Heideggers schwarze Hefte

Aus meiner Mailkorrespondenz (Mail an X):

Dass sich wild gewordene Ästheten in die Erfahrung „Der Kampf als inneres Erlebnis“ (die Götterdämmerung als Möglichkeit inklusive) stürzen, ist an sich nicht neu. Schwarze Romantik, wilde Romantik, man nenne es wie auch immer: Ernst Jünger, Thomas Manns „Gedanken im Kriege“… Siehst Du, ich habe inzwischen immerhin die FAZ-Auszüge gelesen (Kaubes Kommentar ist vorzüglich!), bei Heidegger etwas sozusagen noch grundsätzlich neues?

Mir kommt dieser Mann wie die Lüge selbst vor – ob sein Lob des Uneindeutigen von dort her motiviert ist? Es gibt, Du weißt es, Berichte von (jüdischen) Emigranten, die aufrichtig bezeugen, er habe ihnen geholfen (auch Hannah Arendt ist ihm ja auf den Leim gegangen, wollte es wohl auch). Und dann solche Sätze. Wofür? Manchmal denke ich, man müsse sich dem Phänomen Heidegger als Kriminalist nähern, muss untersuchen, ob Verdeckungstaten vorliegen. Eichmann und Heidegger als die beiden Seiten der gleichen Medaille? Er muss es doch gewusst haben… Es bleibt unendlich schade, dass uns vorderhand die 42-45-Hefte nicht zur Verfügung stehen (weißt Du näheres?).

Meine philosophische Lösung des Problems – ob nun postmoderne Opakheit oder Dialektik hegelscher Provenienz (da gibt es Überschneidungen, wie Du natürlich weißt) – lautet seit 25 Jahren: Das rauschhafte Erleben von Kontingenz und Nicht-Identität in Ehren, und Hegels Versuch, aus dem leeren Sein doch noch so etwas wie den archimedischen Punkt zu erarbeiten findet meinen Respekt …aber es gibt bestimmte Begriffe, die wir einfach künstlich starr halten sollten. Ich bin, was Ästhetizismus und Egomanie des Künstlers betrifft, gewiss nicht kleinlich. Künstlerisch ist alles erlaubt. Aber doch nicht im menschlichen Verkehr. Und wenn ich dann jetzt für Leute wie Karl-Heinz Bohrer, der sich nicht entblödet hat, Nietzscheschwanger von der Notwendigkeit des „Opfers“ zu faseln (es ging um die neuen Kriege der Bundeswehr), ein platter, dümmlicher Aufkläricht bin…dann gerne! Friedrich Nicolai und John B. Priestley an die Front! „An Inspector calls“ (literarisch ordentlich gearbeitet, aber mehr nicht) ist für mich inhaltlich die heimliche Hymne des 20. Jahrhunderts – weil dieses Stück inmitten desaströser Zustände an das einzige appelliert, was noch helfen kann. Ich tippe es, „vor Kühnheit zitternd“: Schlichter Menschenanstand! Menschen hetzen, Menschen verfolgen – das gehört sich nicht, das schickt sich nicht, das macht man nicht und Punkt! Mehr bedarf es nicht – aber dessen bedarf es!

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Kommentare

  • genova68  On April 10, 2014 at 08:35

    Toll finde ich den Hinweis, dass die Mail an X ging. Man stelle sich vor, sie wäre an Y gegangen…

    😉

  • Rob  On April 10, 2014 at 20:19

    Wieso uneindeutig? H. war gegenüber den „Machenschaften“ der Nazis u. ihrem Nietzsche-Machtdenken eindeutig:

    „Daher gehören in das vom unbedingten Machtwesen bestimmte Zeitalter die großen Verbrecher. Sie lassen sich nicht nach sittlich-rechtlichen Maßstäben beurteilen. Man kann das tun, aber man erreicht so niemals ihr eigentliches Verbrechertum. Auch gibt es keine Strafe, die groß genug wäre, solche Verbrecher zu züchtigen. Jede Strafe bleibt wesentlich hinter ihrem Verbrecherwesen zurück. Auch die Hölle und dergleichen ist zu klein im Wesen gegen das, was die unbedingten Verbrecher zu Bruch bringen. Die planetarischen Hauptverbrecher sind sich ihrem Wesen nach zufolge ihrer unbedingten Knechtschaft gegenüber der unbedingten Ermächtigung der Macht völlig gleich. Historisch bedingte und als Vordergrund sich breitmachende Unterschiede dienen nur dazu, das Verbrechertum ins Harmlose zu verkleiden (…)“ (1938, Geschichte des Seyns § 61)

  • Bersarin  On April 10, 2014 at 21:22

    Ganz so einfach ist es mit Heidegger nicht.

    Die Linie, in der Heidegger steht, ist ungut – das ist wahr. Obwohl er ihr meines Wissens nie angehörte, ist es die der konservativen Revolution bzw. reaktionäres, ständisches Denken. Aber das eine sind die Lebensbezüge, das andere die Texte.

    Den ganz anderen Anfang der Philosophie zu wagen, war Heideggers Projekt. Man muß seine Texte daran messen, ob sie es halten.

    Biographisch war Heidegger ein Mitläufer, der irgendwann Mitte, Ende der 30er Jahre eine diffuse Form von Opposition im Denken betrieb. (So zumindest inszenierte er sich.) Vielleicht ging ihm der Nationalsozialismus auch nicht weit genug. Schwer zu sagen. Er irrte, wie Sartre in der UdSSR irrte. Wie Philosophinnen und Philosophen, die sich der aktiven Politik verschreiben, oft in die Irre gehen und das, was zu denken ist, verfehlen. Schlimmer als der Irrtum ist es, diesen hinterher nicht einzugestehen. Das unendlich gedehnte Heidegger-Schweigen.

    Die Linie Eichmann – Heidegger würde ich im Sinne einer Metapher verstehen. Sie sagt aber einiges über das faschistische Deutschland. In gewissem Sinne war Eichmann ein Zufallsprodukt. Es hätte auch jeder andere sein können. Schicksal und Charakter, um es mit dem Titel eines Benjamin-Aufsatzes zu schreiben.

    Was W. Pohrt von Höß schreibt, könnte ebenfalls von Eichmann gelten: „Kurzum: der Mann hätte ebenso gut beim Roten Kreuz, bei der UNO, bei ITT oder im Bundestag Karriere machen können. Höß ist das lebendige gewordene Stelleninserat, die gelungene Synthese aller Charaktereigenschaften, die sich Personalchefs und Volksschullehrer bei einem Menschen wünschen.“

    Funktionsträger.

  • hf99  On April 11, 2014 at 03:35

    @Rob

    Heidegger spricht explizit davon, der Welt des „Rechnens“ eine Weltsicht bewusster Vieldeutigkeit entgegen zu setzen. Übrigens ein wenig origineller, grundlegender Ansatz der romantischen Bewegung, die man ja auch als Kritik an der Moderne („kalte Rationalität“) deuten kann. Arendt wortwörtlich: Heidegger sei („hoffentlich“) der letzte Romantiker.

    @Bersarin

    Pohrt zitiert hier einfach nur Werner Klose und Hannah Arendt. (Klose im übrigen noch vor Arendt; sie hat sein Buch allerdings wohl nicht gekannt.) Inwieweit diese Sichtweise auf Eichmann(Höß) als nobody, als Funktionsträger für beliebige Funktionen, stimmt, ist inzwischen, etwa seit B. Stangneths Buch „Eichmann v o r (meine Hrvhbg) Jerusalem“ fraglich geworden.

    Ich sehe schon, dass ich da um eine längere Auseinandersetzung nicht herum komme und mir irgendwie die schwarzen Hefte beschaffen/leihen muss. Die Auszüge in der FAZ sind allerdings widerlich genug. Ein Vergleich mit Benn bietet sich ja an; allerdings tut man damit dem Verfasser von „Kunst und drittes Reich“, von „General“, insbesondere von „Monolog“ wohl doch Unrecht. (1941, auf dem Höhepunkt der Siege, schrieb Benn bekanntlich: „Den Darm mit Rotz genährt, das Hirn mit Lügen / Erwählte Völker Narren eines Clowns“…und datierte das Gedicht, vermutlich fiktiv, auch noch auf den 20. iV. 1941, verschickte es trotz Schreibverbot im Privatdruck an Freunde). Benns Aufsätze von 33/34 sind fürchterlich – „Es ist mein Volk, das sich hier seinen Weg bahnt. Volk ist viel… Meinen Sie (= Klaus Mann), Geschichte sei in französischen Badeorten besonders tätig?“ etcetc, aber Heideggers schwarze Hefte scheinen denn doch von anderem Kaliber.

    Anyway: Die entscheidende Frage wäre die: Ob in die Träume, also Texte der Intellektuellen und Künstler selbst das Grauen eingebrochen ist. Haben sie sich bloß politisch geirrt – wenig schmeichelhaft, aber nun gut -, oder gibt es da andere Bezüge. Ich befürchte letzteres. Deswegen mein Insistieren auf den zweifellos so netten wie etwas nunja langweiligen Priestley: Der entscheidende Irrtum all dieser Leute scheint mir der zu sein, für ihre wilden, hochinteressanten, aber gerne auch abwegigen Träume eine Realisierung herbeizusehnen. Immer wieder diese verwirklichte Götterdämmerung, dieser, Verzeihung, intellektuelle Fusel…Thomas Mann hat das in seinem „Zauberberg“ klar gesehen.

    Priestley hat sein Stück übrigens 44/45 geschrieben. Kein Zufall in meinen Augen.

  • summacumlaudeblog  On April 11, 2014 at 12:04

    Die Frage, die sich bezüglich Eichmann stellt, ist die, ob er bei mangelnder Gelegenheit innerhalb der Gesellschaft wirklich ein krimineller Outlow geworden wäre, um irgend etwas „schwarzes“ in ihm abzuarbeiten. Oder konnte er seine ihm immanente dunkle Seite eben doch nur „institutionalisiert“ befriedigen, also innerhalb der Gesellschaft, die zu seiner Zeit eben so war? Das würde bedeuten, dass es solche Typen immer gab und gibt und dass sie eben nur selten die historische Gelegenheit haben, sich zu „verwirklichen“. Ich finde diesen Gedanken übrigens deutlich beunruhigender als den Gedanken „Bösewicht Eichmann“.
    Dass er Dunkles in sich trug, ist klar. Also mich wiederholend noch einmal gefragt: Hätte er den Schneid gehabt, dieses „Böse“ als Räuber im Wald auszuleben? Oder ging das nur mit Uniform?

  • Rob  On April 11, 2014 at 12:12

    @ hf99
    Das mit dem „rechnendenden Denken“ ist m.E. richtig. H. hatte Vorurteile gegen die jüdische Geisteselite u. deren wurzelloses „rechnendes Denken“: atheistischer Wissenschaftsglaube, nur das Messbare ist wahr. Man darf aber nicht vergessen: Nicht betroffen von diesem Vorurteil sind die einfachen tiefgläubigen Juden im Osten, die eben nicht ihren Traditionen entwurzelt sind. Diese wurden aufgrund des virulenten christlichen Antisemitismus und der „rechnenden“ Nazi-Rasssebiologie umgebracht. Beides lehnte H. aber als primitiv ab.
    Das „rechnende Denken“ kritisierte H. auch an den Deutschen. Er wandte sich ab 1935 öffentlich Hölderlin zu, der die Deutschen als die „allberechnenden Barbaren“ kritisierte: „Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark (…)“ Das war der Ausganspunkt der Flucht Hölderlins aus der deutschen Tradition zu einem anderen Anfang im frühen griechischen Denken: H. übernahm ihn. Ein gewaltloser dichterischer Weltbezug soll die berechnenden Machenschaften der Moderne überwinden – Dichtung ist aber immer vieldeutig.

    @ Bersarin
    „Den ganz anderen Anfang der Philosophie zu wagen, war Heideggers Projekt.“ Stimme vollkommen zu, genau das war der Grund warum H. in der Hochschulopoltik sich den Nazis anschloss: Er wollte die moderne Ausrichtung des Universität auf Naturwissenschaft u. Technik endgültig überwinden: „Selbstbehauptung der Uni anhand Platons“. Die Nazis hatten aber genau das Gegenteil vor: Technik u. Naturwissenschaft als Grundlage der menschlichen Bildung – zur Machtsteigerung, aufgrund des unbedingten Willens zur Macht. Darum trat H. dann zurück: Die Nazis entpuppten sich nicht als Überwinder des modernen naturwissenschaftlich-technischen Denkens, sondern als Vollender. Die Moderne wird sich mit Hilfe der Technik selbst in die Luft sprengen, davon war H. dann überzeugt: der NS war nicht die Überwindung der grausamen nietzeanischen machtbessenen Moderne, sondern deren Vollendung. Dies verdeutlicht H. m.E. in martialischer Sprache in den „Schwarzen Heften“.

    Zur aktuellen Diskussion bleibt m:E. zu sagen:
    Leider berücksichtigen die Journalisten viel zu wenig den damaligen Sprachgebrauch u. Zeitgeist. H. ist da eher noch harmlos u. auf das Private beschränkt. In der SPD z.B. sprach man offiziell vom “schachernden Geldjuden”, der “Verjudung Deutschlands”, sogar von “Rassenhygiene”. T. Mann schrieb z.B. Aufsätze über die “Lösung der Judenfrage”. Adenauer sprach noch in den 1960ern vom “Weltjudentum”, für die Kirchen galten Juden als “Gottesmörder” u. “Söhne des Teufels” usw. selbst Brecht sprach v. Juden als “Rasse”. Dass das „Weltjudentum“ (jüdischer Weltkongress) u. „jüdische Großbanken“ einen Krieg gegen Deutschland unterstützen könnten, diskutierten z.B. damals mehr als 80% der Deutschen. Dies ist kein Kriterium, um heute H. als menschenverachtenden Nazi auszuweisen.

  • summacumlaudeblog  On April 11, 2014 at 19:40

    „Leider berücksichtigen die Journalisten viel zu wenig den damaligen Sprachgebrauch u. Zeitgeist. H. ist da eher noch harmlos u. auf das Private beschränkt.“ ja, richtig – hierzu und auch zu dem Begriff „Rassehygiene“, der aus dem Fach Sozialhygiene kam und in der Tat damaliger Sprachgebrauch war, ist vor einigen Wochen/Monaten bei bersarin ( v.a. mit und durch viktor) eine interessante Diskussion gelaufen. Vielleicht kann bersarin die mal verlinken.

  • hf99  On April 11, 2014 at 19:46

    „Er wollte die moderne Ausrichtung des Universität auf Naturwissenschaft u. Technik endgültig überwinden: „Selbstbehauptung der Uni anhand Platons”. Die Nazis hatten aber genau das Gegenteil vor: Technik u. Naturwissenschaft als Grundlage der menschlichen Bildung – zur Machtsteigerung, aufgrund des unbedingten Willens zur Macht. Darum trat H. dann zurück: Die Nazis entpuppten sich nicht als Überwinder des modernen naturwissenschaftlich-technischen Denkens, sondern als Vollender. “ das ist nicht falsch, übersieht aber – heidegger sagt es wortwörtlich, aus der Nummer kommt er nicht heraus -, dass er eben gerade im seelenlosen Juden den „Rechner“ sieht, die Juden als rafinierte Schmarotzer, Aneigner, Wühler, Unterwanderer versteht, die in der Substanz für eben diese Rechnerwelt verantwortlich zeichnen.

  • summacumlaudeblog  On April 11, 2014 at 19:55

    An hartmut und rob: Nochmals darauf hingewiesen. Diese Fragen sind alle schon bei bersarin diskutiert worde mit ähnlicher Wertung. Deutsche Ing.-Kunst (KUNST sic!) versus jüdischer Intellektualismus, so die Nazis. Wobei es H. möglicherweise wirklich eher um die Ingenieurswelt ging, die er ablehnte.

    Aber die Instalierung dieser Welt warf er dann doch den Juden vor? Ich frage, weil ich es nicht genau weiß!!!

  • Rob  On April 11, 2014 at 22:42

    @hf99 Ich glaube, Du bist da ein bisschen auf die Verkaufs- und Karrieretricks von Trawny u. Co. hereingefallen. Die dramatisieren das in Richtung jüdischer Weltverschwörung durch hinterhältiges, gemeines, parasitäres „rechnendes Denken“. Soweit ich sehe meint H. aber überwiegend die Begabung der Juden zu Mathematik u. Naturwissenschaft, die er im Prinzip nicht einmal ablehnt. Er sah die Welt aber auf dem Weg zum oberflächlichen Wissenschaftsglauben und kritisierte in diesem Zusammenhang auch, aber nicht ausschließlich, die jüdische Geisteselite. Hauptverantwortlich für das „rechnende, gegenständliche Denken“ bleiben für ihn in der Geschichte immer noch Descartes u. Kant usw. In der modernen Technik waren die Juden eh nicht führend.
    Meine Meinung: H. war eingebildet auf die deutsche Geistestradition (Schelling, Fichte, Kant, Hölderlin) und hielt sich für tiefsinniger u. verwurzelter als die internationale Moderne, die im Namen der Wissenschaft auf diese glaubte allmählich verzichten zu können. Hier spielte für ihn die internationale jüdische Intelligenz eine negative Rolle (mit einigen zeitgenössischen Stereotypen). Das war aber eher Kulturkritik (u. Neid?) als echter Rassismus u. Antisemitismus. (H. – aus heutiger Sicht ein absolut reaktionärer Unsympath, damals konservativer Durchschnitt)

    @ summa c.l.b.
    Danke
    ?Soviel ich weiß, war ein Sohn Hs. selbst dem „rechnenden Denken“ verfallen – noch schlimmer, er war Techniker bzw. technischer Ingenieur.?

  • Bersarin  On April 12, 2014 at 06:58

    Es folgt gleich ein Kommentar, der ob der vielen Verlinkungen sicherlich im Spam-Ordner landet. Damit er aus dieser Gefangenschaft freigesetzt wird, wurde dieser Kommentar geschrieben.

  • Bersarin  On April 12, 2014 at 06:59

    Ich gehöre, im Gegensatz zu anderen Blogger:innen, nicht zu den Selbstverlinkern, die beständig und zwanghaft auf ihre eigenen Texte verweisen müssen, aber da summacumlaude mich bat, so seien hier einige Links genannt. Dort finden sich, neben einer umfangreichen Diskussion, auch meine Argumente für und wider Heidegger. Weitere Texte zu Heidegger gibt es auf meinem Blog, wenn man in die Suchmaske den Namen „Heidegger“ schreibt.

    https://bersarin.wordpress.com/2013/12/30/in-hoc-signo-vinces-sieg-heil-sieg-heidegger-heideggers-antisemitismus/

    https://bersarin.wordpress.com/2014/01/05/ein-diez-ein-kracht-ein-heidegger/

    https://bersarin.wordpress.com/2014/02/04/10-jahre-facebook-heidegger-byung-chul-han-flusser-und-das-internet-oder-auch-strukturwandel-der-offentlichkeit/

  • hf99  On April 12, 2014 at 07:49

    „Aber die Instalierung dieser Welt warf er dann doch den Juden vor? “ (@summa) Wortwörtlich ja! Siehe die FAZ-Belege Link oben.

    @Rob Und deswegen: „Ich glaube, Du bist da ein bisschen auf die Verkaufs- und Karrieretricks von Trawny u. Co. hereingefallen. “

    Eben gerade nicht.

    Indem Heidegger – wenn er den Nazis etwas vorwirft – ihnen vorwirft, gleichsam selber auch nur seynsvergessen zu sein, d.h. letztlich: selber jüdisch zu sein, selber der Rechnerwelt anzugehören, wirdt er „den Juden“ vor, sie hätten sich letztlich symbolisch selbst vergast. Ich nenne das den Gipfel der intellektuellen Niedertracht, sorry. Vergl dazu die post-war-Rezeption, ich nannte mehrfach exemplarisch Vattimo, das Ende der Moderne. Humanismus, bijektive Abbildung, eben „Rechnerwelt“ als Grundlage des Faschismus. Frage: Führt die romantische Kritik an der „Rechnerwelt“ notwendig zu Blut-und-Boden, falscher Nahgruppensolidarität, notwendig zur Lüge? Ich meine „nein“. Man kann die romantische Kritik an der abverwalteten, durchgerechneten Welt mitmachen (an dieser Kritik ist ja weiß Gott etwas dran!), ohne sich in solche Gefilde zu begeben.

    @Bersarin: Muss gleich los, arbeiten. genaueres heute abend.

  • Rob  On April 18, 2014 at 16:13

    Weil ich gerade Zeit hab! Wen es interessiert:
    Warum verteidigen manche, z.B. die Franzosen H.? Sie gehen mehr von seinem Denkweg (Vorlesungen, Schriften) aus:
    In der Vorlesung Sein und Wahrheit, (1933/34) legt H. dar, dass die Nazi-Ideologie von Blut u. Boden oberflächlich ist, z.B.:
    „So ist der Wille zu Wissen und Geist dasjenige, womit wir stehen und fallen. Es ist heute  viel die Rede von Blut und Boden als vielberufener Kräfte. Bereits haben die Literaten, die es ja auch heute noch gibt, sich ihrer bemächtigt. Blut und Boden sind zwar mächtig und not wendig, aber nicht hinreichende Bedingung für das Dasein eines Volkes. Andere Bedingun-gen sind Wissen und Geist, nicht als ein Nachtrag in einem Nebeneinander, sondern das Wissen bringt erst das Strömen des Blutes in eine Richtung und in eine Bahn, bringt erst den Boden in die Trächtigkeit dessen, was er zu tragen vermag: Wissen verschafft Adel (…)“

    1935 H. erklärt in Vorlesung jegliche Rassepolitik für primitiv, Einführung in die Metaphysik.
    Er bezeichnet sie als ein Symptom der „Entmachtung des Geistes“, z.B.: „Ob dieser Dienst der Intelligenz sich nun auf die Regelung und Beherrschung der materiellen Produktionsverhältnisse (wie im Marxismus) […] oder ob er sich in der organisatorischen Lenkung der Lebensmasse und Rasse eines Volkes vollzieht, gleichviel, der Geist wird als Intelligenz der machtlose Überbau zu etwas Anderem, das, weil geist-los oder geist-widrig, für das eigentlich Wirkliche gilt.“

    1935 Vorlesung: Hölderlin als „Dichter der Deutschen“ – für alle die deutsch verstehen u. sich ihm anschließen, jenseits von Rasse, Nation u. Glauben, z.B.:
    „Dichter der Deutschen nicht als genitivus subiectivus, sondern als genitivus obiectivus: Der Dichter, der die Deutschen erst dichtet, […], d.h. der Stifter des deutschen Seyns, […]“
    Das Wesen der Dichtung könne sich nur einer Besinnung über Sprache und Logos erschließen. Sie sei weder Ausdruck einer „Kulturseele“ Rassenseele wie bei Alfred Rosenberg oder Kolbenheyer, z.B.: „Dichtung ist eine biologisch notwendige Funktion des Volkes Es braucht nicht viel Verstand, um zu merken: das gilt ja auch von der Verdauung — auch sie ist eine biologisch notwendige Funktion eines Volkes, zumal eines gesunden. Und wenn Spengler die Dichtung als Ausdruck der jeweiligen Kulturseele faßt, dann gilt dies auch von der Herstellung von Fahrrädern und Automobilen. Das gilt von allem — d. h. es gilt gar nicht.“

    1946 Brief über den Humanismus. H. erläutert, dass, er sein Denken als dem Humanismus verpflichtet sieht u. nennt Marx den tiefsinnigsten Geschichtsdenker der Moderne,z.B.:
    „Was Marx in einem wesentlichen und bedeutenden Sinne von Hegel her als die Entfremdung des Menschen erkannt hat, reicht mit seinen Wurzeln in die Heimatlosigkeit des neuzeitlichen Menschen zurück. Diese wird und zwar aus dem Geschick des Seins in der Gestalt der Metaphysik hervorgerufen, durch sie verfestigt und zugleich von ihr als Heimatlosigkeit verdeckt. Weil Marx, indem er die Entfremdung erfährt, in eine wesentliche Dimension der Geschichte hineinreicht, deshalb ist die marxistische Anschauung von der Geschichte der übrigen Historie überlegen.“

    • hf99  On April 18, 2014 at 22:40

      hast Du zwei Stunden Zeit?

      Ich auch nicht.

      Die Gegenzitate wurden hier beigebracht. War Heidegger heimlicher Antinazi oder war er Übernazi, der den Nazis lediglich vorwarf, doch auch wieder der Rechnerwelt verhaftet zu sein? (Wie Du weißt, waren die Nazis beides: Krachlederne BluBo-Erdschollenfritzen UND Technikfreaks, stolz auf Bernd Rosermeyers Geschwindigkeitsrekorde, auf „unsere“ Messerschmitt Me 109 usf) Dass heidegger suggeriert hat, man könne nur auf deutsch richtig philosophieren (naja gut, auch auf altgriechisch noch), ist einigermaßen unstreitig.

      Ich bleibe dabei: Das, was man etwas unkkar unter romantische Kritik/konservative Intellektualität etcetc subsummieren kann, führt mitnichten notwendig in den Faschismus. Mathematik, Wissenschaft führt ebenso wenig notwendig zur Weltbürgerlichkeit (man google Philip Lenard, Gottlob Frege, deutsche Physik, Oskar Becker etcetc). Wer aus Herders „Volksgeist“ eine gerade Linie zu Hitler ableitet, muss seine Linkshegelianer irgendwie falsch gelesen haben.

      Dennoch: Die Romantische Kritik an der Moderne scheint mir zumindest verführbarER zu sein als etwa die formale Logik. Freges und Lenards politische Albernheiten – da habe ich mich jetzt sehr generös ausgedrückt! – widersprechen ihren wissenschaftlichen Ansätzen eklatant und direkt. Eine deutsche Physik zu behaupten ist ein Satz der Struktur „p und non-p“, also ein logischer Widerspruch. „Es gibt eine besondere, deutsche Physik, eine Physik des arischen Wirklichkeitserforschers“ ist l-falsch. Also falsch in allen möglichen Welten. Ihre Anspruch nach ist Naturwissenschaft – man mag sie bewerten wie auch immer – international. Ob ein Physiker-Team, welches Rutherfords Experimente wiederholt, an Allah glaubt oder an Arno Schmidt, ob das Team privat de Beauvoir liest oder Hemingway – am besten immer jeweils beides! – , ist unerheblich. Erheblich allein sind ihre öffentlich dargetanen, reproduzierbaren Ergebnisse. Aus diesem Anspruch besteht Wissenschaft. Dieser Anspruch i s t (nur Natur?)Wissenschaft. Es anders zu sehen ist im präzisen Sinn des Wortes unwissenschaftlich. Ganz anders die romantische Kritik. Das Partikulare einzelne in den Blick nehmen – richtig, m.E. Aber bitte nicht um diesen Preis. Thats the point.

      Übrigens: http://de.wikipedia.org/wiki/Nelb%C3%B6ck
      interessant.

      Und wie hieß es noch? Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen… aber wie geht es weiter?

  • Rob  On April 19, 2014 at 12:14

    „Dennoch: Die Romantische Kritik an der Moderne scheint mir zumindest verführbarER zu sein als etwa die formale Logik.“ –

    Stimme voll zu!

    „Und wie hieß es noch? Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen… aber wie geht es weiter?“

    Vielleicht: „Erschweigung: Wir können das Sein nie unmittelbar sagen, auch nicht mittelbar im Sinne einer gesteigerten Logik…“?

    (PS interessant Nelböck!)

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