Julikrise

Absolut empfehlenswert. Buch wird ist bestellt. Einige unsystematische Gedanken hierzu:

– Clark selber formuliert in der Tat zurückhaltender als das peinliche Marketing rund um sein Buch, das erkennbar an deutsche Bedürfnisse nach Entlastung appelliert. Und soviel ist zweifellos wahr: In diesem Stück gibt es keinen alleinig Schuldigen. Aber „Schlafwandeln“ war es eben auch nicht. Das war schon so gewollt – entsprechend dem berühmten Kriegsrat vom 8. Dezember 1912, den Clark völlig unzureichend einschätzt: Das kaiserliche Deutschland hat – in quasi 1 zu 1 Umsetzung des Kriegsrats – die „Chance“ auf die Entfesselung eines Krieges wahrgenommen. Dabei war, allen bombastischen Reden zum Trotz, Kaiser Wilhelm selber wohl am wenigsten als Falke zu bezeichnen. Man denke an die Sorge diverser Vertreter der militärischen und staatlichen Machtelite, dass der Kaiser „wieder abschnappen“ werde. Denn Kaiser Wilhelm II., intelligent, aber sprunghaft, distanzlos, bemerkenswert urteilsunfähig, war vor allem eines: Ein Maulheld!

– Interessant ist die fatalistische Weltsicht der deutschen Machtelite, ihre scheinbare Defensive, die sich aus Angst, Projektionen und Weltlosigkeit in Verbindung mit einer aggressiven, chauvinistischen Grundstimmung („uns steht ein Platz an der Sonne zu“) ergab. „Wir müssen jetzt zuschlagen, in 2 Jahren wird Russland zu stark sein“ etcetc. Daran war alles falsch, inklusive, wie der Kriegsverlauf zeigt, der vermeintlichen Stärke Russlands. So gut wie alle aggressiv geführten Kriege werden wohl aus einem Gefühl geführt, in der Defensive zu sein, keine Alternativen zu haben, am Ende zu sein, wenn nicht… dazu dann noch die hinlänglich bekannte Idiotie der militärischen „Experten“, die, man mag es bis heute fast nicht glauben, einerseits schlicht und einfach alle Planungen für das Szenario „Krieg nur mit Russland“ einstellten – andererseits aber alles der vermeintlichen militärischen Logik unterordneten („Wenn wir jetzt nicht mobilisieren und als erster zuschlagen, dann…“). Hannah Arendt hat diese Scheinlogik des „wer A sagt muss auch B sagen“ als wesentliches Moment totalitären, also unfreien Denkens markiert. Dass kein Schlachtplan die erste Feindberührung überlebt, hätte man übrigens bei Moltke (beim älteren natürlich) lernen können… Und natürlich hat es Alternativen gegeben.

– Christa Pöppelmanns Bemerkungen zur ideologischen Mobilmachung sind so überzeugend, dass ich es beim Lesebefehl belasse. Mit einer kleinen Ergänzung: In der derzeitigen Ukraine-Krise findet diese Mobilmachung auf beiden Seiten statt. Gerade das ist das Fatale.

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Kommentare

  • summacumlaudeblog  On Juli 4, 2014 at 06:00

    Du weißt, dass dieses Thema in Deutschland nie ein Thema für freie Debatten gewesen war: Der Kriegsschuldartikel des Versailler Vertrages war davor. Umso hitziger dann die erste große Historiendebatte im Feuilleton initiiert durch Fritz Fischer. Aber Fischer wurde doch in meiner Erinnerung nie 1:1 in den gesellschaftlichen Konsens übernommen. Mich wundert, dass heute so getan wird, als sei dem so gewesen. Und schon erkennt man ein altes Muster: Man kreiert einen Drachen mit Namen Deutschlandistanallemschuld (der real so gar nicht vorkommt) und benötigt dann natürlich einen Drachentöter. Der ist in diesem Fall dankenswerterweise Clark, ein „angel-sächsischer“ Historiker (genaugenommen Australier). So bleibt die „Debatten“drehorgel in Schwung und verhindert das dringend notwendige historische Diskutieren.

    Clarks Buch selbst lese ich gerade quer in original. So wie es das Debattendeutschland gerne hätte, steht es da nicht drin. Ihn interessiert die Blindheit des ganzen Europas, natürlich einschließlich Deutschlands. Den Ansatz finde ich dann folgerichtig: Mit den damals vorhandenen Informationen, einschließlich des Wissens um die Wirkung moderner Waffen, hätte man nie in den Krieg taumeln dürfen.

  • hf99  On Juli 4, 2014 at 07:56

    Bitte aber auch an den kriegsrat von 1912 denken, wo Tirpitz bereits U-Boote (sic) ohne Ende zwecks Blockade Englands fordert. Die These, man habe vorher ja gaaaar nich gewusst, wie schlimm die neuen Waffen seien, ist ein Mythos. Die wussten genau, was sie tun.

    Was Du zu Fritz Fischer sagst ist natürlich richtig.

  • summacumlaudeblog  On Juli 5, 2014 at 07:32

    Ja, die Kriegsplanspiele. Allein der sattsam bekannte Schlieffen-Plan zeigts ja: Ein Aufmarschplan des gesamten Heeres. Solche Planspiele „spielt“ man nicht einfach so, da steht neben der technischen Logistik und neben handfesten merkantilen Interessen v.a. auch ein kultureller Impuls dahinter. Das steht außer Frage. Diese „KrieginSicht“ Stimmung, dieses „Wissen“ um den finalen „Lösungs“weg lässt sich nicht wegdiskutieren. Welches Problem eigentlich? Die große Langeweile wie im „Zauberberg“ gemutmaßt? Der Ausbruch aus dem normierten Leben? Diesem kulturellen Impuls gilt mein Interesse.
    Gab es den nur in Deutschland oder war in Frankreich (Fin de siecle) ebenfalls Endzeitstimmung, gepaart mit dem Wunsch, Elsaß-Lothringen wieder zu bekommen? Eine solche Katastrophe wie der WW 1 ist ja nur durch eine Motivgemengelage zu erklären, die sich dann gegenseitig verstärkt und eine unheimliche Resonanz entfaltet. Ein fokusiertes Motiv alleine mag zur Explosion notwendig sein, ist aber für sich nie hinreichend.

    Genova hatte ja Angst bekundet, der Clark des ersten Weltkrieges praeludiere lediglich den zukünftigen Clark des zweiten Weltkrieges. Das hatte ich erst für übertrieben gehalten. Ist da etwas in Zukunft zu erwarten?

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