Benjamin über Baudelaire

„Die Frage meldet sich an, wie lyrische Dichtung in einer Erfahrung fundiert sein könnte, der das Chockerlebnis zur Norm geworden ist. Eine solche Dichtung müßte ein hohes Maß von Bewußtheit erwarten lassen; sie würde die Vorstellung eines Plans wachrufen, der bei der Ausarbeitung im Werke war.
(…)
Dem Schrecken preisgegeben, ist es Baudelaire nicht fremd, selber Schrecken hervorzurufen.“
(Benjamin, Walter, Über einige Motive bei Baudelaire, in: Benjamin, Walter, GS I, 2, Frankfurt/Main 1980, p. 614-616)
hierzu wichtig die von Benjamin bewusst aufgegriffene Freud-Formel – aus „Jenseits des Lustprinzips“ – vom „Bewußtsein“, das „an Stelle der Erinnerungsspur (entstehe)“ aaO p. 612

Dichtung als bewusster, also diszipliniert erarbeiteter Ausdruck dauerhafter posttraumatischer Belastungsstörungen: Das hat einiges für sich. Und die Moderne, die Großstadt, das Erlebnis der Menge – die berühmte Vorüberziehende, die man einmal sah, um sie nie wieder zu vergessen (das Motiv der Vorüberziehenden findet sich noch in Welles „Citizen Kane“)…das alles bedeutet in der Tat einen Schock, dessen sich nur deswegen niemand mehr bewusst ist, weil so alltäglich. „Dich hätte ich geliebt, und Du hast es geahnt“. Ich unterstelle: jede, jeder von uns hat solche Erinnerungen. („Aber, lieber Herr Oelze, so ist das Leben, wenn man es Ernst nimmt“)

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Kommentare

  • KL  On Juni 24, 2013 at 18:11

    Bei der Suche nach einem Zündfunken für die Reflexion über einen zeitgenössischen Maler hat mich dieses Zitat geführt.

    Beim Nachlesen finde ich, etwas anders akzentuierend, daß dort die Dichtung Baudelaires weniger als Verarbeitung der p.t. Belastungsstörung (eine gelungene Übersetzung, will mir scheinen) denn als Abwehr der Störung verstanden ist. Die gefährliche Energie hat der Eindruck, der nicht bewußt wird – allein die Anstrengung des Bewußtseins fängt ihn ab, ‚macht ihn erst zum Erlebnis‘ und neutralisiert seine Gefährlichkeit.

    Das Bild des Duells, gedeutet von Benjamin: das Duell ist der Vorgang des Schaffens selbst. Der Schock kann nur durchschlagen, wenn es mißlingt: wo der Künstler „besiegt ist“.

    Im ganzen: Danke für die Anregung.

  • hf99  On Juni 24, 2013 at 20:59

    nicht Verarbeitung, sondern ihr Ausdruck – das muss nicht gleichbedeutend sein. siehe auch die Freudsche Differenz.

    Zum Duell: ja, korrekt. Danke für die Ergänzung.

  • KL  On Juni 25, 2013 at 09:13

    Ja, pardon, „Ausdruck“ hatte ich überlesen – und mich nur auf Benjamins Text konzentriert. Aber eben dort sehe ich die Betonung auf dem Gedanken der „Abwehr“. So wäre dann gelungene Dichtung eher Ausdruck gelungener Vermeidung einer PTB.
    (Das erinnert mich sehr an Blumenbergs Kreisen um die „apotropäische“ Funktion aller Symbolbildung. Das ist sicher eine Überdehung, denn naturwissenschaftliche Symbolbildung ist allenfalls mit einer sehr weit hergeholten Metapher ‚Abwehr‘ von Reizüberflutung, vielleicht persönlich, nicht sozial. Andererseits: einmal so weit gedacht, ergibt sich die Vermutung, daß vielleicht doch alle Symbolbildung individuell apotropäischen, ‚bewältigenden‘ Charakter hat und – im glücklichen Fall – sozial zu etwas anderem beiträgt, nämlich zum Universum der Zeichen ? Aber das scheint eine zu schroffe Spaltung. Eher wird es wohl ein kontinuierliches Spektrum zwischen den Extremen nur apotropäischer und nur signalisierender Zeichenkonstitution geben.)

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