Che, die Linke, das Leben und ich – update

Ich hatte mit dem Bloggen ja ein bißchen pausiert. Eine längere Arbeit, eine Fantasie über Schillers Ästhetik, war und ist nicht publikationsreif; und um substanzielles zur Heidegger-Debatte bei Bersarin zu liefern fehlte mir die Zeit.

Che hat hier einige sehr interessante Bemerkungen fallen lassen. Ich will kurz einige Überlegungen dazu versuchen.

Wenn ich mich letztlich – trotz aller inhaltlicher Übereinstimmungen – gegenüber „der“ politisch aktiven linken Szene immer etwas reserviert gezeigt habe (immer schon übrigens, auch an der Uni), dann deswegen: Weil ich den, Verzeihung, nicht unbegründeten Verdacht hegte und hege, diversen Diskutanten ginge es nicht um Klärung, Analyse, Unterredung, Meinungsstreit, sondern um etwas substanziell anderes: Um ihre sog. Identität, was immer das dann sei. Und Identität gibt es, jedenfalls begrifflich, naturgemäß nur per Abgrenzung; jedes „innen“ erfordert ein „außen“, jedes A verweist trivialerweise auf ein Non-A. In diesem Sinne waren ich und mein Lob des Selbstwiderspruchs natürlich immer echte Postmoderne – wobei mir das Wort nicht behagt, ich nenne es lieber libertär. Ich habe eine instinktive Abneigung dagegen, Menschen vollständig zu beurteilen, also zu verurteilen, und gar bloß deswegen, weil sie zu einer bestimmten Frage eine bestimmte abweichende Position vertreten. Ich verstehe das Konzept „Identität“ letztlich einfach auch nicht. Was genau soll das sein? Man mag es mir glauben oder es bleiben lassen, aber ich spiele hier nicht den Gezierten, sondern weiß es ganz ehrlich nicht: Meint man damit das Selbstbild, das, mehr oder weniger konsistent, wohl jeder von sich hat? Was wäre daran problematisch? Ist ein Selbstentwurf gemeint? Aber wen störte der? Oder meint man ein mehr oder weniger moralisch oder politisch begründetes Konstrukt namens „wahre Identität“, der man auch persönlich zu entsprechen habe? Genau hier verknüpfen sich dann Moral und Politik mit persönlichen Fragen aufs Unheilvollste. Ich halte diese in der Tat weit verbreitete Vermischung von Persönlichem und allgemeinen Fragen für eine wesentliche Fehlkonstruktion der politischen Rede – seit Robbespierre, seit Cromwell. Hier wird das eröffnet, was mir die öffentliche Unterredung häufig so zuwider macht: Das Denunziantentum, die Ehrabschneiderei, häufig verbunden mit schamloser Opferranschmeiße. (Nur wenig ist ja so fatal und so wenig produktiv, übrigens wenig auch so infam wie der Opferdiskurs, wie er sich in den letzten Jahrzehnten etabliert hat: Das Opfer wird als makellos, authentisch und rein inszeniert; die Intellektuellen sind seine selbsternannten Fürsprecher, und Gnade denen, die dieser säkularreligiösen Inszenierung widersprechen! Man könnte fast von einer Mode der Identitätskronstruktion per Opfer sprechen.) Der langen Rede kurzer Sinn: Der Satz „Das Persönliche ist politisch und das Politische persönlich“ ist in meinen Augen grundfalsch: Hier wird zur Inquisition, zum pietistischen Zerknirschungsdiskurs eingeladen. Aus meinem Tagebuch 1989/90: „Bin ich auch politisch brav und artig gewesen? Nein, bin ich nicht. Und will ich vor allem auch nicht“ Es ging und geht mir um eine Kritik des Identitätsbegriffs überhaupt: Die linke politische Identität – am vehementesten dokumentiert in den RAF-Kassibern – war mir dabei immer genau so suspekt, genaus so zuwider wie die bürgerliche, die sich bekanntlich jüngst nicht einmal mehr entblödete, die deutsche Seele rehabilitieren zu wollen. Identitätskonstruktionen, Zuschreibungen von gut und böse, erlaubt und verboten sind in hierarchischen Gesellschaften natürlich unabdingbar – eine Kritik von Hierarchie und Gewalt indessen sollte auf sie verzichten.

Bewusst apolitisch gesprochen: Es ist der Ton, der die Musike macht. Man kann ja sicher über alles ruhig und sachlich sprechen, über manches auch polemisch, zum Beispiel über Geschlechterrollen. Wenn ich aber von vorneherein mit einem „ich fordere Dich auf, Dich jetzt erst einmal selbstkritisch mit Deinem Mann-Sein auseinanderzusetzen, über anderes rede ich vorher nicht mit Dir“ (ist jetzt nur ein Beispiel; beliebig austauschbar – allerdings ein selbsterlebtes!) konfrontiert werde, dann ist das einfach nur unbrauchbar. Darauf kann ich auf Augenhöhe nicht antworten. Ich unterwerfe mich entweder, oder ich reagiere aggressiv (und bestätige der Dame damit ihr Vorurteil über mich – typisch Macho). Aber auf Augenhöhe kann ich auf diese Anklage nicht antworten, denn sie vermengt unzumutbar sozialwissenschaftliche Analyse und persönliche Schuldzuschreibung.

Dieser Schulddiskurs und diese damit aufs engste verknüpfte Opfermetaphysik – hie die authentisch Guten, dort die authentisch Bösen, ich natürlich immer auf Seiten der Guten – sind indessen nicht nur, jetzt bin ich ein bisschen gemein, undialektisch. Sie sind vor allem schon auf der schieren Faktenebene unwahr! Wer ist denn Opfer? Wer Täter? Wo Lenin Recht hat, hat er Recht: Die Wahrheit ist konkret. Ist der schwarze Diplomatensohn aus Bonn, der in der internationalen Schule Abi „gebaut“ hat, danach bei Milton Friedman WiWi studierte und jetzt Nahrungsmittelfonds managed, Opfer, weil er schwarz ist? Ist der weiße Belgier, der, weil psychisch krank, keine Ausbildung abschließen konnte in der Biff-and-Happy-Gesellschaft und deswegen die demütigendsten Prekärbeschäftigungen annehmen muss, Täter, weil männlich und weiß und belgisch-Kongo sowieso? Es gibt historisch nur wenige Situationen, wo die Täter-Opfer-Relation eindeutig ist – Nazi-Deutschland ist natürlich das bekannteste Beispiel. (Dicke Klammer auf: Selbst in Nazi-Deutschland gab es, geringfügig, moralische Überschneidungen – Stella Goldschlag etwa oder der arme Cossmann, „ist aber uninteressant“ (Arendt). Aus der anderen Richtung wäre vielleicht Kurt Gerstein zu erwähnen. Dicke Klammer zu!) Oder der Sklavenhandel. (Selbst dort gab es Juniorpartner!) Aber per heute und per Mitteleuropa muss ich sagen: Wer ist Täter, wer ist Opfer? So zwischen Deutschland und Griechenland und Lampedusa und Elbchaussee und Hartz IV… Gar nicht so einfach.

Diese Diskurs-Untiefen sind gefährlich. Denn sie diskreditieren berechtigte Ansätze, indem sie sie zur Identitätsfindung vernutzen, in den Identitätsdienst einspannen. Und damit wird der ganze Ansatz konterkariert: Sobald mein Kampf gegen Rassismus, einfach gesprochen, mein Lebensinhalt ist, brauche ich Rassisten – denn sonst ist mein Leben vorbei. Gibt es sie nicht…nun gut, so werden sie halt geschaffen! Ergebnis: Die wahren Rassisten (und es gibt sie, you better believe it!) entlarven, nicht ganz zu Unrecht, diese Rassismus-Riecherei als verlogen und generieren so für sich auch noch einen Anschein von Wahrheit.

Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentare

  • neumondschein  On Januar 27, 2014 at 06:10

    Identität gibt es nicht nur bei den (sogenannten) Linken. Es gibt da noch nationale, jüdische, völkische, christliche und viele andere Identitäten sowie Fußballvereine. Die richtet sich wahlweise gegen Asoziale, Schwule, Juden, Neger, Zigeuner, Arbeitslose, Alleinerziehende, Deutschtürken, Ausländer, Moslems. Daran wollte ich erinnern.

    • hf99  On Januar 27, 2014 at 22:56

      ich habs per update etwas klarer gemacht. Identitätszuschreibungen sind in hierarchisxchen gesellschaften schlicht notwendig – man sollte sie fallen lassen. Andernfalls ersetze ich nur eine Hierarchie durch eine andere.

  • eb  On Januar 27, 2014 at 08:10

    Also da hab ich jetzt auch Schwierigkeiten mit. Ich brauche keine Rassisten. Ich brauch sie wirklich nicht. Ich schwöre hoch und heilig, ich kann vollkommen ohne sie leben. Aber ich weiß, dass es sie gibt. Denn wo hatte Lenin recht? Die Wahrheit ist konkret.

    • hf99  On Januar 27, 2014 at 10:44

      na klar. Aber dann soll man den vielen wirkliche Rassisten nicht auch noch virtuelle beigesellen.

      • eb  On Januar 27, 2014 at 19:21

        Wir meinen im Grunde schon das Gleiche. Betrifft aber hoffentlich nicht nur Rassisten, sondern auch dialektische Separatisten. (Damit mein ich jetzt nicht dich) Ein kleines Problem wird da allgemein übersehen. Das Niveau ändert nichts am Zustand. Es verfeinert es nur. Da nutzt die ganze Dialektik nix.

  • Stony  On Januar 27, 2014 at 09:28

    Und Identität gibt es, jedenfalls begrifflich, naturgemäß nur per Abgrenzung; jedes „innen“ erfordert ein „außen“, jedes A verweist trivialerweise auf ein Non-A.

    Das funktioniert aber auch nur da, wo man dieses „außen“ in kleine Scheibchen schneidet, unterschiedliche „Außenwelten“, oder besser Teile von diesen, als unterschiedlich zu den je anderen (für-)wahr-nimmt.
    Was in meiner Betrachtungsweise das große Problem einer imaginierten „Objektivität“ ist, welche ich lediglich als allg. Übereinkunft und vor allem einer ihres „innen“ beraubten Subjektivität verstehe.

    Insofern habe ich ebenfalls extreme Probleme mit „Identität“.

    Die Wahrheit ist konkret.

    Welche „Wahrheit“? Wahr ist doch alles nur unter bestimmten und je relativ engen Prämissen. Ohne eine (wohl unmögliche) Letztbegründung sehe ich keine Möglichkeit für uns zur „Wahrheit“ zu kommen.

    Seit der Mensch (bzw. sein Vorfahre) seine ökologische Nische verlassen hat, mußte er sich seine Welt selbst konstruieren. Diese Konstrukte wurden mit der Zeit immer komplizierter und vielfältiger, richteten sich am Ende eben auch gegen ihn selbst. Einen Ausweg sehe ich leider nicht, beobachte mittlerweile nur noch die Spirale und warte darauf wann und wie es zu Ende geht.

  • genova68  On Januar 27, 2014 at 11:30

    „gelangweilte DIE ZEIT-Leser in ihren bildungsbürgerlichen, weißen Heterowelten“

    lese ich gerade bei Momorulez. So verschafft sich die hier angesprochene Linke das feste Welt- und Feindbild.

    Hartmut, bei dir wirken immer noch die unseligen Debatten von vor zwei, drei Jahren nach. Verständlich.

    Ansonsten ein gewohnt schwieriges Thema. Die Hardcore-Fraktion, die du ansprichst, ist doch real kaum existent. Wie oft wurdest du denn schon aufgefordert, dich zuerst zu deiner Mannproblematik zu bekennen, bevor mit dir geredet wird? Diese Leute sind lächerlich, siehe Momorulez, und verbarrikadieren sich in ihrem Psychokrempel in virtuellen Welten. Nicht weiter ernst nehmen und einen guten Psychologen empfehlen.

    Wie viel wurde debattiert über „reclaim society“, die durchgeknallte Berliner Gruppe? Die haben sich ratzfatz aufgelöst, das wars. Solchen Selbstfindungsgruppen von Erstsemestern sollte man paternalistisch begegnen.

    Andererseits: Ich kenne real nur attac, da gibt es solch komische Leute nicht bzw. die werden da nicht ernst genommen. Manchmal glaube ich, solche Leute wie Lantzsch sind dringend nötig, damit man ein Feindbild haben kann. Aus meiner Göttinger Zeit weiß ich, dass es viele linke Deppen gibt. Ich bin nur so angelegt, dass ich solche Leute nicht ernst nehmen kann. Das wars dann mit der Beschäftigung damit. Und das ist ok so. Warum haben wir gelernt, Autoritäten zu misstrauen, wenn wir uns dann von solchen „linken“ Autoritäten anpissen lassen? Das ist doch unnötig.

    Interessant ist auch das, was ich gerade bei mir geschrieben habe: Wer und wo ist das Proletariat? Demnächst liefere ich etwas über Owen nach, der Typ, der über den englischen Proll ein Buch geschrieben hat. Die ganze postmoderne Entwicklung ist problematisch, aber bitte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.

    • summacumlaudeblog  On Januar 27, 2014 at 16:58

      Ich bin immerhin einmal aus einer „progressiven“ WG rausgeflogen; Exklusions“argument“ war seinerzeit die Zeitung konkret. Wer nicht jeden Leitartikel Gremlitzas in allen Unterpunkten unterstützte, war „Fascho“ und schied aus, so sah es der Hauptmieter der Wohnung. Mit wurde inhaltliche Nähe zu Zittelmann und der „jungen Freiheit“ unterstellt. Das war schon ziemlich irre und hatte wegen der damaligen Wohnungsnot in Berlin auch unangenehme Folgen…

      • summacumlaudeblog  On Januar 27, 2014 at 18:36

        Mist habe glatt vergessen, die Bezüge meines Statements zu zeigen. meine Antwort bezog sich also auf:
        „Die Hardcore-Fraktion, die du ansprichst, ist doch real kaum existent.“
        Grüße

    • hf99  On Januar 27, 2014 at 23:02

      Lieber genova, da könnte auch ich so einige Stories erzählen… Es geht nicht nur um Obskurantismus. Da wäre in der Tat eher Mitleid angebracht. Aber große Teile der politischen Unterredung arbeiten ja mit Zuschreibungen, mit Identität-Labels. Natürlich nicht nur bei der Linken (dort aber leider auch, und das ist eben fatal, weil es einer Linken um Machtkritik gehen sollte…) Die ganze AfD lebt ja davon („Uns fleissigen Deutschen will das südeuropäische Kroppzeugs die Haare vom Koppe fressen…!“). Wobei das bei der AfD natürlich eingebucht und eingepreist ist. Sie wären sonst nicht die AfD.

      Ich fokussiere mich hier auf die Linke, weil dort noch eine reale Chance auf Einsicht besteht. Dass aber die linke Bewegung über jahrzehnte hinweg auch ganz massiv das drinnen-draußen-Spiel gespielt hat, wirst Du doch nicht leugnen können. Maoisten, trotzkisten und was es da so alles gab und wohl auch noch gibt…welch verplemperte Energien…

  • futuretwin  On Januar 27, 2014 at 15:04

    Das Argument, „die brauchen Rassisten, sonst sind die arbeitslos“, ist in der Tat ein wenig gehässig. Drüben bei Bersarin geht`s um die „Anti“-deutschen. Da ist ja ne ähnliche Nummer, nur mit Antisemitismus.
    Klar gibt es DIE Rassisten, DIE Nazis auch. So richtige jetzt. Die sind aber auch ziemlich marginal. Und das ist auf die Dauer halt ein bisschen einfach, immer alles auf das wahrhaft Böse zu projizieren. Da kommen dann die Grauschattierungen aus dem Blick.

    Was am Anfang, bevor es in Unsinn abkippte, sowohl an CW, als auch an Antideutschtum gut war/ist, ist die Idee, mal in den eigenen Reihen nach rassistischem (etc.) Gedankengut zu fanden. Wo hat eins sich verrannt? Ganz verkehrt ist das ja nicht. Das blöde ist halt, dass jedesmal wenn ein an sich heilsames Korrektiv stattfindet, sich ein Hardcore-Sekte abspaltet.

    • hf99  On Januar 27, 2014 at 23:27

      Jedes Komma unterschreibe ich!

      Die Antideutaschen kamen wohl ursprünglich aus der „Deutschland, halts Maul!“.-Ecke, mit Marlene-Plakat… Da habe ich nun gar keine Einwände. Absurderweise sind die hardcore-Antideutaschen heute politisch auf Seiten derer, die einen „neuen, positiven Patriotismus“ fordern. So, wie Alice Schwarzer, diese edle, per Natur gewaltfreie Frau inzwischen die Kriegskanzlerin Merkel unterstützt…

  • che2001  On Januar 27, 2014 at 15:19

    Zum Thema Identitätskonzepte hatten schon 1990 der Alte Bolschewik und GenossInnen einen wunderbaren Text „Identitäterä“ verfasst, in dem insoesondere, aber nicht nur der Identitätskult der RAF kritisiert wurde. Das Thema ist ja leider ein Dauerleitmotiv linker Diskurse.

    Die Absurdität des Identitätsdiskurs hinsichtlich weiß-schwarz wurde übrigens schlagend am Beispiel Reclaim Society auf dem Nobordercamp demonstriert. Da meinten junge Studis, Leuten, die z.T. seit Jahrzehnten in der Flüchtlingsarbeit aktiv sind zu erklären, wo es langgeht, denen vor allem „awareness“ für Privilegien beizubringen mit dem Ergebnis, dass in Deutschland Studierende schwarzafrikanischer Herkunft (und weiße deutsche Studis) 15 Jahre älteren Refugees (und ihren weißen deutschen Supportern) Referate über Diskussionsverhalten und Privilegienchecking hielten und darauf dann Antworten bekamen wie „Das sind Angehörige der schwarzen Eliiten, vor denen wir geflüchtet sind, von denen hören wir uns gar nichts an“, da fielen Formulierungen wie „Kinder Mugabes“. Auf diesen Konflikt hinzuweisen – nur hinzuweisen wurde dann von wohlbekannter Seite mit dem Vorwurf beantwortet, man betreibe Teile und Herrsche, um PoC, Feministinnen und Queere allesamt mundtot zu machen.

    • hf99  On Januar 28, 2014 at 01:16

      ja, natürlich. Wir alle können Geschichten solcher Art in Hülle und Fülle erzählen. Wenn „die“ Linke sonst nichts kann…Selbstzerfleischung kann sie.

  • Wolf-Dieter  On Januar 27, 2014 at 23:49

    Formaler Einwurf – Vermengung von Politischer mit Persönlicher Identität zum Ersten, und zum Zweiten Schuld-Diskurs – das hätte von der Inhaltstiefe zwei Blog-Einträge verdient.

    Der Schuld-Diskurs reduziert sich in meinen Augen auf den verbreiteten Irrtum, der Feind meines Feindes sei mein Freund.

    Beim Thema Politische vs. Persönliche Identität – ich bin in meine Vergangenheit abgetaucht und stelle fest: yep, stimmt. Einzige Begründung, war Bestandteil meiner Persönlichkeitsentwicklung. Rückblickend kann ich keine Lehre draus ableiten.

    • hf99  On Januar 28, 2014 at 11:12

      Nicht so ganz, m.E.: Per Schuldzuschreibung wird ja auch Identität konstruiert.

      hG

  • Dirk  On Januar 28, 2014 at 11:45

    Schön, dass es wieder neue Beiträge von Dir gibt. Jetzt mal eine ganz andere Frage, ist nicht jeder der politische Forderungen artikuliert bis zu einem gewissen Grad auf Identitätskonzepte angewiesen. Wenn ich Forderungen im Namen einer Gruppe stelle, unterstelle ich der Gruppe damit auch identische Interessen und grenze die Gruppe von anderen Gruppen ab. Den Fehler den viele aus der radikalen Linken machen, ist dass sie einfach von der Gruppenzugehörigkeit einer Person auf die Persönlichkeit schließen.

    • hf99  On Januar 28, 2014 at 13:02

      Sehr wichtige Frage, das meine ich nicht schulterklopfend/herablassend. Sie führt zum Kern.

      Wenn es wirklich nur Partikuklarinteressen gibt, dann hätte der Konservativismus Recht (O-Ton Gottfried Benn: Die einen wollen rauf, die anderen nicht herunter, so laufe die Welt nun mal. Was ginge es ihn und seine Ausdruckskunst an…)

      Frage: Gibt es allgemeine Interessen? Kann man „im Namen der ganzen Menschheit“ (Arendt) sprechen?

      Wenn „ja“ (wenn „nein“, können wir das linke Projekt beerdigen!), dann: Was bedeutet das? Vor allem: Was bedeutet es nicht? Die Antwort gibst Du selber: Es bedeutet nicht, sogleich auf die ganze Persönlichkeit schließen zu dürfen.

      Natürlich unterstelle ich bei diesem Projekt schon so etwas wie einen „allgemeinen Willen“ im Sinne Rousseaus, aber ich unterstelle ihn, denke ich, zu Recht (etwa: Niemand darf hungern, dursten, keine Wohnung haben, Gewalt erleiden…kurz: Die minima moralia: Verletze niemanden sondern hilf vielmehr dort, wo Du kannst) Problem: Dieser unterstellte Wille wird ungeheuer ausgedehnt, mit Materie aufgefüllt, die über die minima moralia hinausgehen. Beispiel: Man darf keine Juden/Schwule/Frauen/Schwarze angreifen (bereits Diskriminierung wäre ein Angriff!)…richtig! Forderung der minima moralia. Man MUSS Juden/Schwule etcetc besonders lieben und mit Emphase betrachten…nee. Irrtum vom Amte. Menschlich nachvollziehbar, weil diese Gruppen fürchterliche Diskriminierungserfahrungen hinter sich haben (und wohl leider auch noch vor sich)…es tut auch nicht sonderlich wehe, sie vielleicht, na, ichsagmal, besonders zu „fördern“, wenn ich so sagen darf…aber eine Forderung der minima moralia ist das eben gerade nicht. Empathie ist zweischneidig. Wenn sie da ist, ist es gut, aber sie kann nicht eingefordert werden. Gerechtigkeit jedoch kann eingefordert werden. Ich muss Oury Jalloh nicht lieben. Geht auch nicht mehr, denn er ist, wie auch immer, gewaltsam und vor seiner Zeit zu Tode gekommen und ich kannte ihn nicht. Aber GERECHTIGKEIT FÜR OURY JALLOH, das kann ich fordern – und fordere es auch. Vielleicht ist diese kühle Forderung nach Gerechtigkeit wahre Empathie? Ich weiß es nicht…ich weiß nur, dass ich angesichts des Falles Oury Jalloh keine „Betroffenheit“ empfinde, sondern einfach nur Wut.

      So, habe mich etwas treiben lassen. genau dafür ist die Bloggosphäre da.

      • Dirk  On Januar 28, 2014 at 13:40

        Hier wären wir ja bei Horkheimers Unterscheidung zwischen subjektiver und objektiver Vernunft. In welcher Sprache lassen sich objektiv vernünftige Forderungen artikulieren ? Spätestens dann wenn konkrete Forderungen gestellt werden, ist es schwer ohne Identitätskonzepte auszukommen. Der Konservativismus hat ja auf der empirischen Ebene Recht. Nur lassen sich moralische Forderungen wie die nach einer Welt ohne Rassismus bzw. ohne Ausbeutung nun mal nicht empirisch begründen.

  • futuretwin  On Januar 28, 2014 at 12:46

    Was hier jetzt Identität betitelt wird, ist in postmodernen Diskursen häufig mit Essentialismen umschrieben worden. Die Begriffe sind nicht vollständig deckungsgleich, aber die Stossrichtung ist ganz ähnlich. Z.t. ist in deutschen Debatten auch eher von Identitäten und in englischen von Essentialismen die Rede, was sich m.E. aus den Begrifflichkeiten von Kritischer Theorie einerseits und Poststrukturalismus andererseits erklärt.
    Im Postkolonialismus hat Gayatri Spivak den Begriff „strategischer Essentialismus“ geprägt. Damit ist genau das gemeint, worauf Dirk anspielt: Um politische Forderungen überhaupt erst zu artikulieren, muss ja irgendwie ein „Sprechort installiert werden“ auch wenn dieser natürlich nicht unproblematisch ist, da selbst immer schon konstruiert („die Frauen“, „die Schwarzen“, „die Juden“, etc.) Ich hatte dazu bei MR mal was zitiert.

    Ich kopiers mal hier rüber, ich habs aus „Politische Korrekturen“ von Diederichsen:

    “Dekonstruktion ist nicht die Offenlegung von Irrtümern, sondern eine Wachsamkeit angesichts der Tatsache, daß wir ständig genötigt werden, Wahrheiten zu produzieren” In der praktischen Politik aber könne man “nicht nicht Essentialist sein, und warum können wir also nicht ansehen, auf welche Weisen man ein Essentialist ist (…) und dann Politik im alten Sinne machen, allerdings wohlinformiert über deren Gefahren? Das gibt uns die Dekonstruktion: eine Klarheit darüber, daß das, was wir tun müssen und vorsichtig tun müssen, auf lange Sicht natürlich nicht in Ordnung ist.” Diederich weiter: ” Sie (die Dekonstruktion) galt so als Hoffnung (…) erkannte (…) Prägungen, Rollen, und Zuschreibungen von Sexismus, Patriarchat, Rassismus und Phallogozentrismus in ihrem symbolischen Bestand aufzulösen, ohne jedoch aus dieser Auflösung eine andere oder bessere “Wahrheit” ableiten zu können. Statt dessen erlaubt ihre Unterscheidung von Orten und Ebenen, Perspektiven und unausgesprochenen Voraussetzungen eben auch ohne unmittelbare Anwendung oder überhaupt Anwesenheit dekonstruktiver Figuren ganz einfache und massive politische Aktionen und Forderungen zu denken, denen man sonst immer vorgehalten hat, zu partiell und partikular zu sein.”

    • hf99  On Januar 28, 2014 at 13:09

      danke, ganz ehrlich! So verstand ich Dekonstruktion jedenfalls immer: Als gutes Hilfsmittel, als Analysemethode – aber nicht, um versteckt einen neuen Essentialismus (ich bin mit der Gleichsetzung einverstanden!) zu etablieren. Nietzsche ist das beste Beispiel: Perspektivismus, Kontingenz etcetc…und am Ende bastelt er sich per „Wille zur Macht“ als formierendes Prinzip dann eben doch eine neue Metaphysik.

      Einwände habe ich dagegen, wenn Diederichsen es „verbietet“, überhaupt so etwas wie eine „neue, bessere“ Wahrheit abzuleiten. Eine Welt, in der nicht mehr diskriminiert wird, IST eine neue, bessere Wahrheit…ganz ohne „“. D. sieht es letztlich natürlich genau so, ich weiß… Aber es geht schon um „die ganze Menschheit“. Worum sonst?

  • futuretwin  On Januar 28, 2014 at 13:13

    In dem Thread, in dem ich das schrub, sind übrigens viele interessante Argumente und Positionen drin:

    http://metalust.wordpress.com/2012/09/21/analyse-und-kritik-als-vorkampfer-des-politischen-liberalismus/

    • hf99  On Januar 28, 2014 at 13:34

      aus dem von Dir verlinkten Blogpost von momorulez:

      „Letztlich verheddern sich die Autoren völlig im Verhältnis von Theorie und Praxis und können sich eine Situation, wo man dem Anderen, der von sich erzählt, einfach mal zuhört, als politische Praxis gar nicht vorstellen. Ist aber eine.“

      Ähem, naja…

      Er sei hiermit als anregend dennoch empfohlen und verlinkt….

  • che2001  On Januar 28, 2014 at 13:42

    Mal angesehen davon, dass oben mal wieder Emphase mit Empathie verwechselt wurde eine Anmerkung: Was auffällt ist, dass Anhängerinnen dekonstruktivistischer, antiessentialistischer Theorien, Momorulez ist da ein Paradebeispiel, extrem essentialistisch agireren und es nicht merken. Da wird einerseits vertreten, dass sdexuelle Orientierung keine Seinsform ist – sehe ich auch so – und zum Anderen andauermnd in Begrifflichkeiten des identitär Schwulseins, Lesbischseins, PoC-Seins argumentiert.

  • futuretwin  On Januar 28, 2014 at 14:33

    @ che

    „Was auffällt ist, dass Anhängerinnen dekonstruktivistischer, antiessentialistischer Theorien(…) extrem essentialistisch agireren und es nicht merken“

    Naja, nicht alle. Siehe Spivak. Bzw. ist es hilfreich (und deswegen finde ich das Zitat so klasse) wenn bemerkt wird, dass es manchmal nicht anders geht. Nicht- essentialistisches Theoretisieren geht an, nicht-essentialistisches Agieren gerät mitunter recht zahnlos. Es geht darum mitzubekommen „was man da macht“. Und wer diese Vorsichtspflicht missachtet kippt in einen neuen Essentialismus ab.

    @hf
    „Einwände habe ich dagegen, wenn Diederichsen es “verbietet”, überhaupt so etwas wie eine “neue, bessere” Wahrheit abzuleiten.“
    Lustigerweise ist das genau der Punkt wo auch Momos Kritik ankam. „Ich glaube allerdings, anders als noch in den frühen 90ern, dass es wichtig ist, daraus eine bessere Welt abzuleiten 😉 “
    Das mit den 90ern ist vielleicht gar nicht mal so falsch: Vor 20 Jahren (man korrigiere mich, ich drückte noch die Schulbank) wurde wahrscheinlich eher alles so postmodern gedacht, Ende der Großen Erzählungen, keine Wahrheiten mehr, etc.
    Und heute ist ja quasi die Post-Postmoderne 😉

    „Ähem, naja…

    Er sei hiermit als anregend dennoch empfohlen und verlinkt….“

    Ich meinte übrigens eher die Diskussion und speziell die Beiträge von qwertzu und earendil…..

  • che2001  On Januar 28, 2014 at 15:25

    Das mit dem Zuhören als Praxis kommt aus der subjekfundierten Hegemonietheorie von Stuart Hall und ist ein zentrales Axiom der Interkulturellen Didaktik. Momorulez bringt das immer mal wieder an, es ist für ihn von zentraler Bedeutung. Dabei steht für ihn im Mittelpunkt, dass Marginalisierten halt grundsätzlich nicht zugehört und das von ihnen Gesagte von Mehrheitsgesellschaftlern „überschrieben“ wird. Selber anderen zuhören tut Momo allerdings nur sehr bedingt, und er droppt solche Theorieelemente bisweilen wie Textbausteine. Interessant an der Diskussion mit Qwertzu ist die Tatsache, dass er diese hofiert, weil sie eine PoC-Aktivistin ist, dieser aber seine CW-Auffassung total ablehnt und nach dieser einen Diskussion sein Blog verlassen hat. Die diskutiert seither bei mir.

  • futuretwin  On Januar 28, 2014 at 15:52

    Earendil schrieb sehr passend:

    „Und dann kommen halt auch so absurde Situationen raus wie die Sache mit dir und Qwertzu. Ich würde euer paradoxes Gespräch ja so zusammenfassen:

    ‚Hör endlich auf, alles kritiklos hinzunehmen, was ich sage, nur weil ich es sage!‘
    ‚Ok, wenn du das sagst…‘ „

  • che2001  On Januar 28, 2014 at 23:29

    @ che

    “Was auffällt ist, dass Anhängerinnen dekonstruktivistischer, antiessentialistischer Theorien(…) extrem essentialistisch agireren und es nicht merken”

    Naja, nicht alle. Siehe Spivak. Bzw. ist es hilfreich (und deswegen finde ich das Zitat so klasse) wenn bemerkt wird, dass es manchmal nicht anders geht“ — Ich meine damit ja auch nicht Spivak, Benhabib oder Butler, sondern deutsche Blogbevölkerung.

  • summacumlaudeblog  On Januar 31, 2014 at 11:04

    Identitäten? Ich würde ehr – wie auch bei der Diskussion bei bersarin, Stichwort antideutsche Ideologie – nicht von Identitäten oder Ideologie sondern von Phänomenen sprechen. Im Fall der „Antideutschen“ meine ich diese verrückten Philosemitismen, die da zu beobachten sind (zu Klezmermusik sich die Vorhaut abschneiden, Haare schwarz färben, seinen Namen ändern von Hans Müller in Yitzak Cohn usw.) Das kann man natürlich als eine Sicherheit suchende Identität beschreiben, aber genauso gut als Reaktionen auf die desaströse deutsche Geschichte des 20. Jhd.. Dieser deskriptive Ansatz geht mehr hin zu den Ursachen. Und dass man verrückt werden kann an der deutschen Geschichte – wer wollte es bestreiten.
    Ganz äquivalent die Identitätsfindung im „großen, linken Projekt“. Auch hier finden sich auf zunächst rationaler Grundlage im Verlauf psychologische Verwirrungen, die wir alle schon einmal erlebt haben: Wenn in immer verrückter sich abspulenden, gruppendynamischen Diskussionen haltlose Vorwürfe gemacht werden. Tschekisten im Kleinen gewissermaßen…

    In beiden Fällen also muß man die Reaktion auf das jeweilig auslösende agens movens als „schräg“ bis verrückt werten, als Suche nach einer festen Identität, die offenbar anders nicht zu erhalten ist. Und die praemorbide Persönlichkeit ist sicherlich auch zu beachten. Da sind einige verführbarer, instabiler als andere. Allemal auffällig: Die Nähe dieser Phänomene zu Religionen…

    Nur ist eben zu beachten: Die Grunddiagnosen sowohl der Antideutschen ( Die deutsche Geschichte des 20. Jhd. war eine Katastrophe) als auch die der allumfassenden Linken (die Güter dieser Welt sind massiv ungerecht verteilt) sind nicht falsch. D.h. irrationale Reaktionen haben eine rationale Grundlage. Somit: Rationalität schützt vor Irrsinn nicht – ein zutiefst beunruhigender Gedanke. Sind wir hier am Kern des Scheiterns dessen, was einmal sozialistische Hoffnung hieß?
    Und zuletzt: Werden auch die Grunddiagnosen falsch oder unbrauchbar, weil sie so falsche Reaktionen auslösen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: