7. Juli 1914, Wien

Berchtold ist zufrieden mit Hoyos Ergebnissen. Im Ministerrat räumt er ein, dass der Krieg mit Serbien einen Krieg mit Russland nach sich ziehen könnte. Tisza ist der einzige, der noch widerspricht. Er will ein hartes, aber nicht unannehmbares Ultimatum an Belgrad.

Von Krageneck, Millitärattaché des deutsche Kaiserreichs in Wien, telegraphiert an Moltke: Diesmal sei ein Krieg gewiss…

Die russische Botschaft in Wien lanciert einen deeskalierenden Zeitungsbericht, der behauptet, in Russland würde alle Welt das Attentat missbilligen.

Anerkennt man erst einmal die Gesetzlichkeiten der Machtpolitik, so war Österreich-Ungarn in der Tat sozusagen „verpflichtet“, auf das Attentat in aller Schärfe zu reagieren. Die kuk-Monarchie rang damals tatsächlich um ihr Ansehen als Großmacht, denn dass der Vielvölkerstaat aus dem letzten Loch pfiff, wußte in Europa jeder. Wer sich so etwas straffrei bieten läßt, ist am Ende und scheidet aus; so die dumme Psychologie der Macht. Daher die Wiener Kraftmeierei, die nach Lage der Dinge aber nur noch mit vollständiger Rückendeckung Berlins möglich war. Berlin seinerseits wollte seinen, so dachte man, letzten sicheren Verbündeten nicht fallen lassen. Und Russland, ähnlich fragil wie Österreich-Ungarn, konnte es sich – wiederum: Wenn wir Machtlogik zugrunde legen – nicht leisten, Serbien fallen zu lassen. Das pathetische Gerede von der Urkatastrophe ist tief unwahr. Es handelte sich um Machtspiele, Risikospiele, Kräfteparallelogramme, Einflußsphären, Brinkmanship, militärische „Notwendigkeiten“ wie seit eh. Und wie bis heute. Katastrophale Fehleinschätzungen (in Deutschland etwa die absurde Überschätzung Russlands zukünftiger Möglichkeiten, obwohl dessen eigene innere Probleme doch offen zutage lagen) selbstverständlich inklusive.

Bethann-Hollweg war sich der verfahrenen diplomatischen Lage immerhin bewusst und versuchte, die englische Karte zu spielen – dazu aber hätte er Tirpitz und den innenpolitisch sehr mächtigen Flottenverein im präzisen Sinn des Wortes aufs Trockene setzen müssen, wozu es ihm schlicht an Macht fehlte.

Ich denke schon, dass es innerhalb der deutschen Machtelite eine starke Griff-nach-der-Weltmacht-Fraktion gab (Militärs, wohl auch der Kronprinz). Stichwort Ober Ost, Ludendorff. Dass die Militärs sich gefühlt auch in der Defensive befanden (Krieg bitte jetzt, in zwei Jahren ist Russland zu stark, Gelegenheit war nie besser etcetc) widerspricht dem gar nicht.

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