Psychisch krank – edit

Ein absolut glaubwürdiger Bericht. Ähnliche Fälle kann jede, jeder aus ihrer und seiner Lebenserfahrung erzählen. Etwa, dass im ALG1-Bereich alleinerziehende Mütter gerne in den Sommerferien „eingeladen“ werden, und wenn sie dann, die Kinderbetreuung ist nicht gesichert, gar nicht oder nur mit Kind („steht dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung“) anrücken, werden sie ohne viel Federlesen zu Onkel Peter Hartz durchgeschossen.

Wie immer hat der Fall zwei Seiten: Strukturelle und persönliche. Strukturell/gesetzlich, das ist zunächst mal entscheidend, war und ist das genau so gewollt: Sog. sozial ‚Schwächere‘ (ach, diese verräterische Sprache!) sollen Dampf bekommen, sollen sich als defizitär begreifen, als Kostenfaktor, als schuldig; nichts anderes war und ist mit Hartz IV und Anverwandtem gemeint. Menschen sind für das neoliberale Gesindel Kostenfaktoren auf zwei Beinen, sonst nichts. Alles andere ist unter Gauck-Rede abzubuchen, also nicht Ernst zu nehmen.

Persönlich: Niemand muss müssen. Etwas nicht gesehen haben, etwas nicht wahrgenommen haben – das geht immer. Passiver Widerstand ist jederzeit möglich; ohne Risiko. Mich frappiert immer noch, mit wieviel innerer Zustimmung Menschen, die innerhalb der Sozialsysteme Funktionen ausüben, das Eindreschen besorgen, lustvoll ihre Macht ausüben.

Beide Perspektiven ergeben erst zusammen ein Bild davon, wie diese Gesellschaft funktioniert. Wer sich bloß auf Strukturen fokussiert, endet beim (intelligenten) Rechts-Hegelianer Luhmann, wer bloß persönliche Moral einfordert, mimt Margot Käßmann. „Wir müssen alle viel menschlicher sein“ – sehr wohl Madame, stehe gern zu Diensten, nur: Wie soll das gehen in einer Gesellschaft, deren Strukturen durch das Streben nach individuellem Vorteil vorgegeben sind?

Nehmen wir einmal an, die BKK mobil oil-Geschichte stimmte so. Dann ist der Sachbearbeiter sicherlich ein Mistkerl, stimmts?

Oder ist er ein junger Familienvater mit Zeitvertrag, dem von oben der Kosten-Rohrstock gezeigt wurde? („Wenn Sie gut sind, gibts ne Entfristung!“) Auch dann wäre (unterstellt, die Geschichte stimmte so!) sein Verhalten nicht in Ordnung; aber die Geschichte würde schon etwas anders klingen, oder?

Kapitalismus, das ist, was immer sonst er ist, vor allem auch der erfolgreiche Appell an den inneren Schweinehund im Menschen, der erfolgreiche Appell an die innere Entsolidarisierung. Jede inhumane Gesellschaft wird so gesteuert. Und übrigens: Wir alle, ich in jedem Fall, haben solche Schweinereien schon mitgemacht. Oder irgendwie abgesegnet. Zumindest gebilligt durch Schweigen. Höre ich Widerspruch?

edit: nach dem SpON-bericht wird etwas passieren müssen. Preisfrage: Wird die BKK mobil oil ihre Strukturen ändern, oder wird man den Sachbearbeiter hängen? Na, wer will es auf Wiedervorlage legen?

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Kommentare

  • Juza46  On August 8, 2013 at 17:26

    Robert Menasse beschreibt „Typen“ wie den Sachbearbeiter/Betreuer (und nicht nur die) mit den Worten, es reiche ihnen schon, wenn das System ihnen ab und zu die Ketten vergolde (beispielweise mit einer Lohn-/Gehaltserhöhung unter der Inflationsrate oder eben wie in diesem Fall mit einer Entfristung des Arbeitsvertrages.

    • hf99  On August 8, 2013 at 17:27

      Die Entfristung war meine Spekulation. Sie würde ein solches Verhalten natürlich nicht legitimieren.

  • snoopylife  On August 8, 2013 at 20:21

    a) Die psychische Belastung der Leute steigt. Ich denke da vor allem an die Arbeit, nahezu jeder klagt doch darüber, dass er immer mehr in immer kürzerer Zeit erledigen muss. Da muss man ansetzen, sonst geht das immer so weiter. Leider liegt es im System des Kapitalismus,dass sich alles immer mehr beschleunigt. Entschleunigung würde uns allen ein Stück weiter helfen. Das kann man hier und da immer wieder machen, nötigenfalls mithilfe von gleichgesinnten Kollegen. Es ist so vieles möglich. Auch mal etwas nicht oder „zu spät“ bemerken, gehört unbedingt dazu.
    b) der Sachbearbeiter wird dran glauben müssen.

  • Bono Beau  On August 11, 2013 at 09:03

    Arbeit ist Scheisse – und ich bin nicht schuld.

    Das erschlägt den protestantischen (Arbeit) und katholischen (Schuld) Schweinehund mit einem Satz. Muss man sich freilich noch dran halten…..

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