Benjamin über Kästner, und überhaupt

Ein philosophisches Problem hat die Form: ich kenne mich nicht aus (Wittgenstein, Ludwig, PU 123)

Dank Bersarin habe ich mir Walter Benjamins heftige, aber mit Gründen unterfütterte Kritik an Kästner noch einmal angesehen (online hier, im Print: Benjamin, Walter, WA 8, Frankfurt/Main 1980, p. 279 ff).

Dieser Dichter ist unzufrieden, ja schwermütig. Seine Schwermut kommt aber aus Routine. Denn Routiniertsein heißt, seine Idiosynkrasien geopfert, die Gabe, sich zu ekeln, preisgegeben haben. Und das macht schwermütig. Dies ist der Umstand, der diesem Fall einige Ähnlichkeit mit dem Fall Heine gibt. Routiniert sind die Anmerkungen, mit denen Kästner seine Gedichte einbeult, um diesen lackierten Kinderbällchen das Ansehen von Rugbybällen zu geben.

(…)

Kurz, dieser linke Radikalismus ist genau diejenige Haltung, der überhaupt keine politische Aktion mehr entspricht. Er steht links nicht von dieser oder jener Richtung, sondern ganz einfach links vom Möglichen überhaupt. Denn er hat ja von vornherein nichts anderes im Auge als in negativistischer Ruhe sich selbst zu genießen. Die Verwandlung des politischen Kampfes aus einem Zwang zur Entscheidung in einen Gegenstand des Vergnügens, aus einem Produktionsmittel in einen Konsumartikel – das ist der letzte Schlager dieser Literatur. Kästner, der eine große Begabung ist, beherrscht ihre sämtlichen Mittel mit Meisterschaft. Weitaus an erster Stelle steht hier eine Haltung, wie sie schon im Titel vieler Gedichte sich ausprägt. Da gibt es eine »Elegie mit Ei«, ein »Weihnachtslied chemisch gereinigt«, den »Selbstmord im Familienbad«, das »Schicksal eines stilisierten Negers« usw. Warum diese Gliederverrenkungen? Weil Kritik und Erkenntnis zum Greifen naheliegen; aber die wären Spielverderber und sollen unter keiner Bedingung zu Worte kommen.

Das ist nicht falsch. Und mehr als nur „nicht falsch“. Der Nörgler, dessen Genörgel jenseits moralischer Selbsterhöhung nichts mehr eröffnet…

Derart verstand der Aktivismus, der revolutionären Dialektik das klassen­mäßig unbestimmte Gesicht des gesunden Menschenverstands aufzusetzen. Er war gewissermaßen die Weiße Woche dieses Intelligenzmagazins. Der Expressionismus stellte die revolutionäre Geste, den gestellten Arm, die geballte Faust in Papiermaché aus.

Auch das wird man unterschreiben können. Aber Benjamin unterschlägt, dass jede Alternative fehlt. Eine per Parteitag verordnete, „klassenmäßig bestimmte“ Dialektik ist mindestens so unbrauchbar wie das sonore, verkaufsstarke Unverbindlichkeitsgejammer, das Benjamin zu Recht kritisiert. Die konservativen Ideologen mit ihrem pawlowschen, elenden Gelalle vom „Positiven“, welches fehle, drohen fatalerweise auch noch damit, Recht zu behalten. Kein Kapitalismus, der alles, und die Liebe zuerst und zuletzt, zur Ware degradiert, jaja, ich habs verstanden…aber was dann?

Ja, ich bin gegen TiPP, halte die systematische Erniedrigung Erwerbloser für entsetzlich, plädiere bei Waffenhändlern für Knast, verachte Rassismus und Menschenhaß überhaupt abgrundtief, spucke den Spindoctors leidenschaftlich in ihr verlogenes Gesicht, ja, habe auch mit dem Begriff „objektiv falsches Bewusstsein“ keine Probleme (Schwulenhaß, Judenhaß, Haß auf Schwarze etcetc ist, und zwar begründungsbefreit, objektiv falsches Bewusstsein und sonst gar nichts!) – und das alles trommel ich seit 30 Jahren nur, um darüber müde und alt geworden zu sein. Und so kommt es, dass ich ganz folgerichtig den biederen Kästner aka Priestley trotz allem verteidige gegen diese Anwürfe; nicht, weil Benjamin unrecht hat – hat er ja nicht -, sondern weil das von Benjamin markierte Problem mir derzeit nicht auflösbar scheint. Im Kapitalismus, in der Konkurrenzgesellschaft, der Waffenhandelgesellschaft für „mehr Mä…äh…Mä…Mä…Mänschlichgait“ plädieren? Albern. Peinlich. Hohes Fremdschämpotenzial (man lese mal Kästners „moralische“ Zwischenbemerkungen in seinen Kinderromanen, insbesondere in „Pünktchen und Anton“…von der Hetzmeute in den beiden Emil-Bänden ganz abgesehen). Auch empirisch ist dieser Apell widerlegt: Menschlichkeit funzt nicht!

Aber, Verzeihung, die vordergründig viel realistischere Alternative – den Menschen und seine Praxis, in der er sich erst konstituiere, solle man dialektisch als interessegeleitetes Wesen verstehen und daraus seine politischen Konzepte ableiten, wohl gar noch „wissenschaftlich“ (Marx) – funzt ebenso wenig; auch das ist seit 1789 empirisch gut bestätigt. Das man mit dieser Haltung, die, keine Tüttel-Tüttel, peinliche Kästner-Priestley-Fraktion als vertrottelt dastehen lassen kann ist schon klar…aber was beweist das schon?

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Kommentare

  • summacumlaudeblog  On Mai 7, 2014 at 09:44

    Die heutige Kästner-Priestley-Fraktion wären vielleicht die ersten beiden Alben von „Wir sind Helden“ mit selbstreferentieller „Ironie + Weltschmerz + Bescheidwisserei“. Das dritte, die festen Blicke aufbrechende Album (und deswegen ihr bestes) wurde dann schon bei Wohlthat verramscht, sicherlich kein Zufall.
    Tja, was fehlt? Ich glaube nicht so sehr dialektische Wissenschaftlichkeit sondern der utopische Wurf, die Sehnsucht nach Utopie! Als nach 1989 die älteren Welterklärer uns – den damals ganz jungen – genau diesen Verlust der Utopie vorjammerten, dachte ich noch: Nana, tragt mal nicht so dicke auf! Eurer Utopie waren doch falsche Praemissen Untertan. Heute….ich weiß nicht. Lagen sie so falsch?

  • El_Mocho  On Mai 7, 2014 at 11:34

    Vor allen Dingen fehlt ein realistisches Welt- und Menschenbild, und das wird die Linke auch nicht erreichen, so lange sie sich weiter ausschließlich im Universum von Philosophie, Soziologie und Kunst bewegt.

    Hinweise in welche Richtung es gehen könnte, finden sich z.B. hier.

    http://ir.canterbury.ac.nz/bitstream/10092/8036/1/thesis_fulltext.pdf

  • Bersarin  On Mai 7, 2014 at 18:17

    In einer Minute werde ich im Spam-Filter gelandet sein, weil mein Text zu lang geworden ist – wetten?

  • Bersarin  On Mai 7, 2014 at 18:18

    Was bleibt, ist das Nörgeln, die Kritik als bestimmte Negation. Das Grandhotel Abgrund. Denn der andere Zustand ist nicht mehr absehbar, geschweige denn ausmalbar oder in der Theorie denkbar. Dieser Blick freilich hat nichts mehr mit Moral zu tun. Im Gegenteil: fast könnte man ihn als einen fröhlichen Positivismus bezeichnen, da er das, was ist, benennt, so wie es ist: daß der Palast der Kultur stinkt, weil er aus Scheiße gebaut ist. Es gibt in Benjamins Werk Passagen und Denkfiguren, da verfällt er einem Vulgärmaterialismus. Einfluß von Brecht, wie Adorno halb spöttisch anmerkte. In jenem Text „Linke Melancholie“ bringt Benjamin im Grunde bereits die Aporien der Gesellschaft auf den Punkt – unbewußt freilich. Klassenbewußtsein selbst ist zur Hohlform und Phrase geworden. Weder Bürger noch Proletarier sind den Mechanismen gewachsen und vermögen sie qua Denken in die Analyse und in die Kritik zu bringen. Benjamins Text bäumt sich noch gegen diese Erkenntnis auf.

    Interessant auch, wie Benjamin die Neue Sachlichkeit einschätzt: er ist viel zu dicht dran und in seiner Zeit verhaftet, um das darin implizierte Kritische zu sehen – ein Kritisches freilich, das sich nicht in der blinden Parteinahme erschöpft. Was Benjamin bei Baudelaire genial herausarbeitete, das verliert und vertröpfelt er bei der Neuen Sachlichkeit. (Kästner selber kenne ich zu wenig. „Fabian“ ist ein mäßiger Roman; sicherlich gut gemeint. Aber das reicht eben nicht aus.)

    Sehr viel weitreichender und kritischer über die Lage sowie die Möglichkeit der Revolution schreibt Benjamin in seinen „Geschichtsphilosophischen Thesen“. Und an anderer Stelle, im „Passagenwerk“, formuliert er: die Revolution, das ist in jenem dahinrasenden Zug der Griff nach der Notbremse. Es existieren im Text Benjamins diese zwei Seiten: Das absolut Verrätselte, ins Mystische Abgleitende (so seine Theorie des namens) und eine materialistische Parteinahme, die zwar, wie im Kunstwerkaufsatz über den Begriff der Technik und der Rezeptionsweisen z.B., manch wichtigen Aspekt herausstellte, aber sich doch in der Politisierung der Ästhetik verrennt, deren Resultat am Ende Brecht und der Bitterfelder Weg als zwei Seiten der Medaille sind.

    Worum es in der Analyse und Kritik von Gesellschaft geht, genau das macht Marx: nämlich aus der Beobachtung zweiter oder dritter Ordnung auf eine historische Situation, auf die Teilnehmer zu sehen und zugleich davon (nämlich vom Konkreten) zu abstrahieren: Marx zieht ja nicht durch jede einzelne Fabrik, um den Begriff des Wertes und des Kapitals dort aufzufinden, sondern diese liegen gleichsam darin und darüber. Dieses Verfahren kann man kritische Reflexion oder eben einen Positivismus nennen, der nicht nur zeigt, was ist, sondern der zugleich analysiert und in der Analyse das Mehr aufweist. Gleichzeitig aber bezieht sich Marx in seinem Vorgehen ebenso auf Aristoteles und Kant: Es ist die Theorie, die die notwendigen Bestimmungen liefert. Der Marx des „Kapitals“ und der „Kritik der Politischen Ökonomie“ betreibt genau diese Theorie als Beobachtung zweiter Ordnung und als Gesellschaftskritik. Die Frage bleibt, wie die Bedingungen aufzuheben wären, unter denen der Mensch ein geknechtetes Wesen bleibt. Aufklärung ist bekanntlich der Ausgang aus der (selbst- oder auch fremdverschuldeten) Unmündigkeit; Revolution ist mittlerweile in der Tat nur noch der (vergebliche) Griff nach der Notbremse.

    • hf99  On Mai 8, 2014 at 09:03

      Gut, gut, meine Frage war aber: Gibt es derzeit eine Praxis mit Aussicht auf Erfolg, die diese Zustände beendet? Die Antwort lautet natürlich „Nein“. Und da muss man sagen, dass auch subtile Analysen in der nachfolge Marxens, indem sie der Kästner-Priestley-Linie (in gewisser Weise zu Recht!) folgenloses, ersatzreligiöses Moralgequassel vorwerfen, ihrerseits auf mich etwas ranzig wirken. nebenbei: Auch ich bin natǘrlich für viel mehr Mä…äh…Mä…äh, na, wie hieß das noch? Und Du natürlich auch.

      Fabian: ich sehe dort auch keinen Jahrhundertentwurf, finde ihn im ganzen aber eher gelungen. Der Großstadtintellektuelle und seine Desillusionierung…das passt partiell schon.

    • El_Mocho  On Mai 8, 2014 at 15:31

      „Der andere Zustand ist nicht mehr absehbar, geschweige denn ausmalbar oder in der Theorie denkbar.“

      Was soll das denn auch für ein Zustand sein?

      Angesichts der Tasache, dass uns z.Z. Tausende von Flüchtlingen die Türen einrennen, weil in Europa genug zu essen und ein Dach über dem Kopf in Aussicht stehen, ist eine solche Aussage schon ziemlich zynisch.

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