Julikrise – 12. – 15. Juli

12. Juli 1914, Berlin: Österreich-ungarischer Botschafter berichtet: Alle maßgebenden Kreise ermuntern Österreich ausdrücklich, die Krise weiter eskalieren zu lassen. Öffentliche Stimmung sei günstig, dazu sei man in Berlin von der Unvermeidbarkeit des Krieges gegen Rußland überzeugt, und dann sei jetzt die letzte günstige Gelegenheit.

Jagow fragt bei Lichnowsky (Botschafter in London) an wg Haltung Englands. Man müse auch die dortige Presse versuchen zu steuern in Richtung pro kuk-Monarchie. Lichnowsky müsse aber den Anschein vermeiden, als hetze Deutschland zum Krieg. Lichnowsky gibt zu bedenken, dass die englische Presse nicht zu beeinflussen sei und sich die Stimmung schnell gegen Österreich wenden könne, wenn die kuk-Monarchie zur Gewalt greift. Lichnowsky wird aus Berlin im gesamten Juli niemals vollumfänglich informiert; insbesondere erfährt er nicht, dass ein unannehmbares Ultimatum an Serbien geplant ist.

13. Juli – das Telegram des leitenden Attentat-Ermittlers von Wiesner brachte ich bereits. Da es sich um eine der entscheidenden Dokumente der Julikrise handelt, sei es wiederholt:

“Mitwisserschaft der serbischen Regierung an der Leitung des Attentats oder dessen Vorbereitung durch nichts erwiesen oder auch nur zu vermuten. Es bestehen vielmehr Anhaltspunkte, dies als ausgeschlossen anzusehen.” (zit. nach: Pöppelmann, Christa, Juli 1914, Berlin 2013, p. 114)

Berchtold ist unbeeindruckt.

Moltke, auf Kur, notiert merkwürdigerweise privat, Österreich solle schnell Frieden geben, bedingung: Bündnis mit Serbien. Kalte Füsse? Ein Rest an Realismus? Sein Stellvertreter Waldersee indessen: „Ich bin hier sprungbereit; wir sind im Generalstab fertig“ Auch Moltke wird sich schnell wieder eines schlechteren besinnen.

Gerüchte in Serbien: Es sei ein Massaker an den dort lebenden Österreichern geplant. Die Folge sind Panik und Massenflucht. Offenbar Hysterie allerorten. 1914 dürfen wir schon von einer auch Massenmedien-gesteuerten Gesellschaft sprechen. Legitimation für den Krieg hat, im Rahmen der gesellschaftlichen und technologischen Bedingungen, natürlich immer schon hergestellt werden müssen, auch in der Antike. Aber erst jetzt ist – im 19. Jhdt. gab es schon deutliche Ansätze dazu, siehe etwa „Emser Depesche“, dazu die abschließenden Passagen in Emile Zolas „Nana“ – „die Öffentlichkeit“ entscheidend zu beteiligen.

14. Juli – Börsenpanik in Wien, nach den gestrigen Gerüchten. Serbische Freischärler wollen, so brodelts weiter in der Gerüchteküche, die kuk-Gesandtschaft in Belgrad angreifen. Interview diverser österreichischer Medien mit dem 15jährigen Sohn des kuk-Gesandten in Belgrad, Giesl. Der Vater hätte ihn weggeschickt. Er, der 15jährige Sohn, habe seinen Vater gebeten, mitzukommen. Giesl senior: „Ich gehe nicht. Solange auch nur einer unserer Untertanen hier ist, und so lange mein Herrscher befiehlt, bleibe ich hier, was immer auch geschieht.“ Das ganze stellt sich dann als Ente heraus. (Alle Fakten nach Christa Pöppelmann, aaO, ich kann jeder und jedem, die/der an der Julikrise näher interessiert ist, dieses Buch nur allerwärmstens ans Herz legen. Nein, ich habe keinen Werbevertrag mit dem Scheel-Verlag oder Christa Pöppelmann)

Diese Episode ist hochinteressant, war mir bis dahin neu. Schon damals also: human interest storys, um emotionale Verbundenheit herzustellen. Parallelen zur heutigen Mediengesellschaft sind weder zufällig noch Absicht sondern unvermeidlich. Noch heute revoltiert mein Magen, wenn ich an die schmierige Scharping-Story von den Föten denke.

Kaiser Wilhelm telegrafiert aus Norwegen die offizielle Antwort an Kaiser Franz Joseph. Die Bündnistreue wird ohne wenn und aber bekräftigt.

Berchtold, Tisza und Stürghk einigen sich auf das Ultimatum. 48 Stunden Frist, möglichst unannehmbar.

Im berühmten Riezler-Tagebuch findet sich für heute das Bethmann-Hollweg-Zitat vom „Sprung ins Dunkle“.

15. Juli Berlin: Konferenz Bethmann, Jagow, Delbrück plus Finanzstaatssekretär (heute: Finanzminister) Kühn und Reichsbankpräsident Havenstein. Thema: Finanzielle Vorbereitung des Krieges. Muss ja auch sein, wenn man Krieg führen will.

Wien – Krobatin (Kriegsminister) und Conrad gehen in die Sommerfrische. Dies wird, fälschlich, als Deeskalation gedeutet.

Berchtold will Übergabe des Ultimatums verzögern wg Ernte und wg des geplanten Besuchs Poincares in St. Petersburg. Deeskalation ist nicht geplant, soll vielmehr verhindert werden. Man müse, so Berchtold an Jagow (Berlin) aufpassen: Einerseits Spannung aufrecht erhalten, andererseits öffentlich nicht zu sehr eskalieren, da ansonsten jemand noch mit einem Vermittlungsvorschlag kommen werde. Jagow stimmt zu. Wenn es noch irgend eines Beweises bedarf, dass die kuk-Monarchie und das deutsche Kaiserreich den Krieg schlicht und einfach wollten, so ist er hiermit erbracht.

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