Trevelyan über die Julikrise

Der scheußliche Mord am österreichischen Tronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo am 28. Juni 1914 war aufs engste verbunden mit der Agitation in Serbien, die eine Befreiung der bosnischen Jugoslawen forderte. Es war unvermeidbar, dass Wien Garantien dafür wünschte, dass diese Agitation zu einem Ende käme. Unglücklicherweise wollten die entscheidenden Politiker und Militärs in Österreich-Ungarn weniger diese Garantien, sondern ergriffen die Möglichkeit, die der Mord in Sarajevo bot, um Serbien per Krieg auszuschalten – sogar auf die Gefahr eines Konflikts mit Russland, wobei sie darauf vertrauten, Deutschland werde Russland schon in Schach halten. Deutschland war somit tief verstrickt, und seine Führer hätten darauf bestehen sollen, dass sie ein Recht hätten, von ihrem Verbündeten konsultiert zu werden. Unglücklicherweise haben der Kaiser und sein Kanzler, Bethmann-Hollweg, obwohl sie den Krieg nicht wirklich wollten, Wien am 5. Juli einen „Blankoscheck“ ausgestellt dafür, Belgrad jedes gewünschte Ultimatum zu übersenden.

Als das Ultimatum am 23. Juli überreicht wurde, waren der Kaiser und alle Welt überrascht, wie außergewöhnlich es war; solche Forderungen sind niemals vorher an einen unabhängigen Staat gestellt worden – indess aktzeptierte Serbien 90 % davon. Eine europäische Konferenz hätte problemlos die letzten Differenzen überbrückt. Grey übermittelte Deutschland eiligst die Notwendigkeit einer solchen Vermittlung. Aber der Kaiser, der das Ultimatum seines Verbündeten noch nicht einmal billigte, verweigerte sich jeder Konferenz überhaupt und erklärte, dass die Angelegenheit eine lokale Affäre zwischen Österreich-Ungarn und Serbien sei, die weder Russland noch irgend ein anderes Land beträfe. Diese Worte bedeuteten Krieg, den Russlands gesamte Politik wäre der Lächerlichkeit preisgegeben, wenn es die Zerstörung Serbiens erlaubt hätte; so begann es langsam, mobil zu machen. Deutschland, zu dieser Zeit in der Hand seiner Militärs, die nur an ihre Zeitpläne für den Krieg dachten, sandte Ultimaten an Russland und dessen Verbündeten Frankreich. Zu Beginn des August rollte die gewaltige Macht von Deutschlands Armeen nicht etwa ostwärts gegen Russland, sondern westwärts, gegen Frankreich und das unschuldige Belgien.

Und so drohte der Streit, obwohl er im Osten ausbrach und Britannien nicht betraf, zuletzt, Frankreichs und Belgiens Unabhängigkeit zu beenden; unter Umständen, die es diesen Ländern auf immer unmöglich gemacht hätten, sich je wieder zu erheben, außer als Deutschlands Vasallen. Der Sieg der Mittelmächte hätte bedeutet, dass sich in Europa eine Weltmacht (Empire) herausbildet, die viel besser dazu gemacht gewesen wäre, zu überleben und die Geschicke Europas beständig zu bestimmen, als jemals Napoleons Reich. Die Tapferkeit des deutschen Volkes, als Diener der Ambitionen ihrer Herren, machte die Gefahr permanter Sklaverei für Europa akut.

Sir Edward Grey hatte jede Anstrengung unternommen, um den Krieg zu vermeiden, und half dadurch Britannien und seinen Verbündeten, die Sympathien eines großen Teils der Menschheit zu gewinnen, besonders in Amerika. Aber als diese Anstrengungen fehlschlugen, diktierte die Selbsterhaltung, dass wir es nicht erlauben konnten, die Kanalhäfen, die Niederlande und überhaupt ganz Europa durch eine Macht unterworfen zu sehen, die bereits jetzt ganz offen unser Rivale zur See war. Die Vergewaltigung von Belgiens Neutralität und die Art, wie die Invasoren mit dem belgischen Widerstand umgingen, war ein Drama, dass, auf einer Welle ehrwürdiger Gefühle, der unwilligen britischen Öffentlichkeit (die nach nichts als Frieden rief) die bedrohlichen Tatsachen und die Notwenidgkeiten der Stunde nahe brachten.

Bis zur Invasion in Belgien, in den ersten Augusttagen, war die britische öffentliche Meinung gespalten bei der Frage, ob es notwendig sei, an diesem europäischen Krieg teilzunehmen. Neutralistische Gefühle waren Ende Juli sehr stark, speziell in der City, im Norden Englands, und in der liberalen Partei sowie der Labor-party. Die Hälfte des Kabinetts, mit Lloyd George an der Spitze, war neutralistisch. Es war somit für Grey regelrecht unmöglich, wie es aus der Retrospektive manchmal unterstellt wird, Deutschland auch nur einen Tag früher mit Krieg zu drohen, als er es wirklich tat. Jeder verfrühte Versuch, schon im Juli Großbritannien in einen Krieg zu führen, hätte das Kabinett auseinander brechen lassen und das Land im Moment seiner größten Bedrohung entzweit. Solch ein Desaster wäre beinahe geschehen, es wurde nur durch Asquiths Weisheit vermieden, der seine Kollegen und Landsleute beisammen hielt. In jener Woche von Tumult und Aufruhr hätte die Masse der Meinungen explodieren und in alle Richtungen zerstieben können. Die Gefahr nationaler Teilung wurde in Folge der Invasion Belgiens gebannt, und am 4. August trat Großbritannien geeint in den Krieg ein, um seinen vertraglichen Verpflichtungen nachzukommen und Belgiens Neutralität zu garantieren. Belgien war nicht der einzige Grund, warum wir kämpfen oder untergehen mussten; aber es war der Grund, warum wir in der Lage waren, geeint zu kämpfen – rechtzeitig, aber nur gerade rechtzeitig, um zu verhindern, dass Paris und die Kanalhäfen an die deutsche Macht fielen. (Trevelyan, George Macauly, A Shortened History of England, Hammondsworth, Middlesex (Penguin Books), 1960, p. 542-543, gekürzte Ausgabe von Trevelyans History of England, meine Übersetzung)

Trevelyan war ein sympathischer Historiker, weil er erstens parteiisch und zweitens offen parteiisch war, seine Präferenzen offenlegte (er war Wigh, Liberaler, glaubte an die Demokratie als Garant menschlichen Glücks, und natürlich war er auch englischer Nationalist, was man einem 1876 geborenen englischen Intellektuellen nur schwer vorwerfen kann). Seine Darstellung der Julikrise kann man heute 1 zu 1 natürlich nicht mehr akzeptieren; dennoch finde ich spannend, was er zu sagen hat. Und ist seine vernichtende Kritk an den deutschen Militärs, an der deutschen Politik so falsch? Tatsächlich hätte der Blankoscheck nie ausgestellt werden dürfen. Interessant auch seine Angst vor einer deutschen Hegemonie, die die Angst der damaligen englischen Politiker widerspiegeln dürfte. Überhaupt gibt seine Darstellung im Großen und ganzen die Sichtweise der damaligen englischen Politik wieder, imnsbesondere die des letzten liberalen Kabinetts in England – zumindest deren veröffentlichte Sichtweise. Dass ein deutscher Sieg Europa für Generationen versklavt hätte ist für den ersten Weltkrieg, anders als für den zweiten, natürlich Unfug. Aber wie auch immer wir das Septemberprogramm im Einzelnen deuten, ob als Dokument lang gehegter Pläne oder als Improvisation…allein schon der Frieden von Brest-Litowsk 1917 macht deutlich, welch einen Siegfrieden ein siegreiches Deutschland auch im Westen diktiert hätte. Die unterlegenen Staaten, allen voran Frankreich, hätten sich zwar mit ziemlicher Sicherheit genau so schnell wieder aufgerappelt wie Deutschland nach 1918…Dennoch: ganz grundlos waren die damaligen englischen Befürchtungen weiß Gott nicht. Trevelyan unterschlägt allerdings Poincares Besuch in St. Petersburg Juli 1914. Ansonsten eine recht faire, gerade auch Kaiser Wilhelm II. gegenüber faire Darstellung. Im wesentlichen die reingeschlittert-Theorie, mit ein paar Fritz-Fischer-Komponenten.

Sehr viel kritischer wird Grey bekanntlich von Christopher Clark gesehen (Schlafwandler, p. 265 ff, insbesondere 267 ff). Ich bin nicht quellenkundig genug, insbesondere, was die englischen Quiellen betrifft, um zu entscheiden, ob man Grey und seiner „Gruppe“ wirklich grundsätzlich eine antideutsche Haltung zuschreiben kann. Dass Grey diplomatisch daran gearbeitet hat, Deutschland zu isolieren, ist hinlänglich bekannt; und dass er darin sehr erfolgreich war, muss hier nicht näher ausgeführt werden. (Deswegen auch der zT absurde Englandhaß – „perfides Albion“ – durch die verschwörungsthoretische deutsche Rechte nach dem britischen Kriegseintritt, der Glaube, England habe hier ne miese Nummer abgezogen.) Aber Grey hat hier lediglich im Rahmen imperialistischer Machtlogik operiert. Es war das deutsche Kaiserreich selber, das sich – nachdem Frankreich wg Elsass-Lothringen als potenzieller Partner ausfiel für alle Zeit – durch seine Flottenpolitik auch bei England als Partner völlig unmöglich machte. Grey musste den deutschen Flottenbau als gegen England gerichtet sehen – und das war er ja auch. Greys Vermittlungsvorstöße in der Julikrise kann man nun wirklich nicht übersehen. Dass er – Clark p. 674 ff – Ende Juli widersprüchliche, ggfls auch nicht abgestimmte Signale nach Berlin sandte (was dann ua zu Moltkes bekanntem Zusammenbruch führte), ist richtig, ändert aber nichts daran, dass der Krieg vermieden worden wäre, wenn man sich insbesondere in Berlin seiner Vorschläge angenommen hätte. Der Schlüssel lag in Berlin. Ein kurzer Hinweis an Wien – nun treibts mal nicht zu dolle, Kinder! -, so, wie Trevelyan es auch schon sagte („Diese Worte bedeuteten Krieg“), hätte genügt.

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