Julikrise – 16. Juli – 18. Juli 1914

St. Petersburg – Russland übermittelt Wien, dass man keine Demütigung Serbiens hinnehmen werde. Spätestens jetzt ist sicher, was ohnedies klar hätte sein müssen: Russland wird nicht neutral bleiben. Der deutsche Botschafter in St. Petersburg, von Poúrtales teilt Berlin mit, dass die Stimmung in Russland vehement antiösterreichisch ist.

Fazit bis jetzt: Österreich will den Krieg – den gegen Serbien. Das dürfte unstreitig sein. Die deutsche Machtelite will dann gleich den großen Krieg, der, in vehementer Realitätsverzerrung, für sowieso unvermeidlich gehalten wird – und sollte es nicht zum großen Krieg kommen, so sprenge man dann wenigstens das alliierte Bündnis. (Riezler-Tagebuch bereits 6. Juli: „Eine Aktion gegen Serbien kann zum Weltkrieg führen. Der Kanzler erwartet von einem Krieg, wie er auch ausgeht, eine Umwälzung alles Bestehenden […]. Kommt der Krieg aus dem Osten, so dass wir also für Oesterreich-Ungarn und nicht Oest[erreich]-Ungarn für uns zu Felde zieht, so haben wir Aussicht, ihn zu gewinnen. Kommt der Krieg nicht, will der Zar nicht oder rät das bestürzte Frankreich zum Frieden, so haben wir doch noch Aussicht, die Entente über diese Aktion auseinander-zumanoeuvrieren“)

Inzwischen spielt in Berlin ein Gerücht über ein britisch-russisches Flotenabkommen, das kurz vor dem Abschluß stehe, eine wichtige Rolle. Jagow animiert den Reeder Albert Ballin, als Mittler in England vorzufühlen, wie es damit denn nun stehe – Lichnowsky scheint er nicht zu trauen. Ballins Bemühungen werden zu nichts führen.

17. Juli – Wien wird das Ultimatum auf den 23. vorziehen, da Poincares Besuch in Russland dann schon ende. Als Berchtold die Deutschen informiert, dass die Möglichkeit bestehe, Serbien könne einfach annehmen, tobt Stolberg (stellvertretender Botschafter in Wien; Tschirschky ist auf Kurzurlaub). Das ganze könne wieder mal im Sand verlaufen. Hoyos versichert Stollberg dann jedoch, das Ultimatum werde schon so formuliert sein, dass kein Staat der Welt es annehmen könne…

Serbien sendet inzwischen auf diversen diplomatischen Kanälen versöhnliche Signale. Man werde Österreich-Ungarn weitestgehend entgegenkommen.

18. Juli Bethmann, Jagow, Delbrück und Lisco (Justizstaatssekretär/Minister) besprechen die letzten Einzelheiten der Mobilmachung. Besonderes Thema: Behandlung der Minderheiten (Dänen, Polen) und Sozialdemokraten im Kriegsfall. In den Plänen ist eine Internierung/Festsetzung vorgesehen. Bethmann setzt durch, dass davon vorderhand abgesehen wird – er weiß, dass er den Krieg innenpolitisch gegen die Sozialdemokratie nicht durchbekommt. (18. Juli wird fortgesetzt, meine Darstellung ist, wie immer, Pöppelmanns Buch Juli 1914 verpflichtet)

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