NSU

Und dieser „Corelli“ ist jetzt tot, er wurde vor wenigen Wochen in seiner Wohnung aufgefunden.
Ja. Er soll an einer nicht erkannten diabetischen Erkrankung gestorben sein. Es gibt einige Beobachter der Neonazi-Szene, die über einen politischen Mord spekulieren. So, als sei hier ein Mensch zum Schweigen gebracht worden. Doch der Fall Corelli zeigt unserer Meinung nach bisher eher, dass ein zentraler V-Mann über Jahre, bis zu seinem Ende, alles genau getan hat, wofür er vom Bundesamt für den Verfassungsschutz bezahlt worden war. Das schließt ein, auch gegenüber dem Bundeskriminalamt zu lügen, selbst wenn es um Ermittlungen in einer beispiellosen Mordserie geht. Corelli hat zum Beispiel schlicht geleugnet, dass er Uwe Mundlos kennt, einem der mutmaßlichen NSU-Mörder. Dass er ihn allerdings gekannt hat, geht aus einer Akte des BfV hervor. Corelli hat schon 1995 über Mundlos berichtet. Überhaupt hatte sich das Amt schon sehr früh über Zschäpe, Böhnhardt und eben Mundlos informiert und sich jahrelang mit dem Trio beschäftigt.

Wollen Sie damit sagen, dass die Experten des Verfassungsschutz dem NSU-Trio auf den Spuren war?
Ja, sicher, wir wissen nur nicht, wann und warum man die Spur wirklich verloren hat.

Wir wissen nicht einmal, ob man die Spur überhaupt verloren hat.

Ich persönlich glaube nicht an die eine große Verschwörung aller Sicherheitsdienste inklusive Kripo. Beleg: Beim Mord an Ismail Yasar (9. Juni 2005) gab es präzise Zeugenaussagen, die von zwei Männern sprachen; die erstellten Phantombilder zeigen offensichtlich Mundlos und Böhnhardt und waren ziemlich gut. Dort haben die Ermittler also einen guten Job gemacht. Es wäre wichtig, die Ermittlungen detailliert zu rekonstruieren – warum wurde diese heiße Spur nicht angemessen verfolgt? Warum sprach man in der xy-Sendung vom 03. 08. 2006 auf einmal wieder nur von einem Täter, obwohl bereits beim ersten Mord an Enver Simsek belegbar zwei Täter (zwei Waffen!) agiert haben müssen? Keine ganz große Verschwörung, wohl aber haben, das scheint mir inzwischen unstreitig, Teile der Behörden die Ermittlungen systematisch torpediert. Wg Quellenschutz? Das wäre absurd! Es war nichts mehr „im Vorfeld zu verhindern“; die Terrorwelle lief, die Todesschwadron war unterwegs. Man ist kein Verschwörungsirrer, wenn man es für möglich hält, dass Teile der sog. Dienste in Orga-Consul-Tradition die Todesschwadron vorsätzlich abgedeckt haben, um „Politik“ auf eigene Faust zu „machen“. Ich bin, wenn man sich auf die Logik solcher Dienste einmal einläßt, mit Mühen bereit, Quellenschutz als Motiv zu akzeptieren, bevor es zu den Taten kommt, die diese Dienste ihrem Selbstverständnis nach verhindern sollen. Das bedeutet nicht, dass ich diese Dienste verteidige: Sie erschaffen erst jene Realität, aus der sie ihre Legitimation saugen; sie gehören ersatzlos gestrichen. Aber machen wir es mal mit, just for the argument: Quellenschutz im Vorfeld von Taten…gut, das kann ich mit Mühen noch verstehen. Aber während der Taten? Während die Mordserie abläuft? Ein Mord nach dem anderen? Sollte da „noch schlimmeres“ verhindert werden? Was ist noch schlimmer als Mord? Wem will unser Inlandsgeheimdienst das erzählen? Und vor allem: Wen schützt er eigentlich? Sich selber? Es sieht ganz so aus…

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Kommentare

  • altautonomer  On Mai 22, 2014 at 13:03

    Eine weitere Ungereimtheit mit Beweisqualität:
    Mundlos soll ja erst seinen Kumpel und dann sich mit einer Pumpgun umgebracht haben. Tatsächlich fand man auch die dazu passenden zwei Hülsen: »Die beiden ausgeworfenen Patronenhülsen der Marke Brenneke waren jeweils 70 Millimeter lang. Polizisten fanden sie direkt neben den Leichen.« (Fokus-Magazin, Nr. 38/2012) Was auf den ersten Blick einleuchtet, ist ein verhängnisvoller Trugschluss. Die Pumpgun ist ein Repetiergewehr. Die Hülsen werden erst ausgeworfen, wenn nachgeladen wird. Dass Uwe Mundlos nachlädt, nachdem er seinen ›Kameraden‹ umgebracht hat, ist nachvollziehbar. Dass Uwe Mundlos ein weiteres Mal nachlädt, nachdem er sich selbst umgebracht hat, ist auszuschließen. Für die zweite Hülse kann es nur eine logische Erklärung geben: Es kann nur jemand nachgeladen und die zweite Hülse auswerfen, der noch lebt.

    Ein zweiter „zufälliger“ Todesfall (Selbstverbennung im eigenen Pkw) ereignete sich ebenfalls im Laufe der Ermittlungen 2013. Acht Stunden vor dieser Zeugenvernehmung verbrannte Florian Heilig qualvoll in seinem Auto.

    Mehr hier:
    http://wolfwetzel.wordpress.com/2014/05/20/ende-einer-dienstfahrt-aufklarung-a-la-carte/#more-4883

  • P.M.  On Juni 1, 2014 at 16:35

    Von einer großen „Verschwörung ALLER Sicherheitsdienste“ redet auch niemand. Da spricht der von dir verlinkte Text klar dagegen, denn wessen Ermittlungen sollen denn da verhindert werden, wenn die Polizei mit drinsteckt? Und warum wurde eine Polizistin Opfer des NSU? Und wie soll eine derart massive Verschwörung überhaupt geheimgehalten werden?

    Aber eine Verschwörung des Verfassungsschutzes oder zumindest einzelner Ämter in Betracht zu ziehen, ist meiner Meinung nach vollkommen vernünftig. Verschwörung gehört immerhin zu den normalen Aufgabenfeldern von Geheimdiensten und warum sollten die auch sonst bei den formalen Vorgaben ihrer Arbeitgeber bleiben, wenn sie keiner kontrolliert?

    Es gab ja auch in der Geschichte der BRD Präzidenzfälle einer Verschwörung zwischen Nazis und Schlapphüten, siehe BDJ.

    Eigentlich hatte ich Skrupel, hier Links in der Kommentarspalte eines anderen Blogs zu posten, aber da alle anderen das hier offenbar auch machen: http://propagandatheorie.wordpress.com/2013/04/14/nsu-bdj-verfassungschutz/

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