Fall Mollath-Buback-Kohlhaas

Ungeheuer lesenswertes, insbesondere auch sehr unaufgeregtes Interview mit Uwe Ritzer und Olaf Przybilla über die Affäre Mollath. Leider habe ich, wie die Meisten, nicht die zeit, alle interessanten Bücher zu lesen. Wenn das Buch der beiden auch nur halbwegs das Niveau dieses Interviews hat, dürfte man es besten Gewissens empfehlen können.

Was mich am Fall so interessiert ist die forensische, somit literarische Seite der Sache (Michael Kohlhaas!). „Verstoßen nenne ich den, dem der Schutz der Gesetze versagt ist“… Ich tue Gustl Mollath nicht weh, wenn ich ihn speziell, eigenwillig, vielleicht auch etwas labil nenne. Gerade deswegen war seine Psychiatrisierung ja auch so erfolgreich, so plausibel („Guckt Euch mal diese verworrene Strafanzeige an“). Nur: Wo kommen wir denn hin, resp wo stehen wir eigentlich, wenn etwas eigenwillige Menschen jederzeit erfolgreich psychiatrisiert werden können?

Die alte Frage: Machte Michael Kohlhaas sich selber zu dem, der er wurde – oder wurde er zu dem gemacht? Die Frage stellen heißt, sie beantworten: Beides natürlich! Auch Michael Buback wurde ja in gewisser Weise öffentlich psychiatrisiert (‚verbohrt, tragischer Fall, ist mit dem Tod seines Vaters nicht klargekommen‘ etcetc); nur durfte man den international renommierten Wissenschaftler Buback, im Gegensatz zum ‚gescheiterten‘ Mollath, natürlich nicht wegsperren. Auch scheint, so meine unmaßgebliche Beobachtung, Michael Buback genug Selbstkontrolle zu haben, um nicht in die Kohlhaaserei abzugleiten.

Symbolisch ist der Konnex Justiz-Psychiatrie schon ganz treffend; allerdings sitzt der falsche. Unter allen Umständen eine Fiktion aufrecht erhalten wollen – hier: die Fiktion einer fehlerfreien, jederzeit gerechten Justiz („So etwas kommt bei uns nicht vor“), im weiteren die Fiktion einer guten Welt überhaupt – etabliert in der Tat eine absurde Welt.

PS: neben den Absurditäten der Juristen gibt es eine weitere, die das Nachdenken verlohnt: die der psychiatrischen Gutachter. Ich halte „Ferndiagnose“ übrigens für ein Unwort…

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