Kopftuch revisited

Ich bin dafür, dass ein Verbot des Niqab und der Burka auch in Deutschland eingeführt wird, vorausgesetzt, auch der Religionsunterricht in Schulen wird abgeschafft. Sonst wäre das inkonsequent.

Nein.

D.h.: Ja!

Also genauer.

Dass ich mich über jede Muslimin freue, die ihr Kopftuch entsorgt, über jeden evangelikalen Christen, der die Kategorie Erbsünde (das, was ist, ist schuldig, schuldig, schuldig) zusamt seinem Missionsauftrag wegwirft – geschenkt. Über die Praxis von Religionen, speziell über die jahrtausendelang geübte Praxis des Christentums informiere man sich beim großartigen Deschner. Was Deschner dem Christentum exemplarisch nachgewiesen hat, gilt für alle anderen mir bekannten Religionen ebenso.

Das hat zunächst interne Gründe: Eine Religion muss sich – sie wäre sonst keine – als in irgendeiner Form geoffenbarte Wahrheit verstehen. Eine Religion hat, ihrem Selbstverständnis nach, immer Recht. Für Christen ist Christus Gottes Sohn – sie wären sonst keine mehr. Aus diesem Selbstverständnis folgt für einen Christen (aka Muslim, Juden, Buddhisten): Bei einem Konflikt zwischen einem Christen (aka…) und einem „Ungläubigen“ hat der Christ (aka…) immer Recht – er lebt ja in geoffenbarter Wahrheit. Und da es, habe ich jedenfalls läuten gehört, zwischen Menschen hie und da Konflikte geben soll, etabliert eine Religion allein schon wegen ihres Wahrheitsanspruchs eine gewalttätige Welt.

Schon Kant, obwohl selber noch gläubiger Christ, sprach vom „Religionswahn und Afterdienst“. Allein ein guter Lebenswandel zähle (= alle Menschen – alle! – als Menschen respektieren), alles andere, Gebete, Beichte, Riten, Erlösungsglaube, sei Unfug. Soziologisch und politisch darf das Phänomen Religion ohnedies seit Feuerbach/Marx als durchanalysiert gelten. Zur Psychologie der Religion (Strafbedürfnis, Machtbedürfnis der zu kurz Gekommenen) informiere man sich bei Friedrich Nietzsche. Mit diesen vier Klassikern ist alles gesagt, ich muss das jetzt nicht mehr wiederholen.

Etwas ganz anderes aber ist die Frage, ob man die Säkularisierung des öffentlichen Raums sanktionsbewehrt durchsetzen sollte.

Zunächst: Man kann mit einem religiösen Fanatiker nicht über Toleranz diskutieren. Das ist in etwa so aussichtsreich wie der Versuch, einem Händewaschneurotiker rational nachzuweisen, dass seine Hände wirklich sauber sind, er sich die 23ste Waschung ersparen kann. Einem Händewaschneurotiker das Händewaschen zu verbieten ist sinnlos.

Ferner: Wer, so ist das mit der Dialektik, Religionen zumindest öffentlich zum Verschwinden bringen will, etabliert seinerseits eine gewalttätige Welt. Mit allem Respekt: Wo soll das enden? Säkulare Bilderstürmerei? Alle Kirchen, Moscheen, Synagogen sprengen? burks meint es wohl nicht so, aber dann brauchen wir letztlich eine Religionspolizei. Ich dachte immer, burks sei gegen „Verbieten, melden, durchführen“…

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, weswegen die Debatte um die Religionen einem so schwer wird. Alle Religionen, die ich kenne, enthalten, neben all dem offenkundigen Unrat, auch diffuse Bilder einer anderen Welt. Alle enthalten, mehr oder weniger versteckt, ein Liebesgebot. Gut Adornosch gesprochen: Es gibt in allen Religionen das Moment des Wahren im absurd Falschen. Nicht „das“ Christentum (aka Judentum etcetc), wohl aber einzelne Christen (Juden etcetc) nehmen dieses Moment sehr ernst. Soll ich ihnen vor den Kopf schlagen? Wozu? Was gewinne ich damit? Entscheidend ist nicht das Kopftuch/der Schleier – entscheidend ist, ob Kommunikation möglich ist. Religiöse Fanatiker sind kommunikationsunfähig, richtig. Sollten wir es dann auch sein? Sind alle, die religiös gebunden sind, auch Religionsfanatiker? Nach meiner Erfahrung „nein“. Und: Bedürfnis nach Riten…bin ich, ist irgend wer frei davon? Insofern antworte ich mit „jein“, so preisbewusst und risikolos das auch aussehen mag.

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Kommentare

  • Herr Karl  On Juli 3, 2014 at 09:17

    Mir ist keine Weltanschauung bekannt, die nicht zur Religion geworden ist. Meines Erachtens ist selbst der Atheismus eine Religion. Unter Linken besonders verbreitet: Esoterik. Schaut Euch nur mal die Verantwortlichen der 1. Bundesweiten Mahnwache Berlin an – fast alle sind Esoteriker. Und fast alle wollen ihr Buch oder ihre CD verkaufen…

    • Wolf-Dieter  On Juli 3, 2014 at 23:02

      Religiosität ist allgemeines Element von Aneignung der Welt; Glaube ist ein allgemeines Element der menschlichen Psyche.

      Ersatz-Glaube entsteht, wenn expliziten Religionen (Christentum, Voodoo etc.) negiert werden, bei merkwürdig anmutenden Denkgebilden: bei Esoterik, bei Atheismus, und übrigens auch in Gestalt von Wissenschafts-„Gläubigkeit“. Klingt komisch, ist aber so.

      Mein persönliches Fazit: nicht Religion an sich ist zu kritisieren, sondern die politische Verzahnung ihrer gesellschaftlichen Institution.

      • hf99  On Juli 4, 2014 at 07:59

        genauer gesagt: Ihre gesellschaftliche und politische Rolle.

    • philgeland  On Juli 4, 2014 at 03:30

      Würde nicht unbedingt sagen, dass Esoterik gerade bei den Linken verbreitet wäre, im Gegenteil: Esoterik scheint mir leider eher jener nebelhafte Gedankenschwaber zu sein, dessen Feuchte den Boden für rechte Gewächse bereitet.

      Kommt natürlich darauf an, was man unter „links“ versteht.

      • hf99  On Juli 4, 2014 at 07:59

        so ist es. Esoterik-Mist ist eher was für die diffuse „neue Mitte“, wer immer das sein soll: Bachblütentherapierte Studienrektorsehefrauen, denen sonst langweilig ist, Urschreianimierte „Eisenhans“-Typen, die als stellvertretender Abteilungsleiter immer nach oben buckeln, nach unten treten, und jetzt mal (man kann es nur knarrend aussprechen) „authentisch“ sein wollen etc.

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