Darnstädts Justizirrtum

Thomas Darnstädt, dessen Arbeiten zum Thema Justizirrtum ich ansonsten ja schätze, irrt. Ganz offenkundig hat er bedingte Wahrscheinlichkeiten nicht verstanden. Aus „konsumiert legale Drogen“ folgt mitnichten eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit für „konsumiert dann wohl auch illegale Drogen“. Das ist eine Variante des berühmten Fehlschlusses von der „Einstiegsdroge“. Es stimmt zwar (meistens), dass, wer ‚illegale‘ Drogen konsumiert, vorher auch ‚legale‘ Drogen zu sich nahm. Nur gilt der Umkehrschluß eben nicht. Ansonsten wäre bekanntlich Muttermilch die Einstiegsdroge für Bier. Wer Muttermilch konsumiert hat, wäre somit verdächtig… Darnstädts falscher Analogieschluss macht das ganz augenscheinlich: Der Bankraub, den er ins Spiel bringt, hat ja erwiesenermaßen statt gefunden; wer mit viel Bargeld aus einer soeben ausgeraubten Bank türmt, ist in der Tat und zu Recht verdächtig. Beim vorliegenden Fall aber wissen wir gar nicht, ob ein Bankraub überhaupt statt gefunden hat – genau um diese Frage geht es ja.

Ggfls wäre ein qualitativer Schluss erlaubt, ohne zuhilfenahme von Bayes: Wer sich solche zwar legalen, aber doch etwas befremdenden Filmchen anschaue, bei dem sei allemal der Schluss erlaubt (aufgrund unseres gut abgesicherten Wissens darüber, wie eine menschliche Person sich selbst organisiert), es läge eine ganz bestimmte sexuelle Präferenz vor. In der Tat: Solche Filmchen schau ich mir nicht an (ich wusste bis vor kurzem nicht einmal, dass es formal legales Material in dieser Richtung gibt), und auch ich finde ein solches Konsumverhalten, nun ja, etwas sehr merkwürdig. Indessen: Es kann ja sein, dass X tatsächlich (leicht?) pädophil veranlagt ist, nur eben, gerade weil er Kindern nichts antun will, sein Verlangen allein auf legalem Weg befriedigt. Was wäre dagegen zu sagen?

PS: Wenn es stimmt, dass formal legales pädophiles Material hergestellt wurde und wird, indem man, zum Beispiel in Osteuropa, Armut ausnutzt, um sich willfährige Kinder zu besorgen, dann gehören unsere Gesetze hier präzisiert – das geht nicht, solchem Tun gehört ein Riegel vorgeschoben weil fällt aus wegen iss nich. Filmchen, in denen kleine Jungs, die man für ein paar Euro sechsundfuchzig und mithilfe von Lügen dazu beschwatzt hat, vor laufendem Camcorder nackt „Sport“ treiben, braucht kein Mensch; die Intentionen der „Filmemacher“ sind evident. Ob man jedoch generell Kauf und Verkauf von Bildern nackter Kinder kriminalisieren soll? Ich weiß es nicht, ganz ehrlich. Ich selber kaufe solche Bildchen nicht und brauche sie nicht. Wie weit aber soll das dann gehen? Was ist mit der Studentin, die ein Hauptseminar in geschichte besucht und eine Hausarbeit über Jugendbewegung, Freikörperkultur etc um 1900 schreiben soll? Darf sie eine Bilddokumentation erstellen? Wie wären meine eigenen Kindheitsbilder zu werten? (Ich sagte schon mehrfach: damals ging man noch ganz unschuldig mit kindlicher Nacktheit um – Strandfotos und dergl.) Alte Statuen? Runges Nacktbilder?

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Kommentare

  • Dirk  On Februar 18, 2014 at 12:29

    „Den Profis in Deutschland wäre das nicht passiert. Sie wissen, dass die korrekte Frage für die Stützung eines Tatverdachts nicht lautet: Wie viele Männer, die ihre Frau prügeln, bringen sie auch um? Sondern, genau umgekehrt: Wie viele Ehefrauenmörder haben vorher ihr Opfer auch geschlagen? Vermutlich sehr viele. So wird aus dem Vorwurf, seine Frau geschlagen zu haben, ein Mord-Indiz. “

    Genau aus diesem Grund gibt es in deutschen Strafprozessen so viele Fehlurteile. Es gibt nun mal keien Induktionslogik nach der sich Kausalhypothesen prüfen lassen. By the Way: Sozialwissenschaftler lernen sowas im ersten semester.

    • hf99  On Februar 18, 2014 at 12:34

      Natürlich.

    • hf99  On Februar 18, 2014 at 12:39

      Ergänzend: Dieser fatale guilt-by-asssociation-Fehlschluss ist unter Juristen/Kriminologen seit Jahrzehnten als eine der Quellen für Fehlurteile bekannt. Immer wieder gerne verweise ich auf den Klassiker: Max Hirschberg, das Fehlurteil im Strafprozess.

  • KL  On Februar 18, 2014 at 14:28

    Daß dieser Autor den Bayes gar nicht verstanden hat, ist die treffende und entscheidende Diagnose zu diesem mißratenen Text. Über Scheinkorrelationen, geringe Wahrscheinlichkeiten und die Profis der Staatsanwaltschaft muß man da noch gar nicht reflektieren.
    Es ist beinahe grotesk, so weit danebenzuhauen. Wenn Mörder ihrer Ehefrauen diese zuvor auch oft geschlagen haben, ist es hoch wahrscheinlich, daß ein Mann, der seine Frau ermordet hat, diese zuvor wohl auch geschlagen hat. Mehr nicht. Aber umgekehrt ?? Einige der „Spiegel“-Kommentatoren haben intuitiv verstanden, daß da Nonsens formuliert wurde und weisen auf die Korrelation Mörder-Brotesser hin.

    Da übernimmt ein Journalist endlich einmal eine gute Gelegenheit wahr, an passender Stelle dem allgemeinen Publikum Wahrscheinlichkeitsrechnung zu erschließen – und scheitert dabei kläglich ! Ich verkneife mir den Rest.

  • KL  On Februar 18, 2014 at 14:31

    übernimmt

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