An die brasilianischen Gastronomen

Sorgt besser schon einmal vor für den Fall, dass Brasilien heute abend gewinnt. Fenster vernageln und so. Nicht, dass der positive, neue, fröhliche, weltoffene, nicht aggressive Patriotismus auf einmal keinen Spaß mehr versteht…

Patriotismus war, ist und bleibt die Religion der armen Schweine. Auf, Brasilien! Merkel vermöbeln!

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Kommentare

  • rainer  On Juli 8, 2014 at 09:17

    ….die Deutschen sind schon viel zu weit gekommen….wären besser gleich am Anfang rausgeflogen…….leider ist zu befürchten, dass sie mal wieder mit Glück gewinnen….

    • philgeland  On Juli 8, 2014 at 14:02

      Es würde mich schon sehr wundern, falls die Deutsche Elf gewänne. Der (soziale Gruppen-)Druck auf die seleção ist einfach zu groß. Die Jungs werden heute die brasilianische Nationalhymne mit noch mehr Inbrunst singen und mit denen erneut fast die ganze Arena, Zusatzstrophe ohne musikalische Begleitung natürlich inbegriffen …

    • philgeland  On Juli 8, 2014 at 22:35

      P. S.
      UPS! (5:0)

      • hf99  On Juli 8, 2014 at 22:41

        die brasilianische gastronomie hier wird eine ruhige Nacht erleben. oder auch nicht, aber aus anderen Gründen.

  • El_Mocho  On Juli 8, 2014 at 09:31

    Verstehe, der deutsche Fußballnationalismus ist gaaaanz schlimm, der brasilianische hingegen ist toll.

    Brasilianer würden sich an den Kopf fassen, wenn sie das lesen.

    • altautonomer  On Juli 8, 2014 at 13:25

      Ich lebe aber in Deutschland und setze mich hier mit Erscheinungsformen des Fussballnationalismus auseinander.

      Oder meinst Du, dass brasilianische Gastronomen in Brasilien dem gleichen Überfallrisiko ausgesetzt sind, wie die in Deutschland?

      Mit diesem Link verweise ich mal auf die Besonderheit des deutschen Fussbalfanatismus von rechts anläßlich der Fussball-WM im eigenen Land 2010:
      https://linksunten.indymedia.org/node/22640

      Das solle reichen.

    • altautonomer  On Juli 8, 2014 at 15:18

      Hab hierauf etwas erwidert, Versehentlich medete mir Dein System sogar einen doppelten Kommentar. Als Dank erscheint er nun gar nicht?

  • genova68  On Juli 8, 2014 at 13:04

    Vielleicht sollte man daran denken, dass eine Auswahl des DFB spielt, nicht Deutschland und nicht Merkel. Dass sich die Politik dranhängt und überhaupt irgendeine Form von Nation da eine Rolle spielt, ist schon absurd.

    Soll man wollen, dass Brasilien gewinnt? Mit ihrem deutschen Fußball? Und dann die Russidschoff die Wahlen gewinnt? Ich plädiere für ein 90minütiges Unwetter und Abbruch der WM.

    • altautonomer  On Juli 8, 2014 at 13:34

      Ich würde es so formulieren: Ein weltweites Publikium kann heute abend einer Minderheit deutscher Multumilllionäre bei der Arbeitsverweigerung (Querpass – Rückpass – Querpass) zuschauen. Manche nennen es Fussball.

      Mir egal, wer öfter das gegnerische Tor trifft. Verpeilte Linke hoffen ja darauf, dass sich die Demonstrationen in den bras. Metropolen wieder ausweiten, wenn Brasilien verliert.
      (Was ist Russidschoff?)

      • philgeland  On Juli 8, 2014 at 13:55

        Mit „Russidschoff“ kann wohl nur die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff gemeint sein. Bin kein Dilma-Fan aber die Teuerste ist in den letzten Monaten einem massivem Bashing ausgesetzt und wird für so ziemlich alles verantwortlich gemacht, was hier schief läuft. So etwas nenne ICH verpeilt. Noch viel verpeilter ist allerdings die Annahme, ihr wichtigster Konkurrent bei den anstehenden Wahlen wäre eine echte Alternative.

        • genova68  On Juli 8, 2014 at 15:41

          Ja, Rousseff, ich hatte gerade den Namen nicht parat. Ich wollte nicht über die brasilianische Politik reden, aber alleine die Vorstellung, dass der Ausgang der WM Wahlen bestimmt, ist traurig.

          Ich war mal drei Monate in Brasilien, Santos und Sao Paulo im Wesentlichen, und habe Brasilien anders erlebt. In Santos wurde im Hafen gestreikt und demonstriert, Malocher mit Gewerkschaft, das war alles hochpolitisch. Und Karneval hat in der Masse mit dem Sambodromo nichts zu tun. Trios eletricos ist authentischer, Sambodromo ist vermutlich so ein Scheiß wie Rosenmontagsumzüge.

          • philgeland  On Juli 8, 2014 at 23:11

            @genova
            Wann war das? Ist das schon länger her?
            Würde mich interessieren.

            • genova68  On Juli 10, 2014 at 10:37

              Das war 1991.

              • philgeland  On Juli 16, 2014 at 16:56

                Länger her, noch vor der Einführung des „Real“ und dem letzten WM-Titel (1994, gleichzeitig). Wenn es einen bleibenden Eindruck (vor allem zu São Paulo) kurz zu beschreiben gäbe, welcher wäre das?

                • genova68  On Juli 17, 2014 at 08:50

                  1. Inflation: 60 Prozent in drei Monaten. Man hat alle paar Tage höhere Preise 2. massenhafte individuelle Preisgestaltung in Supermärkten, indem Preisklebeschilder vertauscht wurden (die hatten noch keine dreigeteilten). 3. von Sao Paulo ist mir in Erinnerung, dass ich da eine Mittelklasse-Gastfamilie hatte, die in einem netten Haus unweit einer Favela wohnte. Nach Einbruch der Dunkelheit fuhr man nie direkt nach hause, sondern erst zu einem privaten Wachdienst des Viertels, dort setzten sich zwei Sicherheitsleute mit MG in einen Käfer und fuhren voraus zu unserem Haus, öffneten das Tor, warteten, bis wir im Haus waren und schlossen das Tor wieder. Man gewöhnt sich an alles. 4. Das Meer in Santos war so schmutzig, dass da fast niemand badete. 5. Der Geruch von Alkoholbenzin. Gibt es hier nirgendwo zu riechen. Und ich habe lange gebraucht, um festzustellen, von wo der Geruch kam.

                  • philgeland  On Juli 18, 2014 at 15:30

                    Danke für Deine Antwort. – 1/2. Inflation vor dem Real, ja, das war eine wirkliche Pest. Heute ist’s eher wie in Europa: dezent aber stetig steigende Preise, stagnierende Einkommen … 3. Mit der MG im Käfer? Du liebe Güte! Ist mir neu. In welcher Gegend haben DIE denn gewohnt? Klingt nach Peripherie. Naja, wohne zwar nicht in einem „condomínio fechado“ (gated community), aber Pförtner und Kameras im Eingangsbereich sowie in den Fahrstühlen sind üblich. 4. Lange nicht mehr in Santos gewesen, kann mich aber noch an den Gestank erinnern. Die Stadt soll sich aber sehr verändert haben, ist wohl „cleaner geworden“. 5. Heute sind „carros flex“ die Regel: laufen mit Benzin ODER Alkohol. Reine „Spirituskocher“ sind passé und wenn’s nach Sprit stinkt, dann nur an den Tankstellen … Kurzum: São Paulo hat sich verändert (und auch wieder nicht, kommt darauf an, worüber man spricht … )

                    • genova68  On Juli 19, 2014 at 00:00

                      Ah, du lebst dort. Dann muss ich nix erzählen 🙂 (stimmt, du bist der mit dem portugiesischsprachigen blog)

                      MG im Käfer: Ja, es war jedesmal, wenn wir nachts nach hause kamen. Vielleicht lag es auch daran, dass ich jedesmal mit zwei Frauen nach hause kam, die trauten mir vielleicht berechtigterweise nichts zu 😉 Die Leute wohnten in Sao Bernardo do Campo oder in Sao Caetano (hieß das, glaube ich), also schon eher Peripherie. Die waren relativ reich, hatten ein Haus mit Swimming Pool und zwei normale Autos, also das, was hier gehobene Mittelklasse wäre. Der Vater war Lampenfabrikant. Etwa einen halben Kilometer von dem Haus entfernt war eine riesen Favela.

                      Was mir noch einfällt: Ich wohnte die meiste Zeit in Santos und kam dort durch die mich beherbergende Familie öfter in Favelas, zum gucken. Ich fand es in denen, in den ich war, total angenehm, viele Leute, viel Sozialkontakte, Leben auf der Straße, wenig Autos. Ich will das nicht im Nachhinein verhübschen und durch meine brasilianischen Freunde war ich dort sicher, es war zwar arm, aber die Leute schienen glücklicher als hier.

                      Das letzte war Salvador Bahia. Schießereien, Raub, Rezeptionisten mit fetten Waffen unterm Tresen. Kann aber auch an einzelnen Leute gelegen haben. Wir hatten da den falschen Umgang.

                      Krass auch, dass ein Ausflug nach Paraguay zeigte, wie relativ wohlhabend Brasilien ist bzw. damals (schon) war.

                    • philgeland  On Juli 19, 2014 at 00:53

                      Weshalb „musst Du nichts erzählen“? Nur weil ich hier lebe? Das heißt nicht viel. Nicht wirklich. Was zählt ist, dass Du schon mal hier gewesen bist und das in einer Zeit, in der ich es nicht war. Allein das macht mich schon neugierig und von daher lese ich Deine Schilderungen mit großem Interesse.

                      São Bernardo und São Caetano sind urbane Gebiete, die zum Großraum der Stadt São Paulo gehören, also schon zur Peripherie aber auch wieder nicht, da sie über eigene „städtische Zentren“ verfügen …

                      „Leben auf der Strasse, viele Sozialkontakte, wenig Autos“? Klingt doch gut. Denke nicht, dass Du da etwas beschönigst.

                      Wenn da nicht, ja, wenn da nicht die Knarren wären. Und alles andere, was damit zusammenhängt: Armut, Geldtransporte, Drogenmafia, eine teilweise kriminelle Polizei und so weiter und so weiter …

                    • philgeland  On Juli 19, 2014 at 01:33

                      P. S.
                      Ich lebe im sogenannten „Kernbereich“ von São Paulo, nur einige Kilometer vom (eigentlichen) Stadtzentrum entfernt (aber das ist eh mehr als relativ). „Peripherie“ (in diesem Sinne) ist für mich ein Stadtteil wie Itaquera, also dort, wo das Eröffnungsspiel der WM statt gefunden hat.

  • El_Mocho  On Juli 8, 2014 at 23:09

    nach den rassistischen Beleidigungen von Brasilianern gegen den Kolumbianer Juán Zuñiga, der Neymar aus dem Turnier geworfen hat, bin ich sehr zufrieden.

    http://www.taz.de/!141875/

    Gebt ihnen Saures!

  • summacumlaudeblog  On Juli 9, 2014 at 06:34

    Fußballerisch betrachtet ist dieses Spiel schon jetzt Legende, aber ich würde es auch nicht überwerten. im Wesentlichen besteht es aus einer ersten Halbzeit, in der bei Brasilien gar nichts zusammenlief und bei den Deutschen eben alles (0 : 5) und aus einer im Ergebnis relativ normal verlaufenen zweiten Halbzeit (1 : 2). These are those days. Bitter für die Verlierer v.a., weil es das Halbfinale einer WM war.
    Zur ersten Halbzeit nur soviel: Das erste Tor fiel nach einer Ecke, bei der sich die gesamte brasilianische Deckung übermotiviert und wie wild gewordene D-Jugend-Spieler auf die „Großen“ am ersten Toreck stürzten – derweil der hinter ihnen am Fünfmeterraum stehende Müller einfach nur die Innenseite hereinhalten musste. Unterhalb der Kniehöhe, denn dahin fiel der Ball. Das ist für mich fußballerisch einfach unglaublich! Waren das wirklich Fußballer eines Halbfinalisten, die da in Blau-Gelb verteidigten? Besser „verteidigten“? Soweit des erste Tor und als ich dann im weiteren Verlauf des Spieles der brasilianische Deckung zusah, wußte ich noch vor den nächsten Toren, wer hier gewinnt. Na, so naiv darf man gegen Deutschland natürlich nicht spielen, dann bekommt man die Bude voll. Das wird der nächste Gegner aber wissen. Das Resultat wird deutlich knapper ausfallen.

    Meine Metaebeneninterpretation: Ich fürchte, dass die brasilianische Mannschaft übermotiviert ins Rennen geschickt worden ist (Von wem? Vom Trainer? Von allen?…), gewissermaßen die Projektionsfläche für die Träume einer gesamten Gesellschaft war. Das kann nicht gut gehen und deswegen ist auch seit 1998 nie mehr der Gastgeber Weltmeister geworden. Was geht da vor, wenn Fußballmannschaften Sehnsüchte zu erfüllen haben? Ich weiß, kein neues Phänomen. Aber neu ist der immense, gesellschaftliche UND wirtschaftliche (Sponsoren!!!) Druck, der dazu führt, dass ein Heimvorteil mittlerweile kein Heimvorteil mehr ist. WM 2006, die Frauen-WM 2011 waren so ein Fall, aber auch die Frauen-EM 2013 in Schweden mit deren Halbfinalniederlage gegen Deutschland (Tor durch Maroszan). Ganze Gesellschaften scheinen sich im Ausnahmezustand zu befinden und müssen dann einen recht harten Aufprall erleben, wenn durch das Spiel eines anderen die Träume platzen und sich kein Airbag mehr zwischen Wunsch und Wirklichkeit befindet.

    • hf99  On Juli 9, 2014 at 09:43

      Wenn man sich das Triumphgeheule derzeit so ansieht, könnte es sein, dass am Sonntagabend für die deutschen Fans ein harter Aufprall fällig ist. Fussballerisch ist wenig zu sagen: Dtld hat gut gespielt, aber Brasilien war ja außer Rand und Band.

      „Gibt dem Volke Hoffnung“ etc, wenn ich sportliche Leistungen so kommentiert sehe, wird mir ganz anders. Massenevents und ihre gesellschaftliche Funktion… Auch für Sportereignisse gilt die Einsicht Brechts: Traurig ein Land, das Helden nötig hat.

  • onroa  On Juli 9, 2014 at 19:24

    „Es gibt in unserer Kultur vielleicht nur noch einen Schauplatz des gesellschaftlich anerkannten Wettbewerbs: den Sport als symbolischen Konflikt. Auf diesem Schauplatz sind Dinge möglich, die überall sonst tabu sind. Sport operiert ja mit der Unterscheidung Siegen / Verlieren. Während in der Politik – vor allem nach Wahlen – alle als Sieger auftreten dürfen, und die Wirtschaft sorgsam vertuscht, daß ihr Triumphzug über namenlose Verlierer hinwegzieht, produziert der Sport in aller Deutlichkeit Sieger und Verlierer. Nur im Sport winkt uns noch die Anerkennung als »überlegen« und »besser«. Nur im Sport darf man noch siegen. Während ein Sieg, diese antike Gestalt des Glücks, in unserer Kultur der Gleichheit überall sonst eine Peinlichkeit und ein Skandal wäre.“ – Norbert Bolz (2009)

    • philgeland  On Juli 11, 2014 at 22:32

      Einspruch: richtig „guter Sport“ hat nicht nur was mit Siegen und Verlieren zu tun.

      • onroa  On Juli 17, 2014 at 00:03

        Kurze Frage: wo finde ich den „guten Sport“?

  • El_Mocho  On Juli 14, 2014 at 18:02

    Ist schon seltsam, wie sich deutsche Linke so einig sind, dass ein Weltmeisterschaftssieg Deutschlands etwas ganz schlimmes ist, und das die Leute, die Deutschlandfahnen am Auto haben allesamt üble Nationalisten und potentielle Rassisten sind.

    Ich habe gestern Abend mit meinen Schwiegereltern in Kolumbien telefoniert und kann zumindest sagen, dass die Kolumbianer sich alle über den Sieg Deutschlands gefreut haben (genauso wie über die Klatsche, die die Brasilianer von uns bezogen haben). Es mag nämlich kaum jemand in Südamerika die Argentinier, sie gelten als arrogant. ich habe mit denen kein Problem, habe eher gute Erfahrungen dort gemacht. Meine kolumbianische Frau dazu: Ja klar, du bist ja auch Europäer, dich akzeptieren sie, aber gegenüber den anderen latinos haben sie die Nase ziemlich hoch.

    Argentinierwitz sind in den anderen Ländern sehr beliebt. Beispiel: Was sagt ein Argentinier, wenn es blitzt? Ah, Gott macht ein Foto von mir. Oder ein anderer: nach dem Sex seufzt die Frau, Oh mein Gott! darauf ihr argentinischer Lover: Du kannst Juán zu mir sagen.

    Also wie gesagt, ihr steht da ziemlich allein, zusammen mit der grünen Jugend und den Jusos. Die Identifikation mit der eigenen Kultur, und auch dem eigenen Land ist nämlich weltweit sehr verbreitet; die sich auch hier wieder zeigende hyperkritische Attitüde ist halt auf kleine Kreise akademisch gebildeter Menschen (bzw. akademisch gebildeter linker Menschen) begrenzt. Und die anderen, Latinos, Afrikaner und Asiaten, setzen das auch bei Deutschen voraus. Dass sich ein deutscher über den Sieg seiner Mannschaft ärgert, würde großes Erstaunen bei denen erregen.

    Das schließt eine kritische Haltung zum eigenen Land nicht aus, die Kolumbianer z.B. sind sich der Korruption, des Chaos und Gewalt in ihrem Land sehr bewusst, legen aber doch die Hand aufs Herz, wenn ihre Hmyne gespielt wird und laufen selbstverständlich mit dem Trikot ihrer Mannschaft rum (ich habe übrigens auch eines getragen an den Tagen, als Kolumbien spielte).

    Es ist durchaus meine Erfahrung, dass Leute, die fest in ihrer Kultur verankert sind, weit eher in der Lage sind, andere Kulturen zu schätzen und zu akzeptieren, als hochgebildete Relativisten.

  • genova68  On Juli 14, 2014 at 23:18

    El Mocho, eigentlich ist das doch alles sympathisch, was du schreibst. Ich glaube nur, dass du diversen Missverständnissen aufsitzt. Hartmut ist doch, so wie ich ihn lese, ein leidenschaftlicher Verfechter von Kultur, auch von deutscher oder von dem, was in Deutschland schon zu Papier oder auf die Leinwand gebracht wurde. Deshalb muss er aber doch nicht in der vorgesetzten Kultur des Jahres 2014 verankert sein. Verankert ist doch eh ein komischer Begriff,da kommt man nicht mehr weg, kann sich nicht weiterentwickeln und sinkt unweigerlich, früher oder später.

    Was ist Kultur? Dass elf Leute Fußball spielen und 80 Millionen sich angeblich als Sieger fühlen? Oder dass Spiegel-Online und Tagesspiegel heute den ganzen Tag über die ersten zehn bis fünfzehn Meldungen mit WM füllten? Dass Götze extrem seziert wird, weil er ein Tor schoss? Dass ein Spiel, dass bis zur 112. Minute null zu null stand, so extrem aufgewertet wird? Dass vor allem die Medien sich selbst feiern?

    Was sagst du eigentlich dazu, dass die elf Spieler am Dienstag Morgen zwischen zehn und zwölf Uhr sich den Fans in Berlin zeigen? Also dann, wenn da nur Touristen und Schüler stehen? Und dann abdüsen?

    So könnte man stundenlang weitermachen. Sei einfach mal kritisch, El Mocho, deiner eigenen Begrifflichkeit gegenüber. Dass wir jetzt alle so werden sollen, wie die Kolumbianer angeblich sind, ist doch auch nicht in deinem Sinne, oder?

    Aber davon ab: Ich finde es sympathisch, dass du in linken Blogs immer wieder aufschlägst, ohne aggressiv zu werden. Ganz im Ernst.

  • El_Mocho  On Juli 15, 2014 at 15:21

    Na ja, ich würde mir schon wünschen, dass wir hier alle ein bischen mehr wie Kolumbianer würden. Und natürlich, dass die ein bischen mehr so würden, wie wir.

    Ich sehe da halt keine Guten und keine Bösen, ich sehe die überhaupt fast nirgends. Was ich sehe, sind Menschen, die ihre Interessen verfolgen, und die sind eigentlich bei allen ziemlich gleich.

    Was die Spieler betrifft: Die haben grade einen 10 Stunden-Flug hinter sich und sind müde, was erwartest du von denen?

  • El_mocho  On Juli 15, 2014 at 15:52

    Ich denke um solche Phänomene zu verstehen, muss man von jeder ideologischen Sichtweise wegkommen. Der Psychologe Jonathan Haidt hat über den „Hive-Switch“ geschrieben, über das Bedürfnis, gelegentlich in größeren Einheiten aufzugehen:

    „people need to lose their selves occasionally by becoming part of an emergent social organism in order to reach the highest levels of human flourishing. …the most effective moral communities (from a well-being perspective) are those that offer occasional experiences in which self-consciousness is greatly reduced and one feels merged with or part of something greater than the self.”

    http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=0CCUQFjAA&url=http%3A%2F%2Ffaculty.virginia.edu%2Fhaidtlab%2Farticles%2Fhaidt.seder.hive-psychology-happiness-public-policy.pub059.pdf&ei=ty3FU9XvPMnY4QTW3YGoDw&usg=AFQjCNH-k_c9FzGq5CJwIB7M8OHFWnEyUw&bvm=bv.70810081,d.bGE&cad=rja

    Das ist für mich eine wesentlich realistischere Einschätzung auch der Fußballbegeisterung, als die Annahme, jeder der eine Deutschlandfahne an seine Auto hat oder ein deutsches Trikot trägt, sei ein verkappter Nazi und wolle Leuten wie dem armen momorulez an den Kragen.

  • genova68  On Juli 15, 2014 at 19:49

    Wer sagt denn, dass die Fahnenleute Nazis sind? Niemand schätze ich. Das ist das übliche Selbstopferding auf der Rechten: Die bösen Linken unterdrücken uns, dabei sind wir die gute schweigende Mehrheit.

    Es mag stimmen, was der Psychologe sagt, aber dieses Selbstverlierung sollte nicht in nationalen Kategorien passieren. Ich würde das alles eher der permanenten Eventisierung der Gesellschaft zuschreiben. Es muss ständig was passieren, an dem man teilnimmt, obwohl man damit nichts zu tun hat. Man will etwas spüren, weil man sonst nichts spürt. Dieses Ranbaggern an etwas, mit dem ich nichts zu tun habe, ist rein formal und billig. Wenn es wenigstens Vereinsfußball wäre. Jedem Schalker Fan, der dort sozialisiert wurde, nehme ich die Leidenschaft ab. Eine Nationalmannschaft existiert eigentlich nicht, die wird hin und wieder zusammengebastelt. Die haben kein Stadion, keine Vereinskultur, nix außer Medien, die sie aufblasen.

    Davon ab ist das Ganze eine ökonomische Veranstaltung, das ist ja mittlerweile bekannt. Krass: Heute mittag fuhren die Spieler mit einem Mercedes-Bus von Tegel in die Innenstadt. Auf dem Bus waren groß die vier Sterne aufgemalt: Drei, wie man sie kennt und der vierte war der Mercedes-Stern. Der Stern also, der jetzt dazugekommen ist, ist der Mercedes. Ein schönes Sinnbild, was diesen dämlichen Fans eigentlich aufstoßen müsste. Aber die zahlen ja auch 70 Euro für ein Trikot.

    Die Hintergründe dieser Fifa-Bonzenveranstaltung finde ich unangenehm, außerdem ist das eine reine Medienveranstaltung. Lauter Bonzen im Stadion, sicher auch bei den Kolumbianern, weil sich da niemand das Ticket und die Reise leisten kann, totale Kontrole der Kameras durch die Fifa und mehr. Was wir da sahen, war die Fifa-Version, sonst nichts. Ständig winkende Fans, grauenhaft. Pyro gab es angeblich einiges, wurde aber nicht gezeigt.

    Wirtschaftlich eine Ausbeutung des Landes Brasilien, das Geld fließt in die Kassen der Bonzen. Wie ist die Bilanz? Der Spiegel schreibt von zehn Milliarden minus für den Staat und 1,6 Milliarden Euro Gewinn für die Fifa. Die nächsten WMs in Russland und Katar laufen in diesen korrupten Staaten, damit sich die Bilanz für die Fifa weiter verbessert. Beckenbauer ist auch schon gut im Geschäft. Der korrupte Sack ist hier Volksheld.

    Von den tollen deutschen Jungs kommt dazu kein Wort, das wäre nach dem Sieg Pflicht gewesen, auch von Löw. Nix, nur dummes Gelaber übers Feiern.

    Soll man in dieser Kultur verankert sein?

    • Dennis82  On Juli 15, 2014 at 22:08

      Es ist ja nicht falsch, was du schreibst. Im Gegenteil. Aber wieso muss man anderen, die es nicht ganz so verkrampft sehen in irgeneiner Form eine „Mittäterschaft“ oder Verantwortung anhängen…?

      Es ist aber auch stellenweise widersprüchlich – wo beginnt bspw. eigentlich die kritisierenswerte „Nation“? Es geht da doch auch nur um unterschiedliche, sich streng voneinander ab/aus“grenz“enden Gruppen von Menschen. Spielt es da ne Rolle, ob die in blau-weiß, schwarz-gelb oder weiß-schwarz gekleidet sind…? Grade im Vereinsfußball spielen doch regionale Grenzen und Rivalitäten (Derbys) eine enorme, wesentlich ausgeprägtere Rolle, sind grade auch Quelle von Gewalt, Häme und Hass gegen „die anderen“. Etwas, was ich vom Fußball auf Länderebene so intensiv und in der Qualität schlicht nicht kenne. Ein Konstrukt wie „Schalke“ existiert so gesehen eigentlich auch nicht. In Brasilien haben letztlich auch keine Nationen an sich, sondern die Auswahlen verschiedener Fußballverbände gespielt. In denen als Basis Vereine wie Schalke oder Dortmund organisiert sind, die ihre Spieler entsenden… Und die paar Euro vom DFB für die WM sind für die Herren auch nur eine Einlage für die Portokasse.

      Und warum man den Fußballfan immer pauschal als dämlich bezeichnen muss…? Kritik dieser Art und Weise kommt doch vornehmlich aus der gehobeneren, (linken) Bildungsbürgerschaft, die ja auch sehr gerne mit Verachtung auf die unteren Schichten blickt, weil man z. B. als unsportliches (Bonzen-)Kind Klavierunterricht hatte – und als Student seine Nachmittage mit Diskussionen in ner K-Gruppe vergeudet hat, statt bspw. auf dem Bolzplatz zu spielen (und so seine Zeit anderweitig zu vergeuden)… 😉

      Wirtschaftlich hast du ja vollkommen Recht. „das Geld fließt in die Kassen der Bonzen“ – also wie in allen anderen Bereichen des Lebens: auch. Bspw. auch in der „Kultur“. Erwartest du ernsthaft, dass grade der Profifußball in diesem Wirtschaftssystem „anders“ funktionieren könnte oder sollte? Und natürlich kommt von den Spielern (alles Mehrfach-Millionäre, die ihr Hobby zum Beruf machen durften) dazu kein Wort; die beißen auch nicht die Hand, die sie füttert… Wie Mio anderer „Radfahrer“ jeden Tag im streng hierarchisch organisierten Berufsleben auch… aus der Kultur (Schriftsteller, Künstler) hört man diesbezüglich ja auch nix Bedeutendes.

      In welcher „Kultur“ sollten „wir“ denn verankert sein…?

      Das Prinzip lautet einfach nur Brot und Spiele. Und es ist beileibe nicht neu…!

    • El_Mocho  On Juli 16, 2014 at 15:36

      genova, irgendwie herrschen da auch bei dir noch leninistische Vorstellungen von der intellektuellen Elite, die besser weiß, was für das Volk gut ist, als dieses selber.

      Es gibt ein schönes Buch dazu: „Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse“
      von Owen Jones, s. hier:

      https://www.freitag.de/buch-der-woche/prolls/

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