Julikrise IV

Eine von Clarks Kernthesen, wohl sogar die Kernthese: Niemand habe diesen Krieg gewollt, alle hätten geglaubt, gezwungen, getrieben zu sein. Das mag häufig so gewesen sein bei den Agierenden…aber es gibt Nuancen (die Clark natürlich auch sieht – sein Buch ist besser als das fragwürdige Deutschland-Marketing seines Verlags!): Österreich-Ungarn, speziell Berchtold und Conrad, hat die Krise überhaupt erst inszeniert und wissenden Blicks eskalieren lassen. Die kuk-Machtelite, dass ist seit Jahrzehnten dokumentarisch gut belegt, wollte den Krieg und schluß. Die Falken innerhalb der deutschen Machtelite (die nicht monolithisch war) haben die „Chance“ gesehen und ebenso beherzt zugegriffen. Ob es innerhalb der deutschen Machtelite nun ein homogenes Griff-nach-der-Weltmacht-Konzept gab oder eher ein diffuses Gemengelage aus Russophobie, Aggressivität und dem Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, vielleicht verbunden mit rotweinschwangeren, diffusen, fallweisen Allmachtsträumen plus der „Analyse“ von Militär“experten“ (jetzt! Besser kanns nicht mehr kommen! Denken Sie an die derzeit noch fehlende russische Eisenbahnlogistik! In zwei Jahren, wenn die Russen fertig sind mit ihrer Aufrüstung, ist alles verloren )…

Sehr gut finde ich folgende Passage aus Clarks Buch:

„Alle Hauptakteure in unserer Geschichte (und das gilt für alle politisch Handelnden, auch heute, was Clark natürlich weiß und was er auch meint, hf) filterten das Weltgeschehen durch Narrative, die sich aus einzelnen Erfahrungen zusammensetzten und von Ängsten, Projektionen und Interessen zusammengehalten wurden, die man als Maximen ausgab.“ (Clark, 712-713)

Das ist zweifellos richtig. Nur muss, wer politisch handelt, in der Lage sein, solche Voraussetzungen zu hinterfragen. Allzu viele Politiker scheinen dazu entweder nicht in der Lage…oder, und das wäre noch schlimmer, sie bedienen solche Narrative wider besseres Wissen.

Clark hat auch darin Recht, moralische Fragen abzuweisen bzw anders zu stellen. Ich zitiere die wohl bekannteste Passage aus seinem Buch etwas ausgiebiger:

„(Dieser anklägerische Ansatz – der Suche nach den Schuldigen, hf – hat) (…) den Nachteil, dass das Blickfeld eingeengt wird, indem man sich auf das politische Temperament und die Initiativen eines bestimmten Staates konzentriert, statt auf einen multilateralen Prozess der wechselseitigen Beeinflussung. Dann stellt sich das Problem, dass die Ermittler bei der Schuldsuche dazu neigen, die Aktionen der Entscheidungsträger als geplant und von einer kohärenten Absicht gestrieben zu konstruieren. (meine Hervorhebung, hf) Man muss den Beweis erbringen, dass jemand den Krieg wollte und darüber hinaus verursachte. In der Extremform bringt diese Vorgehensweise Konspirationsnarrative hervor, in denen eine Clique mächtiger Einzelpersonen wie die Bösewichte mit Samtjacke in James-Bond-Filmen die Ereignisse hinter den Kulissen nach einem bösen Plan steuern. Die moralische befriedigung, die dieser Ansatz bereitet, ist nicht zu bestreiten, und es ist natürlich logisch gesehen nicht ausgeschlossen, dass der Krieg im Sommer 1914 auf diese Weise zustande kam, aber hier wird die Ansicht vertreten, dass die vorliegenden Quellen eine derartige Argumentation nicht erhärten.

Der Kriegsausbruch von 1914 ist kein Agatha-Christie-Thriller, an dessen Ende wir den Schuldigen im Konservatorium über eine Leiche gebeugt auf frischer Tat ertappen. In dieser Geschichte gibt es keine Tatwaffe als unwiderlegbaren Beweis, oder genauer: Es gibt sie in der Hand jedes einzelnen wichtigen Akteurs. So gesehen (sic!) war der Kriegsausbruch eine Tragödie, kein Verbrechen. Wenn man dies anerkennt, so heißt das keineswegs (…) (den österreichischen und deutschen Imperialismus, siehe Fischer-Kontroverse, kleinzureden, hf)(…). Aber die Deutschen waren nicht die einzigen Imperialisten, geschweige den die einzigen, die unter einer Art Paranoia litten. Die Krise, die im Jahr 1914 zum Krieg führte, war die Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur.“ (Clark, p. 716-717)

Ich bevorzuge es, kriminologisch an den Fall heran zu gehen – als sei ein Verbrechen geschehen (es ist eines geschehen, und was für eines!). Es geht mir nicht darum, schwungvolle Moral auszuleben, sondern wirklich um die kühle Frage: Können Verantwortlichkeiten festgemacht werden, und was bedeutet das für heute. Diese Fragen müssen erlaubt sein, sie dürfen nicht durch den automatic-winner-dummy ‚ist ne VT‘ abgewiesen werden. Clarks „So gesehen“ ist natürlich absurd. Wenn die junge oder meinethalben auch alte Klara nicht durch einen Täter ermordet wurde, sondern durch 5, ist der Mord dennoch keine Tragödie, sondern Mord…begangen durch 5 benennbare Täter. Clark weiß, dass die imperialistische Haltung, die – keine Zweifel! – vor 1914 Konsens der Machteliten Europas war, schon vor 1914 scharfe Kritiker hatte. An Clarks Deutung stört mich das sind-so-reingeschlittert auf gleichsam höherer Ebene. Im Juli 1914 stand Rosa Luxemburg, die bezeichnenderweise in Clarks Buch gar nicht vorkommt, vor Gericht. (Es ging um Mißhandlungen von Rekruten/Soldaten – Luxemburg hatte das öffentlich gemacht, der deutsche Kriegsminister Falkenhayn hatte Strafantrag gestellt…natürlich hatte Rosa Luxemburg Recht, und da die damalige deutsche Justiz wenigstens und immerhin noch einen Rest an Objektivität wahrte, wurde Rosa Luxemburg nicht verurteilt, sondern der Prozess verlief im Sande.) Es gab auch 1914 ausformulierte Alternativen zu eben jenem Imperialismus, den Clark – zutreffend! – zum strukturellen Grundübel jener Zeit erklärt. Die sozialistische Bewegung (auch, wenn sie sich gerade zu spalten begann), die Friedensbewegung, Teile der Avantgarde (etwa der ‚linke‘, ‚aktivistische‘ Teil des Berliner Expressionismus rund um Franz Pfemfert und seine Zeitschrift „Die Aktion“).

Nun hatten die besagten Alternativen sicherlich keine reale Chancen auf politische Macht. Aber auch im imperialistischen Rahmen war der Krieg (in dem übrigens keiner der ursprünglich Involvierten, auch Frankreich und England nicht, ihr Kriegsziel erreichten) mitnichten unvermeidlich. Clark suggeriert das aber, wenn er von einer Tragödie spricht. Österreich musste nicht Krieg führen, Berlin keinen Blankoscheck ausschreiben. Erst danach hat sich auch die triple-Entente auf die abschüssige Ebene begeben. Die Clark-Leser werden es nicht gerne hören, aber die Timeline ist unerbittlich und eindeutig, die populäre Geschichtsschreibung sieht es richtig: Es waren zunächst allein die Mittelmächte, die die Krise forcierten.

„Österreichs Außenminister, Graf Berchtold, ein eleganter, leichtsinniger Stümper, dachte, daß jetzt die Gelegenheit gekommen sei, mit der serbischen Gefahr für immer ein Ende zu machen. So dachte der Chef des Generalstabs, General Conrad. (…) Franz Joseph (ließ sich) (…) für die Politik des rächenden Abenteuers gewinnen, unter der Bedingung zwar, daß der deutsche Bundesgenosse sie decken würde. Der deckte sie. Und damit war alles entschieden“ (Mann, Golo, Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt/Main, 1958, Sonderausgabe 1992, p. 572*)

Wien wollte definitiv Krieg – den kleinen, den gegen Belgrad – und in Berlin wollten ihn zumindest diverse Leute…und zwar dann gleich den ganz großen. Dass hinterher auch die Entente nicht mehr abbremste, u.a. weil sie ihre Lage für vorteilhaft ansah, ist richtig. Und dass das Zarenreich für Demokratie und Menschenwürde stritt, können wir wohl ausschließen. Aber die Frage nach der primären Verantwortung ist nun wirklich nicht sonderlich schwer zu beantworten. Die Dokumente sind eindeutig: Der von Clark geforderte Beweis dafür, dass die Verantwortlichen Krieg wollten, ist erbracht, seit langem. Dass sie den Krieg so, wie er dann kam, nicht wollten, ist richtig – Berlin hätte sich das linke Bein für Englands Neutralität abhacken lassen -, aber unerheblich. Wien und Berlin wollten Krieg, und sie verursachten einen.

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* Zu Golo Manns widersprüchlicher Deutung der Julikrise vielleicht ein eigenes Posting. An dieser Stelle hat er schlicht recht.

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Kommentare

  • Die Katze aus dem Sack  On Juli 8, 2014 at 03:25

    Grundsätzlich ‚alle‘ Akteure in unserer Geschichte filtern das Weltgeschehen durch Narrative, die sich aus einzelnen Erfahrungen, Meinungen und Annahmen zusammensetzten und von Ängsten, Projektionen und Interessen zusammengehalten werden, die man als Maximen ausgibt.

    Ich übrigens auch.

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