bloß die zweite Schlagzeile; Aufmacher ist der neunte Gewerkschaftskongreß, der am Wochenende in München zuende ging. Ferner ein wichtiges Thema für das Echo – es wird sich fast duch den ganzen Juli ziehen: Der Beginn des Prozesses, den Falkenhayn gegen Rosa Luxemburg angestrengt hat):

Die in Serajewo verübte Tat (so referriert das Echo durchaus zutreffend die offiziös/offizielle Wiener Lesart, hf) weist in ihrem Umständen auf ausländische Einwirkung zurück. Die Bevölkerung von Bosnien ist loyal und hat das auch in diesem Moment erwiesen. Es liegt also keine Veranlaßung vor, die bisher den neueroberten (1908, hf) Gebieten gegenüber verfolgte Politik zu ändern. Hingegen zeigt sich, daß die bisherige gutmütige Haltung der Monarchie an Stellen, die für die europäische Art kein Verständnis haben, als Schwäche oder Machtlosigkeit gedeutet wird. (..) das Maß ihrer (der Wiener, hf) Geduld (ist) erschöpft. (…) keine Einschüchterung wird (die Monarchie in Wien, hf) davon abhalten, die ihr zum Schutze ihres Gebiets und ihrer Einrichtungen etwa notwendig erscheinenden Maßnahmen zu treffen.

In Belgrad ist man sich offenbar bewußt, daß die Drohung Ernst gemeint ist und sucht zu beschwichtigen. Die offizielle „Famouprada“ (Zeitung in Serbien, hf) verurteilt in ihrem Leitartikel den Anschlag in Serajewo, den ein halbwüchsiger Geisteskranker begangen habe, der die Tragweite des Vergehens nicht kannte. Seine Tat sei um so verdammenswerter, als Serbien derzeit vor der Aufgabe stehe, verschiedene politische und kommerzielle Fragen in seinem Verhältnis zur Nachbarmonarchie zur Lösung zu bribngen. Der Artikel schließt mit dem Ausdruck des Beileids für den Herrscher und die Völker der Nachbarmonarchie.

In Bosnien haben (…) lebhafte antiserbische Kundgebungen stattgefunden. In Serajewo wurden mehrere serbische Häuser, zwei serbische Schulen, der serbische Klub und zwei der ersten Hotels, welche Serben gehören, wurden bis auf die Grundmauern zerstört. (…) (Echo, 30. Junui 1914, p. 1)

Das Echo macht darauf aufmerksam, dass die Tat als Tat eines „übersteigerten, engherzigen Nationalismus“ zu werten sei. Darin seien sich eigentlich auch alle einig – mit Ausnahme der Zeitung der Großagrarier, die „Deutsche Tageszeitung“:

Die will für das Attentat – die Sozialdemokratie verantwortlich machen, dieselbe Sozialdemokratie, die immer und überall den nationalfanatismus, den gewalttätigen Chauvinismus bekämpft hat (…) (aaO p.1)

Weitere Nachrichten: beim Reichsverband gegen die Sozialdemokratie gab es eine Titelschieberaffäre rund um einen Herrn Dr. Ludwig. Genüßlich zitiert das Echo aus einer Rede des Reichsverbands gegen die Erbschaftssteuer: Sie bedeute die Einführung des kommunuistisch-sozialistischen Zukunftsstaats… Titelbetrüger reden gegen die Erbschaftssteuer – manche Dinge, so scheint es, ändern sich nie… (aaO, p. 2)

Hier der – leider schlechte – Scan des Echo vom 01.07.1914:
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Die Morgenausgabe der „Hamburger Nachrichten“ vom 28.06.1914 – eine „normale“, wenn man das normal nennen will, Ausgabe einer bürgerlichen, nationalen, rechten Zeitung im kaiserlichen Deutschland: Es geht um die Bismarck-Feiern, die nächstes Jahr (100. Geburtstag) anstehen, und bei denen sich die „Freisinnigen“ (also die Liberalen) doch gefälligst, als ehemalige Gegner Bismarcks, zurückzuhalten hätten. Ansonsten hat es wohl gerade einen „Skandal“ gegeben, weil sozialdemokratische Abgeordnete sich weigerten, sich bei einem „Kaiserhoch“ (einem Hoch auf den Kaiser) zu erheben…

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Und hier die Ausgabe zum Attentat: Mit viel Pathos wird an Kronprinz Rudolf erinnert und an das Dreikaiserjahr. Interessant, dass selbst die kaisertreue „Hamburger Nachrichten“, wenn auch verklausuliert, nicht ganz verschweigen darf, wie wenig beliebt der Erzherzog in Wien eigentlich war…und dass die (natürlich protestantische) norddeutsche Zeitung Hinweise auf den Katholizismus Franz Ferdinands gibt, inklusive Andeutungen in Richtung jesuitischer Einflüße.
Bereits am 29. weiß die „HN“ zu berichten, dass Cabrinovic die Bombe aus Serbien erhalten hat – was zutraf. Und Auf p. 2 vom 29. Juni 1914 Abendausgabe zitiert die „HN“ mit Quellenangabe „Wien 28. Juni, abends“, man habe vorher um die Gefahr für den Tronfolger gewusst, sogar der serbische Gesandte in Wien habe gewarnt. Ob wirklich eine Warnung ausgesprochen wurde, ist bis heute umstritten (dazu Clark, Schlafwandler, p. 93ff). Tatsächlich sind die Dementis beider Seiten wenig wert, wie Clark zu Recht sagt: Pasic konnte schlecht zugeben, vorher Bescheid gewusst zu haben, Wien konnte ebenso schlecht einräumen, gewarnt gewesen zu sein, zumal die Sicherheitsvorkehrungen für den Tronfolger auch gemessen an damaligen Standards lächerlich waren und es ja schon vorher Attentatsversuche gegeben hat. Dass Pasic selber dieses Attentat nicht forciert hat, räumt sogar Clark halbwegs ein – ob er es augenzwinkernd nicht vielleicht doch zumindest in Kauf nahm, wissen wir nicht. Analoges gilt für Wien. Den Tronfolger bewusst ins Unglück rennen lassen – das ist schwer vorstellbar. Aber angesichts der unstreitigen Tatsache, dass die Wiener Falken rund um Conrad seit Monaten, im Grunde Jahren nach einem Anlaß suchten, mit Serbien abzurechnen, und bedenkt man ferner, wie unbeliebt der Tronfolger eigentlich war…dass die Falken es darauf ankommen ließen, ist schon möglich. Wir wissen es nicht. Sei dem, wie dem immer sei: Den „Hamburger Nachrichten“, die mit ihrer Meldung natürlich auf eine Mitverantwortung Belgrads hinaus wollen, entgeht ein elementarer Widerspruch ihrer impliziten Anklage: Warum wurde denn dann, wenn Warnungen vorlagen, der Erzherzog nicht gewarnt oder besser geschützt?

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