Sie nennen es Nichtstun

Was ist es? Ein Episodenroman, Ich-Erzähler, männlich, erzählerisches Präsens.

Worum geht es? Um einen Hausmann, dessen Frau, seine drei Kinder, einen Freund namens Henny, Nachbarn. Beschrieben wird der Alltag dieser Familie: Schulprobleme, Kindergeburtstag, die skurrile Welt von Kindern, der normale Ehewahnsinn: All diese Kleinigkeiten, die einen dann denken lassen – so eröffnet Posch den Roman -, „mein Leben ist vorbei“. „ist“, Indikativ. Sozialstatus? Bildungsbürgertum, Eigenheim in einem Hamburger Vorort (er nennt ihn Rahlstedt; natürlich ist das erfunden wie alles). Millieu? Schwarz-grüne Eigenheimbesitzer im Weitesten; und diese schräge Künstlerfamilie, die sich nicht einmal ein Auto leisten kann, und allemal keinen China-Urlaub (s.u.) mittendrin. Sex? Kommt vordergründig kaum vor (stimmt nicht ganz, aber gut). Familienkram halt. Mit anderen Worten: Na ja!

Und dann ist da gar nichts „Na ja!“

Es gibt sie ja, die Bücher (entlarvend genug sinds dann auch noch Bestseller), die ihre faulen Witzchen zum Beispiel daraus ziehen, Sprach-, also Wehrlose vorzuführen. Etwa wenn eine „Frau Freitag“ dem Bildungsbürgergesindel das verhartzte Prekariat als strunzdoof schildert. „Pumphosenwitzig“ nannte Rühmkorf solcherart literarisches Treiben mal. Hier? Kein Wort davon! Ob Posch an diese Lehrerinnenbücher gedacht hat, als er, in genialer Umkehrung, nicht die Pädagogisierten auf die Schippe nahm, sondern die Pädagogen und Psychologen selber (Episode „Gewürm“)? Egal: Odysseus und Lovecroft schlagen intervenierende Sozialarbeit jedenfalls locker 2 – 0. Poschs Perspektive auf die Welt des bachblütentherapierten, farbberatenen, Yoga-gestählten sonoren neuen Bürgertums ist so herrlich schräg, dass diese in sich windschiefe Welt fast von selbst zurecht gerückt wird. Hinter der Flötenstunde lauert die Existenzialie.

Meine persönliche Lieblingsstelle? Es gibt so viele. Vielleicht die hier:

Sanddorn (ein Nachbar, hf) steht am Zaun. Ich stelle den Rasenmäher ab.
„Können Sie in den nächsten drei Wochen bei uns nach dem Rechten sehen? Weil, wir fahren nach China.“ China betont er, als wäre es die Welt.
„China“, echot meine Tochter, im selben Klang.
André fragt: „Was ist das China?“
„Das volle Programm“, erzählt Sanddorn. „Mauer, Tonsoldaten, ewige Stadt. Nur Schanghai lassen wir aus. Machen wir nächstes Jahr! Und Sie? Fahren Sie weg?“
„Wir haben einen Weltatlas zu Hause“, antworte ich. „Da gibt’s ne Karte mit den Raubkapitalismustaaten der Erde, und China ist komplett rot eingefärbt.“
„Also gut, dann lasse ich den Schlüssel bei Ihnen!“ Ich nicke und schmeiße die Maschine wieder an. (p.90)

Oder die?

Nachts wache ich auf. Ich überlege, wie oft meine Frau noch über die Witze lachen wird, die ich ihr seit fünfzehn Jahren erzähle. Fünfzehn Jahre kann man sich nicht vorstellen. Und es sind nur eine Handvoll Witze. Und wie lange mag ich noch ihre Geste, dieses ‚Hoppsa schöner Mann‘? Eine Geste, die frisch wirken soll und die sie mit dem ganzen Körper ausführt. Und wie oft werden wir noch miteinander schlafen? Bis zum Ende. Bis es nicht mehr auszuhalten ist. Es nicht mehr geht. Es nicht mehr steht. Ich grinse anzüglich. Obwohl ich alleine bin. Außerdem war es nur ein Gedanke. Nichts Echtes. Und im Dunklen. (p- 112-113)

Es ist ganz herrlich.

kein Ende scheine es zu haben, das Episodenhafte, bemerkt der Ich-Erzähler an anderer Stelle. Die Nicht-Entwicklung, das Abfrühstücken des Restlebens bei klarem Bewusstsein um die eigene Brüchigkeit als melancholischer Ausweg? Mithin: Neue Bürgerlichkeit, also postmodernes Biedermeier? Motto: Wie ein Punker Hausbesitzer wird? Er wird es mir vermutlich übel nehmen, aber ich sage: Ja, schon. Auch er, so wie wir alle. (Oder ist einer von uns gerade unterwegs? Auf der Reise in den Untergrund? Zur neuen RAF oder ins Nichts?) Denn auch der Spiegel gehört der Zeit und den Umständen an, die er spiegelt. Nur sollte ihn dieser vorderhand sicherlich wenig attraktive Begriff nicht verdrießen. Hebbel, selbst Heine und Büchner…sie alle schrieben im Zeitalter des überbordenden Biedermeier. Was ist denn derzeit, in diesen Zeiten politischer und vor allem menschlicher Agonie, nicht Biedermeier? Aber in genau solchen agonierenden Treibhauszuständen gährt ja etwas – und es sind diese Gährungsprozesse, die Poschs Prosa stilsicher schildert. Poschs Buch feiert nicht etwa den Rückzug ins Private, es schildert ihn präzise und melancholisch. Als Zeitdokument wird es allemal bleiben. Und wer nur die Episode „Vertane Chancen“ gelesen hat, wird bei mir sein, wenn ich ergänze: auch als großartiges Stück Literatur. Genau deswegen ärgert mich das Etikett „Hausmännerroman“ so sehr. Es ist kein „Hausmännerroman“. Es handelt sich um konkrete Auskünfte über uns, also um Kunst.

Es hat gedauert – aber jetzt ist er endlich da. Eine der wichtigsten Romane des Jahres. Dass er natürlich nicht nominiert wurde für den deutschen Buchpreis…nun denn. Dort werden „AutorInnen“ wie Helene Hegemann (mit Katharina Saalfrank in einer Gastrolle vermutlich) plus Consorten nominiert, mehr muss man zum deutschen Buchpreis auch nicht sagen.

Den amazon-Link googelt Ihr selber, wenn es denn sein muss. Ich empfehle Euch den Buchhändler Eures Vertrauens; wer noch keinen hat, geht einfach zur Buchhandlung Hoffmann hier in Barmbek; in Berlin ist die Paulus Buchhandlung einschlägig.

Posch, Alexander, Sie nennen es Nichtstun, München 2014, Verlag Langen/Müller ISBN 978-3-7844-3346-2, 17,99.- €

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